mini|Wiener Genesis: Die Versuchung Josefs (1. Hälfte des 6. Jahrhunderts) mini|Zwölfprophetenrolle vom Nachal Chever (1. Jahrhundert n. Chr.) Die Septuaginta (lateinisch für siebzig, ‚Die Übersetzung der Siebzig‘, Abkürzung LXX), auch griechisches Altes Testament genannt, ist die älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache, die Koine. Die Übersetzung entstand ab etwa 250 v. Chr. im hellenistischen Judentum, vorwiegend in Alexandria. Die meisten Bücher waren bis etwa 100 v. Chr. übersetzt, die restlichen Bücher folgten bis ca. 100 n. Chr.Jennifer M. Dines: The Septuagint, hrsg. von Michael A. Knibb, T&T Clark, London 2004 (englisch).
Überblick und Bedeutung Ursprünglich bezog sich die Bezeichnung Septuaginta lediglich auf die Übersetzung der Tora (der fünf Bücher Mose). Später wurde der Begriff auf alle Versionen des griechischen Alten Testaments ausgeweitet. In dieser späteren Form enthält die Septuaginta alle Bücher der Hebräischen Bibel wie auch einige zusätzliche apokryphe und deuterokanonische Bücher. Die Septuaginta ist heute hauptsächlich als christliche Schriftüberlieferung erhalten. Von den frühen jüdischen Übersetzungen sind nur wenige Handschriftenfragmente überliefert.
Die Septuaginta ist eine der größten Leistungen des Frühjudentums. Sie war das zentrale Medium der Verbindung des Griechisch sprechenden Judentums mit den ursprünglichen Glaubenstraditionen, wie sie in den hebräischen heiligen Schriften überliefert waren. Neben dem Gebrauch in den Gemeinden wurde die Septuaginta die Grundlage für theologische und historische Werke (Philon von Alexandria, Flavius Josephus) und auch für zahlreiche neue Schriften (unter anderem die sogenannten Apokryphen), die im griechischsprachigen Judentum entstanden. Durch die ca. 400 Zitate aus der Septuaginta gehört auch das Neue Testament in die Wirkungsgeschichte der Septuaginta. Die Septuaginta spiegelt an vielen Stellen die frühjüdische Schriftauslegung und beeinflusste ihrerseits auch wieder rabbinische Traditionen.
Im 1. Jahrhundert v. Chr. setzte eine Revision ein, bei der die Wortwahl vereinheitlicht und der griechische Text in formaler Hinsicht (zum Beispiel Wortfolge) an den hebräischen Bibeltext (in der zu dieser Zeit geltenden Fassung) angepasst wurde (die sogenannte kaige-Rezension). Diese formale Anpassung (die in den verschiedenen biblischen Büchern unterschiedlich intensiv durchgeführt wurde) führte zum Teil zu einem etwas merkwürdigen Griechisch. Noch weiter in diese Richtung ging die Bearbeitung bzw. neue Übersetzung durch Aquila in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr., die trotz bzw. wegen ihrer sprachlichen Befremdlichkeiten geschätzt wurde, weil sie dem Hebräischen (formal) besonders nahestand. Beide Versionen des griechischen Textes waren im Griechisch sprechenden Judentum bis ans Ende der Antike in Gebrauch. Erst am Ende der Antike wurde unter palästinisch- bzw. babylonisch-rabbinischem Einfluss das Griechische durch das Hebräische als gottesdienstliche Sprache verdrängt. Das manchmal zitierte Diktum, dass der Tag der Übersetzung der Thora ins Griechische ein Unglückstag für das Judentum gewesen sei, stammt erst aus dem 8. Jahrhundert, und zwar aus dem babylonischen Judentum (nachtalmudischer Traktat Soferim 1,7).
Im Mittelalter und in der Neuzeit wurde die Septuaginta (wie auch die anderen griechischen Übersetzungen) im Judentum weithin ignoriert, nicht nur weil sie im christlichen Bereich verwendet wurde, sondern auch weil man sich für die jüdische Identität ganz auf das Hebräische konzentrierte. Die gegenwärtigen Stellungnahmen sind unterschiedlich. Einerseits werden manchmal veraltete, ablehnende Stellungnahmen nachgedruckt, andererseits gibt es viele jüdische Septuagintaforscher, und das Geleitwort zur neuen deutschen Übersetzung der Septuaginta unterzeichnete 2007 Landesrabbiner Henry G. Brandt für die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschlands (neben Repräsentanten der EKD, der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Kirche in Deutschland).Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.), Septuaginta Deutsch, S. V–VI.
Name Die Bibelübersetzung wird seit dem legendarischen Aristeasbrief (um 130 v. Chr.) traditionell mit dem lateinischen Zahlwort septuaginta für „siebzig“ benannt. Der Name folgt damit der griechischen Eigenbezeichnung („gemäß den Siebzig“). Das Werk wird oft mit der römischen Zahl LXX oder dem Buchstaben abgekürzt.
Der Legende nach übersetzten 72 jüdische Gelehrte in Alexandria die Tora (fünf Bücher Mose) in 72 Tagen aus dem Hebräischen ins Griechische. Dabei soll jeder Übersetzer für sich selbst gearbeitet haben, am Ende aber seien alle 72 Übersetzungen absolut identisch gewesen: Der Heilige Geist habe allen dieselben Worte eingegeben. Die Zahl 72 wurde auf 70 abgerundet und erinnert an die siebzig Auserwählten, die mit Gottes Geist begabt wurden, um Mose bei der Rechtsprechung zu helfen . Damit wurde auch die Verbalinspiration dieser Übersetzung betont.
Der Name wurde bis etwa 200 n. Chr. auf alle griechischen Erstübersetzungen biblischer Bücher und griechisch abgefasste heilige Schriften des Judentums ausgedehnt. Die Christen bezogen ihn auf diese Sammlung aller griechischsprachigen jüdischen heiligen Schriften, die sie als ihr Altes Testament übernahmen.
Kanon Buchtitel und Anordnung Nr. griechisch latinisiert, deutsch 1 Genesis 2 Exodus 3 Levitikus 4 Numeri 5 Deuteronomium 6 Iosue (Buch Josua) 7 Iudices (Buch der Richter) 8 Ruth (Buch Rut) 9 1. [Buch] der KönigeSamuelis I (1. Buch Samuel) 10 2. [Buch] der KönigeSamuelis II (2. Buch Samuel) 11 3. [Buch] der KönigeRegum I (1. Buch der Könige) 12 4. [Buch] der Könige Regum II (2. Buch der Könige) 13 1. [Buch] der ausgelassenen [Dinge]Paralipomenon I (1. Buch der Chronik) 14 2. [Buch] der ausgelassenen [Dinge]Paralipomenon II (2. Buch der Chronik) 15 III Ezrae (3. Buch Esra,in keinem Kanon) 16 Esra-Nehemia-Buch: I Esrae (Esra) und II Esrae (Nehemia) 17 Esther (Buch Ester) 18 Iudith (Buch Judit, deuterokanonisch) 19 Tobias (Buch Tobit, deuterokanonisch) 20 Machabaeorum I(1. Buch der Makkabäer, deuterokanonisch) 21 Machabaeorum II(2. Buch der Makkabäer, deuterokanonisch) 22 Machabaeorum III(3. Buch der Makkabäer, in keinem Kanon) 23 Machabaeorum IV(4. Buch der Makkabäer, in keinem Kanon) 24 , später mit (inklusive) Psalmorum (Buch der Psalmen)Oden (inklusive Gebet des Manasse,kein Buch der LXX)Die Oden waren zuerst im Codex Alexandrinus (5. Jahrhundert), Codex Veronensis (Psalter, 6. Jahrhundert) und Codex Turicensis (7. Jahrhundert); ab dem 10. Jahrhundert in den meisten griechischen Psaltern enthalten. Mit zwei Ausnahmen (darunter das Gebet des Manasse) handelt es sich um Gesänge aus anderen Bibelteilen. Für liturgische Zwecke wurden sie am Ende des Psalters eingefügt.[*] 25 Proverbia (Buch der Sprichwörter) 26 Ecclesiastes (Kohelet) (Ekklesiastes, Prediger) 27 Canticum canticorum (Hoheslied) 28 Iob (Ijob, Hiob) 29 Sapientia(Buch der Weisheit, Weisheit Salomos) 30 Ecclesiasticus (Jesus Sirach) 31 Psalmen Salomos (keine LXX-Handschrift,nur im Codex Alexandrinus erwähnt in keinem Kanon) 32 Osee (Hosea) 33 Amos 34 Michaea (Micha) 35 Ioel (Joel) 36 Abdias (Obadja) 37 Ionas (Jona) 38 Nahum 39 Abacuc Habakuk 40 Sofonias (Zefanja) 41 Aggaeus (Haggai) 42 Zacharia, oder Sacharia (Sacharja) 43 Malachias (Maleachi) 44 Isaias (Jesaja) 45 Jeremias (Jeremia) 46 Baruch 47 Klagelieder Jeremias 48 Brief des Jeremia 49 Ezechiel (Hesekiel) 50 ,vorangestellt: Daniel (mit Zusätzen)Susanna im Bade
Verhältnis zu anderen Kanones
Die Septuaginta enthält alle Bücher des Tanach, die Juden und Christen als kanonisch anerkennen. Sie enthält zudem einige Bücher und Zusätze, die im Judentum nicht zum Kanon gehören, weil sie entweder verlorene oder gar keine hebräischen Vorlagen hatten. Sie entstand, bevor sich der dreiteilige Kanon des Tanach durchgesetzt hatte. Nichtprophetische Schriften wurden daher nicht hinten angefügt, sondern in den bestehenden Grundriss aus Tora (vorn) und Propheten (hinten) eingefügt.
Dabei wurden sie nicht nach einem abgestuften Offenbarungsrang, sondern nach ihren literarischen Gattungen zusammengestellt, so dass die der Tora folgenden Geschichts- und Prophetenbücher, die im Tanach als Nevi’im gelten, auseinandertraten. Zwischen sie rückten poetische und weisheitliche Bücher, die im Tanach den dritten Hauptteil der Ketubim bilden. Zudem gehen in der LXX die „kleinen“ den „großen“ Propheten voraus und werden nicht wie im Tanach als ein gemeinsames Zwölfprophetenbuch, sondern als einzelne Bücher gezählt. Somit bilden die großen Prophetenbücher in der LXX das Kanonende und konnten demgemäß noch stärker als offene Zukunftsansage verstanden werden.Christoph Dohmen, Günter Stemberger: Hermeneutik der Jüdischen Bibel und des Alten Testaments. Stuttgart 1996, S. 152 ff.
Altkirchliche Kanonlisten waren uneinheitlich, besonders bezüglich der Verteilung der im Tanach als Ketubim geltenden Schriften. Schließlich übernahmen alle Kirchen die Vierteilung des LXX-Kanons in Pentateuch, Geschichtsbücher, Weisheits- und Prophetenbücher, die Abfolge dieser Teile sowie weitgehend die Binnenreihe jedes Hauptteils, stellten aber die „großen“ vor die „kleinen“ Propheten und näherten sie so dem tatsächlichen historischen Verlauf an.
Die römisch-katholische Kirche erkennt die LXX-Zusätze zu Ester und Daniel, die Bücher Tobit, Judit, die ersten beiden Makkabäerbücher, Jesus Sirach, das Buch der Weisheit, Baruch und den Brief des Jeremia als deuterokanonische Schriften an, das 3. und 4. Makkabäerbuch sowie das 3. Buch Esdras hingegen nicht. Das 2. Buch Esdras unterteilt sie in die Bücher Esra und Nehemia.
Die meisten orthodoxen Kirchen haben die deuterokanonisch genannten Bücher als Anaginoskomena in ihren Kanon aufgenommen, zusätzlich auch das 1. Buch Esdras und das 3. Makkabäerbuch. In einigen orthodoxen Kirchen werden auch die Oden mit dem Gebet Manasses, das 4. Makkabäerbuch bzw. ein 4. Buch Esra (das nur in lateinischer und slawischer Übersetzung überliefert ist, während die griechische Version verlorenging) als kanonisch anerkannt.
Der Protestantismus hat im Alten Testament die Bücher mit hebräischem Text (Tanach) vorangestellt und die übrigen („deuterokanonischen“) Schriften sowie das Gebet Manasses als die Apokryphen zwischen das Alte und das Neue Testament gestellt. Sowohl die Lutherbibel als auch die (reformierte) Zürcher Bibel hatten diese Anordnung. In den reformierten Kirchen wurden die Apokryphen in der Folgezeit zurückgedrängt und dann ganz weggelassen. Erst in Folge des sog. Apokryphenstreites um 1830 wurden auch in vielen, aber keineswegs in allen Ausgaben der Lutherbibel die Apokryphen weggelassen.H. Ehmer u. a., 200 Jahre Bibelgesellschaft in Württemberg (1812–2012). Stuttgart 2012, S. 14f. In neuerer Zeit sind in evangelischen Bibelausgaben weithin die Apokryphen enthalten.
Geschichte im Judentum Übersetzung der Tora Der Aristeasbrief stellt die Septuaginta legendarisch, aber historisch zutreffend als Ergebnis kollektiver Arbeit einer hellenistischen Bildungselite unter den jüdischen Toralehrern dar. Sie wurde notwendig, da die jüdische Diaspora rasch wuchs und in Gottesdienst und Alltag die damalige Weltsprache verwendete. Sie diente auch dazu, gebildeten Nichtjuden das Judentum zu erklären und die Tora in damalige philosophische und ethische Diskurse einzubringen. Eine Zustimmung des damaligen ägyptischen Herrschers zu dem Projekt ist denkbar, um die starke jüdische Minderheit in sein Reich zu integrieren und an die Kulturmetropole Alexandrien zu binden.Martin Hengel, Andreas Schweimer: Die Septuaginta, S. 236; Siegfried Kreuzer: Entstehung und Überlieferung, S. 39–49.