Das Ospedale degli Innocenti ( Hospital der Unschuldigen [Kinder]) ist ein historisches Findelkinder- und Waisenhaus in Florenz, eines der Ersten seiner Art in Europa.Fabriczy 1892, S. 246. Es wurde zwischen 1419 und 1445 nach Plänen von Filippo Brunelleschi errichtet und gilt als eines der ersten Gebäude im Stil der Renaissance. Der Komplex befindet sich an der Piazza Santissima Annunziata und beherbergt heute ein Museum und das Instituto degli Innocenti mit Kinderkrippen, einem Kindergarten, Familienheimen für hilfebedürftige Kinder und Mütter sowie einige Forschungsbüros der UNICEF. Seit 1997 ist die Einrichtung ein Nationales Zentrum für Dokumentation und Analyse von Kindheit und Jugend, eine nationale wie europäische Anlaufstelle für die Förderung der Kinderrechte.

mini|hochkant=0.7|Die ehemalige Wandöffnung der ruota dei proietti von 1660 in der Loggia. Auf der Schrift­rolle darüber der Psalm 26,10: „Vater und Mutter haben uns verlassen, aber Gott hat uns angenommen.“

Entstehung und Funktion mini|links|120px|Das Wappen (stemma) der Arte della Seta mini|links|Ausschnitt der Fassade mit zwei Tondi in den Zwickeln, der Büste Cosimo II. und einem der Obergeschossfenster Die Initiative zum Bau ist der testamentarischen Stiftung von 1000 Goldflorin durch den aus Prato gebürtigen Kaufmann Francesco di Marco Datini an das große Florentiner Krankenhaus Santa Maria Nuova zu verdanken, das damit seiner Findelkindstation ein eigenes Gebäude bauen konnte. Das Patronat übernahm die Florentiner Zunft der Seidenmacher und Goldschmiede (Arte della Seta oder Arte di Por Santa Maria), die seit 1294 vom Rat der Stadt verpflichtet war, sich um die Findelhäuser zu kümmern.Battisti 1979, S. 46. Zu den operai, den Projektbeauftragten der Zunft für den Neubau, gehörte der Autor einer der ersten Stadtbeschreibungen überhaupt, Goro Dati, der darin den Findel- und Waisenhäusern der Stadt ein eigenes Kapitel widmete.Goro Dati: Istoria di Firenze dal 1380 al 1403, hrsg. von Luigi Pratesi, Norcia, 1904, S. 114–119 (italienisch). Besprochen in: Creighton Gilbert: The Earliest Guide to Florentine Architecture, 1423. Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, Bd. 14, H. 1 (Juni 1969), S. 33–46, (englisch). Wohltätigkeit und Patriotismus bildete nicht nur in Florenz eine Einheit. Wobei das Ospedale auch als Repräsentationsbau der Arte della Seta diente, deren Wappentondi, neben den Tondi mit den Wickelkindern, der einzige Schmuck der Fassade waren und gleichzeitig die Funktionen des Baus subsumierten. Das erste Wappen, dass Francesco della Luna 1439 schuf, hing über der Tür des südlichen Wandfeldes. Ein Pendant entstand während des Umbaus von 1843. Seit 1612 ziert ein barockes Konterfei Cosimo II. de’ Medicis über dem zentralen Bogen die Loggia.Klotz 1970, S. 16f.

Findelhäuser lebten von Zuwendungen, um die Ammen der Kinder zu entlohnen und später eine Mitgift für die Mädchen und die Ausbildung der Jungen bezahlen zu können. Die meisten Kinder stammten aus illegitimen Beziehungen von Hausherren mit einer Magd, Dienerin oder Sklavin (, oder ), so wie auch Francesco Datini mehrere illegitime Kinder zeugte, von denen er zumindest eines in Santa Maria Nuova mit einer Mitgift von 1000 Florin ausstattete.

In den ersten zwanzig Jahren seit seiner Eröffnung im Jahr 1445 nahm das Ospedale degli Innocenti 2567 Kinder auf, in der Überzahl Mädchen (56,4 %); nicht alle Kinder erreichten jedoch das Erwachsenenalter. In der Aufstellung von 1643 heißt es im Einzelnen: „1091 bei Ammen untergebrachte Kinder, 28 Säuglinge im Haus, 21 Ammen, 642 Kinder, Buben und Frauen verschiedenen Alters, 98 Jungen, 40 Priester und Geistliche, den Prior und 25 nach San Gimignano verlegte Kinder.“Battisti 1979, S. 47.

Für die anonyme Abgabe Neugeborener gab es eine Art „Babyklappe“ (ruota) in der linken Seitenwand der Loggia (die schon am Abend nach der Einweihung erstmals genutzt wurde). Noch bis 1875 konnten hier Neugeborene anonym zur Pflege abgelegt werden.Seit 1804 unter napoleonischer Herrschaft sollte jede Kommune ein Waisenhaus haben. Im 19. Jahrhundert wurden in Italien jährlich etwa 35 Tausend Kleinkinder in diesen Häusern abgegeben. Mary Ann Dailey: Looking Back: The Fate of Innocents. In: The American Journal of Nursing, Bd. 111, Nr. 6 (June 2011), S. 68–69, JSTOR.

Architektur mini|links|Rekonstruktion der von Brunelleschi entworfenen Fassade ohne Obergeschoss (Adriano Marinazzo)

Der auf Grundlage eines einheitlichen Konzepts errichtete Komplex zeichnet sich durch eine funktionale Anordnung der Gebäudeteile und Innenhöfe aus. Die lange Front zur Piazza Santissima Annunziata besitzt im Erdgeschoss eine Loggia, eine für Hospitäler und karitative Einrichtungen in Italien nicht neue Bauform.Klotz gibt als Bildbeispiele das Ospedale di San Matteo in Florenz (1385–1410), in dem sich heute die Accademia di Belle Arti befindet, das Ospedale in Volterra und das Spedale di Sant'Antonio in Lastra a Signa (1406, Bild). Bei allen drei genannten stehen polygonale Säulen auf einer Brüstung, bogenweit unterbrochen mit Zugängen. Klotz 1970, Anh. Tafeln 148, 151 und 152. Siehe ebenso Battisti, S. 46. Neu sind hier jedoch die über die ganze Breite vorgelagerte Freitreppe und vor allem die Verwendung von filigranen Rundsäulen mit antikisierenden Kapitellen und profilierten, halbrunden Bögen, alles aus Macigno (auch pietra serena genannt), dem nördlich von Florenz gewonnenen grauen Sandstein. Dieser kontrastiert mit den weißen, verputzten Wänden und erinnert damit an die alternierenden Bänder von weißem und grünem Marmor toskanischer Sakralbauten wie dem Florentiner Baptisterium.

Das Battistero di San Giovanni, ein auf den Anfang des 11. Jahrhunderts zurückgehendes Gebäude, war nicht nur der angesehenste Sakralbau der Stadt, sondern wurde als christianisierter, ehemals römischer Mars-Tempel, also als ein antikes Bauwerk, angesehen. Einige antikisierende Formen des Hospitals haben ihr Vorbild in diesem romanischen Bau, dessen tradierte, vermeintlich antiken Baudetails allerdings teilweise dekorativ überformt sind. Brunelleschi wusste offensichtlich zu differenzieren und gleichzeitig erweisen sich bei genauerer Betrachtung zum Beispiel seine Kapitelle am Hospital nicht als Kopien antiker Modelle korinthischer oder kompositer Ordnung, sondern als Vorbild dienten ihm überkommene lokale Derivate des späten 11. und 12. Jahrhunderts mit direktem lombardischen und sekundärem französischen Einfluss, wie es sie beispielhaft an der Kathedrale von Fiesole gibt. Andererseits waren in Florenz vor dem Bau des Ospedale degli Innocenti seit über hundert Jahren Säulen zu Pfeilern gebündelt oder mit achteckigem Schaft. Brunelleschi nahm hier erstmals wieder die „humane“ Form der Säule auf, rund und in sich gewölbt (Entasis).Modellbildend für die oktogonalen Säule bieten sich die Blendsäulen am Baptisterium, des Chiostro dei Morti in Santa Maria Novella, oder die bei Ausgrabungen gefundenen Säulen von Santa Reparata, dem Vorgängerbau des heutigen Dombaus, aus dem 11. Jahrhundert, an. Klotz 1970, S. 15.

mini|Grundriss des Ospedale degli Innocenti [Blattwölbung oben!]Aus Stegmann/Geymüller 1885, S. 9.

Ursprünglich hatte Filippo Brunelleschi, dem im Wesentlichen die Fassade zugeschrieben wird, nur neun Bögen geplant, seitlich flankiert von Wandfeldern mit je zwei kannelierten Pilastern und einem kleinen ebenerdigen Portal (s. die Rekonstruktion von Marinazzo). Diese Felder sind um die Breite der Pilaster weiter als die Säulenabstände der Loggia.Klotz 1970, S. 100. Die fast acht Meter hohen Bögen der Arkade überspannen mehr als fünf Meter. Mit dem im Vergleich niedrigen zweiten Stock und über eine Gesamtbreite von ursprünglich 71 Metern, wirken die Säulen umso feingliedriger und der Gesamteindruck leicht.Battisti 1979, S. 46.

Die zentrale Tür der Loggia geht in den quadratischen Innenhof der Männer (Chiostro degli uomini), der Zugang zu den verschiedenen Verwaltungsräumen bot, die linke Tür führte in die Kirche, die rechte ins Hospital. Die beiden ebenerdigen Türen der Flanken waren Diensteingänge.Battisti 1979, S. 47. Kirche und Hospital waren zudem unterkellert. Die Unterkirche wie die Ausbildungswerkstätten für die Jungen waren wie üblich mit schlichten weiten Bögen über massigen quadratischen Säulen gebildet. Spätere Erweiterungen der Keller führten bei der Restaurierung in den 1960er Jahren zu Problemen beim Rückbau zur ursprünglichen Gestalt.Klotz 1970, S. 105ff. Der Restaurierungsbericht ist von Guido Morozzi und Attilio Piccini. Il restauro dello Spedale di Santa Maria degli Innocenti 1966–1970. Giunti Barbèra, Florenz 1971 (italienisch).

1429 wurden die Bedachungen der symmetrischen Längstrakte, die den Innenhof flankieren, bezahlt, der Kirche links und dem Hospital rechts. Über dem Hospital erhebt sich noch ein offener Trockenboden für die Wäsche. Der zusätzliche Längstrakt für das Frauenhaus, das zusätzlich gebraucht wurde, schließt den Gebäudekomplex nach Süden hin ab. Er bildet eine Flanke des schmalen Chiostro delle donne und wurde zwischen 1430 und 1436 errichtet.

Der Fassadenbau indessen erhielt 1429 zunächst nur ein Notdach. Das Obergeschoss mit dem Dormitorium, dass sich über dem durchgängigen Architrav erhebt, wurde schließlich 1439 abgerechnet.Klotz 1970, S. 99–100. Die elf hochaufrechten Fenster, jeweils mittig über den Bögen, bzw. über den Türen der Wandfelder, haben eine profilierte Rahmung und abgesetzt einen bekrönenden Ziergiebel. Noch ganz im Stil des Trecento ist das Profil des Fenstergesimses, dass mit dem Architrav die ganze Fassadenweite durchläuft, an den Enden zweimal um ein kurzes Wellendekor umbrochen (siehe Bild unten) und rahmt so ein schmales Wandfeld, ohne den Charakter eines klassischen Gebälks zu erhalten.

Das Ospedale degli Innocenti bleibt in weiten Teilen noch den im Handwerk üblichen Formen des Trecento verhaftet. Außer der Fassade ist nur der Chiostro degli uomini mit ebenfalls repräsentivem Charakter klassizistisch gedacht. Die hinteren Gebäudeteile weisen (ausser im ursprünglich symmetrischen Grundplan) nichts antikisierendes auf, sondern sind vom Keller bis zum Trockenboden im einfachen Stil des 14. Jahrhunderts gehalten.Klotz 1970, S. 112–117.

Bald nach Baubeginn des Ospedale war spätestens ab 1420 schon zusätzlich mit dem Kuppelbau der Florentiner Kathedrale beschäftigt. Außerdem kamen Entwürfe für die Cappella Barbadori in Santa Felicità (1420–1423), den Saalbau am Palazzo di Parte Guelfa (1420 begonnen, unvollendet) und die Sakristei von San Lorenzo (1421–1428). Nach Manetti war er auch zeitweise nicht in Florenz, laut Giorgio Vasari entwarf er in Mailand für Filippo Maria Visconti ein Festungsmodell. Eine letzte Zahlung als Bauleiter bekam er Ende Januar 1427.Klotz 1970, S. 105 (Anm. 124) Im August des Vorjahres hatte er noch die Fundamentierung des chiostro degli uomini bestellt, woraus abzuleiten ist, dass der Komplex von Brunelleschi nicht U-förmig, sondern schon als um den quadratischen Innenhof geschlossen geplant war, wiewohl der Nordtrakt zu dieser Zeit noch fehlte.

Der umgebrochene Architrav