Die hier gegebene Darstellung zur Geschichte der Tschechoslowakei umfasst inklusive der Vorgeschichte den Zeitraum von 1848 bis 1992. Die Tschechoslowakei bestand als Staat von 1918 bis 1939 und erneut von 1945 bis 1992 (de jure auch während des Zweiten Weltkriegs).

Die Geschichte der Tschechoslowakei begann im Ersten Weltkrieg. Den tschechischen und slowakischen Persönlichkeiten Tomáš Garrigue Masaryk, Edvard Beneš und Milan Rastislav Štefánik gelang es, im September 1918 Unterstützung der Alliierten für den Tschechoslowakischen Nationalausschuss zu gewinnen, der den eigenen Staat vorbereitete. Tschechoslowakische Truppen kämpften im letzten Kriegsjahr an der Seite der Alliierten. Im Herbst 1918 konnte der neue Staat konstituiert werden. Das nationalsozialistische Deutsche Reich annektierte ihn vorübergehend (März 1939). Das Parlament der Tschechoslowakei beschloss 1992 die Auflösung der Föderation zum 31. Dezember 1992 und damit die Bildung der beiden Neustaaten Tschechische Republik und Slowakische Republik ab 1. Januar 1993. Territorium der Tschechoslowakei im historischen Verlauf 300px|Erste Tschechoslowakische Republik 1918–19381918–1938ČSR300px|Zweite Tschechoslowakische Republik 1938–19391938–1939Zweite ČSR300px|Tschechoslowakische Republik (1948–1960) und Tschechoslowakische Sozialistische Republik 1960–19891945/46–1992ČSR, ČSSR, ČSFR Vorgeschichte (1848–1918) Revolutionsjahr 1848 und die Folgen Petition an Kaiser Ferdinand I. mini|links|Kaiser Ferdinand I. mini|Historische Karte der Länder der böhmischen Krone (Brockhaus Konversations-Lexikon, 1892)

Im unruhigen politischen Klima Europas im Jahr 1848 kam am 11. März in Prag der Reappeal-Club zusammen, ein Geheimbund, der sich am Befreiungskampf der Iren gegen die Engländer orientierte, und wählte einen 28-köpfigen Ausschuss (Nationalausschuss). Dieser trat am nächsten Tag im Altstädter Rathaus zusammen und beauftragte Rechtsanwalt Adolf Maria Pinkas damit, eine Petition an den Kaiser zu entwerfen. Der Kern der Petition, die am 19. März von einer böhmischen Abordnung am Wiener Kaiserhof eingebracht wurde, bestand aus Forderungen zur Nationalitätenfrage. Gefordert wurde die „Gleichstellung der böhmischen Nationalität mit der deutschen in sämtlichen böhmischen Ländern in Schulen und Ämtern“. Außerdem sollten sich „die böhmischen Länder wieder administrativ vereinigen und der Konstituierung eines gemeinsamen böhmischen Landtags zustimmen“. Implizit berief man sich dabei auf das historische Staatsrecht der Wenzelskrone; Ziel war die Wiederherstellung des böhmischen Königreichs, wie es vor der Niederlage am Weißen Berg existiert hatte. (Die Brisanz dieser Wünsche war dem Wiener Hof bewusst. Wenn auch damals nicht direkt genannt, entsprachen die Wünsche weitgehend denen, die die Magyaren 1867 im so genannten Ausgleich erfüllt erhielten.)

Der Kaiser ließ der Delegation ein Schreiben zukommen, in dem er den Böhmen zwar Zugeständnisse machte, aber ansonsten auf eine zukünftige Verfassung für die ganze Monarchie verwies. Die Delegation kehrte ohne konkrete Ergebnisse nach Prag zurück.

Nationale Funken in der Paulskirche und beim Slawenkongress Am 31. März 1848 traf sich in der Frankfurter Paulskirche ein Vorparlament, um unter anderem Wahlen für eine Deutsche Nationalversammlung vorzubereiten.

Preußen war zu dieser Zeit die gesellschaftlich und wirtschaftlich aufstrebende Macht, da es sich neuen Ideen öffnete, während im Habsburgerreich reaktionäre Kräfte den Fortschritt behinderten. Außerdem waren die weit nach Osten reichenden Gebiete des Kaisertums Österreich wie Galizien und die Bukowina bei weitem nicht so gut entwickelt wie die westlichen Teile der Monarchie, darunter Böhmen. Die sprachliche Heterogenität des Staates war ebenfalls besonders stark ausgeprägt: Wurde in den alpinen Kronländern vorwiegend Deutsch gesprochen, so nannten um 1850 in Böhmen mehr als sechzig, in Mähren rund siebzig Prozent und in Österreichisch-Schlesien etwa zwanzig Prozent der Einwohner Tschechisch als ihre Muttersprache; in den böhmischen Ländern lebten damals 6,6 Millionen Menschen.

Die unterschiedlichen Sprachen hatten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Donaumonarchie noch wenig Bedeutung, da sich die Gesellschaft damals noch nicht nach nationalen Identitäten, sondern nach „Stand, Religion und Besitz“ organisierte. Adel, Beamtenschaft, Klerus, wohlhabendes Bürgertum und militärische Führungsschicht stützten die Macht des Kaisers. Die Habsburgermonarchie war aus dem heutigen Niederösterreich mit Wien als Zentrum hervorgegangen. Deutsche hatten in der Monarchie die Führungsrolle inne. Insgesamt betrachtet, hatte das Habsburgerreich keine nationalen Ambitionen, wollte aber die jahrhundertelang innegehabte Rolle des obersten Schiedsrichters in Deutschland nicht aufgeben.

Das nationale Gedankengut, das die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung hervorrief, gelangte auch nach Böhmen. Während die Deutschböhmen die Einigung Deutschlands unter österreichischer Führung befürworteten, hatten die Tschechen Bedenken, in einem deutschen „Meer“ unterzugehen, auch wenn es eine freiheitliche Verfassung hätte. mini|Bernard Bolzano mini|František Palacký, Lithographie von Adolf Dauthage 1855 mini|Pavel Jozef Šafařík

Aufgrund der nun auftretenden Differenzen hatte die Idee des Bohemismus von Bernard Bolzano von der Verschmelzung Böhmens zu einer Nation keine Chance. Der Bohemismus wurde zwischen dem deutschen und dem erblühenden tschechischen Nationalismus zerrieben. Der aufstrebende tschechische Nationalismus richtete sich nicht am Ziel einer gemeinsamen Sprache und Kultur aus, sondern am immer stärker werdenden deutschen Feindbild. Kennzeichnend hierfür ist der Ausspruch „Svůj k svému“ („Jeder zu den Seinen“).

Der Nationalismus der Deutschböhmen äußerte sich unter anderem dadurch, dass sie die Tschechen als nicht gleichwertig und folglich auch als nicht gleichberechtigt ansahen. Der tschechische Nationalismus äußerte sich beispielsweise in der Gründung der Národní noviny (Nationalzeitung). Der Autor Karel Havlíček Borovský vertrat darin die Auffassung, dass es zwar eine Gleichberechtigung zwischen Deutschen und Tschechen in Ämtern und Schulen geben könne, doch die Tschechen seien die „Erstgeborenen“ und somit müssten die Aufschriften an Läden und öffentlichen Gebäuden auf Tschechisch sein, was bedeute, dass die deutsche Aufschrift entfernt werden müsse. Dieser Artikel trug nicht zu einer Entspannung der Situation bei.

František Palacký hatte 1836 bis 1867 das fünfbändige Werk Geschichte von Böhmen verfasst, das zur Basis tschechischer Historienschreibung und relevant für das Nationalbewusstsein wurde. Auf dieser Grundlage kam Havlíček zur Meinung: „Unsere gesamte Geschichte ist ein unablässiger Kampf gegen die Deutschen.“

Führende Persönlichkeiten der tschechischen nationalen Bewegung wie Palacký gründeten patriotische Selbsthilfeorganisationen, die vielen ihrer Landsleuten ermöglichten, am Gemeinschaftsleben noch vor der Unabhängigkeit teilzunehmen.

Abermals wurde eine Abordnung mit einer Petition an den Kaiser nach Wien entsandt. Da in Wien aber die Revolution herrschte und die Revolutionäre zunächst militärisch erfolgreich waren, sah sich die österreichische Regierung genötigt, auf Zeit zu spielen, und sicherte in der „Böhmischen Charta“ vom 1. April 1848 die politische Gleichstellung zu. Verärgerte Deutsche organisierten sich daraufhin im „Verein der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien zur Aufrechterhaltung ihrer Nationalität“. (Letztendlich brachte auch diese Petition den Böhmen nichts Konkretes ein, da nach der Niederschlagung der Revolution im Herbst 1848 der Kaiser wechselte und Franz Joseph I. sich nicht an frühere Zusagen gebunden sah.)

Der St.-Wenzelsbad-Ausschuss kam am 10. April 1848 wieder in Prag zusammen und wurde zum Národní výbor (Nationalausschuss) umgewandelt. Die Kernaufgabe des Národní výbor bestand in der Ausarbeitung einer Verfassung für die böhmischen Länder. Der Nationalausschuss war somit das Pendant zum Paulskirchenparlament. Der Entwurf der Verfassung sollte rasch ausgearbeitet werden, damit er bereits beim Auftakt des Wiener Reichstages vorliege. Doch zunächst scheiterte die gesamt-böhmische Lösung daran, dass die Repräsentanten aus Österreichisch-Schlesien und aus Mähren erklärten, sie wollten ihre Entscheidungen autonom treffen.

Auf dem am 2. Juni auf Initiative von Palacký und Pavel Josef Šafařík in Prag tagenden Slawenkongress waren die Teilnehmer darüber einig, im Gegenentwurf zur Frankfurter Nationalversammlung einen eigenständigen slawischen Weg zu beschreiten. Der tschechische Weg stand im Gegensatz zur politischen Situation im Habsburgerreich und zum Frankfurter Verfassungskonvent, der von einem Einheitsstaat träumte. Palacký verlangte, dass das Kaiserreich in einen „Bund von gleichberechtigten Völkern“ umzustrukturieren sei. Die Gedanken des Slawenkongresses gelangten auch auf die Prager Straßen, wo es zu Gewaltakten kam, als Prager Demonstranten protestierend durch die Gassen zogen. Beim Pfingstaufstand kam es zu Auseinandersetzungen zwischen tschechischen Arbeitern und Studenten und den in Prag stationierten kaiserlich-königlichen Soldaten. Die Demonstranten forderten eine härtere Gangart der Tschechen als Palacký sie artikulierte. Es war das erste Mal, dass es zu Ausschreitungen gegenüber den in Prag lebenden Deutschen kam.

Kremsierer Reichstag und Zentrum Prag mini|Kremsier Marktplatz und Schloss

Während des Oktoberaufstandes 1848 in Wien wurde das Parlament nach Kremsier verlegt, das Gros der tschechischen Abgeordneten nahm dort an den Beratungen teil. Beim Kremsierer Reichstag verständigten sich die Delegierten auf einen Verfassungsentwurf; er sah die weitgehend autonome Regierung der einzelnen Völker vor, beschnitt aber die Rechte des Monarchen nur geringfügig. mini|hochkant|links|Kaiser Franz Joseph 1885

§ 19 des Kremsierer Entwurfs lautete: „Alle Völker sind gleichberechtigt.“ Doch hatten in der Zwischenzeit die reaktionären österreichischen Regierungskräfte wieder die Oberhand über die aufständischen Revolutionäre gewonnen: Der Prager Pfingstaufstand wurde niedergeschlagen, der Oktoberaufstand in Wien und der ungarische Freiheitskampf neigten sich dem Ende zu. Die kaiserliche Regierung sah daher keine Veranlassung mehr, den Parlamentariern entgegenzukommen. Am 7. März 1849 ließ sie den Reichstag vom Militär auflösen.

Am 2. Dezember 1848 hatte unterdessen Ferdinand I., der letzte Habsburger, der sich zum König von Böhmen krönen ließ, zugunsten seines achtzehnjährigen Neffen Franz Joseph auf den Thron verzichtet. Franz Joseph, der von Ministerpräsident Felix Fürst Schwarzenberg in konservativ-reaktionärem Sinn beraten wurde, sah sich an Versprechungen seines Onkels nicht gebunden. In der von ihm oktroyierten Märzverfassung von 1849 blieb das zentralistische System weiterhin festgeschrieben, das Nationalitätenproblem unberücksichtigt. Die Frankfurter Nationalversammlung war ebenfalls erfolglos gewesen. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte die ihm vom Paulskirchenparlament angebotene Kaiserkrone nicht angenommen, weil er nicht von einem Parlament abhängig sein wollte.

Nach 1848 wurde Prag zum Mittelpunkt der Tschechen, obwohl sich zwei Drittel der dort lebenden Einwohner als Deutsche deklarierten. Im Kern der Stadt wohnten überwiegend Deutsche, an der Peripherie die Tschechen.

Altösterreich: Ausgleich mit Ungarn mini|Prinz Friedrich Karl befehligt in der Schlacht bei Königgrätz ihm begeistert zuwinkende preußische Truppen

Nach der verlorenen Schlacht vom 24. Juni 1859 bei Solferino gegen die Bündnispartner Frankreich und Italien (Italien strebte die nationale Einigung an) stand die außenpolitische Lage schlecht für die Donaumonarchie. In der Folge öffnete sich Franz Joseph I. innenpolitischen Reformen, um die innere Stabilität des Reiches zu gewährleisten.