Das Ost- oder Hinterpommersche (Eigenbezeichnung Oostpommersch, Hinnerpommersch, seltener Achterpommersch) ist eine nordniederdeutsche Dialektgruppe, die in Hinterpommern gesprochen wurde. Der Geltungsbereich dieser Dialekte umfasste den größten Teil der ehemaligen preußischen Provinz Pommern östlich der Oder (Hinterpommern) in den Grenzen von 1938. Nur der Südwesten Hinterpommerns gehörte dialektgeographisch zum Mittelpommerschen. Die Grenze zwischen den mittelpommerschen und ostpommerschen Mundarten wurde dabei durch den östlichen Schenkel des so genannten „mittelpommerschen Keils“ gebildet, der vom südöstlichen Rand des Stettiner Haffs in einer geschwungenen Linie über Gollnow und Stargard zur ehemaligen pommerschen Grenze verlief (vgl. zur kulturellen Dreiteilung Pommerns hier). Hinterpommersch hatte eine Grenze zum Niederpreußischen gemäß den Ē- und Ō-Vokalen, die vom Zarnowitzer See über Karthaus, westlich von Schöneck in Westpreußen, nach Preußisch Stargard, nach Bromberg und südlich der Weichsel östlich von Thorn verlief.Peter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Hrsg. von Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke und Herbert Ernst Wiegand. de Gruyter, Berlin / New York 1983, S. 887
Nach dem Zweiten Weltkrieg sind diese Dialekte in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet weitgehend ausgestorben, leben jedoch in Auslandsvarietäten, v. a. in Brasilien im Pomerano fort, das durch intensiven Sprachkontakt mit dem Portugiesischen geprägt ist, sowie in den USA im Wisconsin Platt (Wisconsin Pomeranian).
Bestimmung und Gliederung Forschungsgeschichte Bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts stellte der Stettiner Gymnasiallehrer Wilhelm Böhmer den Entwurf einer lautgeographisch begründeten Gliederung Pommerns in zwei Hauptmundarten vor, denen er die Attribute „rund“ und „breit“ zuwies (BÖHMER 1833:151). Basis dieser Einschätzung waren Einsendungen von Sprachproben auf einen von Böhmer initiierten Aufruf der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde. Die Vorstellung von der dialektalen Zweiteilung Pommerns blieb lange Zeit bestehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es zunächst der Gymnasialdirektor Robert Holsten, der sich den Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch zuwandte, sein Hauptaugenmerk dabei aber auf die Wortgeographie richtete. Seine unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichten AufsätzeRobert Holsten: Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch. In: Programm des Königlichen Bismarck-Gymnasiums zu Pyritz. Ostern 1913. und Coccinella septempunctata im pommerschen Plattdeutsch. In: Programm des Königlichen Bismarck-Gymnasiums zu Pyritz. Ostern 1914., die von den Ergebnissen einer an Pastoren in ganz Pommern gerichteten Fragebogenerhebung berichten, sind Beispiele für wortgeographische Pionierarbeiten innerhalb der deutschen Dialektologie. Aus dem gesammelten Material entwickelte Holsten die These von der sprachlichen Dreiteilung Pommerns in Vor-, Mittel- und Ostpommern. Die frühen Daten erneut aufgreifend, ergänzend und verfeinernd, stellte er über ein Jahrzehnt später seine Forschungsresultate in einer Monographie vorRobert Holsten: Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch. (= Form und Geist. Arbeiten zur Germanischen Philologie. Heft 8). Leipzig 1928. und verdeutlichte dabei den Zusammenhang zwischen sprachlicher Raumgliederung, Siedlungsgeschichte und kulturräumlichen Ausprägungen.
Forschungen in den 1920er- und 1930er-Jahren haben wiederum wichtige Erkenntnisse besonders zur Lautgeographie geliefert. Einige Arbeiten aus dieser Zeit sind dabei als Vorarbeiten für das großlandschaftliche Wörterbuch Pommerns konzipiert wordenKühl 1932, Mahnke 1931, Mischke 1936, Pirk 1928. Die erste dialektgeographische Kombinationskarte für ganz Pommern wurde schon Mitte der 30er Jahre von Kurt Mischke vorgelegtMischke: Die niederdeutsche Sprache in Pommern. Die Habilitationsschrift von Matthias Vollmer ist: Das pommersche Wörterbuch von Georg Gotthilf Jacob Homann (1774–1851). Eine Sammlung pommerisch-deutscher Wörter und Redensarten. Berlin [u. a.] 2018.
Siedlungsgeschichte mini|hochkant=1.3|Historische Verbreitungsgebiete der niederdeutschen Dialektgruppen (bis 1945) - Ortsnamen und Grenzen entsprechen den heutigen Gegebenheiten (auf Englisch) Während man früher die besondere Bedeutung des Klerus im Rahmen der mittelalterlichen deutschen Besiedlung Pommerns hervorgehoben hat, zeichnet die jüngere historische Forschung ein modifiziertes Bild. Vor allem säkulare Kräfte haben demnach den Landesausbau vorangetrieben.Rudolf Benl: Die deutsche Besiedlung Pommerns. In: Werner Buchholz (Hrsg.): Pommern. Deutsche Geschichte im Osten Europas. Berlin 1999, S. 48–75 In Hinterpommern setzte die (nieder)deutsche bäuerliche Siedlungsbewegung im 13. Jahrhundert ein, schon früher hatte es jedoch einen Zuzug fast ausschließlich deutscher Kleriker gegeben, die in den neugegründeten Klöstern und Stiften wirkten. Es gibt zwei Hauptstoßrichtungen der Siedlungsbewegung: In erster Linie haben niedersächsische und westfälische Siedler das hinterpommersche Küstenland bis Stolp besiedelt, während der hinterpommersche Höhenrücken größtenteils märkisch geprägt ist. Für das Umland von Belbuck argumentieren Priewe und Teuchert (1927, S. 253) für eine Besiedlung durch „Westfriesen und westfälisch[e] Bauern aus dem ravensbergisch-paderbornisch-lippischen Bezirk“.Priewe, O., & Teuchert, H. (1927). Dialektgeographische Forschungen östlich der unteren Oder. Teuthonista, (H. 2), 130–159, Die nordöstlichen Bereiche um Stolp und Lauenburg wurden dagegen durch den deutschen Ritterorden von Osten her besiedelt, wobei diese Siedlungsbewegung erst im 14. Jahrhundert begann. Von dieser frühen mittelalterlichen Besiedlung ist eine zweite Besiedlungswelle zu unterscheiden, die in der Frühen Neuzeit zumeist von der Küstenregion aus den Südosten Hinterpommerns erfasste.Klaus Conrad: Besiedlung und Siedlungsverhältnisse Pommerns seit der Christianisierung. In: Hans Rothe (Hrsg.): Ostdeutsche Geschichts- und Kulturlandschaften. Teil III: Pommern. Köln/Wien 1988, S. 27–58 Zahlenmäßig von Belang ist schließlich noch die staatlich geförderte bäuerliche Besiedlung Hinterpommerns im 18. Jahrhundert.
Außerhalb Pommerns hat sich das Ostpommersche durch Emigration in der Neuzeit weiter verbreitet, seit der ersten Hälfte des 19. Jh. nach Nordamerika, seit 1850 auch nach Brasilien. In Brasilien lebt das Ostpommersche im Pomerano fort, in den USA beispielsweise im Wisconsin Platt (Wisconsin Pomeranian).
Binnengliederung des Ostpommerschen
Für die dialektale Binnendifferenzierung des Ostpommerschen sind v. a. folgende lautgeographische Differenzen relevant:
Aussprache von mittelniederdeutsch langem ê und ô (insbesondere ê4 und ô1) als langes e und o (leef „lieb“ und Foot „Fuß“; Monophthong) oder als ei und au (leif „lieb“ und Faut „Fuß“; Diphthong) Aussprache von mnd. langem î und û als Monophthong (Tiet „Zeit“, Huus „Haus“) oder Diphthong (Tɛit „Zeit“, Hɛus „Haus“) Aussprache von mnd. langem â als Monophthong (Awend „Abend“) oder Diphthong (Auwend „Abend“) Aussprache von mnd. sk als sch (wasche „waschen“) oder sk (waske) Aussprache von mnd. langem ö und ü als langes ö und ü (Böm „Bäume“, Büdel „Beutel“) oder als langes e und i (Beem „Bäume“, Biedel „Beutel“; Entrundung) Infinitivendung auf -a (sitta „sitzen“) oder -e bzw. -en (sitte, sitten „sitzen“)
Nach diesen Kriterien lassen sich folgende Hauptgebiete ansetzen:
Die zentralpommerschen Dialekte sind u. a. durch Diphthongierung von mnd. ê4 (Deif „Dieb“, leif „lieb“) und ô1 (Faut „Fuß“, Haut „Hut“) gekennzeichnet. Sie nehmen die größte Fläche ein und werden nach Osten durch einen breiten Grenzsaum zwischen Wipper und Stolpe vom nordostpommerschen Entrundungsgebiet getrennt. Teile davon werden von kurz vor Swinemünde (Usedom-Wollin) über Cammin und Greifenberg bis kurz vor Treptow an der Rega als Unterteilung des Ostpommerschen zusammengefasst (westliches Küstenpommersch). Es gab eine weitere am Meer bei Kolberg beginnende Unterteilung, einschließlich Köslin u. Belgard an der Persante (mittleres Küstenpommersch, Hinterpommersch des Persantegebietes). Weiter im Landesinneren können Naugard, Regenwalde, Schivelbein, Neustettin zum Zentralpommerschen gerechnet werden. Die südpommerschen Dialekte (bes. in den früheren Kreisen Saatzig und Dramburg) heben sich durch die Infinitivendung auf -a von den übrigen ostpommerschen Mundarten ab (drinka „trinken“, sitta „sitzen“). Zudem bewahren sie mnd. ô1 als Monophthong (Fôt „Fuß“). Die südostpommerschen Dialekte in der Region um Bublitz (Bublitzisch, nördlich von Neustettin) zeigen eine eigenständige Entwicklung, die sich z. B. durch die Diphthongierung der mittelnd. Langvokale î und û ergibt (Tɛit „Zeit“ und Hɛus „Haus“), wobei der jeweils erste Bestandteil des Zwielauts ein sehr offener e-Laut ist ([ɛ]). Die ehemaligen Mundarten des Belbucker Abteigebiets mit dem Schwerpunkt im Kreis Greifenberg zeichnen sich u. a. durch den Erhalt alter sk-Verbindungen (waske „waschen“, Wiske „Wiesen“, Disker „Tischler“) und durch Diphthongierung von mnd. â (Auwe(n)d „Abend“) aus. Mit den Formen um Dramburg bildet es eine Unterteilung des Ostpommerschen. Die nordostpommerschen Dialekte um Schlawe, Stolp, Rummelsburg, Bütow, Leba und Lauenburg (auch östliches Küstenpommersch, Osthinterpommersch genannt) sind durch Vokalentrundung gekennzeichnet. Beispiele sind Biedel (statt Büdel) „Beutel“, Lies’ (statt Lüs’) „Läuse“, keepe (statt köpen) „kaufen“, Beem (statt Böm) „Bäume“. Das in Brasilien gesprochene Pomerano weist überwiegend zentralpommersche Merkmale auf: Diphthongierung von mnd. ê4 und ô1 (laiw „lieb“, faut „Fuß“), Bewahrung der Vokalrundung (köipa „kaufen“), Ausbleiben der Diphthongierung von mnd. î (wijd „weit“) und mnd. û (luur „laut“) und Assimilation von -sk- (wascha „waschen“). Der Infinitiv wird abhängig vom grammatikalischen Kontext als -en (insprütsen „einspritzen“) realisiert oder als -a (bestela „bestellen“), was zum Südpommerschen stimmt. Das in den USA gesprochene Wisconsin Platt verwendet einen Infinitiv auf -e (goahe „gehen“, hevve „haben“, finge „fangen“), weist Diphthongierung von mnd. ô auf (gaut „gut“, auch im Umlaut scheune „schöne“) und bewahrt langes i (miine „meine“) sowie langes ö (högen „Heu machen“), -sk- wird assimiliert (fischen „fischen“), weist aber teilweise ausgeprägte Entrundungen auf (sess „sechs“; grään „grün“, äve „über“, här „hör!“). Dies kommt dem Nordostpommerschen, eventuell auch dem Zentralpommerschen nahe. Örtlich vorherrschende Monophthongierung (twee „zwei“, Knee „Knie“, Eeke „Eiche“; Koh „Kuh“, Stool „Stuhl“) können auf Einfluss aus dem Mittelpommerschen hindeuten.
Wie ersichtlich, schließt die hier beschriebene Gliederung Überschneidungen nicht aus. Fließende Übergänge sowie Einordnung desselben Ortes in verschiedene Unterdialektgebiete kommen vor (je nachdem, welche Isoglossen Anwendung finden).
Der historische Dialekt der östlichen Neumark stand dem Südpommerschen nahe, und hierfür, sowie für die Mundarten der Kreise Dramburg und Schivelbein schlug Seelmann (1913) die Bezeichnung „Ostmärkisch“ vor.Wilhelm Seelmann (1913), Die Mundart der hinteren Neumark oder das Ostmärkische, Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung XXXIX, S. 141–162 Der Begriff scheint sich allerdings nicht durchgesetzt zu haben, da diese Dialekte die sprachlichen Merkmale des Märkischen nicht teilen (niederfränkisches Substrat, Palatalisierung von a vor Dental in mmk. ängere, nmk. änner „andere“, mmk.nmk. det „das“). Hingegen zeigen sie Innovationen, die dem Märkischen fehlen (intervokalisches d wird j, daher roje Blom „rote Blume“) und entsprechen in spezifischen Merkmalen ostpommerschen Varietäten weitgehend (Infinitivendung -a, mnd. ô1 als Monophthong; Diphthongierung von mnd. â zu au z. B. in Vaute „Vater“ wie im Belbucker Abteigebiet).