Habitus (lateinisch „Gehaben“, von „haben“) bezeichnet das Auftreten oder die Umgangsformen einer Person, die Gesamtheit ihrer Vorlieben und Gewohnheiten oder die Art ihres Sozialverhaltens. Durch Norbert Elias und Pierre Bourdieu wurde „Habitus“ auf der Basis ihres philosophischen Werkes zum soziologischen Fachbegriff weiterentwickelt. Seitdem verbreitet sich der Begriff auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen.

Begriff Vorläufer des Begriffs ist der von Aristoteles in der Nikomachischen Ethik verwendete Begriff der hexis (ἕξις), abgeleitet von einem Wortstamm für „haben“ oder „besitzen“ im Sinne einer festen Handlungsgewohnheit oder (ethischen oder körperlichen) Grundhaltung. Thomas von Aquin verwendet die Begriffe des habitus corpus, habitus activus und habitus operativus, wobei der zuletzt genannte dem Bourdieuschen Begriff schon recht nahekommt.

Habitus und Habitualisierung

Habitus In der Soziologie wurde der Begriff „Habitus“ von Norbert Elias und Pierre Bourdieu zum Fachbegriff entwickelt. Aufgrund ihres Philosophiestudiums waren beide mit der Entwicklung des Habitus-Konzepts seit der Antike vertraut. Auf Basis dieses Begriffsverständnisses entwickelten sie ihre Habitus-Begriffe unabhängig voneinander.Aufgrund ähnlicher Zugangs- und Denkweisen ähneln sich über den Habitusbegriff hinaus ihre soziologischen Konzepte in vielen Aspekten, weisen aber auch einige Unterschiede auf. Von 1976 bis 1990 standen beide per Brief im Austausch. Der Briefwechsel befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar, wurde bislang jedoch kaum ausgewertet. Vgl.

Bei Elias (1897–1990) ist Habitus seit seinem Grundlagenwerk Über den Prozeß der Zivilisation von 1939 ein zentrales Begriffskonzept seiner Prozesssoziologie. Als „sozialen Habitus“ bezeichnet er Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Handeln, die Mitgliedern einer Figuration gemeinsam sind (gleichbedeutend „soziale Persönlichkeitsstruktur“: die den Mitgliedern einer Gruppe gemeinsamen psychischen Merkmale) und als „persönlichen Habitus“ die daraus sich mit-entwickelnde individuelle Persönlichkeitsstruktur. Bis zur Neuauflage 1969 war dieses Werk jedoch nur relativ wenig bekannt. Genau wie andere prozesssoziologische Begriffe wird auch der Habitus-Begriff bei Elias nicht im klassischen Sinne abschließend definiert, sondern entwickelt und weiterentwickelt (siehe Grundbegriffe der Prozesssoziologie). Nach Bourdieu (1930–2002) bezeichnet „Habitus“ das gesamte Auftreten einer Person, im Einzelnen etwa den Lebensstil, die Sprache, die Kleidung und den Geschmack. Zwischen 1962 und 1965 verwendete Bourdieu anstelle des Habitusbegriffs im Anschluss an Weber den Begriff „Ethos“ (nach Max Weber). Eingeführt und in der endgültigen Funktion benutzt wurde der Begriff des Habitus wiederum 1968 mit Verweisen auf Erwin Panofsky. Jedoch wurde er ständig weiter ausgearbeitet und angepasst. Am Habitus einer Person lässt sich ihr Rang oder Status in der Gesellschaft ablesen. Durchaus möglich ist allerdings auch, dass eine Person mit einem der sozialen Schicht angemessenen Habitus durch verschiedenste Einflüsse in eine tiefere soziale Schicht ab- oder eine höhere aufsteigt. Der Habitus ändert sich (zumindest kurzfristig) nicht.

Habitualisierung Sowohl Elias als auch Bourdieu beschreiben im Konzept des Habitus die psychosoziale Entwicklung von Menschen als ein wechselseitiges Formen und Geformt-Werden, das keiner weiteren Theorien und Konzepte mehr bedarf. Die etwa beim Konzept der Sozialisation meist zugrundeliegende getrennte Vorstellung von Individuum und Gesellschaft sei „irreführend“. Elias beschreibt die Entwicklung des persönlichen Habitus als lebenslangen Prozess der persönlichen Psychogenese, als Teilprozesse im langfristigen Prozesszusammenhang der Psychogenese und Soziogenese einer Gesellschaft. Bourdieu beschreibt den Habitus als generatives Erzeugungsprinzip von Praxisformen und Verhaltensstrategien.

Ähnliche Konzepte In diesem Sinne haben bereits ältere Soziologen Habitusformen untersucht, ohne den Begriff zu benutzen – so 1899 Thorstein Veblen den „demonstrativen Konsum“ in The Theory Of The Leisure Class. Spätestens 1925 benutzte Otto Rühle in Die Seele des proletarischen Kindes den Begriff „Habitus“ auch wortwörtlich, als er den Marxismus mit Alfred Adlers Individualpsychologie verband.

Kulturanthropologische und psychoanalytische Ansätze, die den Einfluss der Sozialstruktur auf die Entwicklung der sozialen Persönlichkeit berücksichtigen, ähneln etwa dem Habituskonzept. Der Habitus als „System verinnerlichter Muster“ erzeugt eine Auswahl von kulturtypischen und klassenspezifischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen, die den Individuen als ihre eigenen erscheinen, die sie jedoch mit den anderen Mitgliedern ihrer jeweiligen Klasse teilen.

Die theoretischen Überlegungen und empirischen Untersuchungen Erich Fromms zum Gesellschaftscharakter sind ein Beispiel für einen dem Habitus-Konzept in der Erkenntnisleistung vergleichbaren Ansatz. Auch der „Gesellschaftscharakter“ dient als Vermittlungsglied zwischen der individuellen psychischen Struktur und den sozioökonomischen Verhältnissen, erfüllt die Funktion der Herrschafts­sicherung unterhalb des Bewusstseins der Menschen, die scheinbar freiwillig das tun, was sie aus funktionalen Gründen tun sollen.

Habitus und soziale Praxis „Habitus“ umfasst für Bourdieu zunächst die objektive Kategorisierung von Angehörigen bestimmter sozialer Klassen innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen und darüber hinaus ein auf das Subjekt bezogenes Konzept der Verinnerlichung kollektiver Dispositionen. Der Habitus ist ein Erzeugungsprinzip von Praxisformen und Verhaltensstrategien eines sozialen Akteurs. In Bezug auf eine der drei zentralen Strukturkategorien der Gesellschaft, auf die soziale Klasse, wird die Ausprägung des Habitus unter anderem von der Teilhabe an den gesellschaftlichen Gütern abhängig. Dabei spielen das ökonomische, kulturelle, soziale und symbolische Kapital eine entscheidende Rolle.

Um die Funktionsweise des Habitus klarzustellen, muss man erstens verstehen, was Bourdieu unter der „generativen Grammatik“ versteht, und zweitens muss man den Habitus im sozialen Kontext, vor allem in Bezug auf die drei zentralen Kategorien der Gesellschaft – soziale Klasse, Geschlecht und soziales Feld – betrachten.

1. Generative Grammatik: In Anlehnung an Noam Chomskys Analyse der Sprachprozesse entwickelt Bourdieu diese Seite des Habitus. Noam Chomsky untersuchte das Sprechverhalten der Menschen und ist zu diversen Einsichten gekommen. Die Wichtigste für das Verständnis des Habitus ist nach Bourdieu die Annahme, dass soziale Subjekte über ein System generativer Strukturen verfügen, die ihnen ermöglichen, unendlich viele Äußerungen zu erzeugen und damit auf jede mögliche Situation im Leben zu reagieren. Dies verhalf Bourdieu zur Konstruktion des Habitus als generative Grammatik.

Man muss im Zusammenhang mit Noam Chomsky klarstellen, dass Bourdieu von Chomsky nur diesen Ansatz übernahm und weiterentwickelte. Chomskys Annahme, dass Sprecher ihre persönliche Sprechweise von einer angeborenen Universalgrammatik ableiten, lehnte Bourdieu ab. Bourdieu definiert den Habitus als eine erworbene (nicht als angeborene) und als erfahrungsabhängige Konstruktion.

2a. Habitus und soziale Klasse: Mit der sozialen Klasse sind die vertikalen Ungleichheiten der Gesellschaft und die ungleiche Teilhabe der sozialen Subjekte an gesellschaftlichen Gütern gemeint. Man unterscheidet unter mehreren Kapitalformen, die für die Definition der Klassen eine grundlegende Bedeutung haben. Es handelt sich um ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, symbolisches Kapital und soziales Kapital. Mit dem ökonomischen Kapital sind die materiellen Ressourcen, über die ein soziales Subjekt verfügt, gemeint. Die akademischen Titel, erworbene Praktiken bilden kulturelles Kapital. Mit symbolischem Kapital sind Prestige und Anerkennung in der Gesellschaft gemeint. Die sozialen Beziehungen sind die Grundlage für soziales Kapital.

Wenn eine Gruppe von sozialen Subjekten ähnliche Vorlieben vorweist und sich außerdem in ähnlichen sozialen Verhältnissen befindet, beobachtet man gewisse Gemeinsamkeiten. Diese gemeinsamen habituellen Strukturen sind nach Bourdieu für eine bestimmte soziale Klasse typisch. Diese gemeinsamen habituellen Strukturen bezeichnet der Begriff „Klassenhabitus“. Der klassenspezifische Habitus kann durch das Handeln der sozialen Subjekte, die einer Klasse angehören, rekonstruiert werden. Damit ist das Handeln der Klassenzugehörigen für andere Mitglieder der Gruppe leicht nachvollziehbar und erklärbar.

2b. Habitus und Geschlecht: Mit dieser Strukturkategorie ist die Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann gemeint. Diese gesellschaftliche Strukturierung ist in jeder Gesellschaft vorfindbar.

Nach Bourdieu wird durch diese grundlegende Strukturkategorie der Gesellschaft das Herrschaftsverhältnis impliziert. Mit dem Verständnis von Zweigeschlechtlichkeit und mit der Hervorhebung der männlichen Herrschaft ist das Herrschaftsverhältnis in unserer modernen Gesellschaft besonders gut begreifbar. Die Zweigeschlechtlichkeit ist ein Unterscheidungsprinzip, das bei den Individuen von früher Kindheit an besonders ausgeprägt ist. Diese Kategorie hat eine große Bedeutung bei der Herausbildung des Habitus. Geschlechter sind als polare entgegengesetzte Kategorien, nicht wie ein Klassifikationssystem, konstruiert. Das geschlechtsspezifische Verhalten ist im Habitus besonders tief eingeprägt und beeinflusst intensiv das soziale Verhalten.

Im Zusammenhang mit der Kategorie Geschlecht verwendet Bourdieu den Begriff der symbolischen Gewalt. Mit der symbolischen Gewalt ist eine mittelbare Form der Gewaltausübung gemeint. Charakteristisch für die symbolische Gewalt ist das nicht bewusste Einverständnis der Beherrschten (Frauen) gegenüber der herrschenden Ordnungsvorstellung. Beide Seiten, die Herrschenden (Männer) und die Beherrschten (Frauen), müssen dafür über ein Verhaltenssystem, über einen Habitus verfügen, in dem dieses Herrschaftsverhältnis eingeprägt ist. So muss man sich die Frage stellen, warum auch in unserer modernen Gesellschaft die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann nicht vollkommen stattgefunden hat. Bourdieu erklärt dieses Phänomen damit, dass der Habitus so tief „verwurzelt“Diese Deutung zeigt vor allem, dass die männliche Ordnung so tief verwurzelt ist, dass sie keiner Rechtfertigung bedarf. P. Bourdieu; L. Wacquant: Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 208. ist, dass er die erlernten (patriarchalen) Verhaltensweisen und das geschlechtsspezifische Verhalten in der Praxis (oder besser in der Mehrzahl, den Praxen) des sozialen Lebens „vorstrukturiert“.„Der Habitus als strukturierende und strukturierte Struktur aktiviert in den Praktiken und im Denken praktische Schemata, die aus der – über den Sozialisationsprozess ontogenetisch vermittelten – Inkorporierung von sozialen Strukturen hervorgegangen sind, die sich ihrerseits in der historischen Arbeit vieler Generationen (-...-) gebildet haben.“ (P. Bourdieu; L. Wacquant (1992): Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 173) Dies führe dazu, dass die Frauen unbewusst die männliche Herrschaftsordnung akzeptieren und diese selbst wiederum aktiv reproduzieren.