mini|hochkant=1.5|Obwohl bereits sehr viele Shuar weitgehend akkulturiert sind, zeigen sie sich bei Festen gern traditionell mini|Traditioneller Shuar mit Federschmuck und Gesichtsbemalung Die Shuar sind ein indigenes Volk, das im Amazonastiefland östlich der Anden in Ecuador beheimatet ist. Shuar ist in ihrer Sprache das Wort für „Menschen“. Von Shuar-Verbänden vorgenommene Schätzungen geben an, es gebe 110.000 Shuar in etwa 668 Dorfgemeinschaften (1998). Andere Quellen gehen von mindestens 40.000 Shuar in Ecuador aus. Die Sprache der Shuar wird der Sprachfamilie der Jívaro-Sprachen zugeordnet, unter denen sie die verbreitetste ist.

Siedlungsgebiet mini|Körbe der Shuar Die ursprünglich von den Shuar bewohnten Gebiete, die noch immer ihr Hauptsiedlungsgebiet bilden, befinden sich zwischen der Kordillere der Anden im Westen und den Flussläufen des Río Pastaza, des Río Upano und des Río Zamora sowie Teilen des Flusssystems des Río Morona. Dieses Gebiet umfasst Teile der ecuadorianischen Provinzen Morona Santiago, Zamora Chinchipe und Pastaza. Damit leben die Shuar im höhergelegenen Teil des Amazonastieflandes im Bereich der Andenvorgebirge auf einer Höhe von etwa 500 bis 1000 m. Man unterscheidet drei große Gruppen, die Muraya Shuar („Menschen der Berge“), die im Tal des Upano leben, die Untsuri Shuar („zahlreiche Menschen“) zwischen den der Cordillera del Cóndor und ihrer Fortsetzung Cordillera de Cutucú und die Pakanmaya Shuar aus dem Gebiet jenseits der Cutucú-Kordillere.

Die nächsten Nachbarn und sprachlich engsten Verwandten der Shuar sind die Achuar und Shiwiar sowie die Aguaruna. Die Achuar und Shiwiar leben im feuchteren, tieferen Teil des ecuadorianischen Amazonastieflandes, die Aguaruna jenseits der Grenze Ecuadors in Peru.

Geschichte mini|Fotos von Jivaro-Indianern (1901) Herkunft Die genaue Herkunft der Shuar ist nicht bekannt. Einige Autoren glauben, die Shuar seien aus der Verschmelzung von Angehörigen Arawak-sprachiger Bewohner des Amazonasgebiets mit aus dem Andenraum stammenden ursprünglich Puruhá-sprachigen Gruppen entstanden. Die Shuar scheinen ursprünglich den Palta angehört zu haben, die in der heutigen ecuadorianischen Provinz Loja lebten und vor der militärischen Ausbreitung des Inkareiches Ende des 15. Jahrhunderts nach Osten auswichen.

Eroberungsversuche durch Inka und Spanier Dieses Gebiet im Osten der Andenkordillere wurde weder vom Inka-Reich noch von den spanischen Conquistadoren dauerhaft beherrscht. Um 1490 wurden die Inka zurückgeschlagen und 1549 sorgten die Shuar für das Scheitern des ersten spanischen Vordringens. Nachdem die Spanier eine Zeit lang eine zunehmend ausbeuterische Herrschaft ausübten, eroberten und vernichteten die Shuar unter Führung von Quiruba 1599 die spanischen Siedlungen Logroño de los Caballeros und Sevilla de Oro und richteten den spanischen Gouverneur hin. Dies bedeutete das Ende von Kolonisierungsbemühungen und führte zum weitgehenden Abbrechen der Kontakte zwischen Shuar und der spanischen Herrschaft bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Die Shuar gingen daraufhin vor allem als ein „barbarisches“ Volk in die Geschichte und Legenden ein, das aus den abgeschnittenen Köpfen besiegter Gegner in einem Ritual auf geheim gehaltene Art Schrumpfköpfe machte.

Missionierung seit dem 19. Jahrhundert

Am Ende des 19. Jahrhunderts unternahmen Jesuiten den erneuten Aufbau von Missionsstationen im Gebiet der Shuar. Außerdem kamen zunehmend arme und landlose Ecuadorianer aus dem Andenhochland als Siedler in die tiefergelegenen Gebiete. Die Shuar nahmen friedliche Handelsbeziehungen zu den Siedlern auf und überließen ihnen Land im Tausch gegen Güter. Sie begannen, ihre Kinder auf Missionsschulen zu schicken, um sie die spanische Sprache erlernen zu lassen. Die ecuadorianische Regierung richtete während der ersten Präsidentschaft von José María Velasco Ibarra 1935 ein „Schutzgebiet“ (reserva) für die Shuar ein, um unter anderem den Landerwerb von Neusiedlern einzuschränken, und übertrug den Missionaren des katholischen Ordens der Salesianer Don Boscos Kontrolle und Rechtsprechung in dem Gebiet, wobei jedoch Nicht-Shuar-Siedler und zwei evangelische Missionen ausgenommen wurden. Die Missionstätigkeit wurde seit den 1960er Jahren durch Evangelikale deutlich verstärkt.

Die Missionare waren überwiegend erfolgreich in der Verwirklichung ihrer Ziele zur Akkulturation der Shuar. Sie brachten ihnen die spanische Sprache bei, konvertierten sie (offiziell) zum Christentum und wirkten auf die Aufgabe von Kriegsführung und Schrumpfkopf-Herstellung hin. Ebenso bewirkten sie einen Wandel der Haltung zu den Pubertätsritualen (siehe unten) und die zunehmende Einbindung der Shuar in marktwirtschaftliche Zusammenhänge. In der Frage der Annahme von Monogamie anstelle der praktizierten Polygamie waren sie weitgehend, aber nicht vollständig erfolgreich.

Der Einfluss des Christentums hat die indigene Religion der Shuar zwar grundlegend verändert (→ Synkretismus), aber weder verdrängt noch zerstört. Es hat die Menschen allerdings in eine ambivalente Glaubenskrise gestürzt. Die katholische indigene Kirche betont die Kontinuität zwischen der indigenen Religion und dem Christentum und übernimmt die althergebrachte Mythologie. Vertreter dieser Konfession integrieren indigene Elemente wie Symbole, Feste oder Mythen in ihre christliche Praxis. Die evangelikale indigene Kirche hingegen geht mit einer solchen Integration anders um. Der Übertritt in die andere Religion bedeutet stattdessen einen radikalen Wandel. Die evangelikalen Christen verstehen sich zwar noch immer als Shuar, doch hier sind Arutam – die göttliche Kraft der traditionellen Mythologie – und der christliche Gott verschieden, während sie bei den autochthonen Katholiken gleichgesetzt werden. Es ist davon auszugehen, dass der Einfluss des Christentums vom unzugänglichen Amazonas-Tiefland im Osten nach Westen ins infrastrukturell erschlossene Andenhochland zunimmt.

Siedlungsbildung und Geschichte seit den 1960er Jahren mini|Shuar-Frauen und -Kinder im Bergregenwald von Ecuador kultivieren ein geschwendetes Feld mit Papachina (Xanthosoma sagittifolium). Der traditionelle Anbau wird jedoch mehr und mehr durch gekaufte Lebensmittel ersetzt. mini|Versammlungsort auf einem Dorfplatz einer Shuar-Communidad Bis in die 1950er Jahre verloren die Shuar einen bedeutenden Teil ihres ursprünglichen Territoriums an Siedler. Zu jener Zeit gaben sie ihren semi-nomadischen und von Streusiedlung geprägten Lebensstil (siehe unten) auf und begannen kleine Siedlungen von fünf bis dreißig Familien zu bilden, die mit dem spanischen Wort für „Zentren“, centros, bezeichnet werden. Diese Zentren erleichterten den missionarischen „Zugriff“ auf die Shuar und bildeten gleichzeitig die Grundlage für Shuar-Petitionen an die ecuadorianische Regierung, um Landrechte zu erhalten. Im Gegenzug für Landrechte versprachen die Shuar seinerzeit, den Regenwald in Weiden zu verwandeln, um Rinder zu züchten, die über Darlehen der Regierung gekauft würden.

In den 1960er Jahren unterstützten Salesianer-Pater die Shuar bei der Bildung eigener Interessenorganisationen. 1964 entstand so die Federacíon Interprovincial de Centros Shuar-Achuar (dt. „Provinzübergreifender Bund der Shuar- und Achuar-Zentren“; heute Federacíon Interprovincial de Centros Shuar, abgekürzt FICSH). Der Bund ist demokratisch und hierarchisch organisiert; die meisten seiner Funktionäre werden vom ecuadorianischen Staat finanziert. 1969 unterzeichnete der Shuar-Bund ein Abkommen mit der ecuadorianischen Regierung, die ihm die Rechtsprechung im „Schutzgebiet“ übergab. Der Shuar-Bund übernahm die Aufgaben der Salesianer in den Bereichen Schulbildung, Einwohnererfassung und Landrechte. Die weitergehende Förderung der Rinderzucht und anderer bestehender Programme wirkten auf die weitere Einbindung der Shuar in marktwirtschaftliche Zusammenhänge hin; außerdem bewirkten sie zunehmende Abholzung des Regenwaldes, was inzwischen als Fehler erkannt wurde. Seit dem Abkommen hat sich der Shuar-Bund verschiedentlich ausdifferenziert. Inzwischen gibt es unter anderem einen eigenen Bund der Achuar. Die verschiedenen Gruppen pflegen aber noch immer guten Umgang miteinander.

Als Ergebnis der Arbeit des Shuar-Bundes verfügen die Shuar als Volksgruppe über ein starkes Identitätsbewusstsein. Die meisten Shuar identifizieren sich darüber hinaus mit dem ecuadorianischen Staat, und nicht wenige Shuar nehmen am politischen Leben aktiv teil. Viele von ihnen dienen auch in der ecuadorianischen Armee, die sich eine Zeit lang den Ruf der Shuar aus dem 19. Jahrhundert als „gewalttätige Wilde“ zu Nutze machte und Shuar-Eliteeinheiten bildete (die allerdings von Nicht-Shuar befehligt wurden). Diese Einheiten zeichneten sich besonders im zum Großteil in Shuar-Siedlungsgebieten ausgetragenen Cenepa-Krieg aus, einem Grenzkrieg zwischen Ecuador und Peru im Jahr 1995.

Konflikte seit 2000 Seit der Jahrtausendwende ist Ecuadors Regierung bestrebt, die Ausbeutung der Bodenschätze der Provinz Morona-Santiago voranzutreiben. Dazu wurden unter anderem Bergbaukonzessionen an chinesische Unternehmen vergeben. China hat Ecuador Milliardenkredite für den Bau von Staudämmen und Straßen gewährt und fordert dafür nicht nur 80 Prozent der Ölproduktion Ecuadors. So hat das chinesische Unternehmen ExplorCobres 410 km² Land in der Provinz erworben, um eine Kupfermine zu eröffnen. Da die Hälfte des Gebietes angestammtes Shuar-Land ist und keinerlei Abstimmung mit den Indigenen erfolgte, wehren sich die Einheimischen gegen das Projekt.Jan Christoph Wiechmann: Giftpfeile gegen eine Großmacht – ein indigenes Volk in Südamerika legt sich mit China an, Stern vom 10. Januar 2019, Online-Version, abgefragt am 1. April 2019.

2006 vertrieben die Shuar Mitarbeiter des Unternehmens aus ihren Camps und von einem Wasserkraftwerk, das zur Stromversorgung gebaut worden war. Gleichzeitig wurde ein Netzwerk gegen den Bergbau zusammen mit anderen indigenen Völkern Ecuadors aufgebaut. Der massive Widerstand veranlasste die neu gewählte Correa-Regierung 2007 zum Erlass eines landesweiten, sogenannten „Bergbaumandates“, durch das Konzessionen beendet wurden, bei denen weder eine Umweltverträglichkeitsprüfung noch eine Berücksichtigung der angestammten Ethnien stattgefunden hatten und das vorläufig neue Konzessionen verhinderte. Das Mandat wurde jedoch im Laufe der zehnjährigen Regierungszeit Correas immer weiter abgeschwächt und umgangen. Presseberichten zufolge „wandelte sich die Regierung zur enthusiastischen Verfechterin des Megabergbaus“, die mit neuen Konzessionen ausländischen Betreibern erhebliche territoriale Rechte einräumte.Silvia Ribeiro: Ecuadors Regierung gegen Indigene und Umweltschützer*innen, La Jornada/poonal, Mexiko-Stadt, 7. Januar 2017, in [amnesty-ecuador.de/Assets/Docs/Artikelsammlung2010-2016.pdf Amnesty Ecuador, Artikelsammlung2010-2016], S. 1–3.

Der Widerstand der Indigenen wurde zunehmend kriminalisiert. 2016 kam es in der Kommune Nankints zur gewaltsamen Räumung und Zerstörung des Ortes mit Hilfe der Armee, die von den 200 Bewohnern mit Gegenangriffen beantwortet wurde. Da die vorgeschriebene Abstimmung mit den Shuar im Vorfeld nicht stattgefunden hatte, war die Aktion unrechtmäßig. Bei den nachfolgenden schweren Auseinandersetzungen wurden mehrere Soldaten und Polizisten verwundet; ein Polizist kam ums Leben. Auf die Klärungsversuche des indigenen Dachverbandes CONFENIAE und der Umweltorganisation Acción Ecológica ging die Regierung nicht ein. Stattdessen eskalierte der Konflikt: Mehrere Anführer der Shuar wurden verhaftet, Acción Ecológica wurde angeklagt und über die Provinz wurde der Ausnahmezustand verhängt.

Sprache mini|Shuar-Grundschüler. Die meisten Dörfer verfügen über eine eigene Schule, in denen vorwiegend auf Spanisch unterrichtet wird. Die Bildungschancen sind im Vergleich zu den übrigen Ecuadorianern dennoch schlecht.