mini|Templerkreuz der rituellen Kultgewänder der Sonnentempler Die Sonnentempler (französisch: Ordre du Temple Solaire (O.T.S.)) waren eine fanatisch weltablehnende, international aktive Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie verstanden sich als moderner Rosenkreuzer-Orden und bezogen sich auf die Tempelritter. Die Sonnentempler sorgten als apokalyptisch ausgerichtete Sekte weltweit für Aufsehen, als 74 Mitglieder bei vier kollektiven rituellen Mord- und Suizid-Handlungen in den Jahren 1994, 1995 und 1997 ums Leben kamen. „Die Sonnentempler“ wurden unter dem offiziellen Namen Ordre International Chevaleresque De Tradition Solaire von Joseph Di Mambro und Luc Jouret gegründet.
Konsolidierung 1971 wurde Di Mambro in Nîmes wegen Betrugs angeklagt, weshalb er nach Annemasse umzog, wo er 1973 ein „kulturelles Zentrum für Entspannung“ und eine Yoga-Schule betrieb.
Dort gewann er seine ersten Anhänger, mit denen er in Collonges-sous-Salève eine Pyramide . Juni 1976 der „Tempel der Grossen Weissen Universellen Loge“ (Unter-Loge Pyramide) gegründet wurde.
Gründung der „Golden Way Foundation“ Am 12. Juli 1978 wurde im nahen Genf zusätzlich die Stiftung „Golden Way Foundation“ gegründet, welche die Aktivitäten der Gemeinschaft unter verschiedenen Namen koordinierte und der ab 1981 der Dirigent Michel Tabachnik, der den Kultführer Di Mambro seit 1977 kannte, als Präsident vorstand.Hugo Stamm: Im Bann der Apokalypse. Endzeitvorstellungen in Kirchen, Sekten und Kulten. Pendo, Zürich 1998, S. 211–213.Serge Pueyo, , Le Figaro Anfangs traf man sich zu kulturellen Anlässen und spirituellen Vorträgen. Der O.T.S. soll in dieser Phase 800 Mitglieder vor allem in Frankreich und der französischsprachigen Schweiz gehabt haben.
Geheimbündelei und Templerbezug Die Organisationsstruktur der als Geheimbund organisierten Sonnentempler kannte eine äußere und eine innere Schule: In der äußeren Gruppe wurden Interessenten für die innere esoterische Gemeinschaft selektiert, zu welcher nur ein auserlesener Kreis zugelassen wurde. Nur diese innere Kerngruppe durfte in separaten Kulträumen an den Ritualen Di Mambros teilnehmen, die esoterischen Logen Frankreichs nachempfunden waren. Bei diesen ritualmagischen Séancen inszenierte Di Mambro Manifestationen höherer Wesenheiten mithilfe einer ausgeklügelten Tricktechnik. Er legitimierte seine Praktiken mit Verweis darauf, angeblich auf Geheiß „Unbekannter Oberer“ Meister in Zürich zu handeln, die nur zu ihm Kontakt halten könnten. Der 1982 beigetretene belgische homöopathische Arzt Luc Jouret übernahm das Marketing und die Leitung der äußeren Gemeinschaft. Die Sektenmitglieder verstanden sich als moderner Rosenkreuzer-Orden und waren davon überzeugt, inkarnierte Rosenkreuzer zu sein, die das Werk ihrer Vorgänger vollenden müssten. Die Sonnentempler beriefen sich auf den 1119 gegründeten Templerorden, dem sie besondere Kräfte und ein Geheimwissen beimaßen, das ihnen auf okkultem Wege zuteilgeworden sei.Hugo Stamm: Im Bann der Apokalypse. Endzeitvorstellungen in Kirchen, Sekten und Kulten. Pendo, Zürich 1998, S. 201. 1314 wurden 54 Templer in Frankreich unter König Philipp dem Schönen als Ketzer verbrannt. Ideale sind Treue, Gehorsam und strikte Geheimhaltung. Die Sonnentempler blieben lange Zeit hindurch unauffällig und wurden in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.
Übernahme des „Ordre Rénové du Temple“ und Expansion Der zweite Chef der Sonnentempler-Sekte, Luc Jouret, übernahm 1983 die Macht im vom französischen AMORC-Grossmeister Raymond Bernard mitbegründeten Neo-Templer-Orden „Ordre Rénové du Temple“ (ORT),Lamprecht, Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. S. 111. nachdem dessen Leiter Julien Origas verstorben war. Jouret wandelte den pseudotemplerischen ORT in eine strikt auf ihn ausgerichtete rosenkreuzerische Geheimloge um, dessen Lehre ein Potpourri aus allen möglichen esoterischen, religiösen und okkulten Quellen war und besonders aus der theosophischen und rosenkreuzerischen Richtung gespeist wurde. Offiziell trat der ORT wie andere New-Age-Organisationen für das „Wassermannzeitalter“ ein und predigte Nächstenliebe, die Werte des „wahren“ Christentums und Umweltschutz. Intern wurden die Mitglieder jedoch stufenweise mit einer „Geheimlehre“ konfrontiert, die ein Licht- und Kraftmenschentum als Schulungsziel propagierte und die die Große weiße Loge des Sirius, die Sieben Wesenheiten der großen Pyramide von Gizeh und die Diener des Rosenkreuzes thematisierte. Jouret wurde Großmeister des ORT und brachte dessen Mitglieder in den Sonnentempler-Orden ein. Durch diese Fusion schloss sich auch eine Anhängergruppe in Québec, Kanada, an. Damit erhielten die Sonnentempler ein Standbein in Amerika. Der Orden weitete seine Tätigkeit aus, vor allem in Frankreich, der Schweiz und Kanada, aber auch in Belgien, Luxemburg und Australien. 1989 erreichte die Expansion der Sonnentempler mit 442 Mitgliedern ihren Höhepunkt: 187 in Frankreich, 90 in der Schweiz, 86 in Kanada, 53 in Martinique, 16 in den USA und 10 in Spanien. Diese stammten in der Regel aus Kreisen der gehobenen Mittelschicht, waren Ärzte, Techniker oder Künstler, in einigen Fällen äußerst wohlhabend.
Finanzielle Ausbeutung religiöser Motive In ihrem Idealismus folgten die Mitglieder kritiklos den fixen Weltflucht- und Rettungsvisionen ihrer Führer und traten neben ihrer Entscheidungsfreiheit auch ihr Geld und Vermögen an die beiden Gurus ab, die einen luxuriösen Lebensstil pflegten. Es flossen auch unbekannte Summen in noch nicht völlig aufgedeckte Sonnentempler-Aktivitäten. Die starke finanzielle Ausbeutung der Mitglieder wurde u. a. damit begründet, dass sie zu den als ausreichend angesehenen „100 ausgewählten Familien“ gehören würden, die in besonderen Enklaven (Landgütern in Frankreich, Kanada oder Mauritius) den erwarteten Weltuntergang überstehen würden, um das Überleben der Menschheit sicherzustellen. Auch nach den apokalyptischen Ritualmorden der Sekte fanden sich Gönner, die dem Orden über 20 Millionen Franken überwiesen haben sollen.Transit zum Sirius. Der Spiegel 1/1996, abgerufen am 23. Juni 2013. Der Regelbeitrag betrug wöchentlich 200 Franken. Es galt die Devise: Je reicher und spendenfreudiger, desto höher der Rang in der Ordenshierarchie. Diese Hierarchie wurde absolutistisch von Di Mambro und Jouret beherrscht. Wer weniger zahlen konnte, brachte mehr Arbeitsleistung ein. Luc Jouret und Joseph Di Mambro betrieben einen umfangreichen Handel mit internationalen Immobilien, die oft billig gekauft und über Wert verkauft wurden.
Ernährung und Heilslehre Die Sonnentempler waren Vegetarier, ernährten sich ausschließlich mit biologisch erzeugten Nahrungsmitteln, galten als kultiviert und sehr sanftmütig. Die Kultmitglieder fassten die Schöpfung ganzheitlich auf und sahen auch in den Steinen, Pflanzen und Tieren das Göttliche. Sie versuchten die kosmischen Gesetze und Lebensprinzipien zu erkennen und danach zu leben. Gnade und Bescheidenheit waren die zentralen Anliegen ihrer Heilslehre.Hugo Stamm: Im Bann der Apokalypse. Endzeitvorstellungen in Kirchen, Sekten und Kulten. Pendo, Zürich 1998, S. 218–220.
Bewusstseinskontrolle Di Mambro benutzte für Beweiszwecke wie der Scientology-Gründer Ron Hubbard einen „Spektrograph“ genannten Messapparat zur Indoktrination. Dieses Gerät habe es 33 Meistern ermöglicht, die Aura und Schwingungen aller Kultmitglieder zu bilanzieren. Durch die tiefenpsychologischen Manipulationstechniken der Sektenleitung bildeten sich kollektive Wahnvorstellungen, Realitätsverluste, Bewusstseinsstörungen und kindliche Paradiesvisionen heraus. Konditioniert durch die radikale Bewusstseinskontrolle wurden die Ordensanhänger in eine tödliche Scheinwelt, in die emotionale Regression und zusehends in eine Endzeitneurose getrieben.
Sozialleben und Kultus Di Mambro herrschte wie ein Despot und regelte das Sozialleben aller Mitglieder. Die meisten gingen weiter ihrem Beruf nach. Viele Sonnentempler taten sich zu Wohngemeinschaften in meist exklusiven Villen und Landgütern zusammen. Man pflegte vier bis fünf Andachten mit Meditationen pro Tag, sonntags oft bis zu acht Stunden pro Treffen. Der Arbeitstag weniger privilegierter Mitglieder begann morgens um 4 Uhr, die Arbeitskraft wurde umfangreich ausgebeutet. Vermögende Leute wurden zu Geldspenden veranlasst, bis zum Ruin. Di Mambro trennte Ehepaare und Familien nach Gutdünken und arrangierte neue Ehen, indem er Mitglieder nach „mystischen“ Gesichtspunkten zu „kosmischen Paaren“ verkuppelte. Die Angst vor Unreinheit wurde zielbewusst geschürt, zahlreiche Waschungen waren Pflicht, man musste sich gegen Erdstrahlen und sonstige Strahlungen schützen und strikte Nahrungstabus beachten.Hugo Stamm: Im Bann der Apokalypse. Endzeitvorstellungen in Kirchen, Sekten und Kulten. Pendo, Zürich 1998, S. 200–220.
Radikalisierungsphase Die Großmeister geben sich als okkulte „Übermenschen“ aus Zwischen 1979 und 1981 übernahmen Luc Jouret und Joseph Di Mambro die Führung des Sonnentempler-Ordens. Beide beanspruchten eine „gottähnliche“ Position für sich und umgaben sich mit dem Nimbus, okkulte „Übermenschen“ zu sein. So galt der Homöopath Jouret als „Wunderheiler“, und Di Mambro stellte sich als Großmeister des Sonnentempler-Ordens mit magischen Vermögen dar und inszenierte sich als Wiedergeburt von Osiris, Moses und eines mittelalterlichen Rittermönches.Marc-Roberts-Team: Lexikon des Satanismus und des Hexenwesens. V. F. Sammler Verlag, Graz 2004, ISBN 3-85365-205-0, S. 252. Jouret entfaltete eine rege Propaganda- und Vortragstätigkeit, meist zu Gesundheitsthemen. Er trat als Heiler auf, der nach Erfolg Dankbarkeit einforderte. Di Mambro wirkte als der geheimnisvolle Großmeister mit magischen Fähigkeiten, der das Schwert Excalibur führte bzw. durch ein anderes mittelalterliches Ritterschwert kosmische Kräfte leitete.
Lehre und Bezug zur Theosophie und spiritistischen Rosenkreuzer-Ideen Die Schriften Di Mambros zeigen Entsprechungen zu den theosophischen Schulen von Alice Ann Bailey und Annie Besant. Die Sonnentempler bezogen ihre Weltanschauung aus allen möglichen esoterischen, religiösen und okkulten Quellen, vor allem aber aus der modernen Theosophie der Okkultistin Helena Blavatsky und derselben elitären rosenkreuzerlerischen Richtung, die behauptet, ein exklusives Wissen einer tatsächlich existierenden, aber eben „unsichtbaren“ geheimen „Rosenkreuzer-Bruderschaft“ zu besitzen, als deren irdische Repräsentanten man sich verstand. Von Blavatsky entlehnte man die Idee von einer „Weißen Bruderschaft“, einem Kreis astral „Aufgestiegener Meister“, die gemäß Di Mambro in der eigentlichen Befehlszentrale der Sonnentempler in Zürich und auf dem Stern Sirius ihren Sitz hätten. Di Mambro und Jouret bezeichneten sich mehrfach als Inkarnationen „Aufgestiegener Meister“, darunter Jesus und Moses.Gerald Willms: Die wunderbare Welt der Sekten: Von Paulus bis Scientology. Vandenhoeck & Ruprecht; Auflage: 1. Auflage 2012, S. 293.
Die synkretistische Doktrin der Sonnentempler wurde von Jouret und Di Mambro zusammengestellt. Sie resultiert aus apokalyptischen Sonderlehren und Radikalisierungen, die zum Teil den Mythos bilden, der sich theoretisch an denselben Rezeptionsstrang von Rosenkreuzer-Ideen anlehnt, in denen namentlich die (wiederum unsichtbaren) „Älteren Brüder des Rosenkreuzes“, als Teil einer überirdischen Bruderschaft, genannt werden.Roland Edighoffer: Die Rosenkreuzer. München 1995, S. 79–80.Hans-Jürgen Ruppert: Der Mythos der Rosenkreuzer. EZW-Texte 2001, Nr. 160, S. 16–21.