mini|Blick von Südwesten auf die Nordseewerke mit dem Emder Binnenhafen im Vordergrund
Fosen Nordseewerke war eine Werft in Emden (Ostfriesland), die vor allem unter dem kürzeren Namen als Nordseewerke bekannt war.
Das Unternehmen hat eine wechselvolle Geschichte und war von 1952 bis 2010 ein Tochterunternehmen des ThyssenKrupp-Konzerns, zuletzt in deren Konzernbereich ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS). Die Werft zählte zu den größten deutschen Marinewerften. Bis 2009 hatte sie etwa 1400 Beschäftigte in den drei Bereichen Marineschiffbau, Handelsschiffbau und Schiffsreparatur. Große Teile der Werft wurden 2010 von der SIAG-Gruppe übernommen, die hier im großen Stil Bauteile für die Windenergiebranche fertigen wollte und 2012 zum Insolvenz-Fall wurde.
Nach einem weiteren Eigentümerwechsel wurde im Jahr 2015 über das Vermögen der Nordseewerke das Insolvenzverfahren eröffnet und die Gesellschaft aufgelöst.Mitteilung des Amtsgerichts Aurich HRB 202552 am 3. September 2015 Ende 2016 wurde der Bau von Schiffsteilen durch die Nordseewerke Emden Shipyard aufgenommen, die im August 2018 in die Insolvenz ging. Nach dem Einstieg der norwegischen Fosen Yards wird die Werft seit Anfang 2019 als Fosen Yard Emden GmbH weitergeführt. Diese meldete im Juni 2022 Insolvenz an.
Auf einem Teil des Geländes ist die Emder Werft und Dockbetriebe GmbH als Tochterunternehmen der im Schifffahrtssektor spezialisierte Hamburger Gesellschaft Seafort Advisors beheimatet. Seit 2020 firmiert diese als Emder Werft und Dock GmbH und ist Teil der Bremerhavener Benli-Gruppe. Dieses Unternehmen konzentriert sich auf die Aufgabe als Reparatur- und Servicewerft. Seit 2025 ist mit der EWD Benli Recycling GmbH & Co. KG eine Recyclingwerft Teil des Betriebs, es handelt sich hierbei um die erste deutsche Werft mit einer solchen Genehmigung. Im ehemaligen Hauptverwaltungsgebäude der Werft befindet sich bis heute ein Standort von ThyssenKrupp Marine Systems (Dezember 2025).
Geschichte mini|Aktie über 1000 Mark der Nordseewerke Emder Werft und Dock AG vom 29. September 1903 Nordseewerke Emder Werft und Dock Aktiengesellschaft (1903–1911) Das Unternehmen wurde im Jahr 1903 auf Initiative des Emder Oberbürgermeisters Leo Fürbringer als „Nordseewerke“ Emder Werft und Dock Aktien-Gesellschaft von rheinisch-westfälischen Unternehmern gegründet und zählte zu den ältesten Großwerften Deutschlands. Durch den Ausbau des Emder Hafens und den Bau des Dortmund-Ems-Kanals war Emden in kurzer Zeit zu einem der bedeutendsten Seehäfen des Ruhrgebiets aufgestiegen, was den Bau einer Werft lohnend erscheinen ließ.Thyssen Nordseewerke: Geschichte, abgerufen am 25. März 2009
Zunächst wurde auf einem 20 Hektar großen Gelände auf einer 225 m langen Querhelling als erster Neubau ein Schwimmdock von 2250 t gebaut.Eberhard Rössler: Die deutschen Uboote und ihre Werften. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1990, S. 258, ISBN 3-7637-5879-8 Anfänglich baute man diverse leichte Nutzschiffe. Da in Emden die Nachfrage nach den qualifizierten Werftarbeitern nicht allein gedeckt werden konnte, warb das Unternehmen auch Mitarbeiter in anderen norddeutschen Hafenstädten an. Die Nordseewerke trugen neben dem stark steigenden Hafenumschlag dazu bei, dass die Einwohnerzahl Emdens zwischen 1890 und 1910 um 65 Prozent zunahm.von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. S. 16 Die Werft geriet jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten, was 1908 zur vorübergehenden Schließung des Betriebes führte. Dies führte zu einer Abwanderung der Facharbeiter, die in anderen Städten angeworben wurden.
Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-Gesellschaft, Abt. Nordseewerke Emden (1912–1926) Die Stadt Emden griff ein, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Der Ausbau zu einer großen Werft erfolgte nach 1911, als der Industrielle Hugo Stinnes über die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG bei den Nordseewerken einstieg und der Bau von vier Längshellingen erfolgte. Durch die Inbetriebnahme der Großen Seeschleuse Emden im Jahr 1913 (damals eine der größten Schleusen der Welt mit 260 Metern Innenlänge) wurde der Bau auch größerer Schiffe möglich.
In den ersten Jahren ihres Bestehens bauten die Nordseewerke eher kleinere Schiffe; der größte bis 1914 abgelieferte Frachter hatte eine Tragfähigkeit von 2500 tdw. Dennoch war die Werft zum damaligen Zeitpunkt der größte Industriebetrieb der Stadt, über den im Nachhinein das Urteil gefällt wurde: „Die Beschäftigung der Nordseewerke wurde, neben dem Hafenbetrieb, zum Barometer für das Arbeits- und Wirtschaftsleben in Emden; es schwankte oft und stark.“Marianne Claudi, Reinhard Claudi: Goldene und andere Zeiten. Emden, Stadt in Ostfriesland. Gerhard-Verlag, Emden 1982, ISBN 3-88656-003-1, S. 180 Im Jahr 1914 zählten die Nordseewerke 1200 Beschäftigte.Dietmar von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. Eine Fallstudie zum Problem der historischen Kontinuität am Beispiel der Städte Emden und Aurich. (Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens nach 1945, Band 7). Verlag August Lax, Hildesheim 1991, ISBN 3-7848-3057-9, S. 17. Im Folgenden von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn.
Neben anderen, kleineren Industriebetrieben waren es vor allem die Nordseewerke, die in der bis dahin politisch liberal geprägten Hafen- und Handelsstadt Emden auch erstmals eine gewerkschaftliche und später sozialdemokratische Komponente in das städtische politische Leben brachten. In den Jahren der Weimarer Republik fasste zudem die KPD auf der Werft Fuß, bei Betriebsratswahlen allerdings setzten sich für gewöhnlich sozialdemokratisch orientierte Kandidaten gegen ihre kommunistischen Konkurrenten durch.
Vereinigte Stahlwerke AG Abt. Nordseewerke Emden (1926–1933) Im Zuge der Umwandlung des Stinnes-Konzerns wurde am 1. April 1926 der Name des Unternehmens in Vereinigte Stahlwerke AG Abt. Nordseewerke Emden geändert; in den folgenden Jahren der Weltwirtschaftskrise war die Werft wegen Auftragsmangels zeitweise stillgelegt und wurde ab 1. Januar 1934 als Nordseewerke Emden GmbH ein selbstständiger Betrieb. Sowohl im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg wurden in Emden eine Vielzahl von Booten und Schiffen für die Kaiserliche Marine bzw. die Kriegsmarine gebaut.
Die Weltwirtschaftskrise hatte auch auf die Nordseewerke tiefgreifende Auswirkungen, die einer zeitweiligen Schließung der Werft nahekamen: Während im Jahresdurchschnitt 1930 die Beschäftigtenzahl bei 1750 lag, waren 1931 zeitweise nur noch 30 Personen auf der Werft beschäftigt.von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. S. 76, Anm. 383
Nordseewerke Emden (1934–1952) Die Produktion auf den Nordseewerken wurde mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 auf Kriegsproduktion umgestellt.von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. S. 190 Im Laufe des Krieges kamen dabei auch ausländische Arbeiter zum Einsatz, zumeist Zwangsarbeiter, teils auch auf freiwilliger Basis Verpflichtete. Auf der Werft liefen zwischen 1941 und 1944 insgesamt 30 U-Boote vom Stapel: 26 vom Typ VII C (U 331 bis 350 und U 1101 bis 1106) und vier vom Typ VII C/41 (U 1107 bis 1110). Unter den Booten war auch das mit einer neuartigen Gummi-Ummantelung zur Absorption von feindlichen Sonarwellen versehene U 1105. Die Boote gingen entweder durch Feindeinwirkung verloren, wurden gegen Ende des Krieges durch die Kriegsmarine selbst versenkt oder nach Mai 1945 an die britische Royal Navy übergeben.
Während der Zeit des Nationalsozialismus in Emden war der Direktor der Nordseewerke Bruno Moeller zugleich Wehrwirtschaftsführer und SA-Obertruppführer gewesen.von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. S. 229 ff. Er wurde im Entnazifizierungsverfahren in die Kategorie IV eingestuft. Bei dieser Beurteilung wurde die „anscheinend relativ gute Behandlung von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern“ auf den Nordseewerken berücksichtigt. Zudem sei seine Tätigkeit als Direktor der Nordseewerke eine „unpolitische“ gewesen. Moeller wurde zu einer Geldstrafe von 500 DM verurteilt.von Reeken: Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. S. 276, Anm. 493
Nach 1945 standen die Nordseewerke nicht auf der Demontageliste. Bereits 14 Tage nach der Kapitulation nahm die Werft den Betrieb wieder auf, indem frühere Marineschiffe für zivile Zwecke umgebaut wurden.Bernard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1945 bis zur Gegenwart. In: Ernst Siebert, Walter Deeters, Bernard Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1750 bis zur Gegenwart. (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 7). Verlag Rautenberg, Leer 1980, , S. 317. Im Folgenden Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1945 bis zur Gegenwart. Ende 1945 belief sich die Mitarbeiterzahl auf 1200, bis zur Währungsreform 1948 sank sie jedoch wieder auf 800 bis 900, weil der Schiffsneubau von den Alliierten verboten worden war.
1947 genehmigte der Alliierte Kontrollrat den Bau von Fischdampfern. Der erste Neubau dieser Art, der 1949 vom Stapel lief, war der Dampfer Niedersachsen, der im Beisein von Niedersachsens Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) getauft wurde. Als Werftdirektor fungierte in jener Zeit Hans Pabelick. Der zweite Neubau wurde ebenfalls nach einem Bundesland Bayern getauft, wiederum im Beisein des damaligen Ministerpräsidenten, Hans Ehard. Bei den Nordseewerken wurde 1949 das zum damaligen Zeitpunkt größte Schiff der deutschen Handelsflotte repariert und danach erneut in Dienst gestellt. Es handelte sich dabei um den Turret-Decker Hermann Fritzen, der bereits 1906 gebaut und 1944 im Hamburger Hafen versenkt wurde. Dort wurde er gehoben, zur Reparatur nach Emden geschleppt und mithilfe des Landes Niedersachsen instand gesetzt. Der damals größte deutsche Frachter hatte eine Tragfähigkeit von 6580 Tonnen.Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1945 bis zur Gegenwart. S. 319 1950 legte die Werft in Zusammenarbeit mit Emder Reedern den Grundstock für den Wiederaufbau einer Emder Handelsflotte durch den Bau der so genannten „Potsdam-Schiffe“. Die ersten vier Schiffe wurden nach Emder Reedern Hendrik Fisser, Jacobus Fritzen, Heinrich Schulte und Wilhelm Nübel benannt.Schröer: Geschichte der Stadt Emden von 1945 bis zur Gegenwart. S. 317 f.
Zwischen 1951 und 1957 baute die Werft mehr als 20 Schiffe des sogenannten Typs Emden. Dabei handelte es sich um einen universell einsetzbaren Stückgutschiffstyp. Zur Emden-Klasse zählte auch das Frachtschiff Melanie Schulte, der um oder nach Weihnachten 1952 aus bis dato noch stets ungeklärter Ursache im Nordatlantik unterging.Gunther Hummerich, Wolfgang Lüdde: Der Wiederaufbau - Die 50er-Jahre in Emden. Verlag SKN, Norden, 1995, ISBN 3-928327-18-6, S. 109 ff. Der Verlust der Melanie Schulte gilt neben dem Untergang der Pamir 1957 und der München im Jahr 1978 als eines der größten Schiffsunglücke in der deutschen Handelsmarine der Nachkriegszeit.
Nordseewerke Emden (1952–1957) (Tochtergesellschaft der Rheinstahl Union Maschinen- und Stahlbau AG, Düsseldorf) 1952 wurde die Werft eine Tochterfirma der Rheinstahl Union Maschinen- und Stahlbau AG, Düsseldorf. Sie übernahm das auf zehn Millionen D-Mark erhöhte Stammkapital der Werft. In der Folge kam es zu einem massiven Ausbauprogramm: Es wurden nicht nur die letzten Kriegsschäden beseitigt, sondern auch die Helling und die Kapazitäten an den Kais erweitert. Hinzu kamen Anlagen für die Sektionsbauweise, also den nach und nach erfolgenden Bau von Teilen der neu zu erstellenden Schiffe, und ein Trockendock für Schiffe mit bis zu 40.000 tdw. Bis Ende 1953 wuchs die Belegschaft auf etwa 4000 Mitarbeiter, das Unternehmen erwirtschaftete in jenem Jahr einen Umsatz von rund 100 Millionen D-Mark.