Morbus Basedow (auch Morbus Basedowii, von lateinisch morbus „Krankheit“), Basedowsche Krankheit oder Graves-Krankheit (englisch Graves’ disease) ist eine auch Immunhyperthyreose genannte Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Die Erkrankung führt zu einer übermäßigen Produktion von Schilddrüsenhormonen (Schilddrüsenüberfunktion, Hyperthyreose) und geht häufig mit einer Schilddrüsenvergrößerung (Struma) oder einer Beteiligung der Augen (endokrine Orbitopathie) einher.
Während die Erkrankung in einem Teil der Fälle unter einer überbrückenden medikamentösen Therapie innerhalb von einem bis anderthalb Jahren von selbst wieder zum Stillstand kommt (Remission), ist in der Mehrzahl der Fälle eine Behandlung mittels Operation (Strumaresektion) oder radioaktiver Therapie (Radiojodtherapie) notwendig.
Synonyme Im deutschen Sprachraum wird die Erkrankung nach dem deutschen Erstbeschreiber Carl Adolph von Basedow (1840) benannt. Im englischsprachigen Raum wird die Krankheit nach dem irischen Erstbeschreiber Robert James Graves (1835) als Graves’ disease bezeichnet. Weitere Bezeichnungen sind Autoimmunthyreopathie Typ 3, Immunthyreopathie oder Immunhyperthyreose (IHT). Die Basedow-Krankheit ist außerdem unter den Bezeichnungen Begbie’s disease, Flajani’s disease, Flajani-Basedow syndrome, Marsh’s disease oder Parry’s disease in der Literatur bekannt.Ole Daniel Enersen: bei whonamedit.com
Geschichte mini|hochkant|Carl Adolph von Basedow
Erste Beschreibungen der Erkrankung stammen von Giuseppe FlajaniOle Daniel Enersen: bei whonamedit.com (1802), Caleb Hillier Parry (1825) und R. J. Graves (1835). Der in Merseburg tätige Arzt Carl von Basedow beschrieb 1840 die später als Merseburger Trias bekannte Symptomkonstellation aus Exophthalmus, Kropf und Tachykardie.J. Hädecke, U. Schneyer: Endokrinologische Befunde bei der endokrinen Orbitopathie. In: Klin Monatsbl Augenheilkd. Band 222, 2005, S. 15–18. doi:10.1055/s-2004-813646 abgerufen am 24. März 2008 Er deutete sie als „maskierte skrofulöse Dyskrasie des Blutes“ (Dyskrasie: nach Hippokrates falsche Zusammensetzung der Körpersäfte). Er behandelte das Syndrom mit jodhaltigem Mineralwasser.Barbara I. Tshisuaka: Basedow, Karl Adolf von. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 152. Robert James Graves hatte diese Symptomkombination bereits 1835 beschrieben und sie als Krankheit des Herzens interpretiert. www.whonamedit.com; abgerufen am 23. März 2008 Im Jahr 1886 wies Paul Julius Möbius den Bezug des Syndroms zu einer Überfunktion der Schilddrüse nach.
Zu den Chirurgen, die sich mit der Basedowschen Krankheit befassten, gehörten Theodor Billroth, der ab 1862 größere KropfoperationenFritz Spelsberg, Thomas Negele: Schilddrüse. 6. Auflage. S. Hirzel, Stuttgart 2005; 7., unveränderte Auflage ebenda 2008, ISBN 978-3-7776-1584-4, S. 16. durchführte, Theodor Kocher, der 1883 den Zusammenhang von Strumaresektion und folgender Hypothyreose publizierte (und 1909 den Nobelpreis für seine Schilddrüsenforschung erhielt),Wolfgang Wildmeister: Praktische Hinweise zur Schilddrüsen-Diagnostik. Hoechst Aktiengesellschaft 1984, S. 9–10: Geschichte der Schilddrüsenforschung. Ludwig RehnVgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 51. sowie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Johann von Mikulicz und Ferdinand Sauerbruch in Breslau.Ferdinand Sauerbruch: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 83–84 und 262–271.
Im Jahr 1942 wendeten S. Hertz und A. Roberts erstmals die Radiojodtherapie beim Morbus Basedow an.S. Hertz, A. Roberts: Application of radioactive iodine in therapy of Grave’s disease. In: J div. Band 21 (624), 1942 d-nb.info abgerufen am 10. März 2008.R. Paschke u. a.: Therapie der uni- oder multifokalen Schilddrüsenautonomie. In: Dtsch Arztebl. 2000; abgerufen am 10. März 2008. Edwin B. Astwood beschrieb 1943 die Therapie der Erkrankung mit dem Thyreostatikum 2-Thiouracil.Malte H. Stoffregen: Basedowsche Krankheit. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 152.
Verbreitung Zur Häufigkeit (Prävalenz) des Morbus Basedow in Deutschland gibt es keine genauen Angaben. Für Länder mit ausreichender Jodversorgung wird die Häufigkeit bei Frauen mit 2 %J. Larry Jameson, Anthony P. Weetman (für die deutsche Ausgabe: Jens Zimmermann und George Kahaly): Erkrankungen der Schilddrüse. In: Manfred Dietel, Joachim Dudenhausen, Norbert Suttorp (Hrsg.): Harrisons Innere Medizin. Berlin 2003, ISBN 3-936072-10-8. bis 3 % angegeben, für Männer mit ungefähr einem Zehntel davon. Die jährliche Neuerkrankungsrate (Inzidenz) liegt bei 1 auf 1000 Einwohner.J. R. Siewert, M. Rothmund, V. Schumpelick: Praxis der Viszeralchirurgie: Endokrine Chirurgie. Springer, Berlin 2007, ISBN 978-3-540-22717-5, S. 42 books.google.de
Der Morbus Basedow betrifft häufig Frauen im gebärfähigen Alter. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten, ein Drittel der Fälle findet sich vor dem 35. Lebensjahr, das Maximum liegt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. In Ländern mit guter Jodversorgung (wie beispielsweise den USA) ist der Morbus Basedow mit über 95 % der Fälle die häufigste Ursache für eine Hyperthyreose, in Ländern mit schlechter Jodversorgung ist dagegen die Schilddrüsenautonomie häufiger. Das gleichzeitige Auftreten von Morbus Basedow und Schilddrüsenautonomie heißt Marine-Lenhart-Syndrom; die Häufigkeit wird (für Patienten mit Morbus Basedow) mit 1 % angegeben.L.-A. Hotze, P.-M. Schumm-Draeger: Schilddrüsenkrankheiten. Diagnose und Therapie. Berlin, 2003, ISBN 3-88040-002-4.K. Mann, R. Hörmann: Antithyreoidale und TSH-suppressive Behandlung bei Morbus Basedow? In: Der Internist. Band 39, 1998, Nr. 6, S. 600–612, (online)
Schon Neugeborene können im Falle eines Morbus Basedow bei der Mutter eine Hyperthyreose und eine Struma aufweisen, weil die auslösenden Immunglobuline (TSH-Rezeptorautoantikörper) plazentagängig sind. Bei eigener manifester Erkrankung nach der Neugeborenenphase sind das Wachstum und die Knochenalterung beschleunigt.
Pathophysiologie Dem Morbus Basedow liegen mehrere Faktoren zu Grunde. Zum einen findet sich ein genetisch festgelegter Defekt des Immunsystems, zum anderen wird dieser durch bestimmte äußere Einflüsse verstärkt (psychosozialer bzw. emotionaler oder körperlicher Stress, Umwelteinflüsse (Rauchen), (Virus-)Infektionen); spezifische Auslöser sind allerdings nicht bekannt.W. Siegenthaler u. a.: Siegenthalers Differenzialdiagnose. Thieme Verlag, 2005, ISBN 3-13-344819-6, S. 490 ff., books.google.de Letztlich bricht die Selbsttoleranz gegenüber Antigenen der Schilddrüse zusammen, es resultiert eine Autoimmunkrankheit.
Die vom Körper gegen das Schilddrüsengewebe gebildeten Autoantikörper (Immunglobuline der IgG-KlasseK.-H. Niessen: Pädiatrie. Thieme Verlag, 2001, ISBN 3-13-113246-9, S. 242–243. books.google.de) binden an den Rezeptor für das Thyreotropin (Thyreoidea-stimulierendes Hormon, TSH). TSH ist das Hormon, das von der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) im Rahmen des thyreotropen Regelkreises gebildet wird.
Die TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK) haben eine intrinsische Aktivität am TSH-Rezeptor und stimulieren daher die Follikelepithelzellen der Schilddrüse. Die Jodaufnahme in die Schilddrüse wird gesteigert, die Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) werden vermehrt produziert und vermehrt ausgeschüttet. Es entsteht eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Das Wachstum des Schilddrüsengewebes wird angeregt, weshalb oft eine Größenzunahme der Schilddrüse (Struma) resultiert.
Es kommen aber auch TSH-Rezeptor-Antikörper ohne stimulierende Wirkung und solche mit blockierender Wirkung vor. Eine Änderung in der mengenmäßigen Zusammensetzung dieser Antikörper führt zu Änderungen im klinischen Verlauf der Erkrankung.
Das histopathologische Zeichen der Erkrankung sind lymphozytäre Infiltrate in der Schilddrüse, aber auch in den Augenmuskeln und im Subkutangewebe.
Der Morbus Basedow ist mit dem Antigen HLA-DR3 assoziiert. Als HLA-DR3-assoziierte Autoimmunerkrankung kommt er gehäuft zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen vor, wie Diabetes mellitus Typ1, Typ-A-Gastritis, Myasthenia gravis, Lupus erythematodes, Morbus Werlhof, Vitiligo, Morbus Addison und chronischer Polyarthritis.
Es gibt Hinweise, dass ein bestimmter Genotyp (MICA A5.1/A5.1) den Ausbruch der Erkrankung begünstigt, während ein anderer Genotyp (MICA A6/A9) sich eher schützend auswirkt.M. Ide u. a.: Polymorphismen des MICA-Mikrosatelliten bei thyreoidaler Autoimmunität. In: Medizinische Klinik. Urban & Vogel, Januar 2007, S. 11–15, (online)
Klinisches Bild mini|Endokrine Orbitopathie mit Lidretraktion und Exophthalmus Der Morbus Basedow manifestiert sich an der Schilddrüse und außerhalb der Schilddrüse. Der Zeitpunkt des Beginns der Beschwerden wird von den Patienten oft recht genau angegeben und fällt typischerweise mit äußeren Belastungen (zum Beispiel Prüfungen, Todesfälle in der Umgebung oder besondere berufliche Belastungen) zusammen.
An der Schilddrüse bewirken die Autoantikörper eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) und eine Schilddrüsenvergrößerung (Struma).
Typische Beschwerden bei Hyperthyreose sind Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Nervosität und Zittern (feinschlägiger Tremor), Sinustachykardie, Extrasystolen, Vorhofflimmern, Gewichtsverlust trotz Heißhunger, Wärmeintoleranz, Schweißausbrüche, warme feuchte Haut, gesteigerte Stuhlfrequenz, Schwäche der Muskulatur, Osteoporose und Zyklusstörungen bis hin zu vorübergehender Unfruchtbarkeit.Gerd Herold: Innere Medizin. Köln 2005.
Bei deutlicher Struma klagen die Patienten häufig über ein Druck-, Enge- oder Kloßgefühl im Hals, Missempfindungen beim Tragen enger Kragen, Schluckbeschwerden oder Luftnot bei Belastung.