mini|Jüdische Flüchtlinge aus Russland in Liverpool (1882) mini|Farbige Lithografie aus dem Jahr 1904 zur Situation der Juden im Russischen Reich

Der oder das Pogrom ( von ) steht für Hetze und gewalttätige Angriffe gegen Leben und Besitz einer religiösen, nationalen oder ethnischen Minderheit mit Duldung oder Unterstützung der Staatsgewalt. International entwickelte sich der Begriff ab 1881 aus den antijüdischen Angriffen im zaristischen Russland. Er ist in die Umgangssprache und die wissenschaftliche Fachsprache übergegangen.

Etymologie – Herkunft des Begriffs mini|The Times (London), 17. März 1882 – die erste Erwähnung des Wortes „Pogrom“ in einer englischsprachigen PublikationLaut Oxford English Dictionary

Der Begriff Pogrom stammt vom russischen .

Die russisch-deutschen Wörterbücher von 1798 bis 1911 übersetzen 1. „, a, m. die Verwüstung, Verheerung“, „Zertrümmerung;“ „2. das Ungewitter“, „Donnerwetter, die Hechelei“. Die zugehörigen Verben lauteten „, , , v. a. in kleine Stücke zerbrechen, zerschlagen; verheeren, verwüsten.“ und „[]- v. a. 1, verheeren, verwüsten (durch den Krieg); 2, auf’s Haupt schlagen (den Feind); zerstreuen; 3, zerschlagen, zertrümmern“.

Die internationale Verbreitung und Bedeutung des Begriffs Pogrom entwickelte sich aus den antijüdischen Übergriffen der Jahre 1881 bis 1883 in Russland.

Der Begriff Pogrom wurde in Deutschland ab etwa 1900 verwendet, die Konversationslexika führen den Begriff seit Anfang des 20. Jahrhunderts (Meyers 1908Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 65.), bereits in der Bedeutung der „Verwüstung“ bezogen auf den Überfall eines Teils der Bevölkerung auf einen anderen Teil, speziell mit dem Bezug zu den Judenhetzen in Russland im 19. Jahrhundert (Brockhaus 1911). 1982 lautete der Eintrag des russischen Wörterbuchs der Berliner Akademie der Wissenschaften ausschließlich: „ 2 Pogrom, Hetze und blutige Ausschreitungen gegen eine andere Nationalität, besonders gegen Juden“.

Bedeutung Das Pogrom wird soziologisch definiert als einseitige und höchstens gering organisierte, nicht-staatliche, von der Mehrheitsbevölkerung ausgehende Form extralegaler Gewalt, die sich gegen eine weitgehend wehrlose ethnische Gruppe richtet, wenn die Mehrheit keine Abhilfe des Staates gegen eine empfundene Normverletzung durch die Minderheit erwartet. Pogrome erfolgen somit auf lokaler Ebene.

Der Begriff Pogrom entstand aus den antijüdischen Ausschreitungen im zaristischen Russland – wenn auch diese Ausschreitungen selbst weder neu noch auf Russland beschränkt waren. Der Begriff entwickelte sich in der Sowjetunion weiter und war nicht mehr auf antijüdische Gewalt beschränkt, sondern wurde auch auf politische Unruhen, ab 1989 auf interethnische Gewalt angewandt. Im Westen hingegen blieb die antijüdische Bedeutung erhalten, bei Betonung der staatlichen Planung oder zumindest Billigung. Verbreitet werden unter dem Begriff einfach antijüdische Ausschreitungen verstanden.Werner Bergmann: Pogrom In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin/München/Boston 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 269.

Abgrenzung „riot“ und „Massaker“ Zur Abgrenzung des Begriffs Pogrom, wenn auch nicht in jedem Falle eindeutig und präzise möglich:

„riots“ stehen sowohl für die kollektive Gewalt einer sich benachteiligt fühlenden ethnischen Gruppe gegen die Mehrheit oder den Staat, wie auch für gewaltsame Übergriffe der Mehrheit gegen eine ethnische Minderheit. Eine Unterform der „riots“ sind die „communal riots“, bei denen eine ethnische Gruppe auf lokaler Ebene eine andere und deren Besitz angreift. Pogrome wiederum sind als Untergruppe eine spezifische Form dieser „communal riots“. Ihre Besonderheit ist, dass der Staat aktiv oder durch Unterlassen die Hetze und Gewalt ermöglicht; zudem sind die Angegriffenen eher in der Minderheit.

„Massaker“ haben gegenüber Pogromen einen höheren Organisations- und Bewaffnungsgrad der oft staatlichen Angreifer, zudem die Absicht, alle Angehörigen der angegriffenen Gruppe zu ermorden. Bei Massakern spielen spontan handelnde lokale Angreifer, Zerstörungen und Plünderungen eine untergeordnete Rolle.

Staatliche organisierte Gewalttaten sind nicht immer klar von Pogromen abzugrenzen, wenn „Volkswut“ als Pogrom inszeniert wird, da sich in einem solchen Umfeld die Bevölkerung zu Pogromen ermutigt fühlt und daraus lokale Gewalttaten (zusätzlich) entstehen können.

Geschichte Entstehung und Festigung des Begriffs „Pogrom“ mini|Opfer des Pogroms im russischen Jekaterinoslaw 1905, heute Dnipro/Ukraine, überwiegend jüdische Kinder

Ukraine im zaristischen Russland Das Judenpogrom von Odessa im Jahr 1821 war der erste Vorfall, der später als Pogrom bezeichnet wurde, dort folgten weitere Pogrome 1849, 1859, 1871 und wieder 1881.Frank Golczewski: Pogrome in Odessa. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Bd. 4: Ereignisse, Dekrete, Kontroversen. De Gruyter Saur, Berlin/Boston 2011, ISBN 978-3-598-24076-8, S. 289–292.

Die Pogrome von 1881 bis 1920 Erstmals im heutigen Sinne etabliert wurde der Begriff Pogrom, nachdem im März 1881 die Ermordung des Zaren Alexander II. von Russland durch die Untergrundorganisation Narodnaja Wolja fälschlich "den Juden" angelastet wurde. Die ab 15. April in Jelisawetgrad beginnenden jahrelangen Judenverfolgungen erfassten über 200 Orte im Gebiet der gesamten Ukraine, diese wurden mit dem Begriff Pogrom bezeichnet, der Begriff damit auch international bekannt.

Nach einer etwas ruhigeren Phase erreichte die Gewalt gegen Juden in Russland eine neue Stufe. Im April 1903 wurden bei dem Pogrom von Kischinjow 45 Juden ermordet, fast 600 verwundet und 1.500 Häuser geplündert. Die Gräueltaten wurden von den lokal Verantwortlichen wie von Polizei und Soldaten ermöglicht, die Anstifter nicht bestraft. Dieses besonders harte Pogrom sollte typisch sein für die folgenden Pogrome bis 1906. In weit über 600 Pogromen starben mehr als 3.100 Juden, über 15.000 wurden verletzt, größtenteils im Oktober 1905. Dabei wurden allein in Odessa 800 Juden ermordet und 5.000 verwundet, weitere fanden statt in Jekaterinoslaw (Dnipro), Kiew, Chișinău, Simferopol, Romny, Krementschuk, Nikolajew (Mykolajiw), Tschernihiw, Kamjanez-Podilskyj und Jelisawetgrad (Kirowohrad).Markian Prokopovych: Einführung in die Geschichte der Ukraine (Ringvorlesung an der Universität Wien, WS 2014)

Allein die Grüne Armee beging 31,7 Prozent der etwa 1500 Pogrome im Bürgerkrieg.

Ausschreitungen gegen Juden hielten bis 1917 an, dem Ende des Russischen Kaiserreichs. In der folgenden Zeit ereigneten sich noch weitaus blutigere Pogrome in der Ukraine, allein bis 1920 viele hundert, wenn nicht tausend, mit etwa 60.000 Opfern.

Die Machnowschtschina In den von der anarchistischen Machnowschtschina befreiten Gebieten waren Fälle antisemitischer Gewalt weit weniger häufig als im rechtsufrigen Teil der Ukraine. Dies lag daran, dass Antisemitismus von der Machnowschtschina hart bestraft wurde.

Die Anarchisten erkannten den Antisemitismus als ein Vermächtnis der zaristischen Autokratie, und erklärten ihm im Militärisch-revolutionären Rat (russisch: Военно-революционный Совет) den Krieg. Es waren zudem junge Juden, die wahrscheinlich den Kern der keimenden anarchistischen Bewegung in der Ukraine bildeten. Viele der einflussreichsten Personen der Machnowschtschina waren Juden, einschließlich einige ihrer bekanntesten Mitglieder, wie Fanya Baron und Aron Baron, Mark Mratchny und Volin.

Ein historisch dokumentierter Fall von Antisemitismus auf dem Gebiet der Machnowschtschina beschreibt, wie die verantwortlichen Antisemiten von den Anarchisten hingerichtet wurden. Die Kader der Antisemiten wurden erschossen und Waffen in den lokalen jüdischen Gemeinden verteilt, damit diese sich bei Bedarf selber verteidigen konnten.

Nationalsozialistisches Deutschland Nach Deutschlands Machtübergabe an Adolf Hitler kam es zu einer Zuspitzung des Antisemitismus, über längere Zeit mit noch sporadischen Gewaltakten gegen Juden. Anfang November 1938 war das Revolverattentat eines 17-jährigen Juden willkommener Anlass für die Verstärkung der antisemitischen NS-Propaganda. Den Tod des Opfers am 9. November nutzte Joseph Goebbels im Alten Rathaus in München zu einer Hassrede zum Schlag gegen die Juden, was seine Zuhörer an die SA und NSDAP im Deutschen Reich weitergaben. So traten die Schlägertruppen flächendeckend meist in Räuberzivil auf, um „spontanen Volkszorn“ zu inszenieren, auch Nachbarn schlossen sich als Täter an. Sie demolierten in den Novemberpogromen Schaufenster jüdischer Geschäfte, zündeten Synagogen an, verprügelten Unschuldige, verwüsteten Wohnungen von Juden. Die Feuerwehren griffen nur ein, um das Überschlagen des Feuers auf nichtjüdische Nachbargebäude zu verhindern. Bis 12. November waren in der „Reichskristallnacht“ 7.500 jüdische Geschäfte zerstört worden, zudem fast alle der weit über 1.000 Synagogen und Gotteshäuser. Geplündert wurde nach Kräften, so meldete ein Juwelier in Berlin die vollständige Ausräumung seines Geschäfts. Jüdinnen wurden vergewaltigt, nach offiziellen Angaben starben 91 Menschen, tatsächlich waren es mehr.

Pogrome in Europa In Europa gab es unzählige Pogrome. Hier werden nur die größeren und geschichtlich relevanteren Pogrom-Wellen und Pogrome gemäß obiger Definition dargestellt.

Mittelalter

Das Massaker von Granada war ein Pogrom an Juden, das 1066 in Granada zur Zeit der Herrschaft der Ziriden im islamischen Herrschaftsgebiet von al-Andalus stattfand. Es gilt als erstes Pogrom auf europäischem Boden. Am 30. Dezember stürmte eine muslimische Menschenmenge den Königspalast, kreuzigte den jüdischen Wesir Joseph ibn Naghrela, Sohn von Schmuel ha-Nagid, und massakrierte den Großteil der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Spätere muslimische Chronisten setzten die Opferzahlen in die Tausende,Wilhelm Hoenerbach (Hrsg.): Islamische Geschichte Spaniens: Übersetzung der Aʻmāl al-a'lām und ergänzender Texte. Artemis, Zürich/Stuttgart 1970, S. 422. nach manchen Quellen sollen mehr als 1.500 jüdische Familien, rund 4.000 Personen, ermordet worden sein. Moderne Historiker halten diese Angaben für klar übertrieben.Brian A. Catlos: Accursed, Superior Men: Ethno-Religious Minorities and Politics in the Medieval Mediterranean. In: Comparative Studies in Society and History. 56, 2014, S. 844–869, hier: S. 850 f. (Fußnote 16); . mini|Judenfeindlichkeit in der Weltchronik von Hartmann Schedel (1493)

Im europäischen Mittelalter begingen noch vor dem Aufbruch der „offiziellen“ Kreuzfahrerarmeen zum Ersten Kreuzzug verschiedene Heerhaufen die Pogrome von 1096. Statt in der Ferne die Muslime zu bekämpfen, übten sie in ihrem mittelalterlichen Antijudaismus „Rache“ an den Juden, die ihren Heiland gekreuzigt hätten. Dabei ging es um deren „Vertilgung“, es sei denn, sie nähmen den christlichen Glauben an. So plünderten und ermordeten sie in Mainz, Worms, Trier und der Kölner Gegend die Juden mit Beteiligung weiterer Bevölkerungsteile – etwa 2.500 bis 3.000 Juden kamen um.

In der Frühphase des Zweiten Kreuzzugs 1147 wiederholten sich die Morde und Zwangstaufen sowohl in Frankreich, im Rheinland und in Franken, wenn auch in geringerem Ausmaß. 1189 zettelten Kreuzfahrer in englischen Städten schwere Pogromen an, wie in Lincoln, Norwich, Lynn und Dunstable. In York flüchtete die große Judengemeinde in aussichtsloser Lage in den rituellen Suizid. 1236 wurden auch im Westen Frankreichs aufgrund neuer Kreuzpredigten Juden verfolgt, etwa 2.500 bis 3.000 starben. Vereinzelt begingen Kreuzfahrer weitere Pogrome, so 1196 in Worms und Wien, 1221 in Erfurt und 1235 in Fulda.