mini|hochkant|Filippo Tommaso Marinetti

Der Futurismus war eine aus Italien stammende avantgardistische Kunstbewegung, die aufgrund des breit gefächerten Spektrums den Anspruch erhob, eine neue Kultur zu begründen.

Der Einfluss des Futurismus geht wesentlich auf seinen Gründer Filippo Tommaso Marinetti und dessen erstes futuristisches Manifest von 1909 zurück.

Vor dem Ersten Weltkrieg 1909–1914 Gründungsmanifest

Am 20. Februar 1909 publizierte der junge italienische Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti in der französischen Zeitung Le Figaro sein „futuristisches Manifest“ und begründete damit die futuristische Bewegung:

„Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt. Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! … Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge …“Filippo Tommaso Marinetti: Gründung und Manifest des Futurismus (1909). In: Wolfgang Asholt, Walter Fähnders (Hrsg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909–1938). J.B. Metzler, Stuttgart 1995, S. 3–7, hier S. 4–5.Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus. In: Christa Baumgarth: Geschichte des Futurismus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 26–27; Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus. In: Evelyn Benesch, Ingried Brugger (Hrsg.): Futurismus – Radikale Avantgarde. Ausstellungskatalog BA-CA Bank Austria Kunstforum, Wien. Mazzotta, Mailand 2003, ISBN 88-202-1602-7, S. 263–265.

Hintergrund Trotz der häufigen Verwendung von „wir“ hat Marinetti das Manifest allein konzipiert. Geprägt wurde Marinetti dabei von seinem literarischen Freundeskreis, zu dem vor allem Symbolisten wie Guillaume Apollinaire, Joris-Karl Huysmans und Stéphane Mallarmé gehörten, die sich, zur Gewalt bekennend, gegen die herrschende bürgerliche Ordnung auflehnten. Mit ihnen stand Marinetti auch manchen Anarchisten wie Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin und vor allem Georges Sorel nicht fern und begrüßte die Attentate ihrer Aktivisten. Im Manifest findet man auch Gedankengut von Friedrich Nietzsche. Wie Nietzsches Zarathustra streben Marinettis Helden ihre Ziele allein gegen eine feindliche Welt und ohne Rücksicht auf ihr Umfeld gewalttätig an.

Neben Marinettis Ablehnung der (christlichen) Moral und seiner Frauenverachtung zeigt sich im Manifest das Fehlen jeglicher sozialer Bezüge. Nach einem abgeschlossenen Jura-Studium fasste er den Entschluss, nicht in die Fußstapfen seines erfolgreichen Vaters zu treten, sondern eine neue Kulturrichtung ins Leben zu rufen.

Das Manifest war als provokativer Tabubruch konzipiert, der Jugend, Gewalt, Aggressivität, Geschwindigkeit, Krieg und Rücksichtslosigkeit verherrlichte und den als „Passatisten“ (Anhänger des Vergangenen) bezeichneten etablierten Kulturträgern und deren Anhängern den Kampf ansagte. So wurde etwa im Manifest der futuristischen Maler (1910) erklärt, man wolle „den Kult der Vergangenheit, die Besessenheit für das Alte, die Pedanterie und den akademischen Formalismus zerstören“Umberto Boccioni, Carlo Dalmazzo Carrà, Luigi Russolo, Giacomo Balla, Gino Severini: Manifest der futuristischen Maler. In: Wolfgang Asholt, Walter Fähnders (Hrsg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909–1938). J.B. Metzler, Stuttgart 1995, S. 12–13, S. 13. und in einem weiteren, ebenfalls 1910 veröffentlichten Manifest exemplarisch gefordert, „das alte, von jahrhundertelanger Wollust erschöpfte und verblühte Venedig“ solle einem „industriellen und militärischen Venedig“ weichen („Beeilen wir uns, die kleinen stinkenden Kanäle mit dem Schutt der alten fallenden und aussätzigen Paläste zuzuschütten“).Libero Altomare (Remo Mannoni), Umberto Boccioni, Aroldo Bonzagni, Paolo Buzzi, Carlo Dalmazzo Carrà, Enrico Cavacchioli, Luciano Folgore, Gastone Gorrieri, Filippo Tommaso Marinetti, Armando Mazza, Aldo Palazzeschi, Luigi Russolo, Gino Severini: Manifest gegen das passatistische Venedig. In: Wolfgang Asholt, Walter Fähnders (Hrsg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909–1938). J.B. Metzler, Stuttgart 1995, S. 16. Die Zerstörung von Bibliotheken, Museen und Akademien als Hort des Passatismus (überlebte Anschauungen) sollte der neuen Kultur den Weg ebnen und Italien eine neue kulturelle Identität verleihen.Giovanni Lista: Was ist Futurismus? In: Ingo Bartsch, Maurizio Scudiero (Hrsg.): ...auch wir Maschinen, auch wir mechanisiert! ... Die zweite Phase des italienischen Futurismus 1915–1945. Ausstellungskatalog Museum am Ostwall, Dortmund. Kerber-Verlag, Dortmund 2002, ISBN 3-933040-81-7, S. 30–39.

Selbst dieses provokative Manifest wäre im skandalgewohnten Paris wohl über ein Tagesgespräch nicht hinausgekommen, hätte nicht Marinetti das in Künstlerkreisen geweckte Interesse dazu genützt, einen Kreis junger Künstler um sich zu scharen und zu konzertiertem Schaffen zu bewegen, was er durch finanzielle Zuwendungen zu fördern verstand.

Präsentation Zum Grundritual des Futurismus gehörten die zahlreichen Manifeste, mit denen sich der Futurismus in seiner Gesamtheit und in seinen Teilbereichen präsentierte.

Was den Futurismus von anderen Kunstrichtungen deutlich unterschied und zu dessen Verbreitung entscheidend beitrug, war die Art der Präsentation. Marinettis Serate futuriste (Futuristische Abende), die er ab 1910 vor allem in norditalienischen Theatersälen veranstaltete, sollten primär provozieren.Francesca Talpo: Chronologie des Futurismus 1909–1918. In: Evelyn Benesch, Ingried Brugger (Hrsg.): Futurismus – Radikale Avantgarde. Ausstellungskatalog BA-CA Bank Austria Kunstforum, Wien. Mazzotta, Mailand 2003, ISBN 88-202-1602-7, S. 233. Deshalb begannen solche Abende grundsätzlich mit der verbalen Herabsetzung der jeweiligen Stadt und ihrer Bürger. Anschließend wurden Manifeste verlesen, futuristische Kunstwerke gezeigt, futuristische (Geräusch-)Musik gespielt sowie Ausschnitte aus futuristischer Theaterkunst geboten. Solche Abende waren aus der Sicht Marinettis nur dann erfolgreich, wenn es spätestens zu Ende der Veranstaltung zu einem Tumult mit Einschreiten der Sicherheitskräfte kam und das Medienecho entsprechend groß war.

Auf dem so gewonnenen Bekanntheitsgrad aufbauend, wurde die futuristische Wanderausstellung, die am 30. April 1911 in Mailand startete, ein voller Erfolg.Francesca Talpo: Chronologie des Futurismus 1909–1918. In: Evelyn Benesch, Ingried Brugger (Hrsg.): Futurismus – Radikale Avantgarde. Ausstellungskatalog BA-CA Bank Austria Kunstforum, Wien. Mazzotta, Mailand 2003, ISBN 88-202-1602-7, S. 235. 1912 ging man mit der Ausstellung ins Ausland, wo sie bis Kriegsbeginn blieb. Die wichtigsten Stationen waren Paris, London (2 mal), Berlin (2 mal), Wien, Brüssel, Den Haag, Amsterdam, München, Budapest, Rotterdam, Karlsruhe, Leipzig, Rom und St. Petersburg. Fast überall zeigten sich Besucher und Kritiker von der Vielfältigkeit und Eindringlichkeit der Darbietung beeindruckt, besonders stark war die Wirkung auf die lokale Kunstszene.Caroline Tisdall, Angelo Bozzola: Futurism. Thames & Hudson, London 1985 (EA 1977), ISBN 0-500-20159-5. Nachdruck: Thames & Hudson, London 2010, ISBN 978-0-500-20159-6

Malerei mini|Umberto Boccioni, Dinamismo di un ciclista, 1913, Öl auf Leinwand, 70 × 95 cm

Die Malerei wurde neben der Bildhauerei zur führenden Kunstrichtung im Futurismus. Das Manifest der futuristischen Maler präsentierte Umberto Boccioni als der unbestrittene Doyen der Gruppe am 11. Februar 1910 in Turin. Unterzeichner waren neben Boccioni Giacomo Balla, Luigi Russolo, Gino Severini und Carlo Carrà.Umberto Boccioni, Carlo Dalmazzo Carrà, Luigi Russolo, Giacomo Balla, Gino Severini: Manifest der futuristischen Maler. In: Wolfgang Asholt, Walter Fähnders (Hrsg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909–1938). J.B. Metzler, Stuttgart 1995, S. 12–13; Christa Baumgarth: Geschichte des Futurismus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 49 ff. Das Manifest wandte sich mit einem Schrei der Auflehnung gegen den „fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit“ an die jungen Künstler des Landes. Gepriesen wurde jede Form von Originalität, eingefordert wurde der Mut zur Verrücktheit sowie die Wiedergabe des täglichen Lebens. Abgelehnt wurden: Der Kult der Vergangenheit, die Besessenheit für das Alte, die Pedanterie, der akademische Formalismus, jede Form der Nachahmung, alle schon abgenutzten Themen und Motive und die Kunstkritiker.