mini|Miranda July (2007)

Miranda July (* 15. Februar 1974 als Miranda Jennifer Grossinger in Barre, Washington County, Vermont) ist eine US-amerikanische Multimediakünstlerin. Sie ist Regisseurin, Drehbuchautorin, Schauspielerin, Schriftstellerin, Performancekünstlerin und Musikerin.

Leben July wurde in Barre, einer Stadt im Nordosten der USA, geboren. Ihre Eltern sind Lindy Hough und Richard Grossinger, beides Schriftsteller und waren Dozenten am dortigen Goddard College. Robert Grossinger ist Julys etwa fünf Jahre älterer Bruder. Die Familie, die July als „typische d.i.y.-Familie“ bezeichnet, zog bald nach Berkeley, Kalifornien, wo July aufwuchs. Die Eltern betreiben seit 1974 den Verlag North Atlantic Books, der Bücher über Spiritualität, Kampfkunst und alternative Heilkunde vertreibt.Katrina Onstad: Miranda July Is Totally Not Kidding. In: The New Yorker, 14. Juli 2011 (englisch). Laut eigener Aussage schrieb sie mit sechs Jahren ein erstes Buch, das sie Lost Child nannte und das bereits spätere Themen ihrer Arbeit andeutet. In dem Buch wird ein Mädchen von einer Stimme aus dem Haus gelotst, erlebt Abenteuer, landet im Gefängnis und muss von ihrem Vater gerettet werden. Mit sieben Jahren begann sie Tapes mit Gesprächsfragmenten zu besprechen, die sie beim Abspielen live zu „Gesprächen“ ergänzte.Karen Durbin: Young Filmmaker Tells Hollywood It Can Wait. In: The New York Times, 19. Juni 2005 (englisch).

Seit dem Teenageralter ist Miranda Grossinger mit der späteren Musikerin Johanna Fateman (Le Tigre) befreundet. Zusammen mit Fateman gründete sie das Fanzine Snarla. Die beiden Mädchen schrieben in Geschichten wie Snarla in Love ihre Erfahrungen nieder. Snarla erschien in den 1990er-Jahren in sechs Ausgaben, verteilt über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren. Vertrieben wurde das Fanzine von der Riot Grrrl Press.Johanna Fateman: In: letigreworld.com, abgerufen am 6. Januar 2012 (englisch). Im Alter von 16 Jahren wählte Grossinger den Künstlernamen July (eine Figur aus den Snarla-Geschichten) für die Präsentation ihres ersten Stücks The Lifers. Das Stück wurde in einem Punk-Club in Berkeley aufgeführt. Inspiriert wurde sie dazu durch die Brieffreundschaft mit einem inhaftierten Mörder, den sie auf eine Zeitungsannonce hin kontaktiert hatte.

1992 führte July ihre erste feministische Aktion aus. Sie fertigte ein Plakat an, das die wiederholten sexuellen Übergriffe in ihrer Schule anprangerte und setzte ihren Schuldirektor unter Druck, die Situation zu bereinigen. Sie bewirkte so, dass eine Gruppe queerer Aktivisten in die Schule eingeladen wurde, die die Schüler und Schülerinnen über Sexismus aufklärten und wie man sich vor Übergriffen schützen kann. Diese Erfahrung, politisch wirksam zu sein, bewog sie dazu, sich in der feministischen Riot-Grrrl-Bewegung zu engagieren.Miranda July: Hands off. In: rookiemag.com, 19. September 2011 (englisch).

Miranda July brach im zweiten Studienjahr ihr Studium an der University of Santa Cruz ab. Inspiriert durch einen Freund aus der Highschool-Zeit, der ein Studium am Portland Reed College begann, zog July nach Portland, wo sie mit anderen jungen Frauen in einer Wohngemeinschaft lebte. Sie war Sängerin der Band The Need.Regina Hackett: A moment with … performance artist/filmmaker Miranda July. In: Seattle Post-Intelligencer, 29. Juni 2005 (englisch). Mit Radio Sloan, der Gitarristin von The Need, lebte Miranda July in dieser Zeit als Paar zusammen. In: Zündfunk Generator, Bayern 2, Ursendung am 3. April 2016 Ebenfalls in dieser Zeit begann sie, Performances zu entwickeln und im Rahmen von Riot-Grrrl-Veranstaltungen aufzuführen.Leilani Clark: Floating in the Future. In: bohemian.com, 24. August 2011 (englisch). Seitdem ist sie mit der Musikerin und Schauspielerin Carrie Brownstein befreundet. Carrie Brownstein und Miranda July gründeten 2002 eine selbstorganisierte Schauspiel-Übungsgruppe in Portland.Margaret Talbot: Stumptown Girl. In: The New Yorker, 2. Januar 2012 (englisch). In den 90er Jahren knüpfte July Verbindungen zur Independent-Szene in Olympia und zur Portlander Film- und Video-Community, z. B. zu Harrell Fletcher und Matt McCormick, mit denen sie später zusammenarbeitete. Bis etwa 1997 sicherte July sich ihren Lebensunterhalt mit einem Job bei einem Schlüsseldienst für Autotüren, seitdem lebt sie von ihrer künstlerischen Arbeit.

Künstlerische Karriere 1995 startet Miranda July das partizipative Videoprojekt Joanie 4 Jackie, ein all girl video chain letter. Sie sammelte, kuratierte und kompilierte Kurzfilme von ausschließlich weiblichen Filmemacherinnen auf Videokassetten, die sie allen Mitwirkenden und Abonnenten zuschickte. July veröffentlichte bis 2008 18 Joanie 4 Jackie-Editionen, sogenannte „Kettenbriefe“, zu denen sie selbst Kurzfilme beitrug.Cover einer Joanie 4 Jackie-Edition Sie wollte den Undergroundfilmen durch diese Editionen eine gewisse Öffentlichkeit verschaffen. Eine weitere Motivation für sie war ihr Interesse für die Arbeitsweisen der Filmemacherinnen. July hatte keine formale künstlerische Ausbildung erhalten, brauchte aber für ihre Entwicklung als Filmemacherin Anreize und Vorbilder, von denen sie lernen wollte. July sagte über Joanie 4 Jackie: „That was my film school.“ Bis 2008 produzierte July etwa acht Kurzfilme, einige davon sind im Zusammenhang mit ihren Performances entstanden.

Zwischen 1998 und 2002 entwickelte Miranda July ihre Karriere als Performance-Künstlerin. Von 1998 bis 2000 führte sie ihre erste abendfüllenden Performance Love Diamond an Kunstorten in den USA auf: dem New York Video Festival, dem New Yorker Art-Space The Kitchen, dem Yo-yo a Go-go in Olympia. Im Jahr 2000 entwickelte sie ihre zweite abendfüllende Performance The Swan Tool, die im Institute of Contemporary Arts in London, dem Guggenheim Museum (New York), dem New Yorker Museum of Modern Art, dem Portland Institute for Contemporary Art, beim International Film Festival Rotterdam und im Walker Art Center in Minneapolis gezeigt wurde.

Ihre ersten Erfolge im Filmgeschäft feierte sie im Jahre 2005 auf dem Sundance Film Festival und bei den Filmfestspielen in Cannes, wo sie mit ihrem ersten Langfilm Ich und Du und Alle, die wir kennen, der das Festival eröffnet hatte, die Caméra d’Or, die Auszeichnung für das beste Debüt, und andere Preise gewann. Miranda July drehte ihren zweiten Langfilm The Future im Jahr 2010 auf der Grundlage der interaktiven Performance „Things We Don’t Understand and Definitely Are Not Going to Talk About“. The Future wurde von den Produktionsfirmen Film4 und der deutschen Razor Film Produktion GmbH produziert. Aufgrund der Wirtschaftskrise in den USA und dem darauffolgenden Einbruch im Indiefilmsektor suchte sich July Sponsoren in Europa, u. a. in Deutschland. Das Medienboard Berlin-Brandenburg förderte die Produktion mit 200.000 €. Aufgrund Förderbedingungen der deutschen Sponsoren waren deutsche Filmschaffende am Dreh beteiligt wie z. B. der Kameramann Nikolai von Graevenitz, der auch mit der Regisseurin Maren Ade arbeitet, sowie der Filmeditor Andrew Bird, der alle Filme von Fatih Akin geschnitten hat.Website des Films The Future

Miranda July erfuhr Unterstützung in ihrer Karriere von Miguel Arteta, Regisseur und Schriftsteller, und von Rick Moody, einem Schriftsteller und Freund ihrer Familie. Im Jahr 2002 war Moody im Publikum bei Julys Performance The Swan Tool im New Yorker Artspace The Kitchen anwesend, woraufhin sie ihm einige Seiten ihrer Schreibversuche schickte. Er bemerkte die fehlende formale schriftstellerische Ausbildung Julys und ihren Mangel an Gestaltungssicherheit, schätzte jedoch sehr die Weirdness ihrer Schreibweise. Im selben Jahr veröffentlichte Rick Moody eine erste Kurzgeschichte von Miranda July in der von ihm kuratierten Ausgabe des Mississippi-Review. Bis zum Jahr 2007 veröffentlichte sie etwa zwölf weitere Kurzgeschichten in unterschiedlichen Literaturzeitschriften. Diese erschienen dann gesammelt im Kurzgeschichtenband No One Belongs Here More Than You, mit dem July den mit 35.000 Euro dotierten Cork City-Frank O’Connor Short Story Award gewann. Der Band wurde ein Bestseller.

Preise 2004: Miranda July ist Nr. 1 der „25 New Faces of Indie Film“ des Filmmaker Magazine 2005: Special Jury Prize beim Sundance Film Festival für den Film Ich und Du und Alle, die wir kennen (Originaltitel: Me and You and Everyone We Know) Caméra d’Or (Goldene Kamera) beim Filmfestival in Cannes Bestes Debüt beim Philadelphia Film Festival Publikumspreis beim San Francisco International Film Festival Publikumspreis beim Los Angeles Film Festival 2007: Cork City-Frank O’Connor Short Story Award für den Kurzgeschichtenband No One Belongs Here More Than You 2011: Nominierung des Spielfilms The Future für den Goldenen Bären der Internationalen Filmfestspiele von Berlin

Rezeption Sie wird zu einer neuen Generation US-amerikanischer Schriftsteller gezählt, die sich vor allem auf das Genre der Kurzgeschichte spezialisiert haben. Im Jahre 2007 ist eine Sammlung ihrer Kurzgeschichten unter dem Titel No One Belongs Here More Than You erschienen, die bereits Anfang 2008 auch auf Deutsch vorlag. Der Spiegel-Online-Rezensent nannte diese Sammlung das Aufregendste und Originellste seit Raymond Carver.Peter Henning: Drei Damen mit Chill. In: Spiegel Online, 16. April 2007.

July wird mit steigendem Bekanntheitsgrad als Ikone der Popkultur rezipiert. Sie erhält große Mengen Post von ihren Fans aus der ganzen Welt, die mittlerweile einen ganzen Raum ihres Büros füllt. In ihren Arbeiten kommt eine spielerische Leichtigkeit, hippieske Versponnenheit und kindliche kreative Freiheit zum Ausdruck, die gepaart mit einer gewissen Verschrobenheit den Nerv der Zeit ins Schwarze trifft. Miranda July ist mit ihrem Werk und ihrer deutlich sichtbaren Eigenwilligkeit bei gleichzeitiger Stilsicherheit eine starke Identifikationsfigur für jüngere Menschen mit Hipster-Ambitionen und Indie-Background.

July ist bemüht, das Bild von ihr in der Öffentlichkeit entscheidend mitzubestimmen. Bei Fotoshootings achtet sie genau – wie in ihren Filmen – auf alle Details ihrer Erscheinung. Fotos von Miranda July sind durch ihre klar gestalteten Details sehr narrativ.Anne Philippi: Eine Begegnung mit Miranda July. In: Annabelle, 23. November 2011.

Familie July ist mit dem Filmemacher Mike Mills verheiratet, sie hat eine Tochter.

Werke mini|hochkant|Miranda July bei den National Book Awards (2024)

Literatur Jack and Al, Kurzgeschichte, veröffentlicht im Mississippi-Review im Herbst 2002 The Moves, Tin House, Frühling 2003 This Person, Bridge, Frühling 2003 Birthmark, Kurzgeschichte, in: The Paris Review 165, Frühling 2003; auch veröffentlicht in: The Paris Review Book of People With Problems, Picador, 2005 Making Love in 2003, Kurzgeschichte, in: The Paris Review 167, Herbst 2003 It Was Romance, in: Harvard Review, Herbst 2003 The Man On The Stairs, Fence, Sommer 2004 The Boy from Lam Kien, Chapbook, Cloverfield Press, 2005 (Kurzgeschichte) The Shared Patio, Zoetrope All-Story, Winter 2005 Me and You and Everyone We Know (Auszug aus dem Drehbuch des gleichnamigen Films), in: The Best American Nonrequired Reading, hg. von Dave Eggers, Houghton Mifflin, 2006 Something That Needs Nothing, Kurzgeschichte, veröffentlicht in The New YorkerMiranda July: Something That Needs Nothing. In: The New Yorker, 18. September 2006 (englisch). How to Tell Stories to Children, Zoetrope All-Story, Winter 2006 Majesty, in: McSweeney’s Quarterly Concern, Ausgabe 21, Winter 2006 The Swim Team, Harper’s, January 2007 No One Belongs Here More Than You. Stories. Scribner, New York 2007 (ein Band mit 16 Kurzgeschichten, Übersetzungen ins Italienische, Französische, Deutsche, Spanische, Niederländische, Russische, Hebräische u. a.) Auf Deutsch: Zehn Wahrheiten. Stories. Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-06605-0.