hochkant=1.2|mini|Heinrich August Winkler (2014) Heinrich August Winkler (* 19. Dezember 1938 in Königsberg/Preußen) ist ein deutscher Historiker. Er lehrte als Professor an der Freien Universität Berlin, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Buchveröffentlichungen zur Geschichte der Weimarer Republik, zu Deutschlands „lange[m] Weg nach Westen“ und zur Geschichte des Westens seit den antiken Anfängen fanden in der Medienöffentlichkeit ein breites Echo. Winkler gilt als einer der bedeutendsten deutschen Historiker der GegenwartKonrad H. Jarausch: Rezension zu: Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, Bd. 2: Deutsche Geschichte vom 'Dritten Reich' bis zur Wiedervereinigung. München 2000. In: H-Soz-Kult, 4. April 2001. und ist zudem eine gefragte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Am 8. Mai 2015 hielt er im Deutschen Bundestag die Rede zum 70-jährigen Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. Neben anderen Auszeichnungen erhielt er 2018 das Große Bundesverdienstkreuz.

Leben Heinrich August Winkler wurde als Sohn des Wissenschaftlichen Assistenten Theodor Winkler (1904–1939) und dessen Frau Brigitte, geb. Seraphim (1914–1972), in der ostpreußischen Provinzhauptstadt Königsberg geboren. Er entstammt dem evangelischen Bildungsbürgertum. Beide Eltern waren promovierte Historiker. Winklers Großvater väterlicherseits, August Winkler (1872–1938), war Rektor der Lutherschule in Mansfeld im Südharz und später evangelischer Pfarrer in Berlin; unter den väterlichen Vorfahren finden sich mindestens zehn Pastoren.Winkler, Warum es so gekommen ist, S. 15f.Vgl. Hans Rothfels: Geleitwort, in: Theodor Winkler: Johann Gottfried Frey und die Entstehung der preußischen Selbstverwaltung, Stuttgart 1957, S. V. Die Mutter, eine Tochter des deutschbaltischen Historikers und Direktors an der Königsberger Staats- und Universitätsbibliothek August Robert Seraphim (1864–1924), arbeitete als Lehrerin. Sie verließ Ostpreußen bereits im August 1944 zusammen mit ihrer Mutter und dem fünfjährigen Sohn und siedelte ins von der näher rückenden Roten Armee weit entfernte Württemberg über, wo die Familie das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte. Winkler wuchs in Urspring im Donautal nahe Ulm heran, wo die Mutter an der Urspringschule, einem evangelischen Internat, eine Anstellung als Lehrerin fand.Heinrich August Winkler: Geschichte in praktischer Forschungsabsicht. Ein Rückblick auf bewegte Zeiten, in: Christof Dipper/Heinz Duchhardt (Hrsg.): Generation im Aufbruch. Die Geschichtswissenschaft in Deutschland im Spiegel autobiographischer Porträts, Köln u. a. 2024, S. 223–240, hier S. 224. Er besuchte die Grundschule in Schelklingen und Klingenstein (Württemberg) und legte im Februar 1957 am altsprachlichen Humboldt-Gymnasium in Ulm das Abitur ab.

Noch in seiner Schülerzeit nahm Winkler 1956 als 17-jähriger Berichterstatter für die Ulmer Nachrichten am 23. Deutschen Historikertag in Ulm teil und empfing starke Eindrücke unter anderem von den Mediävisten Hermann Heimpel und Herbert Grundmann sowie von Hans Freyer.Michael Borgolte: Königsberg – Deutschland – Europa. Heinrich August Winkler und die Einheit der Geschichte (Festvortrag anlässlich des 65. Geburtstages, S. 11). Heinrich August Winkler am 3. September 1999 im Interview, in: H-Soz-Kult, Interviewer: Jens Hacke und Marcel Steinbach-Reimann. Zudem leitete er einen Schülerarbeitskreis (das Politische Seminar der Ulmer Jugend), der regelmäßig Politiker zu Diskussionen einlud und selbst Fahrten etwa zum Deutschen Bundestag nach Bonn, zur Beratenden Versammlung des Europarats nach Straßburg oder zur Französischen Nationalversammlung nach Paris organisierte.Heinrich August Winkler: »Warum haben wir nicht den Mut gehabt, kritische Fragen zu stellen?« In: Rüdiger Hohls, Konrad H. Jarausch (Hrsg.): Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, Stuttgart/München 2000, S. 369–382, hier: S. 369.

Als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes studierte Heinrich August Winkler seit dem Sommersemester 1957 Geschichte, Philosophie, Germanistik, Soziologie, Öffentliches Recht und Wissenschaftliche Politik zunächst an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, seit dem zweiten Semester dann an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen – unterbrochen von einem Semester an der Universität Heidelberg 1958/59. In Münster studierte er bei Herbert Grundmann, Manfred Hellmann, Joachim Ritter, Ludger Oeing-Hanhoff und Hans Freyer; besonders beeindruckte ihn allerdings der Rechtshistoriker und Soziologe Eugen Rosenstock-Huessy. In Heidelberg studierte Winkler bei Werner Conze, Ernst Forsthoff und Karl Löwith, in Tübingen bei Hans Rothfels, Theodor Eschenburg, Ralf Dahrendorf und Ernst Bloch sowie – mit Blick auf zeitgeschichtliche Themen – bei Rothfels’ Assistenten Waldemar Besson und Friedrich Hiller von Gaertringen.Heinrich August Winkler am 3. September 1999 im Interview, in: H-Soz-Kult, Interviewer: Jens Hacke und Marcel Steinbach-Reimann. Vgl. Heinrich August Winkler: »Warum haben wir nicht den Mut gehabt, kritische Fragen zu stellen?« In: Rüdiger Hohls, Konrad H. Jarausch (Hrsg.): Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, Stuttgart/München 2000, S. 369–382, hier: S. 371. mini|Deckblatt der Tübinger Dissertation von 1963 Im Herbst 1960 begann Winkler in Tübingen mit den Vorarbeiten zu seiner Dissertation über die nationale Politik der Deutschen Fortschrittspartei in den Jahren 1861 bis 1866, die von Rothfels – bei dem 1931 bereits sein Vater die Doktorarbeit geschrieben hatte – betreut wurde und mit der Winkler im Juni 1963 promoviert wurde (Zweitgutachter war Theodor Eschenburg). Anschließend war er von 1964 bis 1970 als wissenschaftlicher Assistent an der Freien Universität Berlin tätig. Auf dem 1964 in Berlin tagenden 26. Deutschen Historikertag erlebte er sowohl die Fischer-Kontroverse als auch die Debatte Das Problem der Räte bei der Entstehung der Weimarer Republik.Notizen zum Historiker-Tag 1964; in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 12 (1964), Heft 2. „Prägende Erfahrungen wurden freilich auch meine Konflikte mit der zunehmend doktrinären Studentenbewegung und der Kampf gegen die Korrumpierung des Prüfungssystems am Otto-Suhr-Institut. Ich denke, da habe ich viel für mein späteres politisches und hochschulpolitisches Leben gelernt.“Heinrich August Winkler am 3. September 1999 im Interview, in: H-Soz-Kult, Interviewer: Jens Hacke und Marcel Steinbach-Reimann. In enge persönliche Verbindung trat Winkler zu dieser Zeit mit Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel. Hans Rosenberg erschloss ihm den sozialgeschichtlichen Ansatz in Verbindung mit dem Zugang zur Wirtschaftsgeschichte.Michael Borgolte: Königsberg – Deutschland – Europa. Heinrich August Winkler und die Einheit der Geschichte, S. 20.

Im Jahr 1970 habilitierte sich Winkler – als letzter Habilitand der alten Philosophischen Fakultät der Freien Universität Berlin – in Geschichte und Politikwissenschaften mit einer Arbeit über Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik.Vgl. Heinrich August Winkler: »Warum haben wir nicht den Mut gehabt, kritische Fragen zu stellen?« In: Rüdiger Hohls, Konrad H. Jarausch (Hrsg.): Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, Stuttgart/München 2000, S. 369–382, hier: S. 376. Mit 32 Jahren erlangte er dann eine Professur an der FU Berlin und nahm 1972 den Ruf auf einen Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg an, den er 19 Jahre innehatte. Seine Freiburger Antrittsvorlesung hielt Winkler am 22. November 1973 über das Verhältnis von bürgerlicher und proletarischer Revolution bei Marx und Engels.Vgl. Heinrich August Winkler: Zum Verhältnis von bürgerlicher und proletarischer Revolution bei Marx und Engels, in: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.): Sozialgeschichte heute. Festschrift für Hans Rosenberg zum 70. Geburtstag. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1974, S. 326–353. Die Wende und friedliche Revolution in der DDR und die Deutsche Wiedervereinigung bedeuteten für Winkler Herausforderung und Chance par excellence, wie Michael Borgolte hervorhebt, der ebenso wie Winkler 1991 von Freiburg auf einen Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin wechselte:

Winklers historische Längsschnittdarstellungen zur deutschen Geschichte wie zur Geschichte des Westens sind demnach nicht allein den umwälzenden zeitgeschichtlichen Ereignissen zu verdanken, sondern auch dem veränderten beruflichen Umfeld des Verfassers. Dabei habe es Winkler als geschäftsführender Institutsdirektor zunächst mit massiven Anfeindungen der „alten Kader“ zu tun gehabt und unter starker persönlicher Belastung mit anderen gemeinsam die Angleichung an westdeutsche und internationale Standards der historischen Lehre durchgesetzt.Michael Borgolte: Königsberg – Deutschland – Europa. Heinrich August Winkler und die Einheit der Geschichte. Festvortrag anlässlich des 65. Geburtstages. S. 25. Das Vorgehen Winklers und der westdeutschen Wissenschaftspolitik war nicht unumstritten. Der Münchner Althistoriker Christian Meier attestierte der Politik das „Feingefühl eines Panzers“, indem mit Winkler ein Mann an eine verantwortliche Stelle berufen wurde, dessen „Takt indirekt proportional“ zu der „Schwierigkeit der Aufgabe, die sich ihm stellt“, sei.Sabine Etzold: Der Platzkampf der Eliten. An der Humboldt-Universität sollen neu berufene Historiker die alten verdrängen, in: Die Zeit vom 14. Februar 1992, S. 14. Nach nochmals gut anderthalb Jahrzehnten der Forschung und Lehre an der Humboldt-Universität wurde Heinrich August Winkler zum 1. April 2007 emeritiert. Zu seinen Schülern gehören Johannes Bähr, Ralph Bollmann, Bernhard Dietz, Robert Gerwarth, Dieter Gosewinkel, Jens Hacke, Christoph Hauser, Ulrich Herbert, Bert Hoppe, Christoph Jahr, Wolther von Kieseritzky, Ruth Leiserowitz, Kiran Klaus Patel, Sebastian Ullrich, Siegfried Weichlein, Klaus Wiegrefe, Edgar Wolfrum und Stephanie Zloch.

Werk Winklers methodischer Ansatz zielt laut Borgolte darauf ab, Geschichte in ihrem Verlauf zu erklären und dabei „zu konzisen Urteilen vorzustoßen, jenseits derer nichts mehr zu sagen bleibt.“ Abschweifungen „oder gar das großformatige historische Gemälde“ versage er sich ausnahmslos. Sein Bekenntnis zu Max Webers Unterscheidung von Wissenschaft und Politik lasse ihn sogar zwei getrennte Veröffentlichungslisten führen: die eine zu fachwissenschaftlichen Arbeiten, die andere zu sonstigen Publikationen. Zum Werturteil aus historischem Wissen und politischer Verantwortung hat sich Winkler gleichwohl bekannt, so zum Beispiel in seiner Habilitationsschrift, in der es heißt, dass der Verzicht auf Wertungen folgenschwerer sein könne als das mit ihnen einzugehende Wagnis.Zitiert nach Michael Borgolte: Königsberg – Deutschland – Europa. Heinrich August Winkler und die Einheit der Geschichte. Festvortrag anlässlich des 65. Geburtstages: S. 18 f.

Winklers Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik (drei Bände, 1984–1987) wird von Eberhard Kolb und Dirk Schumann als sein Opus magnum gelobt: Diese „mit souveräner Stoffbeherrschung geschriebene Darstellung“ nehme „alle wichtigen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen“ in den Blick und biete daher „auf weite Strecken eine kompakte Gesamtgeschichte der Weimarer Republik“.Eberhard Kolb, Dirk Schumann: Die Weimarer Republik. 8., aktualisierte und erweiterte Auflage, Oldenbourg, München 2012, ISBN 978-3-486-71267-4, S. 165.