Das Rhein-Maas-Delta ist der gemeinsame Mündungsbereich der Flüsse Rhein und Maas in Südholland in die Nordsee. Gelegentlich wird auch vom Rhein-Maas-Schelde-Delta gesprochen, obwohl die Mündung der Schelde im Südwesten deutlich von den ineinander verflochtenen Mündungsarmen des Rheins und der Maas im Nordosten unterscheidbar ist.
Abflüsse aus dem Rhein kamen im Rhein-Maas-Delta erst im letzten Jahrtausend hinzu. Sie werden bis heute als Zu- bzw. Nebenflüsse der hier schon immer mündenden Maas angesehen, was sich vor allem darin ausdrückt, dass es im Rhein-Maas-Delta gar keine Flussarme gibt, die „Rhein“ im Namen haben. Vor dieser Zeit floss der Rhein nördlicher bei Katwijk in die Nordsee (s. a. Nederrijn). Heute fließt der Großteil des Rheinwassers über die vom ursprünglichen Rhein zur Nordsee abzweigenden Arme Waal und Lek in das Rhein-Maas-Delta; nur ein Teil-Abfluss fließt über die IJssel nach Norden. Der ursprüngliche Rhein ist in seinem Unterlauf nur noch ein Stillgewässer (s. a. Oude Rijn).
Von der Maas stammt heute im Delta nur etwa ein Zehntel so viel Wasser wie vom Rhein. Aus den o. g. historischen Gründen gibt es im Delta sogar mehrere Wasserläufe, die „Maas“ im Namen haben. Das hat sich auch nicht geändert, nachdem die Maas und die von rechts kommende Waal (mit einem weitaus größeren Anteil Rhein-Wassers) seit 1904 nicht mehr vereinigt weiterfließen, sondern die Maas in einem neu geschaffenen Bett (die Bergsche Maas) getrennt in die Nordseebucht Haringvliet im Südwesten des Deltas fließt. Alle anderen Flussarme im Delta als die Bergsche Maas führen seitdem auch keine Mindermenge Maas-Wasser mehr. Ein paar davon haben aber immer noch die „Maas“ im Namen: Oude Maas, Nieuwe Maas, Maasmond (Maasmündung).
Die wieder vereinigten Hauptarme des Rheins, der Lek und die Waal (ihr Teilarm Noord), werden als Nieuwe Maas bezeichnet. Diese erscheint als Nebenfluss der Oude Maas (oder umgekehrt), in der heute ausschließlich Rhein-Wasser fließt, das ihr die Waal zuführt. Nach der Aufnahme der Nieuwe Maas (oder der Oude Maas) heißt die Oude Maas (oder die Nieuwe Maas) Nieuwe Waterweg. Dessen Mündung in die Nordsee im Nordosten des Deltas hat den alten Namen Maasmond behalten.
Die Waal hat heute zusätzlich einen eigenen breiten künstlichen Mündungsarm (Nieuwe Merwede), der mit etwa zwei Drittel ihres Wassers in die Nordseebucht Haringvliet (direkt neben der Bergsche Maas) mündet. Diese Bucht hat gegen die Nordsee seit 1970 das Schleusen-Sperrwerk Haringvlietdam, das bei Niedrigwasser mehr oder weniger geschlossen wird. Auf diese Weise wird der Abfluss gemindert oder aufgehalten, und das von der Nieuwe Merwede (Waal; und in kleinen Mengen auch von der Bergsche Maas) stammende Wasser fließt über Querverbindungen (die Dordtsche Kil und das Spui) nach Nordosten in die Oude Maas und somit in den Nieuwe Waterweg, an dem der Europoort liegt. Für die diesen Hafen anfahrenden großen Hochseeschiffe wird auf diese Weise der Wasserpegel genügend hoch gehalten.
Die Übergänge zu den Ästuaren der Scheldemündung sind gleitend. Es ist eine komplex aufgebaute nacheiszeitliche Ablagerungsfläche, die sich seit etwa 6000–7000 Jahren v. Chr. durch flächenhafte Flussablagerungen gebildet hat. Ob die Benennung als Flussdelta dem Mündungscharakter gerecht wird, ist wegen des starken Einflusses der Gezeiten umstritten (siehe Abschnitt Mündungstyp), womit auch klare Kriterien zur räumlichen Abgrenzung fehlen. Die horizontale und vertikale Verzahnung der verschiedenen Sedimentkörper ist kaum überschaubar. Das Delta umfasst Flussverzweigungen und -verlagerungen, ehemalige und noch bestehende Ästuare, Meeresbuchten, Küstendünen, Strandwälle, Polderlandschaften, Depressionen und nach Torfabbau entstandene Seen.
Allgemeines Datierung mini|Radiokarbon-Kalibrationskurve
Für die Zeitangaben werden die in der Literatur gängigen Abkürzungen verwendet. In diesem Artikel werden einheitlich jeweils für holozäne und vorholozäne Angaben unterschiedliche Einheiten verwendet:
Zeitangaben für das Holozän: BC = Before Christ = v. Chr. AD = Anno Domini = n. Chr.
Angaben für ältere Zeiträume: mya = million years ago = Millionen Jahre vor heute, z. B. 2,6 mya = 2.600.000 Jahre vor heute BP = Before Present = vor heute, z. B. 780.000 BP (teilweise bezogen auf das Jahr 1950)
Alle Datierungsangaben holozänen Alters sind im Folgenden in BC/AD-Angaben umgerechnet. Die durch die C-14-Methode gewonnenen und in der Literatur vorgefundenen nicht kalibrierten Datierungen sind umgerechnet worden.Anm.: Bereits kalibrierte Datierungen sind in der Literatur entsprechend gekennzeichnet (z. B. „cal BP“). Dennoch ist nicht immer klar gewesen, ob es sich bei den vorgefundenen BP-Angaben um kalibrierte oder unkalibrierte Angaben handelte, weswegen im Ernstfall die Quelle zu konsultieren ist. Die Abweichungen sind vor allem für das Holozän relevant.
Benennung Der einfachere Begriff Rheindelta gilt auch für das Rheindelta am Bodensee. Der erweiterte Ausdruck Rhein-Maas-Schelde-DeltaBeispielsweise Buhlmann 1981, S. 7. bezieht das übergangslos angrenzende Mündungsgebiet der Schelde mit seinen beiden großen Ästuaren mit ein, besonders im Hinblick auf die übergreifenden wasserbaulichen Maßnahmen der Deltawerke.
Mündungstyp mini|Klassische Vorstellungen eines Flussdeltas erfüllt das Wax-Lake-Delta im Mündungsbereich des Mississippi mini|Ästuardelta des Amazonas: Verzweigungen (Deltabildung) und Mündungstrichter (Ästuare) Ältere geologische Definitionen verstanden unter einem Flussdelta einen Bereich von Flussablagerungen, der durch Verzweigungen von Flüssen gebildet ist und sich konvex über eine Küstenlinie hinaus erstreckt. Nach jüngeren Definitionen ist der südliche Teil des Rhein-Maas-Schelde-Deltas ein Ästuardelta.Frank Ahnert, Einführung in die Geomorphologie, 4. Aufl. 2009, ISBN 978-3-8252-8103-8, S. 204, Abs. 17.2.7, Ästuardelta: „Ein Ästuardelta vereinigt die Eigenschaften eines Deltas mit denen eines Ästuars, in dem es mehrere Mündungsarme gibt, die wegen der Einwirkung der Gezeiten meerwärts trichterförmig verbreitert sind. … auch das vereinte Delta des Rheins und der Maas ist von diesem Typ.“ Ästuardeltas sind von Sedimentation wie von Erosion geprägt. Im Rhein-Maas-Delta gibt es durch den Anstieg des Meeresspiegels Bereiche, in denen zunächst die Sedimentation überwog, so dass der Anstieg von Gewässersohlen Verästelungen bewirkte, während später Sturmfluten und Gezeitenströme Mündungsarme zu Ästuaren aufweiteten. Weil in den letzten Jahrhunderten die Erosion überwogen hat, lehnen es manche Autoren ab, den Mündungsbereich von Rhein und Maas als Delta zu bezeichnen.Beispielsweise De Jong, 1960; Kruit, 1963 und Van De Plassche, 1980. Vergleiche Berendsen/Stouthamer, 2001, S. 7.
Überblick Lage und Charakteristik mini|Blau: Gebiete in den Niederlanden unter dem Meeresspiegel, Gewässer
Das Delta ist Teil einer Flachküste, die sich vom Artois in Frankreich bis Dänemark erstreckt. Sie besteht aus Marschengebieten, die hier 30 km (Bergen op Zoom) bis 125 km (Rheingabelung bei Millingen) ins Landesinnere reichen, und denen Watten- und Dünengebiete vorgelagert sind. Die Einmündungen größerer Flüsse sind durch die ein- und ausströmenden Gezeiten zu Ästuaren aufgeweitet worden. Davon sind diejenigen von (Gelderser) IJssel, Maas und Schelde eng mit der Rheinmündung verknüpft. Große Gebiete liegen durch Einpolderungen oder Torfabbau bis zu 6,7 Meter unter dem Meeresspiegel (nördlich von Rotterdam).
Die Mündungsbereiche von Rhein, Maas und Schelde liegen größtenteils in den Niederlanden. Kleine Teile befinden sich in Deutschland (Beginn der holozänen Sedimentationsfläche am Niederrhein bei Emmerich)Berendsen 2005, S. 17 (Abb. 11). und in Belgien (innere Teile der Scheldemündung). Die vorholozänen Deltas bzw. Mündungsstellen des Rheins befanden sich zwischen dem Austritt des Rheins aus dem Rheinischen Massiv (bei Bonn) und dem Ärmelkanal (Meeresspiegeltiefstand in Kaltzeiten).Vgl. Berendsen 2005, S. 7–12.
Große Teile dieses Deltas sind in klassischer Weise durch Sedimentation und dadurch bedingte Avulsionen (Verlagerungen der Hauptströme aus versandeten Flussarmen in neugebildete) entstanden. Im südlichen Bereich, also der Provinz Zeeland ist durch Einwirkung des Meeres, vornehmlich Küstensenkung, Sturmfluten und Gezeitenströme, ein System untereinander vernetzter Ästuare entstanden. Dass diese sich vor allem seewärts verästeln, zeigt jedoch, dass die Meereseinbrüche Mündungsarmen von Flüssen gefolgt sind.
mini|Reliefkarte der Niederlande, eingezeichnet auch die Provinzgrenzen
Kernbereiche des holozänen Deltas sind von fluvialen Ablagerungen gebildet, die sich ungefähr zwischen Rotterdam und Amsterdam im Westen und Nijmegen und Emmerich im Osten erstrecken, dazu kommt seit etwa 200 AD das Tal der (Gelderschen) Issel im Nordosten. Die Deltasedimente haben eine Dicke zwischen 1 und 25 Metern und bestehen im Wesentlichen aus Sedimentkörpern des rheinischen Systems. Diese fluvialen Sedimente sind horizontal und vertikal durchsetzt von marinen, tidalen und anderen Sedimenten. Besonders im Westen und Norden, von Seeland bis zum IJsselmeer, finden sich marine und ähnliche Ablagerungen. Den holozänen Deltagebieten benachbart sind pleistozäne, teilweise sand- und lössbedeckte Moränen- und Terrassengebiete.Vgl. Berendsen 2005, S. 15. (Vgl. das Kapitel Elemente des holozänen Deltas.)
Die Hydrogeographie des heutigen Flussdeltas ist geprägt von Flussarmen unterschiedlicher Größe, Tidegewässern, Ästuaren, Seen, kleinen Entwässerungs- und großen Schiffskanälen. Viele Fließgewässer wurden seit etwa 1100 AD durch Dämme vom aktiven Flusssystem getrennt („abgedämmt“) und dienen seitdem wie das dichte Kanalsystem zur Entwässerung der Polder. Es gibt nur noch wenige aktive Abflusswege. Ihre Namen wechseln, bedingt durch die vielen natürlichen und künstlichen Flussverlagerungen (Avulsionen und Kanalbauten), häufig. Die beiden Flussteilungen im obersten Teil des rheinischen Systems bei Millingen und Arnhem sowie diverse Regulierungsmaßnahmen führen zu den folgenden drei Hauptsträngen:
mini|Nordöstliche Region des Deltas. Rechts die (Gelderse) IJssel, links (grün) der Endmoränenzug der Veluwe, oben das IJsselmeer
Rhein – Waal – Boven (Obere) Merwede – Nieuwe (Neue) Merwede: Die Waal entstand etwa 200 BC und entwickelte sich im ersten nachchristlichen Jahrtausend zum weitaus stärksten, wasserreichsten Deltaarm. Nach Einmündung der Maas folgen die Aufweitungen Hollands Diep und Haringvliet, entstanden aus ehemaligen Meeresbuchten. Am Haringvlietdamm erreicht der Stromarm die Nordsee. Die Neue Merwede als linker Arm der Oberen Merwede ersetzte im 19. Jahrhundert die sogenannte Maasmündung bei Rotterdam als wichtigsten Rheinauslass und nimmt besonders bei großer Wasserführung die Hauptwassermenge auf. Die nach rechts abzweigende Beneden (Untere) Merwede ist als Schifffahrtsweg wichtiger als die Neue Merwede. Aus historischen Gründen wird der Name Waal manchmal zusammenfassend für den Abschnitt Waal–Merwede–Noord (s. u.) verwendet. Nederrijn – Lek: Dieser mittlere Deltaarm entstand spätestens im ersten vorchristlichen Jahrtausend. Nederrijn und Lek verloren später ihre Stellung als Deltahauptarm an die Waal (s. o.). Der Lek ersetzte um die Zeitenwende nach und nach den weiter nördlich in Richtung Amsterdam verlaufenden Unterlauf, der heute nur durch die kleinen Wasserläufe Kromme Rijn und Oude Rijn (s. u.) markiert ist. Oft wird der gesamte Deltaarm Nederrijn genannt, der eigentliche Nederrijn manchmal nur Rijn. Weiter westlich vereinigt er sich mit der von der Waal herkommenden Noord und passiert als Neue Maas (s. u.) die Innenstadt von Rotterdam.