Als gezielte Tötung () versteht man die von einem Staat oder einer Organisation durchgeführte Tötung einer Person, die als ungesetzlicher Kombattant oder allgemeine Bedrohung für die Sicherheit der eigenen Bevölkerung angesehen wird. Die Taktik steht häufig im Zusammenhang mit asymmetrischer Kriegsführung und wird insbesondere gegen Personen angewendet, die sich in Staaten aufhalten, in denen der Einsatz konventioneller Streitkräfte nicht möglich ist und in denen die dortigen Behörden eine straf- oder völkerrechtliche Verfolgung der entsprechenden Person nicht durchsetzen können oder wollen. Neben geheimdienstlichen Operationen kann dies auch eine Kommandooperation einer polizeilichen oder militärischen Spezialeinheit sein. Die Tötungen können sowohl im eigenen Land als auch auf fremdem Gebiet erfolgen.

Seit Ende der 2000er Jahre setzen die USA zunehmend ferngesteuerte unbemannte Fluggeräte (Drohnen) ein, um ausgewählte Menschen in anderen Ländern mit Luft-Boden-Raketen zu töten, wobei auch Unbeteiligte ums Leben kommen (vgl. Kollateralschaden). Die Zahl der getöteten Menschen geht in die Tausende.

Die Vorgehensweise ist juristisch und ethisch umstritten, wird jedoch unter westlichen Staaten und deren Verbündeten in der Regel geduldet. Kritiker wie Thomas Fischer bezeichnen das Vorgehen häufig als grundsätzlich illegal und als staatlich sanktionierten Mord, und den Begriff der „gezielten Tötung“ dementsprechend als beschönigend. In der jüngeren Vergangenheit führte diese Praxis zu teilweise erheblichen politischen Spannungen, etwa zwischen den USA und Pakistan sowie Israel und mehreren europäischen Ländern. Seit den 2010er Jahren haben die USA vor allem durch die Verstärkung der Drohnenangriffe in Pakistan auf Terrorverdächtige erhebliche Kritik von verschiedenen Seiten auf sich gezogen. Dabei sind nach unabhängigen Studien allein in Pakistan bereits mehrere hundert Unbeteiligte ums Leben gekommen. Auch einige amerikanische Juristen bezeichneten die Praxis in offiziellen Anhörungen als „klaren Bruch des Völkerrechts“.

Internationale Verbreitung der Anwendung Seit den 1950er-Jahren nutzt Israel die Taktik der gezielten Tötungen im Kampf gegen Personen, die als Feinde eingestuft sind. Bereits damals wurden Offiziere der ägyptischen Streitkräfte, die Einsätze arabischer Guerillakräfte koordinierten, durch Briefbomben getötet.Dan Ravîv, Yôssî Melman: Every Spy a Prince. The Complete History of Israel’s Intelligence Community. Houghton Mifflin, Boston 1990, ISBN 0-395-47102-8, S. 122. In den 1970er-Jahren wurde die Terrororganisation „Schwarzer September“ nach deren Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 durch gezielte Tötungen zerschlagen, wobei aufgrund einer Verwechslung irrtümlich ein Unbeteiligter durch israelische Agenten getötet wurde (Lillehammer-Affäre). Bei der anschließenden Tötung von Ali Hassan Salameh wurden darüber hinaus mindestens zwei weitere Unbeteiligte getötet.

Das südafrikanische Apartheidregime verübte mittels paramilitärischer Einheiten, am bekanntesten die Polizeigruppe Vlakplaas sowie die Armeesondereinheit Civil Cooperation Bureau, mehrere Attentate auf politische Gegner, von denen einige mit Todesfolge endeten. Prominente Beispiele sind die Aktionen gegen Griffiths Mxenge, Anton Lubowski, Ruth First und die Familie von Marius Schoon. Dabei spielte es keine Rolle, ob sich die Zielpersonen zum Zeitpunkt des Attentates in anderen Staaten aufhielten. In anderen Fällen, wie bei Albie Sachs und Joe Slovo, misslangen die Anschläge. Die meisten dieser Übergriffe trugen sich in den 1980er Jahren zu.The Truth and Reconciliation Commission Amnesty Decision. auf www.info.gov.za (englisch)The Truth and Reconciliation Commission, Amnesty Committee, AC/2000/083 (englisch)

Diskussion in Deutschland In Deutschland wurden gezielte Tötungen ab 2001 wiederholt thematisiert. Mit den Worten „wer den Tod liebt, kann ihn haben“ brachte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily das Thema in die Diskussion ein. Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble sprach sich im Juli 2007 für den Einsatz der Taktik aus. Soldaten des Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr äußerten 2005 gegenüber deutschen Medien, sie hätten den Befehl gehabt, lokale Führer krimineller Organisationen in Afghanistan zu töten. Luftaufklärungsergebnisse von Bundeswehr-Tornados über Süd-Afghanistan dienten der NATO vor Ort zur Ausführung von Targeted Killings, die der US-amerikanische Präsident Bush nach dem 11. September 2001 im Rahmen einer grundsätzlichen Genehmigung für gezielte Tötungen weltweit angeordnet hatte. Der ehemalige Bundesminister für Verteidigung Thomas de Maizière vertrat in der Debatte um die Beschaffung von bewaffneten Drohnen 2012 die Meinung, dass Deutschland sich niemals an „extralegalen Tötungen“ beteiligen werde.Vgl. Marcel Bohnert: Wächter aus der Luft. Drohnen als Schutzpatrone deutscher Bodentruppen in Afghanistan In: Uwe Hartmann und Claus von Rosen (Hrsg.): Jahrbuch Innere Führung 2014. Drohnen, Roboter und Cyborgs. Der Soldat im Angesicht neuer Militärtechnologien, Carola Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2014, S. 22 f.

Terminologie Die Benennung des Sachverhaltes ist umstritten und von der jeweiligen politischen Einschätzung abhängig. Bei gegen den Westen gerichteten Aktionen nannte man sie stets „Mord“ oder „ungesetzliche Tötung“. Deutsche Terroristen nannten ihre Tötungen von Symbolfiguren der Gesellschaft „Hinrichtungen“. Deutsche Politiker werten die gegenwärtigen „gezielten Tötungen“ Israels entweder als „Hinrichtung“Beitrag Magdeburger Volksstimme, 8. April 2004 (über die Tötung Yasin). (Johannes Gerster, CDU) oder als „gezielte Ermordung“Interview DLF, Deutschlandradio, 19. April 7:15 Uhr (Daniel Cohn-Bendit, B’90/Grüne).

Die meisten Kritiker werfen dem Terminus Verschleierung und Beschönigung vor, bewerten ihn also als Euphemismus. Die deutsche Bundesregierung hat, ebenso wie eine Vielzahl weiterer westlicher Regierungen, den Begriff „Tötungen“ beziehungsweise „gezielte Tötungen“ übernommen.

Durch die Verwendung eines sprachlichen Konstrukts (Tautologie) wird ein Teilaspekt derartiger Handlungen („Zielgerichtetheit“) besonders betont und somit der entgegengesetzte Aspekt der Inkaufnahme unschuldiger Mitopfer (siehe „Kollateralschaden“) in den Hintergrund gerückt.

Historische Beispiele Für das Prinzip der gezielten Tötung gibt es zahlreiche Beispiele in der Geschichte. 1940 verübte die sowjetische GPU wegen seiner Agitation gegen den Stalinismus einen tödlichen Anschlag auf Leo Trotzki in dessen mexikanischem Exil. Zur Zeit des Vietnam-Kriegs gab es 1968–1969 die Operation Phoenix, die in der heutigen Taskforce 373 eine Entsprechung findet. Weitere Beispiele sind das vom bulgarischen Geheimdienst verübte so genannte Regenschirmattentat von 1978 in London, die versuchte Tötung des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi durch die USA im Jahre 1986 sowie, um sich einen langwierigen und verlustreichen Krieg zu ersparen, die versuchte Tötung des damaligen irakischen Herrschers Saddam Hussein am 20. März 2003, ebenfalls durch die USA.

US-Drohnenangriffe Unter US-Präsident Barack Obama sind 542 Drohnen-Einsätze gegen mutmaßliche Terroristen bekannt; dabei kamen 3797 Menschen ums Leben, darunter 324 Zivilisten. Nach einer FOIA-Anfrage 2013 veröffentlichten die Joint Staff die aktualisierte Version ihrer Kriterien zur Zielauswahl.

Unter Obamas Nachfolger Donald Trump beschleunigte sich das Tempo, mit dem US-amerikanischen Drohnenangriffen durchgeführt wurden, noch einmal deutlich, in den ersten 45 Tagen seiner Amtszeit bereits um 432 Prozent. Insgesamt wurden in Trumps ersten zwei Amtsjahren bereits mehr Drohnenangriffe (2243 Einsätze) durchgeführt als während Obamas acht Jahren Amtszeit. 2019 verbot Trump dem US-Militär, die Opferzahlen der Luftschläge zu veröffentlichen – Obama hatte solche Veröffentlichungen seinerzeit kurz vor Ende seiner Amtszeit vorgeschrieben.

Präsident Joe Biden reduzierte Drohnenangriffe nach seinem Amtsantritt stark, setzte sie vorübergehend komplett aus und erließ neue Richtlinien, die sie in Zukunft weiter einschränken sollen. Unter Bidens Präsidentschaft reduzierten sich US-Drohnenangriffe auf ein Allzeittief. Allerdings verwies Biden nach dem Rückzug aus Afghanistan ausdrücklich auf die Möglichkeit der sog. „Over the Horizon“-Angriffe, um weiterhin Terroristen zu bekämpfen, auch ohne Präsenz von US-Truppen vor Ort. Im August 2022 starb Ayman al-Zawahiri auf seinem Balkon in Kabul durch eine Hellfire R9X.

US-Drohnenangriffe in Pakistan

Seit etwa 2004 sind die USA dazu übergegangen, Drohnenangriffe auf von ihnen identifizierte Terrorverdächtige in bestimmten Gebieten Pakistans durchzuführen. Im August 2011 legte das Bureau of Investigative Journalism (BIJ) einen Bericht über die Angriffe vor, für den etwa 2000 Medienberichte ausgewertet wurden. Demnach wurden seit 2004 mindestens 291 Einsätze durchgeführt, bei denen zwischen 2292 und 2863 Menschen starben. Mindestens 1104 seien der Untersuchung nach verletzt worden. 126 bewaffnete Anführer der Islamisten, die namentlich bekannt sind und mehrere hundert militante Islamisten wurden getötet. Etwa 385 bis 775 Unbeteiligte, darunter 164 Kinder, kamen demnach bei den Angriffen ums Leben. Die amerikanischen Behörden nennen dagegen 2050 Todesopfer, von denen 2000 militante Islamisten gewesen sein sollen. Unter den in Pakistan durch Drohnenangriffe getöteten Islamisten befindet sich auch der deutsche Staatsbürger Bünyamin Erdoğan, der am 4. Oktober 2010 in der pakistanischen Region Wasiristan ums Leben kam.

Seit dem Amtsantritt von Barack Obama weitete die CIA die Angriffe aus.Peter Strutynski: Umkämpfte Drohnen. In: Peter Strutynski (Hrsg.): Töten per Fernbedienung. Kampfdrohnen im weltweiten Schattenkrieg. Promedia Verlag, Wien, ISBN 978-3-85371-366-2, S. 9. Es wurde etwa alle vier Tage ein Einsatz durchgeführt. Insgesamt sollen laut dem BIJ-Bericht von damals bis August 2011 236 Angriffe mit mindestens 1842 Toten geflogen worden sein. Die pakistanische Regierung duldet die Angriffe auf ihrem Territorium, legt aber immer wieder formal Protest ein. Bei der Bevölkerung stoßen die Angriffe mehrheitlich auf starke Ablehnung. So forderte etwa das pakistanische Parlament am 12. April 2012 die Einstellung der Attacken.Parlament will Nachschubblockade der Isaf lockern

Der Fall Anwar al-Awlaki

Im April 2010 wurde bekannt, dass der islamistische Extremist Anwar al-Awlaki als erster US-Bürger seit 2001 auf eine CIA-Liste der meistgesuchten Extremisten gesetzt wurde, die zur Festnahme oder Tötung ausgeschrieben sind.Anwar al-Awlaki: Obama gibt terrorverdächtigen US-Bürger zur Tötung frei. In: Spiegel Online, 7. April 2010.Jo Becker, Scott Shane: Secret ‘Kill List’ Proves a Test of Obama’s Principles and Will. Am 29. Mai 2012 auf: nytimes.com

Nasser al-Awlaki, der Vater von Anwar, versuchte mit einem Team von jemenitischen und US-amerikanischen Rechtsanwälten zu erreichen, dass ein Bundesgericht in den USA die gezielte Tötung seines Sohnes verbietet, da sie illegal sei und der Verfassung der Vereinigten Staaten widerspreche.Yassin Musharbash: US-Gericht soll gezielte Tötung von Qaida-Kader verhindern. In: Spiegel Online, 27. August 2010.

Ende September 2011 wurde Anwar al-Awlaki nach einem Bericht des US-Militärs schließlich zusammen mit dem US-Bürger Samir Khan sowie zwei weiteren Personen bei einem Drohnenangriff im Jemen getötet.Christina Hebel: Jemen meldet Tod von Hassprediger Awlaki. In: Spiegel Online, 30. September 2011. Laut der Washington Post wurde der Angriff vom Justizministerium der Vereinigten Staaten autorisiert.