Gregor Schöllgen (* 20. Februar 1952 in Düsseldorf) ist ein deutscher Historiker und Publizist. Von 1985 bis 2017 lehrte er als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geschichte und Gegenwart der internationalen Beziehungen sowie Biographien deutscher Bundeskanzler und Unternehmer. Viele seiner Buchveröffentlichungen und publizistischen Beiträge fanden in der Öffentlichkeit ein breites Echo.
mini|Gregor Schöllgen (Mitte) mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (links) bei der Vorstellung der Biografie von Bundeskanzler Gerhard Schröder (rechts) im September 2015.
Leben Schöllgen wurde 1952 in Düsseldorf in eine akademisch geprägte Familie geboren. Er ist ein Großneffe des Moraltheologen und Soziologen Werner Schöllgen (1893–1985) und des Düsseldorfer Malers Hubert Schöllgen (1897–1978) sowie ein Cousin des Bonner Kirchenhistorikers Georg Schöllgen.Biografie: Die ganze Geschichte – Gregor Schöllgen ist Rheinländer. In: gregorschoellgen.de, abgerufen am 3. Juni 2020. Er besuchte zunächst das Aloisiuskolleg zu Bad Godesberg. Nach dem Abitur 1971 am humanistischen Görres-Gymnasium in Düsseldorf studierte er Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum, Berlin, Marburg und Frankfurt am Main. 1977 wurde er bei Rüdiger Bubner an der Universität Frankfurt am Main im Fach Philosophie mit einer Arbeit über Max Weber promoviert. Ab 1978 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent von Klaus Hildebrand an der Universität Münster. 1982 habilitierte er sich dort für Neuere Geschichte mit einer Arbeit über die Orientpolitik des kaiserlichen Deutschlands,Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 2018. Bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. Band 3 M-SD, Berlin 2017, S. 3344. inspiriert durch Reisen nach Nordafrika und in den Nahen Osten.Biografie: Die ganze Geschichte – Gregor Schöllgen besucht den Orient. In: gregorschoellgen.de, abgerufen am 13. Juli 2020.
Schöllgen war 1982 bis 1985 Professor am Historischen Seminar der Universität Münster, von 1985 bis 2017 Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Erlangen. Als Gastprofessor vertrat er 1987 Fritz Stern an der Columbia University in New York. 1988/89 lehrte er während der Wardenship Ralf Dahrendorfs am St Antony’s College der Universität Oxford, 1998/99 an der London School of Economics and Political Science.Biografie: Die ganze Geschichte – Gregor Schöllgen lebt und lehrt in den USA und Großbritannien. In: gregorschoellgen.de, abgerufen am 13. Juli 2020.
Neben seiner Lehrtätigkeit unterrichtete er von 1982 bis 1987 die Historischen Repetitorien in der Attachéausbildung des Auswärtigen Amtes; von 1987 bis 2017 leitete er dort das Hauptseminar Geschichte. 1987 wurde er zum Fachprüfer Geschichte und Politik im Prüfungsausschuss des Auswärtigen Amtes für den höheren Auswärtigen Dienst bestellt. Von 1992 bis 2012 unterrichtete er im Auswärtigen Amt auch die historischen Kurse der Internationalen Diplomatenausbildung.Biografie: Die ganze Geschichte – Gregor Schöllgen und das Auswärtige Amt. In: gregorschoellgen.de, abgerufen am 13. Juli 2020.
Schöllgen war im In- und Ausland Referent zu Fragen der deutschen und internationalen Politik, so z. B. im Mai 1993 auf dem Deutschland-Symposium des Norwegischen Nobelinstituts in Oslo, auf der Gedenkveranstaltung des Auswärtigen Amtes für die Opfer des Widerstandes, (PDF; 52,2 MB). im Mai 1995 im Rahmen des nationalen Symposions zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsendes im niederländischen Parlament in Den Haag, im Oktober 1997 vor der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Überwindung der Folgen der SED Diktatur…“, (PDF; 15,6 MB). im September 2006 auf der Botschafterkonferenz anlässlich der Namensgebung der Konferenzräume des Auswärtigen Amtes (PDF; 72 kB). oder im Mai 2006 auf dem Festakt zum fünfzigjährigen Bestehen des BND.Gregor Schöllgen: (PDF; 76 kB).
2006 bis 2017 führte er das von ihm gegründete „Zentrum für Angewandte Geschichte“ (ZAG) unter dem Dach der Universität Erlangen als Einrichtung für Drittmittelforschung, vorwiegend zur modernen Unternehmensgeschichte und für Unternehmerbiographien.Zentrum für Angewandte Geschichte. In: Clio-online. Fachportal für die Geschichtswissenschaften. Abgerufen am 27. Juni 2020.
Werk Ansatz und Schwerpunkte Schöllgens Dissertation und erste wissenschaftliche Aufsätze in philosophischen Fachzeitschriften behandelten Werk und Leben Max Webers.Joachim Wiebring: Rezension zu: Max Weber. Handlungsfreiheit und Zweckrationalität. In: Theologische Literaturzeitung. Nr. 6, 1986, S. 111. Als Schüler Klaus Hildebrands steht ein Großteil seines geschichtswissenschaftlichen Frühwerks in der Tradition der klassischen Diplomatie- und Politikgeschichte, später erweitert um einen biographischen Ansatz. Neben 24 bis 2020 erschienenen Monografien und mehreren Herausgeberschaften verfasste Schöllgen Fachbeiträge für philosophische, sozial-, politik- und geschichtswissenschaftliche Zeitschriften und Sammelbände.Aufsätze. In: gregorschoellgen.de, abgerufen am 12. Juli 2020. Einige seiner Bücher erschienen als Lizenzausgaben etwa der Bundeszentrale für Politische Bildung und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 10221, Bonn 2018: Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte.
Schöllgen wendet sich in Presse, Rundfunk und Fernsehen an eine breite Öffentlichkeit.Gregor Schöllgen: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Dritte, erweiterte Auflage. C. H. Beck Verlag, München 2004, ISBN 3-406-42091-5, S. 7. Diesem Selbstverständnis entspricht der bewusst populärwissenschaftliche Stil insbesondere der Unternehmerbiografien und Begleitbände zu Fernsehproduktionen. Von den bis 2015 veröffentlichten 21 Monographien hat ein Drittel keine Fußnoten.Katja Auer, Olaf Przybilla: „Meinen Ruf setze ich nicht aufs Spiel“. In: Süddeutsche Zeitung. 27. Mai 2015, abgerufen am 30. Mai 2020.
Arbeiten zu Deutscher Außenpolitik und Internationale Beziehungen Schöllgens historisches Interesse galt zunächst der Außenpolitik des Deutschen Kaiserreichs, bald erweitert um Forschungsarbeiten zu den Internationalen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Seine in dritter Auflage vorliegende Habilitationsschrift Imperialismus und Gleichgewicht über die Rivalität zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich im Nahen Osten gilt als Standardwerk zur Geschichte des Imperialismus, ebenso sein in der fünften Auflage vorliegendes Handbuch Das Zeitalter des Imperialismus.
Für ein breiteres Publikum veröffentlichte Schöllgen seit den 1990er Jahren mehrere Darstellungen zur Internationalen Politik und Deutschen Außenpolitik, unter anderem Geschichte der Weltpolitik. Von Hitler bis Gorbatschow 1941–1991 (1996), die zweibändige Deutsche Außenpolitik (2013), eine Gesamtdarstellung vom Wiener Kongreß bis zur Gegenwart,Andreas Rose: Rezension zu: Schöllgen, Gregor: Deutsche Außenpolitik. Von 1815 bis 1945. In: hsozkult.de, abgerufen am 12. Juli 2020. und Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte (2017).Zusammenfassungen von Buchbesprechungen zu: Schöllgen, Gregor: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. In: perlentaucher. Das Kulturmagazin, abgerufen am 12. Juli 2020. Mit Die Macht in der Mitte Europas. Stationen deutscher Außenpolitik von Friedrich dem Großen bis zur Gegenwart (1992), Angst vor der Macht. Die Deutschen und ihre Außenpolitik (1993) und Der Auftritt. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne (2003) äußerte sich Schöllgen zu aktuellen tagespolitischen Fragen und fragte nach deren historischen Wurzeln.
Politiker- und Unternehmerbiografien Beobachter äußerten die Vermutung, Schöllgens Interesse für Biografien sei eine Reaktion auf die Auseinandersetzung mit außenpolitischen Entscheidungsprozessen und -trägern gewesen.Gregor Schöllgen im Gespräch mit Eberhard Büssem. In: br.de. 2006, abgerufen am 24. Juni 2020. Seine erste Biografie galt 1989 dem Widerstandskämpfer und deutschen Diplomaten Ulrich von Hassell. Es folgten Biografien der Kanzler Willy Brandt (2001) und Gerhard Schröder (2015). Beide Biografien waren Bestseller. Für sie führte Schöllgen zahlreiche ZeitzeugengesprächeGregor Schöllgen: Willy Brandt. Die Biographie. Berlin 2003, S. 7. Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder. Die Biographie. München 2015, S. 8. Gesprächspartner waren u. a. Stefan Aust, Franz Beckenbauer, Rut Brandt, Kai Diekmann, Joschka Fischer, Günter Grass, Hans-Dietrich Genscher, Gregor Gysi, Helmut Kohl, Oskar Lafontaine, Markus Lüppertz, Angela Merkel, Oskar Negt, Johannes Rau, Wolfgang Schäuble, Walter Scheel, Otto Schily, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier, Hans-Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker. und hatte Zugang zu öffentlich nicht zugänglichen Unterlagen.Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder. Die Biographie. München 2015, S. 7. Die Biographie Gerhard Schröders stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2015 auf einer PressekonferenzZur Pressekonferenz schrieb die Süddeutsche Zeitung: „Gregor Schöllgens Biographie über Gerhard Schröder hat tatsächlich 1040 Seiten. Und es sieht in [...] der Berliner Pressekonferenz tatsächlich so aus, als sei pro Seite ein Journalist gekommen.“ Süddeutsche Zeitung. 23. September 2015. gemeinsam mit Schröder und dem Autor vor.Daniel Friedrich Sturm: Gerhard Schroeder, der Mann des Augenblicks. In: Die Welt. 22. September 2015, abgerufen am 12. Juli 2020.
Seit 2002 verfasste Schöllgen mehrere populärwissenschaftliche Unternehmerbiografien im Auftrag des jeweiligen Unternehmens oder der Nachfahren des Firmengründers, so Diehl. Ein Familienunternehmen in Deutschland, 1902 bis 2002 (2002), Der Eiskönig. Theo Schöller. Ein deutscher Unternehmer, 1917–2004 (2008), Brose. Ein deutsches Familienunternehmen, 1908–2008 (2008), Gustav Schickedanz 1895–1977. Biographie eines Revolutionärs (2010)Christian Staas: Die Firma zahlt. Erlangens Universität bietet Familienunternehmen an, gegen Honorar ihre Firmengeschichte zu schreiben - mit großem Erfolg. Aber was hat das noch mit Wissenschaft zu tun? In: Die Zeit. 28. April 2011. und Schaeffler. Biographie einer Familie und ihres Unternehmens (2021).
Herausgeberschaften Schöllgen gab zusammen mit Helga Grebing und Heinrich August Winkler die 10-bändige Willy Brandt Gesamtausgabe (Berliner Ausgabe) heraus.Willy Brandt.Berliner Ausgabe. In: dietz-verlag.de, abgerufen am 25. Juli 2020. Von 2005 bis 2019 war er zunächst mit Klaus Hildebrand und Horst Möller, dann mit Hélène Miard-Delacroix und Andreas Wirsching einer der Herausgeber der vom Institut für Zeitgeschichte im Auftrag des Auswärtigen Amtes veröffentlichten Aktenedition zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD). In: Institut für Zeitgeschichte. München – Berlin, abgerufen am 22. Juli 2020.
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