Der Gebrauchswert ist in der Arbeitswerttheorie und der Wirtschaftswissenschaft der Wert eines Gutes hinsichtlich seiner Nützlichkeit oder seiner Eignung für einen bestimmten Zweck.Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, 1983, S. 210

Allgemeines Das Wort Gebrauchswert () stammt aus den historischen Wirtschaftswissenschaften; sein Begriffsinhalt ist heute in der Umgangssprache umstritten. Die klassische Nationalökonomie unterschied im Hinblick auf den Verwendungszweck eines Gutes zwischen seinem Gebrauchs- und Tauschwert.Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, 1983, S. 651 Es geht um den längeren Gebrauch eines Wirtschaftsobjekts im Gegensatz zum kurzfristigen Verbrauchsgut. Gebrauchswert und Tauschwert sind keine Erscheinungsformen derselben logischen Kategorie „Wert“, sondern selbständige Kategorien und erklären ganz verschiedene Sachverhalte.Manfred Trapp, Adam Smith, politische Philosophie und politische Ökonomie, 1987, S. 197

Arten Es ist zu unterscheiden zwischen dem subjektiven und objektiven (technischen) Gebrauchswert:Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, 1983, S. 210 Der subjektive Gebrauchswert ergibt sich aus dem konkreten Bedürfnis eines Wirtschaftssubjekts. Wer beispielsweise Durst hat, für den besitzen Getränke einen hohen Gebrauchswert (der Durstige hat einen hohen Grenznutzen), wer seinen Durst gerade gelöscht hat, benötigt keine Getränke mehr (für ihn ist der Grenznutzen weiterer Getränke sogar negativ). Die Nützlichkeit (Ophelimität) bestimmt den subjektiven Gebrauchswert und ist für jede Person anders.Nutzen ist die objektive Wohlfahrt, Ophelimität das subjektive Wohlbefinden. Das Rauchen einer Zigarette steigert das subjektive Wohlbefinden eines Rauchers, ist jedoch seiner Wohlfahrt eher abträglich. Der objektive Gebrauchswert ergibt sich aus den technischen Daten, Eigenschaften und der Funktionalität eines Gegenstands, die ihn für einen bestimmten Zweck als geeignet oder ungeeignet erscheinen lassen. Subjektiver und objektiver Gebrauchswert stimmen häufig nicht überein wie im klassischen Wertparadoxon zum Ausdruck kommt. Ludwig von Mises wies 1924 darauf hin, dass subjektiver Gebrauchswert und subjektiver Tauschwert bei Gütern zwei verschiedene Begriffe seien, aber bei Geld zusammenfallen.Ludwig von Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, 1924, S. 73 f.

Unterscheidung zwischen Gebrauchs- und Tauschwert Beispiel Neben einer Fabrik liegt eine Agrarfläche, die ein Fabrikant zum Baugrundstück umwandeln lassen könnte und deshalb mit 80 Geldeinheiten pro m² (GE/m²) den doppelten Kaufpreis von dem Betrag anbietet, der sonst ortsüblich gezahlt würde.Dieter Dahl, Volkswirtschaftslehre, 1975, S. 115 f. Andere Landwirte aus der Nachbarschaft würden bei gegebener Bodenqualität lediglich 1 GE/m² zahlen, als Baugrundstück 2 GE/m². Daraus lässt sich folgende Matrix ableiten:

subjektiv / objektiv Gebrauchswert Tauschwert subjektiver 2 GE/m² für andere Landwirte 80 GE/m² für den Fabrikanten objektiver 1 GE/m² für andere Landwirte bei gegebener Bodenqualität 40 GE/m² für Baugrundstücke im Hinblick auf die Mietrendite subjektiver 80 GE/m² kann der Landwirt vom Fabrikanten erhalten objektiver 40 GE/m² kann der Landwirt allgemein für Baugrundstücke erhalten

Die objektiven Werte sind gegebene Marktdaten, die durch den Landwirt oder den Fabrikanten nicht beeinflussbar sind (Datenparameter). Die subjektiven Werte sind das Ergebnis des hohen Interesses der Wirtschaftssubjekte.

Geschichte Klassiker Aristoteles unterschied in seiner Wertlehre innerhalb seines Werks Politik erstmals zwischen den beiden Verwendungsmöglichkeiten von Gütern, dem Gebrauch und dem Tausch. Entsprechend unterschied er auch zwischen Gebrauchs- und Tauschwert.Hendrik Hansen, Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung, 2008, S. 339 Er stellte den Gebrauchswert in den Vordergrund seiner Analyse und betonte die Rückbindung des Tauschwerts an den Gebrauchswert.Aristoteles, Politik, I 9, 1257 a6-14 Der Tauschwert ergab sich für ihn aus der äquivalenten Menge eines anderen Guts oder gegen Geld.Aristoteles, Politik, I 9, 1257 a5

John Law unterschied im Jahre 1705 erstmals seit Aristoteles wieder zwischen dem subjektiven Gebrauchswert und dem TauschwertHans Weber, John Law, 1928, S. 1 FN 1 und versuchte dies am Beispiel von Silber zu erklären. Als Ware () besaß Silber einen Wert aufgrund seines Nutzens für nicht monetäre Zwecke (als Schmuck oder Geschirr). Er ging davon aus, dass der aus der Zahlungsmittelfunktion von Silber resultierende und vom Gebrauchswert unabhängige Zusatzwert (Tauschwert; ) ausschließlich auf seine Zahlungsmittelfunktion zurückzuführen sei. „Der zusätzliche Wert, welchen Silber aus seiner Geldverwendung erfährt, stammt von den Eigenschaften her, welche es zu dieser Verwendung als brauchbar erscheinen lassen, und dieser Wert ergibt sich aus dem Gebrauch als Geld.“John Law, Money and Trade, 1705, S. 197 f. Hierdurch versuchte er die Substituierbarkeit von Gold und Silber durch Papiergeld zu begründen. Law war seit 1715 Chef der Banque Générale in Paris und hielt den Gebrauchswert (von ihm dort lediglich genannt; eigentlich zur Unterscheidung vom Tauschwert, ) für wichtiger.

Adam Smith griff die Unterscheidung des Aristoteles auf und klärte im März 1776 in seinem grundlegenden Werk Der Wohlstand der Nationen, „nach welchen Regeln sich der Tauschwert eines Gutes richtet“.Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, 1776, S. 25 Smith konzentrierte sich auf den Tauschwert als Funktion für die Preisbildung auf Märkten.

David Ricardo ging 1817 davon aus, dass bei unvermehrbaren Gütern die Knappheit – also das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf einem Markt – den Tauschwert eines Gutes bestimmt.Werner Hofmann, Wert- und Preislehre, 1964, S. 58; ISBN 978-3-428-01511-5 Für ihn ist der Gebrauchswert eine Voraussetzung, nicht jedoch ein Bestimmungsgrund des Tauschwerts oder Preises.David Ricardo, Principles of Political Economy and Taxation, 1817/1972, S. 420 Einen Tauschwert kann es nur geben, wenn auch ein Gebrauchswert vorhanden sei. Ricardo sah im Gebrauchswert die Nützlichkeit eines Gutes zwar die Grundlage seines Wertes; ökonomisch relevant sei jedoch die Fähigkeit eines Gutes, sich gegen andere Güter tauschen zu lassen.

Marxismus Für Karl Marx bestand der den Kapitalisten zufließende Mehrwert aus der positiven Differenz zwischen dem Gebrauchswert der Arbeit und ihrem Tauschwert.Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, 1983, S. 371 In der Fassung von Marx werden unter den Gebrauchswerten qualitativ und quantitativ bestimmte nützliche Güter wie „Dutzend Uhren, Elle Leinwand, Tonne Eisen“ verstanden.Karl Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, 1972, S. 50. Marx baute hierbei auf der von David Ricardo stammenden Arbeitswertlehre auf, die zwischen dem Tauschwert einer Ware und ihrem Preis unterschied. Für Marx ergibt sich der Gebrauchswert aus der von einem Arbeiter produzierten Gütermenge. Gebrauchswerte „bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums“.Karl Marx, Das Kapital, Band I, 1867/1983, S. 50 Die Benutzung des Gebrauchswerts ist der – produktive oder individuelle – Konsum. Dabei kommt es nicht darauf an, ob zur Herstellung viel oder wenig Arbeitsaufwand nötig war. Die kapitalistische Besonderheit liege darin, dass die Gebrauchswerte für den Markt produziert werden.Karl Marx, Das Kapital, Band I, 1867/1983, S. 49 f.

Die Tatsache, dass Waren sowohl einen Gebrauchs- als auch einen Tauschwert (Wert) haben, wird von Marx auf den Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit zurückgeführt. Marx nennt die Ware etwas „Zwieschlächtiges, Gebrauchswert und Tauschwert“.Karl Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, 1972, S. 56

Marx benennt mit Verweis auf Aristoteles eine weitere Verschränkung, die aus der Tauschbeziehung erwächst: „Seine Ware [die des Warenbesitzers, d. Verf.] hat für ihn keinen unmittelbaren Gebrauchswert. Sonst führte er sie nicht zu Markt. Sie hat Gebrauchswert für andre. Für ihn hat sie unmittelbar nur den Gebrauchswert, Träger von Tauschwert und so Tauschmittel zu sein.“Karl Marx, in: MEW, Band 23, 1972, S. 100

Marx kritisiert David Ricardo, dass er den Gebrauchswert als einfache Voraussetzung tot liegen lasse.Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1858, S. 178 f.; Roman Rosdolsky, K. Marx und das Problem des Gebrauchwerts in der politischen Ökonomie, in: Zur Entstehungsgeschichte des 'Kapital, Band I, Europäische Verlagsanstalt: Frankfurt, 4. unv. Aufl., 1974, ISBN 3-434-45003-3. S. 98 ff. Demgegenüber ist der Gebrauchswert überall dort in der ökonomischen Analyse zu berücksichtigen, wo er die ökonomische Formbestimmung modifiziert (siehe Rosdolsky).

Neoklassische Theorie In der neoklassischen Theorie wird nicht vom Gebrauchswert gesprochen; der Wert einer Sache wird in der Nutzentheorie aus dem Grenznutzen abgeleitet. Die Nutzentheorie geht davon aus, dass alle Waren einen messbaren Nutzen haben, der sich allerdings von Individuum zu Individuum unterscheiden kann.

Gebrauchswerte bei Hans im Glück Im Schwank Hans im Glück der Brüder Grimm aus dem Jahre 1819 erhält Hans als Lohn für sieben Jahre Arbeit einen kopfgroßen Klumpen Gold. Diesen tauscht er gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, und die Gans gibt er für einen Schleifstein mitsamt einem einfachen Feldstein her. Er geht dabei – ökonomisch betrachtet – jeweils unglücklichen Tauschhandel ein, denn bereits der Tausch des Goldes gegen ein Pferd bringt ihm wirtschaftliche Nachteile. Auch wenn er dabei den Nutzwert der erhaltenen Sachen im Auge hat, handelte er aus wirtschaftlicher Sicht als „Hans im Unglück“.

In der Volkswirtschaftslehre wird der Schwank als klassisches Beispiel für einen Tauschhandel präsentiert, bei dem Güter direkt gegeneinander getauscht werden und ein objektiver Tauschmaßstab wie der Preis fehlt. Hans tauscht unentwegt seine Güter und ignoriert dabei deren Tauschwert.Christoph Henning/Dieter Thomä/Olivia Mitscherlich-Schönherr, Glück: Ein interdisziplinäres Handbuch, 2011, S. 221 Vielmehr stuft er den Gebrauchswert eines Pferdes höher ein als den des Klumpens Gold, obwohl dieser – auch damals schon – einen weitaus höheren Tauschwert besaß.Günter von Hummel, Eine Psychoanalyse für alle, 2023, S. 195 Hans hat dem Gebrauchswert Priorität beigemessen, weil ihm ein Pferd als Tragtier bei seiner Reise mehr nutzt als Gold.

Maßstäbe Der Gebrauchswert zum Beispiel eines Stuhles besteht darin, dass man auf ihm sitzen, oder der Gebrauchswert eines Tisches darin, dass man auf ihm Dinge abstellen kann. Ein Beispiel, das die Abhängigkeit des Gebrauchswertes vom Individuum zeigt, ist die Zigarette: Der Gebrauchswert einer Zigarette ist unterschiedlich hoch für eine Person, die raucht, und für eine, die nicht raucht.

Grundsätzlich können nicht nur Waren, sondern auch andere Dinge ebenfalls einen Gebrauchswert haben, wie z. B. Luft. Arbeitsprodukte, die in einer Familie hergestellt werden, wie zum Beispiel Mittagessen, haben einen Gebrauchswert, jedoch keinen Tauschwert. Denn sie werden nicht auf Märkten getauscht, sind demnach keine Handelswaren.

Der Gebrauchswert einer Ware ist eng an die konkret physischen Eigenschaften des jeweiligen Gebrauchsgegenstandes gebunden und hängt stark von den individuellen Bedürfnissen der Menschen ab. Da Menschen stets Bedürfnisse haben, gibt es auch stets Gebrauchswerte, die diese Bedürfnisse befriedigen sollen. Die Gebrauchswerte selbst können aber geschichtlichem Wandel unterliegen. Im Gegensatz zum Tauschwert setzt die Existenz von Gebrauchswerten keinen Markt voraus.