mini|hochkant|Explodierender Chinaböller Die Bezeichnung Knallkörper, umgangssprachlich auch Knaller oder Böller, steht als Sammelbegriff für verschiedenartige pyrotechnische Gegenstände, die als Haupteffekt einen Knall erzeugen. Sie dienen primär der Vergnügung als Feuerwerkskörper, aber auch zu technischen Zwecken, etwa im Rahmen von künstlerischen Aufführungen (z. B. Bühnenknall) oder als Signalmunition. Ferner werden auch blinde Waffen, die nur mit Pulver geladen sind, als Knaller oder Böller bezeichnet.
Aufbau mini|hochkant|Längsschnitt durch einen Chinaböller. Nur Abschnitt „B“ ist Schwarzpulver (ca. ein Siebtel der Länge).
Knallkörper bestehen in der Regel aus einer harten Hülle aus geleimtem Papier oder (seltener) aus Kunststofffasern, die einen verhältnismäßig schwachen Explosivstoff enthält. In Deutschland dürfen frei verkäufliche Knallkörper, die der Kategorie F2 zugeordnet sind, ausschließlich Schwarzpulver als Effektsatz enthalten. Andere Mischungen, zum Beispiel mit Flashpulver aus Aluminiumpulver und KaliumperchloratGeorg Schwedt: Chemische Grundlagen der Pyrotechnik. Springer Spektrum, Berlin 2019, S. 57; 61., sind selbst in Kategorie F2 nur für Personen mit behördlicher Erlaubnis (s. Kapitel Zulässigkeit; ähnliches gilt für Kategorie F3) oder Pyrotechniker erlaubt. Außerhalb Deutschlands sind Knallkörper oft mit einem hochenergetischen Blitzknall-Satz gefüllt, der auch ohne stabile Hülse einen kräftigen, meist scharfen Knall erzeugt.
Zur Zündung dient eine Zündschnur oder ein Reibkopf wie bei einem Streichholz. Entgegen der landläufigen Meinung detoniert ein Knallkörper mit Schwarzpulverfüllung nicht, sondern seine Hülle zerreißt bedingt durch einen raschen Druckanstieg, welcher durch den Abbrand des Schwarzpulvers (Deflagration) hervorgerufen wird. Die Druckwelle breitet sich nicht mit Überschallgeschwindigkeit (bezogen auf das Schwarzpulver) aus. Im Gegensatz zu den deutlich schneller abbrennenden Metallpulver-Mischungen brennt Schwarzpulver mit 300 bis 600 m/s vergleichsweise langsam ab und überschreitet daher nicht in allen Fällen die Schallgrenze der Luft. Die Folge ist ein Knalleffekt, der etwas „weicher“ klingt als ein Blitzknallsatz. Neben dem Schwarzpulver enthalten Knallkörper auch gewöhnlichen Lehm oder rote Tonerde, um Hohlräume aufzufüllen und zu verdämmen.
Geschichte Das Wort Böller kommt aus der mittelalterlichen Kriegsführung. 1343 sind in Regensburg erstmals „pöler“ erwähnt, die auf einem Kriegszug mitgeführt wurden. Damit waren wohl kleine Schleudermaschinen gemeint (zu mittelhochdeutsch boln ‚schleudern‘). Später, in der Frühzeit der Feuerwaffen, bezeichnete das Wort kleine Kanonen für Signalschüsse. Hieraus hat sich die Tradition des Böllerschießens in Bayern und Österreich entwickelt.
Seit wann es Knallkörper im Sinne von Feuerwerkskörpern gibt, ist nicht genau bekannt. Es ist anzunehmen, dass sie ihren Ursprung in Salutschüssen haben, aus denen sich im Laufe der Jahrhunderte eigenständige Feuerwerkskörper entwickelten. Die Grundformen von Reibkopfknallern, Kanonenschlägen und Knallfröschen haben sich vermutlich im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet.
Arten
mini|Verschiedene Knallkörper im Größenvergleich (in der Mitte unten grüne Knallfrösche)
Chinaböller
mini|links|Schematischer Aufbau eines Lady-Crackers
Als Chinaböller werden zylindrische Knallkörper mit chinesischer Zündschnur bezeichnet. Sie werden meist in der Volksrepublik China produziert und von dort importiert und sind in Mitteleuropa weit verbreitet. Typisch ist die Verpackung aus rotem Seidenpapier. Sie sind meist mit Schwarzpulver gefüllt (in Deutschland generell). In Deutschland sehr verbreitete Varianten sind 440 (oft als Pyrocracker bezeichnet), 460 (Chinaböller A), 480 (Chinaböller B), 490 (Chinaböller D), 500 (Superböller I) und 510 (Superböller II). Die Zahlenangaben sind (ehemalige) Normen für die Maße der Chinaböller; heutige Böller sind in der Regel mittlerweile etwas kleiner.Maße der unterschiedlichen Böllergrößen mit Tabelle (niederländisch) Seltener sind die Größen 450 (Petarde) und 470 (Chinaböller C). Als Knallkörperketten werden Böller bezeichnet, die zu Matten gebündelt sind. In Deutschland waren Lady-Cracker (40er oder 70er Matten) und Paket-Cracker (etwas größer, 20er oder 30er Matten) üblich. Früher gab es diese kleinen Knallkörper auch einzeln; sie waren als Pfennigschwärmer, Judenfürze (Franken und Schwaben), Mickeferz (Pfalz), Zisselmännchen (Westfalen) oder Piepmanscher (Norddeutschland) bekannt, in der Schweiz ist die Bezeichnung Frauenfurz geläufig. Die Firma Weco nennt ihre Paket-Cracker Miniknaller. Diese wurden zuletzt ungebündelt mit einzelnen Zündschnüren verkauft. Seit 2009 sind in Deutschland auch wesentlich längere Matten mit Lady- oder Paket-Crackern sowie Matten aus größeren Böllersorten erhältlich. In anderen Ländern, vor allem in China, werden extrem lange Matten mit tausenden Knallkörpern verkauft. Sie sind oft kuchenförmig aufgewickelt und werden daher als cakes bezeichnet.
Gebinde einer definierten Zahl an Chinaböllern werden umgangssprachlich als Schinken bezeichnet. Ein Schinken Chinaböller A besteht beispielsweise aus 240 und ein Schinken Chinaböller D aus 80 einzelnen Krachern. Die Bezeichnung „Schinken“ rührt von der früher üblichen Verpackungsweise in rotes Seidenpapier her. Heute werden dafür zumeist Kartons verwendet.
mini|Chinaböller-Vergleich 1980 und 2005
Geschichte
Ursprünglich dominierten Knallkörper aus deutscher Fertigung das Angebot in Deutschland. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es aber schon chinesische Miniknaller- und Knallmatten. Chinaböller kamen in der Bundesrepublik in den 1960er Jahren auf. Die Zerlegung der Böller erfolgte in etliche kleine Papierschnipsel. Die Zündschnüre waren grau und brannten recht schnell und unregelmäßig ab. Außerdem war die Chinesische Zündschnur (Chinese Fuse) feuchtigkeitsempfindlich. In den 1970ern kamen D-Böller und Anfang der 1980er die Superböller hinzu, die damals hochwertig verarbeitet und sehr laut waren. Die Labels der Chinaböller-Päckchen waren oft liebevoll gestaltet. Legendär waren das Tigerhead-Label, Bo Peep, der Baron Münchhausen und andere.
Insbesondere die größeren D- und Superböller waren damals oft erheblich lauter als heute. Anders als landläufig angenommen ist dies nicht Folge eines zu strengen Gesetzesrahmens in Deutschland. Dieser lässt 120 dB in acht Metern Entfernung zu, 4. SprengGÄndG von 2009, Absatz 42 II A 1 b ii die von den meisten heutigen Chinaböllern jedoch nicht mehr annähernd erreicht werden. Die Qualitätseinbußen zeigen sich anhand geringerer Wandstärke und verringertem Schwarzpulvergehalt.
Aufbau
Bei einem Chinaböller handelt es sich im klassischen Sinne um einen zylindrischen Knallkörper aus aufgerolltem Papier, in dessen Innerem sich eine Schwarzpulver-Seele befindet. An den Enden ist das Papier zugekrempelt, um die für Schwarzpulverknaller erforderliche Verdämmung zu erreichen. Die Zündung erfolgt über eine Zündschnur. Das Zerplatzen des Chinaböllers erfolgte in viele Papierschnipsel ohne zurückbleibende Stummel. Ende der 1990er wurde diese Bauart grundlegend geändert, einerseits aus Brandschutzgründen,SprengÄndG () da die vielen Papierschnipsel zuweilen zum Nachglimmen neigten, andererseits, um die Produktion durch ein neues Patent zu automatisieren. Seither haben Chinaböller eine mittig platzierte Schwarzpulverkapsel (anstatt der vorher auf die ganze Länge durchzogenen Schwarzpulverseele). Die Enden wurden fortan mit roter Tonerde gestopft. Die klassische Chinese Fuse wurde allmählich durch die zuverlässigere grüne Chinese Green Visco ersetzt. Die Krempelung des hinteren Böllerendes wurde im Laufe der 1990er Jahre aufgegeben. Seit Mitte der 2000er Jahre wird auch das vordere Böllerende meist nicht mehr gekrempelt, sondern verleimt. Seit 2016 werden auf dem deutschen Markt unter anderem von der Firma Funke auch wieder Knallkörper in der traditionellen, handgefertigten China-Böller-Bauweise mit Schwarzpulverseele und zugekrempelten Enden angeboten. Diese haben anstatt der Chinese Green Visco (grüne Visco) wieder die klassische Chinese Fuse (oft als „graue Lunte“ bezeichnet). Sie weisen wieder eine mit früheren China-Böllern vergleichbare Lautstärke auf und sind in den Klassen F2 oder P1 zugelassen.
Zylindrischer Kanonenschlag
mini|Deutsche Kanonenschläge und Reibkopfknaller aus den 1990er Jahren
Ein „Kanonenschlag“ ist ein meist rot gefärbter, zylindrischer, mit einer festen Schicht aus Pappe und Leim sauber verarbeiteter Knallkörper mit Sicherheitsanzündschnur, die oben einen Schwarzpulverkopf trägt (auch als Bickford-Pulveranzündschnur im Feuerwerkswiki bei feuerwerk.net bezeichnet). Oft besitzen größere Kanonenschläge eine sogenannte Würgung im unteren, teils auch im oberen Bereich. Der Knall ist meist laut und tief. Traditionell waren Kanonenschläge hochpreisige Qualitätsprodukte aus Deutschland. Gegenwärtig befinden sich vor allem Nachbauten aus China am Markt, die sich infolge des niedrigeren Preises durchgesetzt haben. Bei diesen Nachempfindungen handelt es sich gemäß ihrer Bauart meist um größere Chinaböller mit geringfügigen Modifikationen. Verarbeitungsqualität und Effektstärke unterscheiden sich deutlich von den in Deutschland gefertigten Kanonenschlägen. Letztere werden gegenwärtig (2020) nur noch von einer großen sowie von zwei kleineren deutschen Firmen hergestellt.
Kubischer Kanonenschlag
mini|Kubischer Kanonenschlag
Ein „Kubischer Kanonenschlag“ ist ein gedrungener Knallkörper in Würfelform, der nach der Zündung mit einem besonders dumpfen Knall explodiert. Er ist daran zu erkennen, dass der Würfel oberflächendeckend dreiachsig dicht mit Hanfspagat bandagiert und geleimt ist. Die rund einen halben Zentimeter breite Zündschnur, die den Böller von innen heraus explodieren lässt, ist durch eine Plastikkappe geschützt, die verhindert, dass die Zündschnur nass wird oder sich ungewollt entzündet. Kubische Kanonenschläge wurden jahrzehntelang – in verschiedenen Größen – in Deutschland hergestellt. In den 1990ern ließen die ersten deutschen Feuerwerksfirmen diese auch in der Volksrepublik China produzieren. Kurz nach Mitte der 2000er-Jahre stellte auch die letzte Firma die Produktion in Deutschland ein.vgl. Weco Produktkatalog 2005 S. 43 (oben rechts mit dem „Made in Germany“-Logo) mit Weco-Produktkatalog 2007 S. 60 ff., in dem kubische Kanonenschläge mit Hinweis auf deutsche Produktion bereits fehlen. Seitdem werden kubische Kanonenschläge nur noch in China hergestellt. In Norddeutschland ist für diesen Knallkörper auch die Bezeichnung Bienenkorb geläufig.
Reibkopfböller
mini|Reibkopfknaller „Power Cracker“ aus dem ehemaligen VEB Pyrotechnik Silberhütte