mini|Mahnmal für die „Weiße Rose“ vor der Ludwig-Maximilians-Universität München (Teilansicht)
Weiße Rose nannte sich eine hauptsächlich von Studenten getragene, von München aus agierende deutsche Widerstandsgruppe gegen die nationalsozialistische Diktatur, die sich wesentlich auf christliche und humanistische Werte aus der Tradition der bündischen Jugend berief. Sie entstand während des Zweiten Weltkriegs, ab Juni 1942 auf Initiative eines Freundeskreises um Hans Scholl und Alexander Schmorell. Die Gruppe verfasste, druckte und verteilte auf verschiedenen klandestinen Verbreitungswegen zunächst in der Region München selbst, später über Kuriere auch in einigen anderen Städten des NS-Staates – vor allem in Süddeutschland – insgesamt sechs Flugblätter in unterschiedlicher, tendenziell steigender Auflage von zuletzt bis zu 9000 Exemplaren. In diesen Veröffentlichungen thematisierten sie Verbrechen des Regimes und riefen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf. Nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad bemalten ihre Mitglieder in nächtlichen Aktionen zusätzlich auch öffentliche Fassaden in München mit Parolen gegen Hitler und die NS-Herrschaft. Zwischen Ende Februar und April 1943 wurde sie mit der Enttarnung, Verhaftung und schließlich dem Justizmord an ihren prägenden Mitgliedern nach Todesurteilen des sogenannten „Volksgerichtshofes“ zerschlagen.
Heute gilt die Weiße Rose als bekanntestes und symbolgebendes Beispiel für den studentisch-bürgerlichen Widerstand gegen das NS-Regime innerhalb Deutschlands; in einem darüber hinausgehenden Sinn steht sie für moralische Lauterkeit, Mut (Zivilcourage) und Opferbereitschaft im Einsatz für humanistisch-demokratische Ideale vor dem Hintergrund einer totalitären Diktatur. Im Zuge der Aufhebung von NS-Unrechtsurteilen sind alle Urteile des „Volksgerichtshofs“ als Werkzeug der NS-Diktatur gesetzlich als nichtig erkannt.
Name Die Herkunft des Namens Weiße Rose – abgeleitet von der Überschrift Die Weiße Rose über den ersten vier Flugblättern der Gruppe – ist ungeklärt. Einige sehen einen Bezug zum Buch Die weiße Rose von B. Traven. Nach seiner Verhaftung am 18. Februar 1943 gab Hans Scholl an, den Namen „willkürlich gewählt“ zu haben:
Der Aussagewert dieser Verhörsituation ist jedoch unklar; möglicherweise wollte Scholl seine Motive geheim halten, um die anderen Mitglieder der Gruppe zu schützen. Als sicher kann gelten, dass Hans Scholl das Buch von Traven kannte und schätzte. In einem Brief vom 27. Juni 1938 an seine Schwester Inge hatte Hans Scholl geschrieben:
Das Symbol der weißen Rose könnte auch von der Kirschblüte beeinflusst worden sein, einem Symbol der Deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929, der Hans und Sophie Scholl angehörten. Möglicherweise geht der Name auf die Zeichnung einer weißen Rose auf einer Postkarte aus dem Verlag Max Baur zurück. Dies veranlasste im Oktober 1941 den Soldaten Fritz Rook zu einem Text darüber, was eine weiße Rose für ihn bedeutet. Dieser Text wiederum gefiel Alexander Schmorell so gut, dass er die Adressatin, Lilo Ramdohr, bat, diesen kopieren zu dürfen, um ihn Hans Scholl zu zeigen. Darin heißt es:
Ebenso wie die Herkunft des Namens Weiße Rose ungeklärt ist, gilt dies auch für die Schreibweise. Die ersten Flugblätter tragen die Bezeichnung Weisse Rose (mit Doppel‑s statt Eszett). Eine mögliche Erklärung, die in München verwendete Schreibmaschine des Modells Remington Portable 2 von 1928 habe über keine eigene ß‑Taste verfügt, ist plausibel, aber nicht gesichert. Einige in Berlin hergestellte und verbreitete Flugblätter verwenden hingegen das Eszett; dort kam eine Continental‑Schreibmaschine der Wanderer‑Werke zum Einsatz, die über eine entsprechende Taste verfügte. Die Remington-Schreibmaschine mit der Seriennummer NL 82533M wurde am 19. Februar 1943 von der Gestapo im Keller des Ateliers Eickemeyer in München beschlagnahmt und diente dem Volksgerichtshof als Beweismittel. Heute befindet sie sich im Besitz des Weiße-Rose-Instituts in München. Mitglieder
Den inneren Kreis der Weißen Rose bildeten die beiden Geschwister Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf sowie der Universitätsprofessor Kurt Huber.
Schmorell und Probst kannten sich bereits ab 1935, als beide auf dasselbe Gymnasium gingen. Sie studierten später in München Medizin. 1941 lernte Hans Scholl im Medizinstudium Schmorell kennen. 1942 kamen Sophie Scholl und Willi Graf nach München zum Studium und Hans Scholl lernte Kurt Huber persönlich kennen.
Darüber hinaus gab es Personen, die die Gruppe aktiv unterstützen, oder Mitwisser, die von der Gruppe wussten, sie aber nicht verrieten, oder Personen die Einfluss auf sie hatten oder mit ihnen befreundet waren.
Prägende Einflüsse Aus den Flugblättern, erhaltenen Dokumenten und Erinnerungen von Zeitzeugen hat die Geschichtsforschung ein differenziertes Bild der Gründe und Motive der Beteiligten herausgearbeitet. In ihrem 1952 erstmals erschienenen, viele Male aufgelegten Gedenkbuch Die weiße Rose zeichnet Inge Scholl ein idealisiertes Bild ihrer Geschwister und deren Freunde, das die Erinnerung an die Weiße Rose wachhielt und prägte, aber auch die Möglichkeit der Mythenbildung nicht ausschloss. Die historische Aufarbeitung der teils erst nach Jahrzehnten zugänglich gewordenen Informationen zu Einzelschicksalen erlaubt es, die geistige Suche und Entwicklung junger Menschen, ihre individuellen Motive und Wege hin zum widerständigen Handeln innerhalb der kurzen Zeitspanne ihres Lebens und den wenigen Monaten ihres aktiven Widerstands annähernd nachzuzeichnen.
Bürgerlicher Humanismus Die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und Musik war in den akademischen Gesellschaftskreisen der Beteiligten selbstverständlich; als Studenten war ihr geistiger Horizont weit: Sie besuchten regelmäßig Konzerte in München, Willi Graf sang im Münchener Bachchor.Willi Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 37–104. Jede und jeder für sich las nahezu täglich Autoren des „klassischen“ Bildungskanons, darunter Goethe,Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1984, S. 26 ff. Shakespeare,Willi Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 39–41. Dostojewski,Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1984, S. 85–316.Willi Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 54, 58, 85 f. TolstoiWilli Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 87, 89. und Puschkin.Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1984, S. 85.Willi Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 93 ff. Während des Fronteinsatzes lenkten sich die Medizinstudenten im August 1942 mit Adalbert Stifters Der Nachsommer ab.Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1984, S. 133.Willi Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 48. Willi Graf war stark beeindruckt von den Werken Ernst JüngersWilli Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 289 (Kommentarteil). und freute sich, als er im November 1942 ein Exemplar der im gleichen Jahr erschienenen Gärten und Straßen erhielt.Willi Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 77, 83. Hans Scholl schätzte die Werke Ernst Wiecherts und nahm Anteil an dessen Schicksal.Hans Scholl und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1984, S. 25. Kurt Huber beendete sein Schlusswort des Angeklagten vor dem „Volksgerichtshof“ mit einem Zitat von Fichte.Inge Aicher-Scholl: Die Weiße Rose. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11802-6, S. 68. In den Flugblättern berufen sich die Verfasser auf Schiller und Goethe,Erstes Flugblatt Laozi,Zweites Flugblatt Aristoteles,Drittes Flugblatt sowie auf das biblische Buch der Sprichwörter und NovalisViertes Flugblatt und damit auf die christliche und abendländische Kultur.
Die Verfasser zeigen den grundsätzlichen Gegensatz auf zwischen der humanistischen Tradition und der in Wahrheit „ungeistig[en]“ und verlogenen nationalsozialistischen Ideologie.
Für sich allein betrachtet, kann die distanzierte Haltung bürgerlich humanistisch geprägter Intellektueller unter Berufung auf Versatzstücke klassischer literarischer Bildung als abgehoben und elitär missverstanden werden. Schon das zweite Flugblatt prangert – als eines der wenigen bekannten Dokumente des deutschen Widerstands – offen den Mord an den Juden und die planmäßige Vernichtung der polnischen Elite im deutsch besetzten Polen als Ausdruck des umfassend verbrecherischen Charakters des Regimes an. Unbegreifliche allgemeine Trägheit habe diese Verbrechen ermöglicht und befördert.
Die Flugblätter stellen der humanistischen eine moralische Sichtweise zur Seite: Wer sich nur heraushält, macht sich schuldig:
Jugendbewegung Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Jugendbewegung großen Einfluss auf junge Deutsche. Kerngedanken der Bewegung waren gesundes Leben in der Natur, Rückbesinnung auf ältere kulturelle Traditionen, vor allem aber ungebundenes Denken und eine unabhängige Einstellung. Natur, Brüderlichkeit und gemeinsam bestandene Abenteuer waren wichtige Themen. Teil dieser Bewegung war die Deutsche Jungenschaft vom 1. November 1929, abgekürzt d.j.1.11, 1929 von Eberhard Koebel gegründet. Hans Scholl gehörte ihr seit 1934 an. Christoph Probst war Mitglied der Jugendbewegung, Willi Graf hatte sich der illegalen katholischen Jugendbewegung Neudeutschland und dem Grauen Orden angeschlossen. Sein Fahrtenname war „nurmi“.Willi Graf: Briefe und Aufzeichnungen. Fischer, 1988, S. 114 ff. Die Jugendorganisationen der NSDAP übernahmen nach außen hin die Sitten und Bräuche der Jugendbewegung, nutzten sie aber für ihre NS-Propaganda und machten die Mitgliedschaft zur Pflicht. Während sich Willi Graf, Otl Aicher oder Heinz Brenner geweigert hatten, der Hitlerjugend beizutreten, waren Hans und Sophie Scholl erst einmal, gegen die Überzeugung ihrer Eltern, begeisterte Mitglieder der „Hitlerjugend“ und des „Bund Deutscher Mädel“. 1936 wurden alle Jugendorganisationen außerhalb der Partei aufgelöst und verboten. Sowohl Hans Scholl als auch Willi Graf wurden 1937 und 1938 wegen „bündischer Umtriebe“ in Haft genommen und verhört.
Jugendbewegte Gefühle, die Verehrung Dostojewskis, Tolstois, Puschkins sowie die Rußlandromantik der Fahrtenlieder äußern sich während der „Frontfamulatur“ im Sommer 1942 im freundlichen und offenen Umgang mit russischen Einwohnern und Kriegsgefangenen:
Christentum