Hispaniola (auch Hispañola; ) oder Kiskeya (in der Sprache der Taíno), spanisch Quisqueya, ist mit einer Fläche von etwa 76.480 km² die zweitgrößte der Großen Antillen und gleichzeitig der gesamten Westindischen Inseln. Auf der Insel liegen die Staaten Haiti und Dominikanische Republik.
Geografie Ungefähr 90 km westlich liegt die größte Antilleninsel Kuba und 160 km westlich Jamaika, 120 km östlich Puerto Rico, 250 km nördlich die Gruppe der Turks- und Caicosinseln und 180 km nordnordwestlich die Inselgruppe Inagua. Die Insel erstreckt sich 600 km in Ost-West- und 250 km in Nord-Süd-Richtung. Sie hat die Form einer nach Westen geöffneten Hand, wobei zwei gebirgige Halbinseln weit gegen Kuba bzw. in den Jamaica Channel hervorragen. Relativ flach sind nur der Osten und ein im Norden zwischen zwei Bergketten durchziehendes Längstal.
Politische Gliederung mini|Dominikanische Republik und Haiti Der größere östliche Teil der Insel bildet heute die Dominikanische Republik, der kleinere westliche Teil die Republik Haiti. (Siehe auch: Liste geteilter Inseln)
Bevölkerung Mit ihren mehr als einundzwanzig Millionen Einwohnern ist Hispaniola die bevölkerungsstärkste Insel der Antillen. Land Fläche(km²) Einwohner (2017) Bevölkerungsdichte(Einw./km²) 221 396 Hispaniola 284
Ursprung der Namen Die einheimischen Taíno nannten die Insel Kiskeya (übersetzt etwa „wunderbares Land“) oder auch Ayití (übersetzt „gebirgiges Land“), woraus die heutigen Bezeichnungen „Quisqueya“ und „Haiti“ entstanden. Haiti bezeichnete also ursprünglich die gesamte Insel. Der Begriff Quisqueya findet sich in der ersten Zeile der Dominikanischen Nationalhymne („Quisqueyanos valientes, alcemos: Nuestro canto con viva emoción …“) und wird auch als Markenname verschiedener Produkte verwendet. Es gibt auch eine kleinere, nicht sehr bedeutsame politische Bewegung, die anstrebt, die beiden Staaten unter dem gemeinsamen Namen „Quisqueya“ zu vereinen.
Christoph Kolumbus nannte die Insel La Isla Española („die spanische Insel“). Engländer verballhornten den Namen zu Hispaniola („Kleinspanien“).
Die Insel Hispaniola wurde in der Kolonialzeit politisch getrennt in einen spanischen Ostteil, Santo Domingo oder San Domingo genannt, nach der gleichnamigen Stadt, und einen französischen Westteil, Saint Domingue oder Saint-Domingue. Aus dem Ostteil wurde die Dominikanische Republik, aus dem Westteil Haiti, das zeitweise in Nord-Haiti und eine südliche „Mulatten-Republik“ geteilt war.
In diesem Artikel ist, wenn nicht ausdrücklich von der Stadt gesprochen wird, mit Santo Domingo immer der Ostteil Hispaniolas gemeint. Auch ist mit Haiti der Klarheit wegen immer der Staat im Westteil der Insel gemeint.
Geomorphologie mini|Hispaniola von der ISS aus gesehen.
Hispaniola, Jamaika, Kuba und Puerto Rico sind zusammen bekannt als die Großen Antillen. Die größten vorgelagerten Inseln sind auf haitianischer Seite die Île de la Gonâve und die Île de la Tortue sowie auf Seiten der Dominikanischen Republik die Isla Saona.
Auf der Insel liegen fünf große Bergketten, die mehr oder weniger zusammenhängen und sich über insgesamt mehr als 600 km erstrecken.maximale Ausdehnung nach Vermessung über die GoogleMaps-Karte: Die größten Gebirge der Erde
Die Cordillera Central erstreckt sich von der südlichen Küste bis in den Nordwesten der Insel. In der Cordillera Central liegen die fünf höchsten Berge der Karibik: der Pico Duarte (3101 m), die Loma La Pelona (3097 m), die Loma Rucilla (3039 m), die Loma de la Viuda (2802 m) und der Yaque (2760 m). Die Cordillera Septentrional verläuft parallel zur Cordillera Central an der nördlichen Küste und erstreckt sich als Halbinsel Samaná bis in den Atlantik. Der höchste Punkt dieser Bergkette ist Pico Diego de Ocampo (1249 m) zwischen Santiago und Puerto Plata. Im Osten der Dominikanischen Republik erstrecken sich die Cordillera Oriental (höchste Erhebung: 736 m) und Costera del Caribe. Die Sierra de Neiba erhebt sich im Südwesten der Dominikanischen Republik und verläuft nordwestlich nach Haiti als Montagnes Noires, Chaîne des Matheux und Montagnes du Trou d’Eau. Das Zentralplateau liegt zwischen dem Nordmassiv und den Montagnes Noires. Die Plaine de l’Artibonite liegt zwischen den Montagnes Noires und den Chaîne des Matheux und erstreckt sich westwärts zum Golf von Gonâve. Die höchste Erhebung ist 2279 m hoch (nördlich des Lago Enriquillo). Die südliche Bergkette beginnt als Sierra Baoruco und erstreckt sich westwärts unter dem Namen Massif de la Selle und Massif de la Hotte und bildet die südwestliche Halbinsel Haitis. Morne de la Selle ist mit 2674 m die höchste Erhebung der Bergkette und der höchste Gipfel Haitis. Auf der dominikanischen Seite sind die höchsten Erhebungen 2368 m und 2085 m hoch. Eine Tiefebene verläuft parallel zur südlichen Bergkette, die in Haiti als Plaine du Cul-de-Sac bekannt ist und an deren westlichen Ende Haitis Hauptstadt Port-au-Prince liegt. In der Tiefebene liegen einige Salzwasserseen, unter anderem die Saumatre-Lagune in Haiti und der Enriquillo-See in der Dominikanischen Republik.
Die zum Teil großen Höhenunterschiede auf der Insel Hispaniola in Verbindung mit tropischen Regenfällen haben schon häufiger, zuletzt zweimal im Jahr 2004, zu schweren Überschwemmungen mit Tausenden von Todesopfern geführt: Im Mai 2004 war die Region um Jimaní im Süden der Insel betroffen, der Arroyo Blanco trat über die Ufer (nördlich der Gebirgskette Massif de la Selle/Sierra de Baoruco, zwischen den Seen Étang Saumatre und Lago Enriquillo), im September 2004 der Norden, besonders das Cibao-Tal in der Nähe des Río Yaque del Norte, und am schwersten die Region um die haitianische Stadt Gonaïves.
Die Insel liegt auf der Grenze der Nordamerikanischen und der Karibischen Platte und ist deshalb ein potentielles Erdbebengebiet. Am 4. August 1946 gab es in der Dominikanischen Republik ein Beben der Stärke 8,1 (Epizentrum auf der Halbinsel Samana), am 26. September 2003 ein Beben der Stärke 6,8 (Epizentrum nahe Puerto Plata). Am 12. Januar 2010 erschütterte ein verheerendes Erdbeben der Stärke 7,0 Haiti (Nähe Carrefour, Port-au-Prince, Delmas). Am 14. August 2021 ereignete sich in Haiti ein Erdbeben der Stärke 7,2 (Epizentrum etwa 125 Kilometer westlich der Hauptstadt Port-au-Prince) mit ca. 2.000 Todesopfern und ca. 9.900 Verwundeten. Hierbei wurden nach offiziellen Angaben (Stand 18. August 2021) 7.000 Gebäude zerstört und 5.000 beschädigt. Ca. 30.000 Familien wurden obdachlos.
Flora und Fauna mini|Landschaft in Haiti
Das Klima auf Hispaniola ist allgemein feucht und tropisch. Die Insel hat vier verschiedene Ökoregionen. Feuchtwälder bedecken etwa 50 % der Insel, besonders den nördlichen und östlichen Teil, vorwiegend das Tiefland, aber auch bis in eine Höhe von 2100 m. Die Region der Trockenwälder bedeckt etwa 20 % der Insel im Regenschatten der Berge im Süden und Westen sowie im Cibao-Tal im mittleren Norden der Insel. Die hispaniolischen Kiefernwälder bedecken die bergigsten 15 % der Insel oberhalb von 850 m. Die Enriquillo-Feuchtlande sind eine Region überschwemmter Weiden und Savannen, die die Seenkette des Enriquillo-Sees, der Rincón-Lagune, des Caballero-Sees, der Saumatre-Lagune und des Trou Cayman umgibt. Im Teil der heutigen Dominikanischen Republik ist die Tierwelt sehr vielfältig: In den Zuckerrohrplantagen leben Goldstaubmungos, die als Neozooen zur Bekämpfung der Rattenplage ausgewildert wurden, in den Ökonischen gibt es z. B. Seevögel, Kolibris, Reptilien (Land- und Meeresschildkröten, Wirtelschwanzleguane), Amphibien (Frösche etc.), Reiher, Flamingos sowie viele Fischarten. Die Republik Haiti legt weniger Wert auf den Schutz ihrer Öko-Ressourcen und erkannte nicht das wichtige Potenzial für den Tourismus. Wälder werden bedenkenlos abgeholzt; die Landoberfläche verkarstet und Abspülungen führen zum Verlust fruchtbarer Flächen, es bilden sich auch Muren.
Geschichte Präkolumbische Zeit Bis 1492 lebten auf Hispaniola hauptsächlich die indigenen Völker der Arawak, Ciboney und der Kariben. Genetische Studien deuten auf eine präkolumbische Besiedlung von 10.000 bis 50.000 Menschen auf Hispaniola hin.D.M. Fernandes et al. A genetic history of the pre-contact Caribbean. Nature, online publiziert am 23. Dezember 2020; doi:10.1038/s41586-020-03053-2
Vor der Eroberung durch Europäer existierte auf der Insel die Kultur der Arawak, die aus Venezuela stammten und seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. über die Kleinen Antillen eingewandert waren. Sie waren um 1650 auf der Insel ausgestorbenHoward Zinn: A People’s History of the United States, Harper Perennial, 2005, S. 5.
Spanische Kolonisation mini|Die ersten Siedlungen auf Hispaniola mini|Nautische Karte von 1639 mini|Haiti und Dominikanische Republik – Gebietsentwicklung ab 1492
Am 5. Dezember 1492 erreichte Christoph Kolumbus Hispaniola. Nach Goldlagerstätten forschend erkundete Kolumbus Stellen, die sich zur Landung von Schiffen eigneten. Vor seiner Rückkehr nach Europa errichtete er mit Hilfe der Arawak aus den Trümmern des gestrandeten Schiffs Santa Maria das Fort La Navidad, die erste Kolonie in Amerika. Er ließ eine Besatzung von 40 Mann zurück.
Eroberung und Gründung der Stadt Santo Domingo Bei seiner Rückkehr nach Hispaniola am 28. November 1493 fand er das Fort in Trümmern; Arawak unter ihrem Anführer („Kazike“) Caonabó hatten es nach Gewalttaten und Plünderungszügen der Spanier zerstört und die Besatzung beendet. Kolumbus ließ daraufhin in einem Feldzug viele Arawak versklaven und nach Spanien verschleppen, was nicht auf Zustimmung des spanischen Königspaares stieß. Die Spanier legten im Osten des Kap Monte Cristi im Januar 1494 die Stadt La Isabela an, von wo aus sie sich die reichen Goldminen von Cibao aneigneten und zu deren Sicherung das Fort St. Thomas errichteten.
1496 trat Kolumbus die Heimreise an, und sein Bruder Bartolomeo gründete an der Mündung des Río Ozama die Stadt Santo Domingo, die Hauptstadt der Insel wurde und ihr beziehungsweise ihrem Ostteil später den Namen gab. Seit La Isabela aufgegeben wurde, ist Santo Domingo die älteste noch bestehende von Europäern gegründete Siedlung in Amerika.
Am 31. August 1498 kam Kolumbus erneut in die Stadt Santo Domingo, versuchte, Streitigkeiten der Siedler mit seinem Bruder zu schlichten und verstärkte die Christianisierung sowie die Suche nach Gold. Aufgrund negativer Berichte ersetzte der spanische Hof Kolumbus als Gouverneur durch Francisco de Bobadilla, der am 23. August 1500 Hispaniola erreichte. Er nahm die Brüder Kolumbus gefangen und schickte sie in Ketten nach Spanien. Dort wurden sie durch das Königspaar begnadigt, jedoch nicht wieder in ihre ehemaligen Ämter eingesetzt.
Sklaverei und Widerstand Die Ureinwohner litten unter dem 1503 eingeführten Encomienda-System, das sie zur Zwangsarbeit verpflichtete. Nach den Aufzeichnungen des Chronisten Las Casas lebten auf Hispaniola 1508 nur noch 60.000 Indigene.Howard Zinn: A People’s History of the United States, Harper Perennial, 2005, S. 7 Sklavenarbeit, die Verfolgung Flüchtiger und die aus Europa und Afrika eingeschleppten Seuchen, gegen die die Indigenen nicht immun waren, führte zu einem raschen Sterben der Bevölkerung. Die von Bobadilla und seinem Nachfolger Nicolás de Ovando ausgebeuteten Goldminen von San Cristoforo waren eine der Stätten des Sterbens.