Die Belgrader Operation war eine Großoffensive der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee und der Roten Armee mit Unterstützung der bulgarischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Sie führte im Oktober 1944 zur Einnahme der Stadt Belgrad und bedrohte den Rückzug der deutschen Wehrmachtverbände vom Balkangebiet. Das eigentliche Ziel der Operation, das Abschneiden und Vernichten der deutschen Heeresgruppe E, wurde nicht erreicht.

Hintergrund Seit der militärischen Besetzung Jugoslawiens und Griechenlands während des Balkanfeldzuges 1941 befanden sich die Besatzungstruppen der Achsenmächte in einem ständigen Kampf gegen die wachsende jugoslawische Partisanenbewegung. Noch im Mai 1944 führte die deutsche Heeresgruppe F eine großangelegte, aber erfolglose Offensive gegen die Partisanen durch. Im August desselben Jahres gelang der Roten Armee mit der Operation Jassy-Kischinew in Bessarabien der Durchbruch durch die deutsche Ostfront. Sie eroberte zunächst Bulgarien und näherte sich im September der jugoslawischen Grenze. Nunmehr verabredete die sowjetische Führung in Gesprächen mit der Volksbefreiungsarmee Jugoslawiens unter der Führung Josip Broz Titos den Beginn einer gemeinsamen Offensive zur Befreiung Jugoslawiens und zur Vernichtung der deutschen Besatzungstruppen. Bei dieser Operation sollte der Eroberung Belgrads höchste Priorität eingeräumt werden, weil diese Stadt nicht nur von größter politischer Bedeutung war, sondern auch einen bedeutenden logistischen Knotenpunkt darstellte.

Ausgangslage Deutsche Kräfte und Planungen mini|hochkant|Deutsche Soldaten und Schützenpanzerwagen im Oktober 1944 auf dem Balkan

Dem deutschen Oberbefehlshaber Südost Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs hatte Hitler noch im August 1944 die Weisung erteilt, den ganzen Balkanraum zu halten. Erst der Zusammenbruch der Heeresgruppe Südukraine und der Abfall Bulgariens führten zu der Anweisung vom 1. September, den Rückzug vorzubereiten. Zunächst war vorgesehen, die Heeresgruppe E (Generaloberst Alexander Löhr) auf die Linie Korfu-Saloniki zurückzunehmen und lediglich die in Jugoslawien gegen Partisanen operierende 2. Panzer-Armee zur Deckung der jugoslawisch-bulgarischen Grenze einzusetzen. Hinter der Grenzlinie verlief die einzige Bahnlinie von Griechenland (Saloniki) über Skopje nach Norden bis Belgrad. Diese war die wichtigste Versorgungslinie der gesamten Achsenstreitkräfte in Griechenland. Deren Schutz hatten in Mazedonien bulgarische Truppen übernommen. Als diese nach der Besetzung ihres Landes unter sowjetischen Befehl traten, wurden sie von der Wehrmacht entwaffnet.Kurt von Tippelskirch: Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Bonn 1956, S. 501f. Als Bulgarien Deutschland am 8. September 1944 den Krieg erklärte, standen zwischen der Donau und der Ägäis praktisch keine deutschen Truppen in einer möglichen Verteidigungsstellung, obwohl in der Grenzregion zu Bulgarien mit einem baldigen Angriff der Roten Armee zu rechnen war. Mit nur unzureichenden Kräften versuchte die deutsche Führung nun eine Abwehrstellung zu improvisieren. Die Heeresgruppe E konnte nur unter großen Schwierigkeiten zwei Infanteriedivisionen (22. Division aus Kreta und die 11. Luftwaffen-Felddivision) an der Grenze zu Bulgarien formieren, um dort den Vorstoß bulgarischer Truppen aufzufangen. Im Norden kehrte die 2. Panzerarmee ihre Front nach Osten um, um nördlich von Belgrad Abwehrbereitschaft herzustellen. Die 117. Jäger-Division wurde aus Griechenland abkommandiert und zur Verstärkung der Besatzung von Belgrad im Lufttransport herangeführt. Südlich davon, zwischen Belgrad und Kladovo, standen zu diesem Zeitpunkt jedoch lediglich Alarmeinheiten aus Versorgungsabteilungen und Versprengten, die unter dem lokalen Militärbefehlshaber Südost, General der Infanterie Felber, versuchten, eine Abwehrfront aufzubauen. Die Kräfte des XXI. Armeekorps, das weiter im Westen gegen Partisanen operierte, befanden sich erst im Anmarsch.Maximilian von Weichs: Die große Absetzbewegung im Südosten – Denkschrift vom Januar 1945. In: Percy E. Schramm: Das Kriegstagebuch des OKW. Bd. 7, Augsburg 2002, S. 818–820. (Ausgabe aus dem Jahr 1961 online)

Die Heeresgruppe E begann mit der Rückführung ihrer Verbände von den zahlreichen griechischen Inseln bereits im August 1944 und ab dem 6. September wurde auch mit der Räumung der Peloponnes begonnen. Da die alliierte Überlegenheit den Seetransport unmöglich machte, mussten die Truppen unter Zurücklassung des schweren Gerätes per Lufttransport evakuiert werden, bis auch diese Möglichkeit aufgrund der gegnerischen Luftüberlegenheit ab dem 15. September eingestellt werden musste (zahlreiche Wehrmachteinheiten blieben bis zum Kriegsende auf griechischen Inseln). Dabei mussten diese Truppen zu neuen Regimentern und Bataillonen zusammengefasst und organisiert werden.Maximilian von Weichs: Die große Absetzbewegung im Südosten – Denkschrift vom Januar 1945. In: Percy E. Schramm: Das Kriegstagebuch des OKW. Bd. 7, Augsburg 2002, S. 816. Insgesamt zog die Heeresgruppe auf dem griechischen Festland etwa sechs Divisionen zusammen, deren Kampfkraft jedoch deutlich unter Sollstärke lag. Diese Truppen sollten sich nun über die Bahnlinie und auf der daneben verlaufenden Straße nach Norden zurückziehen. Mitten in diese Absetzbewegung stieß Anfang Oktober die sowjetische Großoffensive hinein. Insgesamt standen zu diesem Zeitpunkt 20 Divisionen, 7 Brigaden sowie 25 selbständige Regimenter und Bataillone des Deutschen Reiches in Jugoslawien, Griechenland und Albanien. Zu diesen kamen weitere etwa 200.000 nicht-deutsche Soldaten (u. a. Kroaten, Tschetniks).

Sowjetisch-jugoslawische Vorbereitungen mini|hochkant|Marschall F. I. Tolbuchin

Bereits Mitte September 1944 fanden in Moskau Gespräche zwischen der jugoslawischen und der sowjetischen Führung statt, um die gemeinsame Offensive zu koordinieren. Den Partisanen Titos wurde die Unterstützung zweier sowjetischer Fliegerdivisionen zugesichert und die umfangreiche Lieferung von Kriegsmaterial beschlossen. Auch einige Instrukteure wurden zu den Partisanenverbänden entsandt.

Den Auftrag zum Angriff auf Belgrad und zum Abschneiden der deutschen Rückzugslinie erhielt die 3. Ukrainische Front unter Marschall Fjodor Tolbuchin. Sie umfasste die 57. Armee (Generalleutnant Nikolai Gagen) mit dem 75., 68. und 64. Schützenkorps (neun Divisionen und eine motorisierte Schützenbrigade) eine weitere Infanteriedivision, die 17. Luftarmee und die Donau-Flottille. Allein diese Kräfte umfassten mehr als zehn Divisionen mit über 2200 Geschützen, 358 Panzern, 1292 Flugzeuge und 80 Schiffen. Im Anmarsch befand sich zusätzlich das 4. mechanisierte Garde-Panzerkorps, mit dessen Eintreffen allerdings nicht vor Mitte Oktober gerechnet wurde. Eine zusätzliche Unterstützung erhielt Tolbuchin an seiner rechten Flanke durch die 46. Armee (insbesondere das 10. Garde-Schützenkorps) der 2. Ukrainischen Front, das nördlich der Donau vorrücken sollte. Im Anschluss an den südlichen Flügel standen mehrere bulgarische Divisionen zum Angriff bereit. Damit verfügte die sowjetische Seite über eine große materielle und zahlenmäßige Überlegenheit, da zu diesem Zeitpunkt an dem gesamten Frontabschnitt lediglich zwölf deutsche Verbände bereitstanden, die in erster Linie für den Einsatz als Besatzungstruppen und zur Küstenverteidigung ausgerüstet waren und meist über keinerlei „Osterfahrung“ verfügten.M. M. Minasjan, M. L. Altgowsen (u. a.): Die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion. Bd. 4, Berlin (Ost) 1965, S. 479f.

Der Plan sah vor, dass die drei Korps der 57. Armee zunächst aus der Linie Radujevac–Kula–Widin das Ostserbische Gebirge überwinden und einen Brückenkopf jenseits der Morava bilden sollten. Aus diesem Brückenkopf heraus sollte dann das 4. mechanisierte Garde-Panzerkorps auf Belgrad vorstoßen, während die 57. Armee diese Bewegung nach Süden und Westen abzuschirmen hatte. Nördlich der Donau sollte die 46. Armee der 2. Ukrainischen Front auf einer Breite von 250 km angreifen und deren 10. Garde-Schützenkorps den Raum Pančevo östlich von Belgrad erreichen. Südlich der 57. Armee sollte zu deren Deckung die bulgarische 2. Armee von Pirot aus auf Niš vorgehen, durch dessen Besitz die Hauptverkehrsader aus Griechenland blockiert werden konnte. Alle diese Operationen sollten in enger Kooperation mit den jugoslawischen Partisanen geschehen. Seit Mitte September bereitete die sowjetischen Luftstreitkräfte die Offensive durch zahlreiche Luftangriffe vor.M. M. Minasjan, M. L. Altgowsen (u. a.): Die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion. Bd. 4, Berlin (Ost) 1965, S. 480–482.

Verlauf Der Vorstoß bis zur Morava mini|links|Sowjetische Panzer beim Vorstoß auf Belgrad

Am 28. September 1944 begann die Offensive der sowjetischen Truppen.Zu den sowjetischen Operationen vom 28. September bis zum 10. Oktober, siehe:M. M. Minasjan, M. L. Altgowsen (u. a.): Die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion. Bd. 4, Berlin (Ost) 1965, S. 483–485. Das 68. Schützenkorps (Generalmajor A. S. Schkodunowitsch) überwand den Grenzfluss Timok und eroberte schnell Kobišnica. Nördlich davon begann auch das 75. Schützenkorps (Generalmajor A. K. Akimenko) seine Bewegung, während hinter den deutschen Linien das 14. Korps der jugoslawischen Befreiungsarmee gegen die deutschen Verbindungslinien operierte. Bei Štubik gelang den sowjetischen Korps die Einkreisung eines größeren deutschen Verbandes, der bis zum 4. Oktober aufgerieben wurde. Noch während der Kämpfe bei Štubik stießen Teile des 75. Schützenkorps weiter nach Westen vor, doch bei den Orten Donji Milanovac und Klokočevac blieb der Angriff stecken. Bis zum 8. Oktober wechselten beide Städte mehrfach den Besitzer. Während das 75. Schützenkorps in diesem Abschnitt die Hauptlast der Kämpfe trug, stieß die Masse des 68. Schützenkorps im Wesentlichen ungehinderter durch das Ostserbische Gebirge vor. Am 3. Oktober nahm es Bor und erreichte am 7. Oktober mit ersten Einheiten Žbrelo an der Mlava. Da das 75. Schützenkorps auf der rechten Flanke aufgehalten worden war und auch das 64. Schützenkorps im Süden kaum Raum gewonnen hatte, musste das 68. Schützenkorps zunächst ebenfalls angehalten werden, um die eigenen Flanken abzusichern. Dennoch mussten die Übergänge über die Morava gesichert werden, bevor es den Verbänden der Wehrmacht gelang, an dem Fluss eine neue Verteidigungslinie aufzubauen. Der Kommandeur der 57. Armee, Generalleutnant N. A. Gagen, entschloss sich deshalb zum Einsatz seiner Reserve, der 5. selbständigen motorisierten Schützenbrigade. Deren Truppen erreichten am 8. Oktober die Morava und bildeten am folgenden Tag einen ersten Brückenkopf auf dem jenseitigen Ufer. Etwas weiter nördlich setzten auch einige vorgeschobene Verbände des 68. Schützenkorps über und nahmen die Stadt Velika Plana. Damit war die erste Phase der sowjetischen Offensive abgeschlossen. Die Truppen der 3. Ukrainischen Front hatten die deutsche Verteidigungslinie durchbrochen und waren zur 130 Kilometer entfernten Morava vorgestoßen. Aus dem dort gebildeten Brückenkopf konnte nun in einer zweiten Phase der eigentliche Angriff auf Belgrad beginnen.