Als Wiener Gesera wird die planmäßige Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Herzogtum Österreich im Jahr 1421 auf Befehl Herzog Albrechts V., des späteren römisch-deutschen Königs Albrecht II., durch Zwangstaufe, Vertreibung und Hinrichtung durch Verbrennen bezeichnet. Der Name leitet sich von einer „Wiener Gesera“ genannten jüdischen Schrift her und wird auch für die darin beschriebenen Ereignisse verwendet.

Vorgeschichte: Jüdische Gemeinden in Österreich zu Beginn des 15. Jahrhunderts mini|Herzog Albrecht V. von Österreich (Anonymus, 16. Jahrhundert) mini|Miniaturmodell der gotischen Synagoge am Wiener Judenplatz, Zentrum der jüdischen Gemeinschaft Im 13. und 14. Jahrhundert genossen die Juden in Österreich – verglichen mit anderen Gegenden – weitreichenden Schutz und Sicherheit, obwohl es auch hier gelegentlich zu Verfolgungen kam (beispielsweise die Pulkauer Verfolgungen 1338 wegen eines angeblichen Hostienfrevels). Auch hatte das „Wiener Provinzialkonzil“, das vom 10. bis 12. Mai 1267 im Stephansdom für die gesamte damalige Kirchenprovinz Salzburg abgehalten wurde (Wien wurde erst 1722 eine eigene Kirchenprovinz), neben organisatorischen Fragen auch das Verhältnis zwischen Christen und Juden behandelt, das bereits damals belastet war und für das eine fast vollständige Trennung beider Lebensbereiche angestrebt wurde. So wurde den Juden das Tragen spitzer („gehörnter“) Hüte befohlen, eine Steuer eingeführt und das Betreten von Gaststätten und Badstuben sowie die Aufnahme christlicher Knechte und Ammen untersagt. Christen wurden gemeinsame Feiern mit Juden verboten, ebenso der Kauf von Speisen bei Juden.St. Stephan als Synodenaula. In: Unser Stephansdom. Hrsg. vom Verein zur Erhaltung des Stephansdoms. Ausgabe Nr. 145/August 2024, Wien 2024, , S. 4. In zahlreichen Orten des Herzogtums Österreich (das im Wesentlichen dem heutigen Nieder- und Oberösterreich entspricht) gab es wohlhabende jüdische Gemeinden, die bedeutendsten waren in Wien, Krems und Wiener Neustadt, das allerdings damals politisch zum Herzogtum Steiermark zählte. Noch heute erinnern die Straßennamen Judenplatz und Schulhof (Schul = Synagoge) im 1. Wiener Gemeindebezirk daran, dass sich dort der jüdische Stadtteil befunden hat. Von dem in Zünften streng organisierten Handwerk waren die Juden ausgeschlossen; ihr wichtigster Erwerbszweig war der Geldverleih und der Handel. Der Wohlstand vieler Juden führte zu Vorwürfen wegen übertriebenem Luxus, vor allem seitens der christlichen Schuldner.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts verschlechterte sich die Lage der Juden in Österreich. Ein einschneidendes Ereignis war der Brand im Wiener Judenviertel, der am 5. November 1406 in der Synagoge ausbrach. Die Brandursache ist unbekannt, es kam jedoch verbreitet zu Plünderungen und Ausschreitungen gegen die Juden, wohl auch wegen des Verlustes von verpfändeten Wertsachen. Der Wohlstand und die wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Gemeinde wurden durch den Brand stark beeinträchtigt. Möglicherweise wurde die jüdische Gemeinschaft auch in die Auseinandersetzungen zwischen den Herzögen Leopold und Ernst um die Vormundschaft des minderjährigen Herzogs Albrecht verwickelt, in deren Verlauf am 11. Juli 1408 der Wiener Bürgermeister Konrad Vorlauf und die Ratsherren Hans Rockh und Konrad Ramperstorffer hingerichtet wurden. Am 30. Oktober 1411 wurde der vierzehnjährige Albrecht für großjährig erklärt; in der Folge belegte der stets an Geldmangel leidende Herzog die jüdischen Gemeinden mit immer neuen Steuern, wobei er aber noch 1415 ausdrücklich auf die nuczpern und mannigvaltig dienst der Juden, also ihre nutzbaren und mannigfaltigen Dienste hinweist.

Anschuldigungen gegen die Juden Was Herzog Albrecht zur Vernichtung der jüdischen Gemeinden bewog, lässt sich nur ahnen: Es dürfte eine Kombination wirtschaftlicher, politischer und religiöser Motive gewesen sein, die mit den öffentlich vorgebrachten Beschuldigungen wohl nicht allzu viel zu tun hatte.

Kollaboration mit den Hussiten Seit Sommer 1419 verwüsteten die Hussitenkriege das Königreich Böhmen. Auch das benachbarte Österreich wurde in Mitleidenschaft gezogen: Hussitische Streifscharen durchzogen auch das nördliche Niederösterreich und kamen bis Krems. In etlichen Dokumenten werden die Juden der Kollaboration mit den Hussiten beschuldigt, z. B. in einer Erklärung der Wiener Theologischen Fakultät vom 9. Juni 1419. Immer wieder wird der Vorwurf des Waffenhandels erhoben. Ob manche dieser Vorwürfe berechtigt waren, lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls brachten die fanatischen Hussiten den Juden nur wenig Sympathie entgegen: Beispielsweise entzog sich die jüdische Gemeinde von Komotau am 16. März 1421 nach der Eroberung der Stadt durch die Hussiten der Zwangstaufe durch Massensuizid.

Ritualmordlegenden

Der Vorwurf des Ritualmordes, vor allem an christlichen Kindern, wurde im Mittelalter und der Neuzeit immer wieder gegen Juden und Angehörige verschiedener Minderheiten und Außenseitergruppen erhoben. Auch die Ereignisse von 1421 werden in etlichen Berichten mit Ritualmordanklagen in Verbindung gebracht, so im Fortalitium fidei des spanischen Franziskaners Alphonso de Spina (2. Hälfte des 15. Jahrhunderts) und in Ains Juden buechlins verlegung von Johannes Eck (1541). All diese Berichte sind jedoch sekundär, tatsächlich dürften Anschuldigungen wegen Ritualmordes keine Rolle gespielt haben.

Hostienfrevel Der Vorwurf der Hostienschändung diente im Mittelalter und in der Neuzeit immer wieder als Begründung und Vorwand für Judenverfolgungen. Die offizielle Begründung für die 1420 begonnene Vernichtung war ein angeblich in Enns begangener Hostienfrevel, wo eine Mesnerin das Sakrament entwendet und einem Juden namens Israel und seiner Frau verkauft haben soll.

Die Ereignisse von 1420/1421 mini|Darstellung zu mehreren anderen Verbrennungen von Juden in der Weltchronik von Hartmann Schedel (1493)Schedel erwähnt die Ereignisse von 1421 nicht. Der Holzschnitt wird dreimal verwendet und illustriert Ereignisse aus den Jahren 1298, 1337 und 1492, bei denen das öde jamerig und trostlose volck der iuden … verprennt worden ist; in zwei Fällen lautete die Anklage auf Hostienfrevel. mini|Gedenktafel nahe der ehemaligen Hinrichtungsstätte an der Gänseweide (Kegelgasse 40) Am 23. Mai 1420 wurden auf Befehl Herzog Albrechts alle Juden in ganz Österreich (d. h. in allen landesfürstlichen Städten und Ortschaften) gefangen genommen. Nach etwa einem Monat (manche Quellen nennen den 21. Juni) wurden die mittellosen Juden des Landes verwiesen und in Schiffen die Donau hinuntergetrieben, während die Begüterten weiter in Haft blieben. Es gibt zahlreiche Berichte von Misshandlungen und Folterungen, teils um die Juden zur Annahme der Taufe zu „überreden“, teils um Aussagen über versteckte Wertgegenstände zu erpressen. Anscheinend verschlimmerten sich die Haftbedingungen von Tag zu Tag: Aufgrund von Misshandlungen, Selbstmorden und schlechten Haftbedingungen – der Winter 1420/21 war besonders streng – kamen zahlreiche Gefangene ums Leben. Für Kinder unter 15 Jahren wurde die Zwangstaufe angeordnet. Diese Maßnahme führte zu einer diplomatischen Intervention bei Papst Martin V., die zumindest teilweise erfolgreich war: Der Papst verfügte in seiner Bulle Licet Iudeorum omnium vom 1. Januar 1421, dass in Österreich und Venedig Kinder unter 12 Jahren gegen ihren und ihrer Eltern Willen nicht getauft werden dürfen, bei Strafe der Exkommunikation für den taufenden Priester.Zur Bulle Licet Iudeorum omnium siehe Shlomo Simonsohn: The Apostolic See and the Jews. Documents, Bd. 2: 1394–1464. Pontifical Institute of Mediaeval Studies, Toronto 1989, ISBN 0-88844-095-2, S. 695–697.

Am 12. März 1421 wurde das Dekret Herzog Albrechts verkündet, das die Juden zum Tode verurteilte. Neben der allgemeinen „Bosheit“ der Juden wird als Begründung vor allem der Hostienfrevel in Enns angeführt: von der handlung wegen, die sich laider an dem heiligen Sacrament vor ettleichen jahren daczda zu Enns vergangen hat …, hat … der obgenannt unser gnädiger herr alle Judischait allenthalben in seinem lanndt auf heutigen tag geschafft zu richten mit dem prannt. Die Hinrichtung der verbleibenden Wiener Juden, 92 Männer und 120 Frauen, fand am selben Tag auf der Gänseweide in Erdberg statt (heute dem Weißgerberviertel zugerechnet). Später wurde die Asche der Verbrannten nach Gold und anderen Schmuckstücken durchsucht.

Am 16. April 1421 wurde die in den angeblichen Hostienfrevel von Enns verwickelte Mesnerin verbrannt, vermutlich an derselben Stelle wie zuvor die Juden.

Nachdem die Juden verbrannt oder getötet oder ausgewandert waren, konfiszierte der Herzog den zurückgelassenen Besitz und ließ die Synagoge abreißen. Die Steine der ehemaligen Synagoge wurden für den Bau der Universität Wien verwendet.

Mit dem Hintergrund der Anschuldigung des so genannten Ennser Hostienfrevels, genauer seiner Instrumentalisierung durch Herzog Albrecht, hat sich bereits 1931 Viktor Kurrein in einem ausführlichen, quellenbasierten Beitrag auseinandergesetzt.Viktor Kurrein: Die Mesnerin von Enns. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden Oberösterreich. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Jg. 3 (1931), S. 171–179.

Warum die St. Laurenzkirche in Enns als Ort des angeblichen Hostienfrevels gewählt wurde, beleuchtet eine umfangreiche Studie zu den Ennser Hintergründen der Ereignisse. Sie zeigt einerseits personelle Verflechtungen auf und legt andererseits dar, wie der Rückgriff auf die historische Bedeutung der St. Laurenzkirche in Enns durch Herzog Albrecht V. vor dem Hintergrund einer päpstlichen Entscheidung (Martin V.) zu sehen ist, die im Frühjahr 1420 das Bistum Passau unter Berufung auf die (angebliche) Geschichte der St. Laurenzkirche in Enns (als Sitz eines spätantiken Bischofs) aus dem Salzburger Metropolitanverband entlassen hatte. Das Bistum Passau hielt im November 1420 in der St. Laurenzkirche in Enns die einzige Passauer Diözesansynode des Mittelalters bei rechtlicher Unabhängigkeit von Salzburg ab. Dabei war der gesamte namhafte österreichische Klerus (unter ihnen auch Thomas Ebendorfer) in der St. Laurenzkirche in Enns anwesend, und die Hostiengeschichte konnte ihren Ausgang nehmen.

Zeitgenössische Quellen Verstreute Hinweise finden sich in zahlreichen Chroniken und Dokumenten, beispielsweise in der „Fortsetzung der Melker Annalen“,Continuatio Mellicensis. In: aber nur zwei Quellen behandeln die Ereignisse von 1420/1421 ausführlich.

Die Chronik Ebendorfers Die wichtigste zeitgenössische christliche Quelle ist der Bericht Thomas Ebendorfers von Haselbach, des späteren Rektors der Universität Wien in seiner Chronica Austriae. Der Bericht in deutscher Übersetzung lautet:Nach Krauss, S. 69–70. Lateinischer Text in

Die „Wiener Gesera“ mini|Überreste der zerstörten Synagoge am Judenplatz