Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten (Originaltitel: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance) ist ein Werk des US-amerikanischen Autors Robert M. Pirsig. Das 1974 zuerst in Amerika erschienene und oft als „Roman“ vermarktete BuchFür Mathias Bröckers ist es ein „dicker Roman“ (Mathias Bröckers, taz am 11. Mai 1993), für die Huffington Post ist es ein „philosophischer Roman“. kombiniert die Erzählung einer langen Reise auf einem Motorrad mit Überlegungen zur zeitgenössischen Kultur der amerikanischen Gesellschaft, zwischen deren gegensätzlichen Konzepten des „romantischen“, systemkritischen und „klassischen“ Denkens des Establishments Pirsig sich zu vermitteln bemüht.“As far as I know, no one now living has any real reconciliation of these truths or modes.” R. Pirsig: Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 68.

Die Verbindung zweier ikonografischer Themen im Titel, das Versprechen einer Lösung der amerikanischen Krise, der pädagogische Ansatz einer exemplarischen Analyse und das Thema der Spaltung und Veränderung der Persönlichkeit hatten eine enorme Resonanz.Die hier verwendete Ausgabe von 1978 zitiert vor dem Text seitenlang begeisterte Kommentare: Philip Toynbee, The Observer: „I think Mr. Pirsig has written a work of great, perhaps urgent importance.“ P. J. Kavanagh, Guardian: „A pathfinding attempt to examine and solve our contemporary ills.“ New York Times: „Profoundly important […] full of insight into our most perplexing contemporary dilemmas.“ M. Williamson, Sunday Times: „The book blends narrative, near-Gothic phantasy, extended philosophical argument, and a complex web of symbols into a tragic and explosive non-happening […] We are warmed, stimulated and horrified.“ Es war „eines der erfolgreichsten Bücher der Nachkriegszeit, die Bibel einer ganzen Generation.“Willi Winkler: Nachruf. Das One-Book-Wonder, Süddeutsche Zeitung, 25. April 2017 Es war „das meistverkaufte Philosophiebuch aller Zeiten“,„ […] the best-selling philosophy book of all time, having sold millions of copies in 23 languages.“ Anthony Mc Watt: Robert Pirsig & his metaphysics of quality, Philosophy Now 2017. „ein Weltbestseller, und alle Leute kauften diesen dicken Roman, weil sie sich von dem Titel angezogen fühlten, doch wenn man danach fragte, hatten es die wenigsten gelesen.“Mathias Bröckers, taz am 11. Mai 1993.

Übersicht Die Rahmenhandlung ist die Beschreibung einer 2000-Meilen-Reise von zunächst vier Personen in siebzehn Juli-Tagen Ende der 1960er Jahre auf zwei Motorrädern. Die Tour startet in Minneapolis westlich der Großen Seen und führt über die großen Ebenen Nordamerikas in die Rocky Mountains und von dort nach dem Ausscheiden der Freunde auf nur noch einem Motorrad weiter zur Westküste. Der vierzigjährige Ich-Erzähler, der als Autor von technischen Handbüchern arbeitet,R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 327; 132, 137, 157, 297, 299. sein Sohn Chris und ein befreundetes Paar weichen den großen Straßen und Städten aus und suchen die Ursprünglichkeit der Landschaft und der Menschen auf den Neben- und Landstraßen des „boring hinterland“.„These roads are truly different from the main roads. The whole pace of life and personality of the people who live along them are different.“ R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 5, 313.

Themen der Reiseerzählung sind die Anstrengungen des Fahrens, Wetterereignisse, Treffen mit alten Freunden oder Bekannten sowie immer wieder die Wartung der Maschinen, an denen unter anderem die Kettenspannung neu justiert, die Zündkerzen gereinigt und der Reifendruck der schwer beladenen Maschinen kontrolliert werden muss – alles in allem relativ einfache Handgriffe zur Gewährleistung der mechanischen Funktionen. Die den Reisebericht unterbrechenden eingeschobenen Vorträge werden vom Erzähler als Chautauquas bezeichnet,R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 7, 18, 25, 37, 50, 63 f., 130 f., 147, 161, 166, 183, 216, 223 ... ein Begriff aus einer amerikanischen Bildungsbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die mit einer Mischung aus Lehrvorträgen und Unterhaltung Bildung in den ländlichen Raum getragen hat. Die Inhalte dieser Vorträge des Erzählers kreisen um die Verständlichkeit von Gebrauchs- und Reparaturbeschreibungen, um konkrete Hinweise zur Vorbereitung von Reparaturen, um die kulturelle Krise Amerikas in den 1960er und frühen 1970er Jahren und um Ausschnitte aus der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte.

Neben die Reise und die Vorträge tritt als drittes Hauptthema die aus Erinnerungen und Briefen rekonstruierte intellektuelle Biografie des Erzählers und seines Alter Egos, Phaedrus. Mit dem Schwerpunkt der Geschichte ihrer Kämpfe gegen universitäre Autoritäten wird die Erzählung auch eine nachträgliche Rechtfertigung ihrer Positionen.Der Erzähler stützt sich auf Erinnerungsfragmente, Notizen und Briefe. R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 115, 122, 136, 139. Die Auseinandersetzungen um Phaedrus’ Qualitätskonzept in der University of Chicago und in Relation zu Platon, Aristoteles und Homer: R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 331 ff., 353 ff., 361 ff. Phaedrus scheint zunächst ein für den Erzähler charismatischer Lehrer gewesen zu sein, aus dem immer deutlicher das Alter Ego des Ich-Erzählers vor seiner Zwangsbehandlung mit Elektroschocks hervortritt. Die Urheberschaft seiner heutigen Ideen schreibt der Erzähler Phaedrus zu, von dessen ihn erschreckender Wiedererscheinung er sich durch die Erinnerungsarbeit befreien will. Insofern ist die Reiseerzählung ein Bericht über Phaedrus’ Weg in den psychischen Zusammenbruch und auch das Tagebuch einer Selbsttherapie des Erzählers.R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 29 f., 36, 61 ff., 65 ff., 75 ff., 80 ff. 106, 239, 389 ff. „It’s Phaedrus. He’s waking up. […] I always knew he would come back. It’s a matter now of preparing for it. […] I think what I’ll do is head down for San Francisco, and put Chris [Sohn des Erzählers] on a bus for home, and then sell the cycle and check in at a hospital.“ R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 325 ff. Im Interview mit Tim Adams fragt Adams: „The book was an other strategy to get out of it all?“ Und Pirsig antwortet: „It was a compulsive thing.“ Tim Adams: Zen and the art of motorcycle maintenance. Tim Adams speaks to the author in Boston, The Observer vom 19. November 2006. Darüber hinaus wird ihm deutlich, dass der mitfahrende zwölfjährige Sohn, Chris, mehr und mehr ein kompromissloses, unnachgiebiges Verhalten zeigt, in dem der Vater Vorzeichen seiner eigenen Erkrankung sieht.R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 58, 62, 153, 196, 204 f., 209, 222, 307 f., 394 ff. Indem der Erzähler sich am Ende Chris gegenüber zu seiner Krankheit bekennt, kann er den Sohn von seinen ungestellten Fragen erlösen und die Basis eines neuen Miteinanders schaffen.„For God’s sake relieve him from his burden! Be one person again.“ R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 404.

Titel Mit dem auf den ersten Blick rätselhaften Titel werden die beiden sich gegenüberstehenden Kulturen einer „romantischen“, auf das Hier und Jetzt„The Hereness and nowness oft hings […]“. R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 5. orientierten emotionalen Weltwahrnehmung und die der dominierenden „klassischen“, rationalen, analytischen Gegenkultur bezeichnet. Der Titel benennt so das Thema einer die amerikanische Gesellschaft seit den 1960er Jahren zerreißenden „Dichotomie“ zweier Weltanschauungen,„What we have here is a conflict of visions of reality. […] Both are valid ways of looking at the world. […] Right now I want to use a dichotomy and explain it later. […] By now these battle lines should sound familiar.“ R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 53, 66 f., 76, 97 f. der der „Systemgegner“ und der des „Establishments“,„Clichés and stereotypes such as ‘beatnik’ or ‘hippie’ have been invented for the antitechnologists, the antisystem people, […] an intitechnological mass movement, an entire political antitechnological left emerging. [The romantic view speaks] of certain government and establishment institutions as ’the systen’.“ R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 17, 53, 94, 146. die der Autor miteinander versöhnen will.„Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten, heißt es. Nicht ‚oder‘. Und dieses und, das ist es. Und und und. Es verbindet Welten.“ Mathias Bröckers, taz, 11. Mai 1993.

Diesen Kulturkampf verdeutlicht Pirsig am für beide Kulturen anschaulichen Beispiel der Wartung von Motorrädern, die von den Romantikern oft für ihre Fluchten ins offene Land benutzt würden,„So far it’s still mostly a passive resistance, flights into the rural areas when they are possible […].“ R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 17. aber „von klassisch denkenden Köpfen erfunden“ worden seien.„I want to do this first of all by giving an example of it […]. The motorcycle is a perfect subject for it since the motorcycle itself was invented bey classic minds. […] A study of the art of motorcycle maintenance is really a study of the art of rationality itself. […] Motorcycle maintenance gets frustrating. Angering. Infuriating. That’s what makes it interesting.“ R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 69, 90, 298. Es geht ihm, wie der Untertitel ankündigt,"Zen and the Art of Motorcycle Maintenance. An Inquiry Into Values" um diese Kulturanalyse der amerikanischen Gesellschaft, ihre sich nur scheinbar ausschließenden Werte, Haltungen und zugrundeliegenden Strukturen.Der Untertitel fokussiert auf eine „Untersuchung von Werten“ (An Inquiry into values), hinter denen Haltungen (attitudes) und Basisstrukturen (underlying forms) liegen. R. Pirsig, Zen and the art of motorcycling maintenance, Corgi 1978, S. 26 f., 65 f., 68, 92, 105.