Lila - Oder ein Versuch über Moral ist ein genreübergreifendes Werk des US-Schriftstellers Robert M. Pirsig, das autobiographische, narrativ-romanartige und philosophisch-wissenschaftliche Elemente benutzt, um einerseits den Handlungsrahmen des Romans zu entfalten, während diese äußere Rahmenhandlung wiederum der imaginären Hauptfigur Phaidros Beispiele und Impulse zur Entwicklung der eigentlichen Kernthematik, der Metaphysik der Qualität, liefert. Lila zeichnet sich, wie das erste Buch Pirsigs, durch die anschauliche Darstellung komplexer philosophischer Themen aus. Ziel und Anspruch Pirsigs ist dabei, den Widersprüchen und Problemursachen der menschlichen Existenz nachzuforschen und seine Erkenntnisse durch empirische und analytische Untersuchungen zu prüfen. Seine Texte sind daher inhaltlich gesehen zwar durchaus philosophisch, während die Impulse zur Theoriebildung aus empirischen Alltagserfahrungen entnommen sind und die abgeleiteten Aussagen sich in der parallel erzählten äußeren Rahmenhandlung der Lebenswirklichkeit bewähren müssen. Diese Kombination von rationaler Wissenschaft, die Pirsig in seinem ersten Buch Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten als „Chautauqua“ bezeichnete, macht den besonderen Reiz und intellektuellen Anspruch von Lila aus.

Erzählstruktur Äußere Handlung Wie auch in dem ersten Buch Pirsigs (Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten) besteht die Rahmenhandlung in einer Reise durch Teile Amerikas. Pirsig reist im beginnenden Winter („Als er gestern das erste Mal an Deck ging, rutschte er aus und fand sein Gleichgewicht wieder, und dann sah er, dass das ganze Boot mit Eis bedeckt war“, S. 11) vom Lake Superior in Richtung Atlantik. Auf dem Weg nach Kingston legt Pirsig in Troy an und trifft in einer Bar nahe dem Anleger zwei frühere Bekanntschaften, den Rechtsanwalt Richard Rigel und seinen Begleiter Capella. In dieser Bar lernt Pirsig eine Frau namens Lila kennen. Lila und Rigel kennen sich seit ihrer Schulzeit, aber während Rigel Lila aufgrund ihrer sexuellen Zügellosigkeit offensichtlich ablehnt, scheint Lila eine zwar zwiespältige und auch aggressive, aber dennoch von Zuneigung geprägte Beziehung zu Rigel zu haben. In der Bar kommt es zu einem Streit zwischen Lila und einigen Anwesenden, unter anderem auch mit Rigel. Die zunächst flüchtige Bekanntschaft zwischen Pirsig und Lila endet, wohl unter Einfluss von Alkohol, in der Kajüte von Pirsigs Boot. Aus dem One-Night-Stand entwickelt sich dabei, von Pirsig ungewollt, ein längerer Aufenthalt Lilas auf seinem Boot.

Während der gemeinsamen Zeit bemerkt Pirsig schnell den psychotisch-depressiven Geisteszustand von Lila, der sich in unvermittelten, explosiven Aggressionen und ihrer seelischen Isolation (Lila: „Keiner kennt Lila!“ (S. 4) „‚Mein Gott, der konnte einen wahnsinnig machen! Ein Blödmann. Ein ausgemachter Blödmann, das ist er. Ja! Ein Blödmann und falscher Fuffziger [...] Er weiß gar nichts.‘ Ihre Hände zitterten. Oh-oh. Sie wusste, was das bedeutete. Sie nahm die Handtasche von der Koje, öffnete sie und nahm die Tabletten heraus.“ (S. 151) Obwohl Pirsig Lila gegenüber freundlich auftritt, bleibt das Verhältnis zwischen den beiden dennoch gespannt: Lilas latente Feindlichkeit gegenüber Männern überträgt sie auch auf Pirsig, was schließlich in einer Eskalation der Situation endet und Lila das Schiff fluchtartig verlässt: „Sie wollen dich nur in den Schmutz ziehen! Sie sind alle völlig irre, und sie versuchen es an dir auszulassen, bis du auch völlig irre bist.“ (S. 322f.)

Ohne Geld oder sonstigen Besitz irrt Lila anschließend durch New York und erleidet eine Psychose und Halluzinationen, bis sie nach einer mehrstündigen Odyssee wieder zum Boot zurückkehrt. In der Zwischenzeit ist ihr Zustand von Aggressivität in eine völlige Defensive und Teilnahmslosigkeit umgeschlagen. Auf dem Deck des Bootes sitzend, bemerkt sie eine Puppe im schmutzigen Flusswasser: „Die kleine Hand streckte sich ihr aus dem Wasser entgegen. Es war die Hand eines Babys! Sie konnte die kleinen Finger sehen. Der kleine Körper war ganz steif und kalt. Die Augen waren geschlossen. Sie spülte den Schaum vom Körper und sah, dass das Baby noch heil war. Die Fische hatten nichts weggefressen. Aber es atmete nicht. Dann hob sie ihren Pullover vom Boden des Cockpits auf und wickelte das Baby hinein und drückte es an sich. Und sie wiegte das Baby hin und her, bis sie merkte, dass die Kälte aus seinem Körper wich.“ (S. 329)

Als Pirsig zum Boot zurückkehrt findet er Lila in einem katatonen Zustand. Er verwirft seinen spontanen Impuls, sie an eine Psychiatrie zu übergeben, und entscheidet sich stattdessen dazu, sich selbst um Lila zu kümmern: Einerseits kennt er die Standardprozeduren in Psychiatrien aus eigener Erfahrung sehr gut und weiß daher, dass Lila dort lediglich verwahrt, aber niemals geheilt werden würde. Zudem ist Pirsig ein grandioser Wissenschaftler und Denker und hat einerseits durch seine transzendente Erfahrungen wie auch durch eine eigene psychotische Episode und seiner anerkannten Begabung zum analytischen Denken die Aussichtslosigkeit der psychologischen Methodiken erkannt: „Das waren keine Drogen, dachte er. Das war etwas wirklich Ernstes. Er erkannte die Art wieder, in der sie ihre Worte setzte, den Wortsalat. Er selbst war einmal bezichtigt worden, so zu sprechen.“ (S. 354)

Pirsig richtet sich darauf ein, Lila mit auf seine Seereise zu nehmen und für sie zu sorgen, als Rigel unerwartet wieder auftaucht. Lila bittet Rigel, sie mitzunehmen unter dem Vorwand, dass Pirsig sie umbringen wolle. Genauso unverhofft, wie Lila auf Pirsigs Boot kam, verschwindet sie damit wieder aus seinem Lebensbereich. Ein imaginäres Zwiegespräch Pirsigs mit der von Lila zurückgelassenen Puppe resümiert die Handlung: „Ein Idol, das war diese Puppe. Das Idol einer aufgegebenen Religion eines einzigen Menschen. [...] Sobald sie einmal ritualisiert und angebetet worden sind, verändern diese Idole die ihnen anhaftenden Werte. Man kann sie ebensowenig auf den Müll werfen, wie man Kirchenstatuen auf den Müll werfen kann. [...] Diese Puppe stellte die innersten Werte Lilas dar, die wirkliche Lila, und sie sagte etwas über sie aus, was völlig allem anderen widersprach.“ (S. 449). „Er dachte eine Weile darüber nach, und dann schoss ihm eine Frage durch den Kopf. <Was würdest du sagen>, fragte er das Idol,<wenn wir jetzt in Indien wären?> Er wartete eine lange Zeit, aber er bekam keine Antwort. Dann hörte er nach einer Weile in seinen Gedanken eine Stimme, die nicht seine eigene zu sein schien: <Alles ist zu einem glücklichen Ende gekommen.> Ein glückliches Ende? Phaidros dachte darüber nach. <Ich würde es nicht ein glückliches Ende nennen>, sagte er. <Ich würde es ein offenes Ende nennen.> <Nein, dies ist ein glückliches Ende>, sagte die andere Stimme, <weil jeder bekommt was er haben wollte. Lila bekommt ihren über alles geliebten Rigel. Rigel bekommt sein über alles geliebtes Gefühl der eigenen Rechtschaffenheit und du bekommst Deine über alles geliebte dynamische Freiheit.> <Wie kannst du dann sagen, es sei ein glückliches Ende, wo du doch weist, was jetzt mit Lila [in der Psychiatrie] geschieht? Er wird sie zerstören!> <Nein>, sagte das Idol, <Er wird ihr nichts anhaben können. Sie hat ihn ab jetzt in ihrer Gewalt. Er ist erledigt. Von jetzt an ist er Wachs in ihren Händen.> <Nein>, sagte Phaidros, <Er ist Anwalt. Er verliert nicht so leicht den Kopf.> <Das braucht er auch nicht. Er hat ihn bereits verloren. Sie wird das, was er unter Moral versteht, gegen ihn verwenden.> <Wie?> <Indem sie eine reuige Sünderin wird. Sie wird ihm immer wieder versichern, was für ein wunderbarer, hochmoralischer Mensch er ist und dass er sie aus deinen Klauen gerettet hat. Und was kann er tun? Wie kann er das leugnen? Er kann es nicht bestreiten, und das wird sein moralisches Ich aufblasen wie einen Ballon, und wenn die Luft einmal raus ist, wird er zu ihr gehen, um sich moralisch wieder aufrichten zu lassen.> Donnerwetter, dachte Phaidros. Was für ein Idol! Sarkastisch, zynisch. Fast böse. Alles das, was er selbst im Grunde war? Vielleicht. Ein Schmierenkomödiant, dieses Idol. Ein Alleinunterhalter. Kein Wunder, dass es jemand in den Fluss geworfen hat. <Du hast gewonnen, weißt du>, sagte das Idol, <...kampflos, als du Rigel sagtest, Lila habe Qualität. Und der einzige Grund, warum du das gesagt hast, war, dass dir keine deiner üblichen intellektuellen Antworten eingefallen ist>.“ (S. 452) (In den Zitaten sind Satzbauten teilweise an die Notwendigkeit der Zitierform angepasst worden)

Innere Handlung