Der Steinkauz (Athene noctua) ist eine kleine, kurzschwänzige Eulenart aus der Familie der Eigentlichen Eulen (Strigidae). Das Verbreitungsgebiet des Steinkauzes erstreckt sich über Eurasien und Nordafrika. Er ist ein charakteristischer Bewohner der Baumsteppe mit spärlicher oder niedriger Vegetation und jagt bevorzugt auf dem Boden. Ein einmal gewähltes Revier besetzt er meist über mehrere Jahre und zum Teil sogar lebenslang.
Der Steinkauz galt bereits im antiken Griechenland als Vogel der Weisheit und war Sinnbild der Göttin Athene, worauf auch der wissenschaftliche Name verweist. Deswegen bezieht sich die Redewendung Eulen nach Athen tragen auf den Steinkauz bzw. seine Abbildung auf antiken Drachme-Münzen. Im deutschen Sprachraum ist der Name „Steinkauz“ Hinweis darauf, dass diese Eulenart nicht nur in Baumhöhlen, sondern auch in Scheunen, Kapellen und Weinkellern aus Stein brütet. In Mitteleuropa gehen die Steinkauzbestände seit einigen Jahrzehnten stark zurück. Hauptursache dieses Rückgangs ist die Zerstörung von Lebensräumen, die dem Steinkauz geeignete Umweltbedingungen bieten.
1972 war der Steinkauz Vogel des Jahres in Deutschland.Vogel des Jahres (Deutschland): 1972 In der Schweiz wurde er für 2021 zum Vogel des Jahres gewählt.
Name Die Vogelart wurde früher, wird aber auch gelegentlich noch heute regional schlicht Kauz bzw. Käuzchen oder Käuzlein genannt, obwohl auch andere kleinere Eulenarten auf „-kauz“ enden, wie z. B. der Waldkauz oder der Bartkauz. Das Wort Kauz kommt ausschließlich in der deutschen Sprache vor und ist als Vogelname seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesen. Es ist seit dem 14. Jahrhundert auch als Beiname von Personen in Hessen bekannt und bezeichnet noch heute in Redewendungen wie „komischer Kauz“ einen sonderbaren Menschen, was wohl als Vergleich zur zurückgezogenen Lebensweise des Vogels anzusehen ist. Die Benennung der Vogelart wird auf die schallnachahmende indogermanische Wurzel *gō̌u-, *gū- „rufen, schreien“ zurückgeführt, also auf den im Dunkeln hörbaren Schrei, der auch für das Wort „Eule“ primäres Benennungsmotiv ist. Es bestehen zudem auch volksetymologische Erklärungsversuche, beispielsweise dass der Begriff von der Katze herkomme, nämlich auf Grund der Wortähnlichkeit, des ähnlichen Angesichts, der scharfen Sicht bei Nacht und der Jagd auf Mäuse. Allerdings werden derartige Volksetymologien heute in den Sprachwissenschaften allgemein abgelehnt.
Beschreibung Adulte Steinkäuze mini|3D-Scan des Skeletts Der Steinkauz erreicht eine Körpergröße von 20 bis 27,5 Zentimetern. Die Flügelspannweite beträgt zwischen 50 und 58 Zentimetern.Schönn et al., S. 30. Die Größe entspricht damit der einer Singdrossel, der Steinkauz wirkt allerdings durch das lockere Gefieder und den breitrundlichen Kopf größer als diese. Federohren fehlen und durch die niedrige Stirn wirkt der Steinkauz flachköpfig.Glutz et al., S. 503. Es besteht kein auffälliger Geschlechtsdimorphismus. Das Gewicht der Männchen schwankt zwischen 160 und 240, das der Weibchen zwischen 170 und 250 Gramm.Mebs et al., S. 312. Das Maximalgewicht erreichen adulte Vögel im Dezember und Januar. Am leichtesten sind sie in den Monaten Juni und Juli.
Der Gesichtsschleier ist beim Steinkauz nur schwach ausgeprägt und oben durch weißliche Überaugenstreifen begrenzt. Die Augen sind zitronen- bis schwefelgelb.König et al., S. 435. Die dunkel sepiabraune Körperoberseite weist weißlich rahmgelbe oder grauweiße Tropfenflecken und Querbinden auf, wobei die Fleckung auf dem Oberkopf besonders dicht, klein und streifenförmig und auf dem Vorderrücken größer und rundlicher ist. Im Nacken hat der Steinkauz eine auffällige, weiße V-förmige Zeichnung, die mit einem weißen Nackenband zusammenläuft und dunklere Gefiederpartien umschließt (sogenanntes Occipitalgesicht).Nieuwenhuyse et al., S. 45. Auf den Handschwingen bilden rahmfarbene bis beigebraune Flecken fünf bis sechs Querbinden. Auf den Armschwingen sind meist zwei bis drei solcher Querbinden sichtbar. Auf den Armdecken variiert dagegen das Fleckenmuster individuell sehr stark. Die Unterflügeldecken sind dagegen hell und weisen eine graue bis schwärzliche Fleckung auf.Schönn et al., S. 32 und 33. Die Kehle ist weißlich und von der Brust durch ein beige- oder rostbraunes Halsband abgegrenzt. Die Körperunterseite ist gelblich weiß mit sepiabraunen, unregelmäßigen Längsstreifen. Insbesondere auf dem Brustgefieder sind diese Längsflecken sehr dicht und breit, so dass sie die Grundfarbe nur noch wenig hervortreten lassen. Die Beine sind weißlich befiedert und die Zehen mit borstenartigen Federn besetzt.
Adulte Steinkäuze beginnen ihre Jahresmauser mit dem Ausfliegen der Jungvögel. Die Großgefiedermauser verläuft über einen Zeitraum von 98 bis 115 Tagen und ist in Mitteleuropa gegen Ende Oktober, Anfang November abgeschlossen.Schönn et al., S. 37.
Nestlinge und Jungvögel mini|Ca. 3½ Wochen alter Steinkauz, der zur Beringung aus der Niströhre genommen wurde. Berger Hang, Frankfurt am Main
Das Daunenkleid frisch geschlüpfter Steinkäuze ist weiß, dicht und kurz. Ihr Schlupfgewicht beträgt lediglich zwischen 10 und 12 Gramm.Nieuwenhuyse et al., S. 253. Von der hinteren Seite des Laufgelenks abgesehen, sind auch die Beine bis zu den Zehen bedunt. Die Wachshaut ist anfangs rosa, der Schnabel und die Krallen sind weißlich oder gräulich rosa.Colin Harrison & Peter Castell: Jungvögel, Eier und Nester der Vögel Europas, Nordafrikas und des Mittleren Ostens, Aula-Verlag, Wiebelsheim 2004, ISBN 3-89104-685-5, S. 185. Die Wachshaut verfärbt sich innerhalb der ersten Lebenswoche zu einem dunklen Violettgrau. Der Schnabel färbt sich zunächst in ein bläuliches Grau mit einer gelben Spitze um und wird dann zunehmend olivgelb. Die Krallen werden dagegen schwarz. Die Augen öffnen sich ab dem 8. bis 10. Lebenstag.
Erste Ansätze des grau-bräunlichen Nestlingskleides (Mesoptil) zeigen sich ab dem 5. Lebenstag. Es tritt zuerst an den Schulter- und Armdecken, später an Hinterkopf, Nacken, in der Rückenmitte sowie an Brust und Oberschenkel in Erscheinung.Schönn et al., S. 167. Die Entwicklung des Mesoptils ist mit dem 21. Lebenstag abgeschlossen. Im Gesicht sind die arttypischen Abzeichen ansatzweise bereits zu erkennen. Das Brustgefieder ist grob längsgefleckt bis gestreift. An Handdecken und Schultern stehen auffällige Reihen weißer Tupfen. Um den 40. Lebenstag ist das Großgefieder voll entwickelt.Schönn et al., S. 173–175. Das Mesoptil wird in Mitteleuropa in der Zeit von August bis November vom Jugendkleid abgelöst. Dieses Jugendkleid ähnelt dem adulten Jahreskleid, ist allerdings etwas fahler und stärker rostbraun. Die Flecken sind rahmgelb bis rostbraun getönt und weniger kontrastreich abgesetzt. Am Oberkopf und am Vorderrücken sind die Flecken noch weniger auffällig als bei adulten Vögeln.Glutz et al., S. 504. Das erste Alterskleid zeigen junge Steinkäuze kurz nach Vollendung des ersten Lebensjahres.
Verhalten mini|Steinkauz im Flug
Der Steinkauz legt kurze Strecken in einem gradlinigen Ruderflug zurück, während bei weiten Strecken ein spechtartiger Wellenflug charakteristisch ist. Jagende Steinkäuze zeigen außerdem Rüttel- und Gleitflüge.Schönn et al., S. 108. Steinkäuze fliegen meistens knapp oberhalb der Bodenoberfläche. Bei Steinkäuzen, die von einer höheren Warte auffliegen und dann erneut aufbaumen, entsteht dadurch eine U-förmige Fluglinie. Vor dem Abflug von einer Warte zeigen sie häufig ein erregungsbedingtes Treteln am Platz.Schönn et al., S. 107 und S. 108. Da das Körpergewicht in Relation zu den Flügelflächen hoch und die Schwungfedern relativ kurz und hart sind, ist anders als bei den ausgesprochen nachtaktiven Eulenarten der Flug des Steinkauzes nicht geräuschlos und für den Menschen aus der Nähe hörbar.Hans-Heiner Bergmann; Hans-Wolfgang Helb; Sabine Baumann; Die Stimmen der Vögel Europas – 474 Vogelporträts mit 914 Rufen und Gesängen auf 2.200 Sonogrammen, Aula-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-89104-710-1; S. 299. Ein gezielt eingesetztes Flügelklatschen, wie es bei der Waldohreule, dem Kaninchen- und dem Raufußkauz vorkommt, fehlt dagegen.Schönn et al., S. 120.
Steinkäuze bewegen sich sehr häufig auf dem Boden fort. Sie sind in der Lage, so schnell zu rennen, dass sie auch eine flüchtende Feldmaus einholen.Mebs et al., S. 323. Sie laufen dann mit sehr langbeinigen Schritten und schalten gelegentlich auch kürzere Sprünge ein, während sie bei einer langsameren Fortbewegung eher in kurzen Schritten trippeln.Mebs et al., S. 318. Steinkäuze können während des Tages oft freisitzend auf Schornsteinen, Zaunpfählen, Felsblöcken, Leitungsdrähten oder Masten beobachtet werden.Schönn et al., S. 106. Ruhende Steinkäuze plustern ihr Gefieder häufig locker auf und ziehen den flachgeformten Kopf ein, so dass sie kugelförmig wirken. Bei leichtem Regen spreizen sie ihre Flügel weit ab und sträuben das Gefieder. Gelegentlich kann man sie dabei beobachten, wie sie sich sonnen. Dabei werden die Flügel schlaff geöffnet, das Gefieder ist geplustert und das Gesicht der Sonne zugewendet.Mebs et al., S. 317. Ein sich nähernder Mensch wird vom Steinkauz häufig mit kurzen ruckartigen Kopfbewegungen fixiert. Ähnlich wie bei Feindbegegnungen zeigt der Steinkauz außerdem häufig ein sogenanntes Vertikalknicksen, bei dem sich der Kauz in eine fast waagerechte Körperhaltung duckt und sich dann mit durchgestreckten Fersen aufrichtet.Schönn et al., S. 106 und S. 107.
Stimme mini|hochkant|Künstlerische Darstellung eines Steinkauzes
Steinkäuze haben ein sehr umfangreiches Lautrepertoire, das von bellenden, schnarchenden, miauenden Lauten bis zu klangvoll weichen Rufen reicht. Der Gesang des Männchens besteht aus nasalen, dunklen und in der Tonlage auffallend ansteigenden guhg, guuig oder gwuäig-Rufen, die jeweils weniger als eine Sekunde andauern und mit einem gellenden miju oder miau abrupt enden.Glutz et al., S. 509. Männchen wiederholen diese Rufe, die für Menschen noch in einer Entfernung von 600 Metern vernehmbar sind, 12 bis 20 Mal pro Minute.Hans-Heiner Bergmann; Hans-Wolfgang Helb; Sabine Baumann; Die Stimmen der Vögel Europas – 474 Vogelporträt mit 914 Rufen und Gesängen auf 2.200 Sonogrammen, Aula-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-89104-710-1; S. 298. Zum Gesangsrepertoire gehören auch sehr gedehnte Langsilben mit einem flötend hochgezogenem Glissando, die sich lautmalerisch als gluui oder goojahüi umschreiben lassen.Mebs et al., S. 320. Speziell unverpaarte Männchen singen auch tagsüber. Von Weibchen ist gelegentlich ein ähnlicher Gesang zu vernehmen. Bei ihnen sind die Rufe allerdings weniger rein und bestehen selten aus mehr als fünf guhg-Silben.Mebs et al., S. 321.
Beide Geschlechter rufen bei Erregung ein durchdringendes, lautes miauendes oder kurz kläffendes kwiu oder kwie, das sich zu einem gellenden kja steigern kann. Gelegentlich ist dies dann auch in einer keckernden Folge zu hören. In Nähe zueinander sitzende Rivalen keckern leise und perlend, was an ein weiches Schnattern erinnert. Fauchende und heiser-trockene Stimmfühlungs- und Bettelrufe sind im Duett der Partner besonders auffallend.Glutz et al., S. 507. Weiche, ansteigende und fragend klingende uu, guu oder guip-Rufe werden ebenfalls im Duett der Partner vorgetragen und dienen der Synchronisation der Partner vor Beuteübergabe, Begattung und Höhlenzeigen.