mini|hochkant=2.2|Schematische Gliederung des Finanzmarktes Der Kapitalmarkt ist derjenige Teilmarkt des Finanzmarktes, auf dem der mittel- und langfristige Kapitalbedarf auf das Kapitalangebot trifft. Kurzfristige Transaktionen erfolgen auf dem Geldmarkt.
Allgemeines Das Kompositum „Kapitalmarkt“ setzt sich aus dem Homonym „Kapital“ und Markt zusammen. Unter Kapital ist hier nicht der Produktionsfaktor zu verstehen, sondern die auf diesem Markt als Handelsobjekte dienenden mittel- oder langfristigen Finanzierungsinstrumente. Marktteilnehmer sind alle Wirtschaftssubjekte (Privathaushalte, Unternehmen, der Staat mit seinen Untergliederungen wie öffentliche Verwaltung und Staatsunternehmen oder Kommunalunternehmen). Sie treten als Kapitalgeber (Anleger), Finanzintermediäre (Kreditinstitute, Versicherungen, Investmentfonds) oder Kapitalnehmer auf. Handelsobjekte sind konkret mittel- oder langfristige Kredite (Investitionskredite, Kommunalkredite), Darlehen (Hypothekendarlehen, Immobilienfinanzierungen) oder Mezzanine-Kapital (Kreditmarkt), Anleihen jeder Art (Rentenmarkt), Aktien und Partizipationsscheine oder Genussscheine (Aktienmarkt). Sind die Handelsobjekte in Form von Wertpapieren verbrieft (Effekten: Aktien, Anleihen und Investmentzertifikate), so heißen sie Kapitalmarktpapiere und können wegen ihrer Verkehrsfähigkeit an der Wertpapierbörse gehandelt werden.Alfred B. J. Siebers/Martin M. Weigert (Hrsg.), Börsen-Lexikon, 1998, S. 229 Der Preis auf dem Kapitalmarkt ist verallgemeinernd der Kapitalmarktzins, der jedoch wegen der Verschiedenartigkeit der Finanzprodukte keinen einheitlichen Zins darstellt. Als Marktzins fungieren bei Anleihen die Emissionsrendite (Primärmarkt) oder die Umlaufrendite (Sekundärmarkt) bei Aktien die Dividendenrendite, bei Krediten der Kreditzins. Den einzigen organisierten Kapitalmarkt bilden die Börsen mit dem Börsenkurs.
Der Kapitalmarkt unterscheidet sich vom Geldmarkt vor allem durch die Fristigkeit der Handelsobjekte. Diese Einteilung führte im Jahre 1909 der Ökonom Arthur Spiethoff ein.Arthur Spiethoff, Die äußere Ordnung des Geld- und Kapitalmarktes, in: Gustav von Schmoller (Hrsg.), Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, Heft 2, 1909, S. 17 ff. Sie betrifft auf dem Kapitalmarkt Laufzeiten oder Fälligkeiten von mehr als vier Jahren, wobei die Abgrenzung unterschiedlich vorgenommen wird. Die mittlere Fristigkeit (2–4 Jahre) wird in der Fachliteratur entweder dem GeldmarktJoachim von Spindler, Geldmarkt – Kapitalmarkt – Internationale Kreditmärkte, 1960, S. 34 oder dem Kapitalmarkt zugeordnet.Karl Friedrich Hagenmüller, Kapitalmarkt, in: Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, Band II, 1962, Sp. 3008 Der Kapitalmarkt wird häufig auch auf den Wertpapiermarkt verengt, welcher sowohl Dividendenwerte, beispielsweise Aktien, als auch festverzinsliche Wertpapiere, wie Anleihen beinhaltet.Leif Steinhauer, Die Objektivierung des kapitalmarktorientierten Value Reporting, Band 13, 2007, S. 10 ff.
Marktstrukturen Sämtliche klassischen volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren werden auf Faktormärkten gehandelt, und zwar die Arbeit auf dem Arbeitsmarkt, der Boden auf dem Immobilienmarkt, Geld auf dem Geldmarkt und das Kapital auf dem Kapitalmarkt:
Markt Angebot Nachfrage Preis Arbeitsmarkt Arbeitsnachfrage Arbeitsangebot Arbeitsentgelt Gütermarkt Güterangebot Güternachfrage Marktpreis Geldmarkt Geldangebot Geldnachfrage Geldmarktzins Kapitalmarkt Kapitalangebot Kapitalnachfrage Kapitalmarktzins Kreditmarkt Kreditangebot Kreditnachfrage Kreditzins Immobilienmarkt Angebot an Wohn- und Gewerbeimmobilien, Agrar- und Waldflächen Nachfrage Kaufpreis/Immobiliarmiete/ Bodenrente/Pacht
Während Arbeits- und Bodenangebot stark von Natureinflüssen abhängen (Witterung, Bodenbeschaffenheit), wird das Geld- und Kapitalangebot ausschließlich von wirtschaftlichen Erwägungen beeinflusst.Wolfgang Heller, Theoretische Volkswirtschaftslehre, 1927, S. 144
Kapitalangebot mini|Kreditmarkt-/Kapitalmarktakteure Das Kapitalangebot stammt von Anlegern, die bereit sind, ihr Kapital langfristig zwecks Geldvermögensbildung zur Verfügung zu stellen. Das sind einerseits diejenigen Anleger, die von vorneherein hierzu bereit waren (Sparer), und andererseits die Anleger, denen der Geldmarktzins auf dem Geldmarkt zu niedrig erscheint. Bei letzteren wirkt sich ihre Anlageentscheidung negativ auf das Geldangebot auf dem Geldmarkt und erhöhend auf das Kapitalangebot auf dem Kapitalmarkt aus. Steigt das Kapitalangebot bei gegebener Kapitalnachfrage, sinkt der Kapitalmarktzins und umgekehrt.Rüdiger Diedrigkeit, Atlas Geld und Wertpapiere: Handel der Banken mit Geld und Wertpapieren, 1987, S. 258 Der Grenzertrag nimmt für den Kapitalanbieter mit steigendem Kapitalangebot ab. Die Höhe des Kapitalmarktzinses ist einerseits ein Signal für die Knappheit, andererseits auch stets ein Risikomaß für das mit der Kapitalüberlassung verbundene Kreditrisiko. Stammt das Kapitalangebot aus dem Ausland, spricht man vom Kapitalimport.
Kapitalnachfrage Als Kapitalnachfrager kommen die öffentliche Hand (Kommunalanleihen, Kommunalobligationen), die Privatwirtschaft (Industrie: Investitionskredite, Unternehmensanleihen; Immobilienwirtschaft: Wohnungsbau, Gewerbeimmobilien), der Staat (Staatsanleihen) und Privathaushalte (Immobilienfinanzierung) in Betracht. Kapitalnachfrager werden nur dann investieren, wenn die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals den aktuellen Marktzins übersteigt.Bernhard Felderer/Stefan Homburg, Makroökonomik und neue Makroökonomik, 1989, S. 110 f. Steigt der Kapitalmarktzins über die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, sinkt die Kapitalnachfrage und umgekehrt. Steigt die Kapitalnachfrage bei gegebenem Kapitalangebot, steigt auch der Kapitalmarktzins und umgekehrt. Ausländische Kapitalnachfrage führt zum Kapitalexport.
Marktgleichgewicht Der Kapitalmarkt befindet sich im Marktgleichgewicht, wenn das gesamtwirtschaftliche Kapitalangebot (Sparen) der gesamtwirtschaftlichen Kapitalnachfrage (Investitionen) entspricht:Dietmar Wellisch, Finanzwissenschaft III: Staatsverschuldung, 2014, S. 18Herbert Müller, Angewandte Makroökonomik, 1999, S. 24
Das langfristige Marktgleichgewicht ist hergestellt, wenn sich die Kapitalintensität (Kapitalausstattung pro Kopf) nicht mehr verändert.Dietmar Wellisch, Finanzwissenschaft III: Staatsverschuldung, 2014, S. 19 Befindet sich der Kapitalmarkt im Gleichgewicht, so gelangen Ersparnis und Investitionen beim Gleichgewichtszinssatz zum Ausgleich. Ein hoher Kapitalmarktzins kann Privathaushalte zur Kapitalanlage (zu Lasten des Konsums) anregen und damit über ein höheres Kapitalangebot zur Reduzierung des Zinses beitragen und umgekehrt.
Die Aufgabe der Intermediäre liegt darin, das Gleichgewicht zwischen Kapitalangebot und -nachfrage zu erleichtern, indem sie Transaktionen in den Zahlungsströmen der Kapitalnachfrager und -anbieter durchführen, den Informationsstand verbessern und Transaktionsabwicklungen unterstützen.Anja Benker, Vor- und Nachteile einer kapitalmarktorientierten Unternehmensführung, 2008, S. 9 ff.
Funktionen von Kapitalmärkten Zu unterscheiden ist zwischen der Allokations-, Informations- und Bewertungsfunktion: Die Allokationsfunktion betrifft die Verteilung von Kapitalangebot und -nachfrage. Die Kapitalallokation gilt als effizient, wenn diejenigen Kapitalnachfrager die angebotenen Finanzierungsmittel erhalten, die mit dem Kapitaleinsatz den höchsten Nutzen erzielen können.Ulrich Pape: Grundlagen der Finanzierung und Investition. 2015, S. 11. Effizienzmaßstab ist der Kapitalmarktzins. Die Informationsfunktion hat für die Funktionsfähigkeit der Kapitalmärkte entscheidende Bedeutung, weil die Marktteilnehmer ihre Entscheidungen auf der Grundlage verfügbarer Informationen treffen müssen. Kapitalanbieter müssen Zugang zu Informationen über ihr Kreditrisiko beispielsweise durch den Jahresabschluss der Kapitalnachfrager erhalten.Ulrich Pape: Grundlagen der Finanzierung und Investition, 2015, S. 12. Die Bewertungs- und Preissetzungsfunktion entfaltet sich vor allem an Börsen, wo Börsenkurse (Aktienkurse oder Anleihekurse) den zukünftigen Erfolg des Emittenten reflektieren. Außerbörslich gehandelte Finanzkontrakte werden durch Ratingagenturen oder Kreditinstitute (Kreditwürdigkeitsprüfung)Ulrich Pape: Grundlagen der Finanzierung und Investition, 2015, S. 11 f. sowie durch die Risikoklassen der Finanzkontrakte bewertet. Die Koordinationsfunktion sorgt dafür, dass die dezentral erstellten und meist nicht miteinander harmonierenden Wirtschaftspläne der Kapitalmarktteilnehmer so weit wie möglich in Einklang gebracht werden.Karl Häuser: Kapitalmarkt, in: Wolfgang Gehrke (Hrsg.): Handwörterbuch des Bank- und Finanzwesens, 1995, S. 1124. Individualschutz: Durch diese Schutzfunktion erhalten die Investoren einen Schutz gegenüber anderen Teilnehmern, die sich einen Vorteil mit Informationsvorsprüngen zu Lasten der Anleger verschaffen wollen.Leif Steinhauer: Die Objektivierung des kapitalmarktorientierten Value Reporting, Band 13, 2007, S. 11 ff.
Transformationsfunktionen Man unterscheidet zwischen Mengentransformation, Fristentransformation, Losgrößentransformation und Risikotransformation.
Mengentransformationen Die Mengentransformation umfasst die Ansammlung der in einer Volkswirtschaft gebildeten Ersparnisse und deren Verteilung zu den Investoren in gewünschter Fristigkeit und Mengenordnung.Werner Ehrlicher: Kompendium der Volkswirtschaftslehre, 5. Auflage, 1975, S. 386.
Fristentransformation Die Fristentransformation ermöglicht den Ausgleich der Fristen zwischen Kapitalgebern und -nehmern. Dabei handelt es sich um die Frist, während der ein Kredit durch einen Anleger in Anspruch genommen wird und um die Frist, die verstreicht, bis ein Sparer seine finanziellen Mittel zur Verfügung stellt. Diese Fristen weichen in der Regel voneinander ab.
Losgrößentransformation Die Losgrößentransformation ermöglicht durch eine Zusammenführung von mehreren Kapitalgebern eine Übereinstimmung, der durch die Kapitalnehmer nachgefragten Beträge, die ein einzelner Kapitalgeber nicht zur Verfügung stellen könnte.Armin Varmaz: Rentabilität im Bankensektor Identifizierung, Quantifizierung und Operationalisierung werttreibender Faktoren, 1. Auflage, 2006, S. 20 ff.
Risikotransformation Eine Risikotransformation findet auf Kapitalmärkten statt, wenn Finanzintermediäre zwischen die Marktteilnehmer mit unterschiedlicher Risikobereitschaft treten und das Ausfallrisiko verändern. Durch die Risikotransformation erhalten die Sparer die Möglichkeit, ihr Kreditrisiko abzusichern oder zu verteilen. Unsichere Zahlungsströme können so in sichere Zahlungsströme umgewandelt werden. So können beispielsweise Risiken durch schwankende Wechselkurse umgewandelt werden.Anja Benker: Vor- und Nachteile einer kapitalmarktorientierten Unternehmensführung, 2008, S. 8 ff.
Geschichte Entwicklung der Kapitalmärkte
Marcus Tullius Cicero berichtete im Jahre 66 vor Christus darüber, dass eine Finanzkrise in der Provinz Asia wegen ihrer Verflechtungen auch Rom ansteckte: „Dieses Kreditwesen und diese Geldgeschäfte, welche in Rom, welche auf dem Forum getätigt werden, sind eng verflochten mit jenen Geldern in Asien“.Marcus Tullius Cicero, De Imperio Cn. Pompei, 19