Das Erdwerk von Büdelsdorf LA 1 bei Rendsburg liegt in Schleswig-Holstein und ist eine Anlage, die während des Neolithikums entstand und zur nordeuropäischen „Monumentalarchitektur“ zählt und neben der Bezeichnung Erdwerk auch als Grabenwerk oder causewayed enclosure bezeichnet wird. Das Erdwerk Büdelsdorf LA 1 war stellenweise von vier konzentrischen Ringen mit aufwendig gestalteten Torbauten umgeben. Das Erdwerk besitzt eine lange und komplexe Nutzungsgeschichte. Anfangs und am Ende existierte das eigentliche Erdwerk. Im Inneren der Anlage wurde eine Siedlung freigelegt, die in einer Zwischenphase genutzt wurde, in der das Erdwerk vermutlich nicht benutzt wurde. Das Erdwerk bildet zusammen mit dem neolithischen Gräberfeld Borgstedt eine neolithische Kleinregion.
Allgemeines Generell sind Erdwerke ab dem mitteleuropäischen Frühneolithikum mit der Linearbandkeramischen Kultur vorhanden. Sie sind in der Regel von Gruben, Wällen und Palisaden umgeben. Neben ringförmigen Strukturen, wie die früh- und mittelneolithischen Kreisgrabenanlagen (z. B. Goseck), sind ab dem späten 5. Jahrtausend unförmige Befunde mit vielen Durchgängen zu finden – sogenannte causewayed enclosures. Die frühen Befunde gehören zum kulturellen Kreis der Michelsberger Kultur. Die Idee verbreitete sich sukzessive von Ostfrankreich über Südwestdeutschland, Mitteldeutschland und schließlich nach Norddeutschland und Südskandinavien.
Lage Der Fundplatz Büdelsdorf LA 1 liegt im Rand des heutigen Wohngebietes In den Hollerschen Anlagen. Er liegt nahe an der geomorphologischen Grenze der Jungmoräne des Östlichen Hügellandes sowie den ihr vorgelagerten Schmelzwassersandern. Der Fundplatz liegt nördlich der heutigen Stadt Rendsburg auf einem Geländesporn am Nordufer der Eider. Der Sporn ragt in den Fluss hinein und führt zu dessen Verengung. Der Sporn umfasst 6 ha, reicht hoch bis zu 17,5 m ü. NN und bildet den Abschluss einer Moränenzunge, die sich weit ins Eidertal vorschiebt. Im Norden bildet eine einst vermoorte Erosionsrinne eine natürliche Grenze. Der nordöstliche Bereich verfügt über keine natürliche Begrenzung.TK 25 Blatt 1624 Rendsburg (Ausgabe 1937) (als Digitalisat ). Nördlich in etwa 800 m Entfernung sind Geländekuppen anzutreffen, auf denen das Gräberfeld Borgstedt liegt. Durch aktuelle Überbauung ist diese landschaftliche Situation dort nicht mehr gegeben – das Wohngebiet, ein Gehölz und Sport- und Freizeitanlagen überdecken den nördlichen Teil.Stadt Büdelsdorf, Flächennutzungs- und Stadtentwicklungsplan (als Digitalisat ). Die 20.000 m² große archäologische Grabungsfläche stellt nur etwa ein Fünftel der Gesamtfläche dar.Informationstafel des Schleswig-Holsteinischen Landesdenkmalamtes am Standort „In den Hollerschen Anlagen“ (als Foto ).
Forschungsgeschichte In den 1950er Jahren durch einen Sammler entdeckt, wurden in den Jahren 1969–1974 großflächige Ausgrabungen des LVA durchgeführt. Die, den Sporn einhegenden Graben- und Palisadensysteme waren bis dato unbekannte Befunde, womit die Besonderheit des Fundortes rasch erkannt wurde. Eine kleine Nachgrabung erfolgte im Rahmen des DFG-geförderten SPP 1400 im Jahre 2013, um stratigraphische Gesichtspunkte zu klären, wie die vertikale Positionierung des Fundmaterials und um organisches Probenmaterial für absolutchronologische Analysen zu gewinnen. Die elf Grabanlagen des nahegelegenen Gräberfeldes wurden zwischen 1973 und 1994 erforscht und dabei beinahe komplett ausgegraben. Vor der umfassenden Publikation 2016, wurden zahlreiche Berichte zu den Grabungskampagnen publiziert.
Etwa gleichzeitig wurden die Erdwerke von Sarup I + IIIn Sarup auf Fünen in Dänemark liegen zwei neolithische Anlagen Trichterbecherkultur (TBK) datiert auf das 4. Jahrtausend v. Chr. auf Fünen in Dänemark entdeckt, aufgrund derer diese Befundgruppe in Dänemark „Sarupanlæg“ genannt wird. Inzwischen sind im Norden eine Anzahl von Erdwerken belegt.
Das Erdwerk Büdelsdorf LA 1 wurde im Rahmen des von der DFG geförderten und von Johannes Müller geleiteten Schwerpunktprogramms SPP 1400 „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“, Teilprojekt „Monumentale Grabenwerke, nichtmegalithische und megalithische Grabbauten des Früh- und Mittelneolithikums in Schleswig-Holstein: Untersuchungen zu Baugeschichte, Datierung, Funktion und Landschaftsbezug der Kleinregionen Büdelsdorf und Albersdorf“ von Franziska Hage untersucht und umfassend publiziert.
Befunde
Siedlung Die Ausdehnung der Siedlungsfläche wurde durch Begehungen ermittelt. Die Ausgrabungen haben etwa ein Fünftel des 5 ha messenden Siedlungsareals erfasst und dabei zahlreiche Befunde aufgedeckt. Neben den Gräben und anderen zum Grabenwerk gehörenden Befunden wurden zahlreiche Gruben im Inneren des Areals gefunden, die entweder Siedlungsgruben oder Pfostengruben darstellen. Letztere (353 Stück) lassen die Rekonstruktion von zehn Hausbefunden zu.
Diese wurden komplett oder teilweise ausgegraben. Sie sind fast ausschließlich nordost–südwestlich orientiert. Nur ein Hausbefund weicht hiervon markant mit einer Nordnordwest–Südsüdost-Orientierung ab. Sie sind, soweit sich dies feststellen lässt, zwischen 25 und 36 m lang und 5 bis 6,4 m breit.
Die Büdelsdorfer Häuser stellen eine Mischform zwischen aus norddeutschen und südskandinavischen Fundstellen bekannten Häuser und die Elemente, die in Büdelsdorf kombiniert auftreten, passen zur Datierung der Siedlungsphase. Aufgrund ihrer architektonischen Attribute der Zweischiffigkeit, den rechteckigen Grundrissen und absidenförmigen (rundlichen) Abschlüssen auf mindestens einer der Schmalseiten besitzen die Büdelsdorfer Häuser Parallelen in frühneolithischen (FN II) Häusern der Typen Dagstorp I, Dagstrop II und Mossby. Drei der Häuser besitzen allerdings Wandgräbchen, wie es Häuser vom Typ Flögeln (Mittelneolithikum Nordwestdeutschland) und Limensgård (ausgehendes Mittelneolithikum Bornholm) charakterisiert. Die Befunde aus Büdelsdorf sind architektonisch somit zwischen Früh- und Mittelneolithikum zu stellen und dies passt zur Datierung der Siedlungsphase (3320–3250 v. Chr.). Mit ihren 140–220 m² besitzen die Büdelsdorfer Häuser relativ hohe Flächen (Vergleich: FN ø 100 m² und MN ø 150 m²).Dörfler et al. 2015: W. Dörfler/J. Müller/W. Kirleis (Hrsg.)., MEGALITHsite CAU: Ein Großsteingrab zum Anfassen. Wachholtz, Murmann Publishers (2015).Müller 2017: J. Müller, Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel: Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas. Sonderheft Archäologie in Deutschland (WBG Darmstadt 2017).
Grabenwerk Das Grabenwerk Büdelsdorf LA 1 umfasst eine Fläche von 5,6 ha und ist aufgrund der Lage auf einem Geländesporn an der Eider nur von einer Seite zu erreichen. Hiervon zeugen zwei Eingänge im Nordosten und im Osten der Anlage. Es besteht aus drei umlaufenden Gräben, die vermutlich aus einzelnen Segmenten zusammengeschlossen sind. Die Gräben sind vor allem sog. Sohlgräbern und nur vereinzelt Spitzgräben. Sie sind 2–3,5 m breit und 1–2,5 m tief. Sie wurden mehrfach geöffnet und rasch wieder verschlossen. Zwischen den Gräben wurden Wälle (aus dem Aushub der Gräben) errichtet und Palisadenreihen installiert. Zudem sind zwei Doppelpalisadenreihen im Inneren der Anlage belegt und im Eingangsbereich wurde eine massive Flankenpalisade errichtet (Hage 2016).
Phasen des Grabenwerkes Es wurden insgesamt 108 14C-Datierungen vorgenommen. 34 Proben wurden auf dem Gräberfeld entnommen, 74 Messungen wurden 53 Befunden des Grabenwerkes und der Siedlung Büdelsdorf LA 1 entnommen.
Anhand der 14C-Daten in Bezug zu den architektonischen Elementen und ihrer relativen Abfolge (Umbauten und Umfunktionierungen des Grabenwerkes, Intermezzo der Siedlungsaktivität) sowie der Typochronologie der Gefäßkeramik konnte ein Phasenmodell aufgestellt werden. Dieses gliedert sich in vier Hauptphasen.
Büdelsdorf 1a (3750–3650 v. Chr.) und Büdelsdorf 1b (3490–3380 v. Chr.): Grabenwerk 1. Büdelsdorf 2 (3320–3250 v. Chr.): Siedlung. Büdelsdorf 3 (3280–3220 v. Chr.): Grabenwerk 2. Büdelsdorf 4 (3120–3050 v. Chr.): Grabenwerk 3.
Mit Büdelsdorf 1a wurden die Segmente der drei umlaufenden Gräben erstmals ausgehoben. Die einzelnen Segmente wurden dabei zu den jeweiligen Gräben zusammengeschlossen, sodass diese am Ende durchgängig waren. Vor den Gräben wurden Wälle aufgeschüttet und mindestens eine Palisade wurde errichtet. Die Gräben wurden kurz nach ihrer Beendigung wieder zugeschüttet, aber vermutlich markiert.
Mit Büdelsdorf 1b wurden dieselben Grabensegmente erneut geöffnet. Die vermutete Markierung begründet sich darin, dass diese Gräben wiedergefunden wurden. Ebenso wurden die Gräben erneut aufgeschüttet und ebenso die Palisade erneuert oder neu errichtet. Auch die zweite Öffnung der Gräben bestand nur kurz.
Nach einem erneuten Hiatus von etwa einem Jahrhundert wurde die Siedlung Büdelsdorf 2 errichtet. Dieses Ereignis korreliert mit einer deutlichen Auflichtung des Waldes sowohl vor Ort als auch in der weiteren Region. Dies zeigen die Artenzusammensetzungen in den Pollenprofilen: Hochwaldarten gehen deutlich zurück, Offenlandanzeiger wie Spitzwegerich (Plantago lanceolata) hingegen steigen deutlich an. Ebenfalls lassen sich Pollen von Kulturpflanzen erkennen, die vom Ackerbau vor Ort zeugen.Feeser et al. 2016: Feeser, W. Dörfler und F.-R. Averdieck, Palynologische Untersuchungen im Umfeld der Fundstelle Büdelsdorf LA 1. Beitrag in F. Hage, Büdelsdorf/Borgstedt. Eine trichterbecherzeitliche Kleinregion. Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung 11 (Bonn 2016), 204–220.
Die Siedlung Büdelsdorf 2 war mehrphasig, wie sich schneidende Befunde offenbaren. Es ist dennoch mit einer Anzahl von 40 gleichzeitigen Häusern zu rechnen. Es liegen keine Hinweise dafür vor, dass das Grabenwerk während dieser Phase genutzt wurde.
In den Pollenprofilen ist zu erkennen, dass mit Büdelsdorf 3 eine Waldregeneration einher geht und weniger Kulturpflanzen im Umfeld angebaut wurden. Das Grabenwerk wurde hingegen monumental. Zwei der drei alten Gräben wurden wieder ausgehoben, allerdings weniger zielsicher anvisiert als in der ersten Sekundärphase (Büdelsdorf 1b). Die neuen Gräben waren bis zu 3 m breit und 2,5 m tief. Der innerste der alten Gräben wurde nicht ausgehoben, dafür wurde eine Pfostenreihe installiert, doch dies vermutlich nur halbmondförmig die halbe Anlage umfassend. Weiterhin wurde den Gräben zwei Doppelpalisaden vorgelagert, doch dies vermutlich nur im Eingangsbereich. Dort wurden zudem stabile Flankenpalisaden errichtet. Auch all diese Gräben waren nur kurz geöffnet, wie fehlende Nachweise von eingetragenen Flugsedimenten oder Rieselschichten (die aufgrund der instabilen Profile zu erwarten wären) demonstrieren.
Während Büdelsdorf 3 oder 4 wurde im Eingangsbereich eine Feuerstelle installiert und große Mengen Getreide verbrannt (s. u.). Weiterhin wurden in der Phase 4 wenige der Gräben wiedergeöffnet. Die Monumentalität der Phase 3, die durch die zahlreichen Palisaden und dem ausgebauten Eingangsbereich erzeugt wurde, wurde in dieser letzten Nutzphase nicht wieder erreicht.
Funde Bei den Ausgrabungen wurden viele Artefakte gefunden. Vor allem hunderttausende Silexartefakte, daneben zehntausende Keramikscherben.