Aribert Ferdinand Heim (* 28. Juni 1914 in Radkersburg, Österreich-Ungarn;Taufbuch Bad Radkersburg, tom. XXXII, fol. 101 (Faksimile), abgerufen am 4. Januar 2024 † amtlich: 10. August 1992 in Kairo, ÄgyptenEhemaliger KZ-Arzt in Ägypten gestorben. Gericht erklärt NS-Verbrecher Heim für tot. bei rp-online.de, 21. September 2012 (zuletzt abgerufen am 2. Februar 2013).) war ein österreichischer Arzt, Nationalsozialist und SS-Mitglied. Ihm wird angelastet, als Lagerarzt zahlreiche Häftlinge im KZ Mauthausen ermordet zu haben. Ab 1962 war Heim flüchtig und wurde per internationalem Haftbefehl auch unter dem Namen Heribert Heim gesucht. In Medienberichten auch als „Dr. Tod“ und „Schlächter von Mauthausen“ bezeichnet, stand er zeitweise auf Platz eins der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher des Simon Wiesenthal Centers. Im Februar 2009 berichteten das ZDF und die New York Times, dass Heim 1992 in Kairo gestorben sei. Im September 2012 erklärte das Landgericht Baden-Baden Heim für tot und stellte das Strafverfahren gegen ihn ein.Landgericht Baden-Baden: Medieninformation vom 21.09.2012. Strafverfahren gegen Dr. Aribert Heim wegen Verdachts des mehrfachen Mordes aufgrund Todes des Angeschuldigten eingestellt. In: yumpu.com ( auf der Homepage des Landgerichts Baden-Baden, nicht mehr abrufbar), abgerufen am 1. November 2015.
Leben Aribert Heim wurde am 28. Juni 1914 als Sohn des Gendarmerie-Bezirksinspektors Josef Ferdinand Heim und dessen Ehefrau Anna (geborene Puffinger recte Pufing) in Radkersburg geboren und am 8. Juli 1914 auf den Namen Aribert Ferdinand getauft. Sein Zwillingsbruder starb noch bei der Geburt. Nach dem Besuch der Volksschule seines Heimatortes und der Mittelschule in Graz, wo er am 25. Mai 1926 auch gefirmt wurde, beendete er seine allgemeine Schullaufbahn mit dem Erwerb des Reifezeugnisses.Biographische Angaben bei Klemp, KZ-Arzt, S. 71, 329–335. Bereits in den 1920er Jahren trat er sportlich in Erscheinung und war etwa 1927 Teilnehmer und Sieger eines vom Radfahrerverein – dessen Mitglied er zu dieser Zeit allerdings nicht war – organisierten Hindernisrennens in Radkersburg., abgerufen am 4. Januar 2024 Bereits als Schüler war Heim leichtathletisch aktiv und gehörte der Leichtathletiksektion des Grazer AC an., abgerufen am 4. Januar 2024 Noch während seiner Schulzeit wurde er steirischer Meister im Diskuswurf und setzte seine Leichtathletiklaufbahn während seines Studiums in Wien beim Vienna Cricket and Football-Club fort., abgerufen am 4. Januar 2024
Ab 1931 studierte er an der Universität Wien, legte dort das Latinum ab und nahm 1933 ebenfalls in Wien ein Studium der Medizin auf. 1937 wechselte er an die Universität Rostock.Im Rostocker Matrikelportal nicht nachweisbar Im Jänner 1940 wurde Heim in Wien zum Doktor der Medizin promoviert; zugleich erfolgte seine ärztliche Bestallung.
1935 war Heim in die zu dieser Zeit in Österreich illegale NSDAP und die SA eingetreten. Nach dem „Anschluss Österreichs“ an den NS-Staat wurde er am 1. Oktober 1938 Mitglied der SS (SS-Nummer 367.744),Bundesarchiv R 9361-III/529832 beantragte am 19. Juni 1938 die reguläre Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.116.098).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/14261625 Als SS-Mitglied besuchte Heim auch die Medizinische Akademie der SS.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 238.
Kriegsverbrechen als Lagerarzt Im April 1940 meldete sich Heim freiwillig zur Waffen-SS. Nach der Rekrutenausbildung war er ab August 1940 beim Sanitäts-Ersatz-Bataillon der SS-Verfügungstruppe in Prag stationiert. Ab April 1941 wurde er beim Inspekteur der Konzentrationslager (IKL) geführt. Heim war zunächst Lagerarzt im KZ Sachsenhausen und wechselte im Juni 1941 in gleicher Funktion in das KZ Buchenwald sowie im Juli 1941 in das KZ Mauthausen.Klemp, KZ-Arzt, S. 73, 329. mini|hochkant|KZ Mauthausen (1940)
Eigenhändige Einträge im Mauthausener Operationsbuch dokumentieren mindestens 243 Operationen Heims an Häftlingen im Oktober und November 1941. Nach Zeugenaussagen eines Revierschreibers und eines Operationsgehilfen soll Heim gemeinsam mit dem Lagerapotheker Erich Wasicky hundertfach Juden durch intrakardiale Giftinjektionen, etwa mit Phenol, ermordet haben. Zudem soll Heim zu Übungszwecken, aus Langeweile oder Sadismus Häftlingen bei Operationen Organe entnommen haben.Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. S. 37f. Nach Angaben der Gedenkstätte Mauthausen operierte Heim ungefähr 220 Häftlinge, zum Teil mehrfach. Laut dem Mauthausener Sterberegister starben hiervon 53 Häftlinge in den 30 Tagen nach der Operation. Zeugenaussagen lasten Heim Morde an weiteren, zuvor nicht operierten Häftlingen an.Klemp, KZ-Arzt, S. 28. Zu den Häftlingen, die eine Operation Heims überlebten, gehörte Otto Peltzer, ein mehrfacher deutscher Leichtathletikmeister, der wegen seiner Homosexualität inhaftiert war.Klemp, KZ-Arzt, S. 76. Der Spanier Marcelino Bilbao war eines seiner Opfer: Zuerst zog er sechs Wochen lang Blut, dann injizierte er ihm eine mysteriöse Flüssigkeit, die seinen Körper lähmte. Wie lange Heim Lagerarzt in Mauthausen war, ist nicht gesichert bekannt. Nach Heims eigenen Angaben war er am 24. November 1941 in ein SS-Lazarett in Wien versetzt worden; später sei er Musterungsarzt bei verschiedenen SS-Ergänzungsämtern gewesen. Nach Aussagen von Marcelino Bilbao und Hans Maršálek, ab September 1942 Häftling in Mauthausen, war Heim noch im Sommer 1942 Arzt im Mauthausener Nebenlager Gusen.Klemp, KZ-Arzt, S. 78f, 124.
Ab 20. Oktober 1942 war Heim Arzt bei der 6. SS-Gebirgs-Division „Nord“, die auf finnischer Seite am Fortsetzungskrieg gegen die Sowjetunion teilnahm. Einzelheiten zu Heims Tätigkeit in Finnland sind weitgehend unbekannt; zeitweise war er Arzt im Divisionslazarett in der Stadt Oulu.Klemp, KZ-Arzt, S. 44–47. In der Waffen-SS hatte Heim 1944 den Rang eines SS-Hauptsturmführers erreicht. Anfang 1945 waren Heim und die SS-Division an die Westfront verlegt worden und nahmen zum Zeitpunkt der Ardennenoffensive an Kämpfen in den Vogesen teil.
Nachkriegszeit Am 15. März 1945 wurde Heim von US-amerikanischen Militärs im Hunsrück gefangen genommen. Zunächst in Kriegsgefangenschaft, war Heim ab Ende 1946 in Ludwigsburg und auf dem Hohenasperg interniert. Seine Entlassung erfolgte am 22. Dezember 1947 im Zuge einer Weihnachtsamnestie.Klemp, KZ-Arzt, S. 87, 329f.
In seinem Entnazifizierungsverfahren gab Heim am 20. März 1948 eine eidesstattliche Erklärung ab, der zufolge er gegen seinen Willen zur Waffen-SS eingezogen worden sei. „Von den verbrecherischen Absichten und Zielen der SS“ sei ihm bei seinem Eintritt in die Waffen-SS nichts bekannt gewesen, so Heim. Zugleich versicherte er, er habe „zu keinem Zeitpunkt an Aktionen, die gegen die Menschenrechte oder gegen das Völkerrecht waren, teilgenommen“.Eidesstattliche Erklärung Heims vom 20. März 1948, zitiert bei Klemp, KZ-Arzt, S. 82. Am 22. März 1948 stellte die Spruchkammer in Neckarsulm das Entnazifizierungsverfahren unter Hinweis auf Heims Angaben ein. Der Kammer lag eine Auskunft des Berlin Document Centers vor, die Hinweise auf die von Heim verschwiegenen Mitgliedschaften in NSDAP und SS sowie auf seine Tätigkeit in Konzentrationslagern enthielt.Zum Spruchkammerverfahren siehe Klemp, KZ-Arzt, S. 81ff.
Nach der Entlassung aus der Internierung arbeitete Heim im Bürgerhospital im hessischen Friedberg; gleichzeitig spielte er in der Saison 1947/48 Eishockey für den VfL Bad Nauheim und wurde Deutscher Vizemeister. Bereits im Jahr 1938 und auch während seiner Tätigkeit im KZ Mauthausen hatte Heim für den Wiener Club EK Engelmann Eishockey gespielt und war mit dem Verein 1939 Deutscher Meister geworden.Klemp, KZ-Arzt, S. 88ff. Auch in der Zeit seiner Promotion zum Doktor der Medizin war Heim als Eishockeyverteidiger im Einsatz., abgerufen am 4. Januar 2024 Mit seinem Klub wurde er zweimal Österreichischer Meister und bekam 1939 die Sportehrennadel der Stadt Wien verliehen.
Im Juli 1949 heiratete Heim Friedl Bechtold und ließ sich als Arzt in Mannheim nieder. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Aribert Christian, geboren 1949, und Rüdiger, geboren 1955. 1953 absolvierte Heim seine Facharztprüfung; im folgenden Jahr zog er nach Baden-Baden, wo er im November 1955 eine Praxis als Gynäkologe eröffnete. Zwischen August 1960 und Dezember 1961 war Heim als Kassenarzt zugelassen. Nach Polizeiermittlungen soll Heim während seiner Zeit in Baden-Baden auch als Pharma-Vertreter tätig gewesen sein.Klemp, KZ-Arzt, S. 100. Im Dezember 1956 legte er nach mehrfachen Bemühungen seine österreichische Staatsbürgerschaft ab und nahm die deutsche Staatsangehörigkeit an.Klemp, KZ-Arzt, S. 119f.
Haftbefehle und Flucht Erste Hinweise auf die Beteiligung Heims an Verbrechen im KZ Mauthausen hatten sich im Jänner 1946 bei der Vernehmung eines befreiten Häftlings durch US-Ermittler in Wien ergeben.Klemp, KZ-Arzt, S. 25. Im Februar 1948 wandte sich ein Zeuge unter Angabe des Namens Heim an den Wiener Eishockeyverband; im März leitete die Wiener Staatsanwaltschaft ein Vorermittlungsverfahren ein. Im Mai 1948 erhielten die Ermittlungsbehörden einen Hinweis, dass Heim in Bad Nauheim gesehen worden sei. Nach der Befragung weiterer Zeugen erließen die österreichischen Behörden am 28. März 1950 einen Haftbefehl gegen Heim, der mit dem Vornamen Heribert und dem Geburtsort Ingstfeld unzutreffende Angaben enthielt.Klemp, KZ-Arzt, S. 97ff. Im Mai 1951 entschied das österreichische Innenministerium, dass Heim entgegen dem Antrag der Wiener Staatsanwaltschaft nicht in Westdeutschland zur Fahndung ausgeschrieben werden solle. Beim deutschen Einbürgerungsverfahren Heims 1956 stand das Polizeipräsidium Mannheim in Kontakt mit österreichischen Behörden, ohne dass dies zur Festnahme Heims führte.Klemp, KZ-Arzt, S. 120. Ein zweiter, im Juli 1957 vom Landesgericht für Strafsachen Wien erlassener Haftbefehl war auf Österreich beschränkt und enthielt weiterhin die unzutreffenden Angaben des Haftbefehls von 1950.Klemp, KZ-Arzt, S. 101f. Im Oktober 1961 wandte sich die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg an die österreichischen Behörden, um Heim anhand von Lichtbildern identifizieren zu lassen. Zwei Zeugen erkannten Heim wieder.Klemp, KZ-Arzt, S. 117.
In der Nacht vom 13. auf den 14. September 1962 tauchte Heim unter. Am Vortag hatte das Amtsgericht Baden-Baden einen Haftbefehl erlassen, demzufolge Heim „dringend verdächtig“ ist.
Heim verließ seine Villa in Baden-Baden mit dem Wagen seiner Schwiegermutter und floh zunächst nach Frankreich und von dort über Spanien nach Marokko. Als die Polizei den Haftbefehl am Morgen des 14. September 1962 vollstrecken wollte, fand sie Heim nicht mehr vor.