Die Gothic-Kultur ist eine Subkultur, die Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervorging und sich aus mehreren Splitterkulturen zusammensetzt. Sie existierte in den 1980er und 1990er Jahren im Rahmen der Dark-Wave-Bewegung und bildete bis zur Jahrtausendwende den Knotenpunkt der sogenannten Schwarzen Szene.
Das Basiselement, das die Entwicklung der Gothic-Kultur ermöglichte, war das Zusammenwirken von Musik (Gothic Rock), Faszination für Themen wie Tod und Vergänglichkeit sowie einer daraus resultierenden Selbstinszenierung. Wesentlichen Einfluss nahmen hierbei Literatur und Film (Gothic Fiction), deren Thematik das Erscheinungsbild der Szene zum Teil maßgeblich prägte.
Die Anhänger der Gothic-Kultur werden länderübergreifend als Goths bezeichnet, obgleich diese Bezeichnung innerhalb der Szene eher selten Anwendung findet, bei vielen Szene-Angehörigen gar auf Ablehnung stößt und häufig hinterfragt wird. Gründe hierfür finden sich im Versuch der Wahrung der eigenen Individualität.Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes – Der Begriff „Gruftie“. 2004, ISBN 3-8334-1351-4, S. 56. Im deutschen Sprachraum ist unter anderem auch die Bezeichnung Grufti(e) gebräuchlich.
Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erfuhr die Bezeichnung Gothic eine Zweckentfremdung als Vermarktungsetikett durch die Musikindustrie, aber auch durch die kommerziellen Medien, wodurch sich ein weiterer Grund für die Ablehnung als Szene-Name entwickelte. So wurden immer häufiger Bands szenefremder Musikkulturen, wie Metal, Mittelalter-Rock, Neue Deutsche Härte oder Visual Kei, als Gothic vermarktet, während das Zentrum der Gothic-Bewegung schrittweise ins Abseits geriet. mini|Goth im Grufti-Stil: toupierte Haare, Piercings, Rosenkranz und astrologisches Symbol auf der Stirn
Bezeichnungen und deren Herkunft Goth(ic) (eigtl. ‚gotisch‘, hier im Sinne von ‚düster‘, ‚schaurig‘) fand Ende der 1970er für einen Stil der Rockmusik aus dem Post-Punk-Umfeld Verwendung. Der Begriff wurde ab 1982/1983 auf die Anhänger der dazu entstehenden Jugendkultur übertragen. Der Szene-Name geht dabei nicht direkt auf das Volk der Goten, auf die Epoche der Gotik oder auf die Gothic Novels zurück, sondern ist grundsätzlich an einen in England entstandenen Musikstil angelehnt, der aufgrund seines dunklen und dumpfen Klanges und seiner verwendeten Themen als „schaurig“ empfunden wurde.Ingo Weidenkaff: Jugendkulturen in Thüringen – Die Gothics. 1999, ISBN 3-933773-25-3, S. 41.Pete Scathe: A History of Goth – The Name. Demgemäß existierte zwischen der Gothic-Szene und der Gotik-Epoche bzw. dem Mittelalter kein direkter Bezug, wie er in den nachfolgenden Jahrzehnten hauptsächlich von Außenstehenden fehlinterpretiert wurde.Ecki Stieg: Gothic! Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher – Eine Szene ohne Namen. 2000, ISBN 3-89602-332-2, S. 15.
So titulierte 1982 unter anderem Ian Astbury, Sänger der Band The Southern Death Cult, die Fans der Gruppe Sex Gang Children als „Goths“. Kurze Zeit später formierte Astbury aus The Southern Death Cult die Band Death Cult und absolvierte 1983 einen Auftritt in Berlin. Der Musikjournalist Tom Vague, der diesem Konzert beiwohnte, äußerte in einem Bericht in der Oktober-Ausgabe des Musikmagazins ZigZag von 1983 über das Berliner Publikum Hordes of Goths. It could be London… (engl. ‚Horden von Goths. Es könnte London sein …‘) und versuchte damit, die Ähnlichkeiten zwischen dem Publikum beider Städte zu verdeutlichen. In den Jahren 1983 und 1984 festigte sich in Großbritannien die Bezeichnung für eine neue Jugendkultur allmählich. Sie fand in der Zeitschrift The Face in einem Special über den Londoner Batcave-Club erneut Erwähnung.Pete Scathe: A History of Goth – The Batcave (excerpts from „The Face“ magazine), /
Innerhalb des deutschen Sprachraums nutzte man gleichzeitig Bezeichnungen wie „Gruftis“ oder szeneübergreifend „Schwarze“ oder „Waver“, da sich Gothic in den 1980er Jahren weder als Genrebegriff noch als Bezeichnung für eine Subkultur über britische Grenzen hinaus weitläufig durchsetzen konnte. In Kanada und den USA geschah dies erst um etwa 1988, im mitteleuropäischen Raum zu Beginn der 1990er, obgleich Gothic als Selbstbezeichnung seit 1986 in WestdeutschlandBRAVO: Die Gothics lieben Grüfte. Ausgabe 14/86, März 1986, S. 20. und seit 1988 in Ost-Berlin belegt ist.Manfred Stock, Philipp Mühlberg: Die Szene von innen – Die Grufties. 1990, ISBN 3-86153-007-4, S. 84. Grufti, angelehnt an das Wort „Gruft“,Doris Schmidt, Heinz Janalik: Grufties. Jugendkultur in Schwarz – Begriff „Grufties“. 2000, ISBN 3-89676-342-3, S. 16. galt lange Zeit als negativ behaftete Bezeichnung,Birgit Richard: Kursbuch Jugendkultur – Schwarze Netze. 1997, ISBN 3-927901-86-5, S. 129 die später bei den Szeneangehörigen jedoch zunehmend als saloppe Selbstbezeichnung Verwendung fand. Konträr dazu wurde sie mit Beginn des neuen Jahrtausends weitgehend aus dem szeneinternen Sprachgebrauch verdrängt. Außenstehende verwenden sie noch heute, inzwischen größtenteils ohne negative Konnotationen.
Die Bezeichnung „Waver“ ist eine Ableitung von New Wave bzw. Dark Wave. Im Gegensatz zu anderen Post-Punk-Kulturen der 1980er gab es vielerorts keine reinen Gothic-Szenen. Oftmals wurde neben dem Hauptgenre Gothic Rock ein weites Spektrum verwandter Dark-Wave-Genres bevorzugt, sodass man in Mitteleuropa für gewöhnlich von einer „Dark-Wave-Szene“ sprach. Diese unterteilte sich – zumeist bedingt durch die musikalischen Präferenzen – in einzelne Teilkulturen, von denen die Kultur der Goths nur eine Komponente von vielen darstellte. Gothic wurde somit der Dark-Wave-Bewegung untergeordnet. Diese Unterteilung ist im Namen des Wave-Gotik-Treffens erhalten geblieben und findet sich in diversen Zeitschriftentiteln der 1990er Jahre wieder (zum Beispiel The Gothic Grimoire – Musikmagazin für Dark Wave und Life Style).
Zeitweilig kam die Bezeichnung Positive Punk zum Einsatz, die – ebenso wie „Gothic“ – direkt von der bevorzugten Musik abgeleitet wurde.Rennbahn-Express: Die Grufties. 1986, S. 12. Positive Punk war in der ersten Hälfte der 1980er Jahre eine Alternativbezeichnung für den Gothic Rock und wurde erstmals 1983 in einer Februar-Ausgabe des New Musical Express verwendet.Richard North: New Musical Express – Positive Punk: Punk Warriors. 19. Februar 1983, Online-Artikel Aus dem Jahr 1984 findet sich eine Erwähnung in deutschen Musikzeitschriften, wie etwa dem Düsseldorfer Punk-Fanzine Ohne Euch wäre es nicht passiert. Das Fanzine beinhaltet u. a. einen Stammbaum, der die Entwicklungen aus dem Punk- und Post-Punk-Umfeld auf ironische Weise darstellt und den typischen Positive Punk als „hager, bleich geschminkt, schwarz bekleidet, tageslichtscheu“ und „mit einer Vorliebe für okkulte Dinge“ beschreibt.Rüdiger Thomas: Stammbaum zur Punk- und Post-Punk-Szene. Ohne Euch wäre es nicht passiert. In: Düsseldorfer Punk-Fanzine, 1984, Ausgabe 2, S. 9. Noch Anfang des Jahres 1986 witzelte der Spex in einem Bericht über Siouxsie and the Banshees:
In der Folge verlor der Ausdruck Positive Punk im Journalismusbereich zunehmend an Bedeutung und wurde durch die Bezeichnungen Waver und Grufti ersetzt.
Ferner waren in der DDR und in Teilen Berlins Bezeichnungen wie Ghouls oder Darks gebräuchlich. Letztere Bezeichnung findet sich auch in Ländern wie Italien, Mexiko oder – in der sprachlich angepassten Form Darkeri – in Kroatien wieder. In einigen Gebieten Deutschlands, wie Nordrhein-Westfalen, war zudem die Selbsttitulierung Krähen geläufig, was annähernd der Bezeichnung les corbeaux (‚die Raben‘) entspricht, die französische Gothic- und Wave-Anhänger in den 1980ern für sich nutzten und die sich auf deren Erscheinungsbild bezog.
Goth, in der Mehrzahl Goths, hat sich bis heute in vielen Teilen der Welt etabliert. In Deutschland ist daneben die entsprechende Übersetzung Goten sowie die grammatikalisch inkorrekte Bezeichnung Gothics verbreitet.
Szene Überblick Sozialstatistik Über den Umfang der Gothic-Bewegung ist bisher wenig bekannt. Eine Marktstudie aus den späten 1990er Jahren geht – bezüglich der Szene in Deutschland – von etwa 60.000 Anhängern aus, obgleich diese Zahl als unrealistisch gilt, da sie neben der tatsächlichen Gothic-Kultur auch Teile der gesamten Schwarzen Szene und zahlreiche Sympathisanten mit einbezieht.Ingo Weidenkaff: Jugendkulturen in Thüringen – Gothic quo vadis? 1999, ISBN 3-933773-25-3, S. 45. So äußert bspw. Roman Rutkowski in seinem Buch Das Charisma des Grabes:
Vor diesem Hintergrund wird auch ein Wachstum der Gothic- und Wave-Szene, das um die Jahrtausendwende mehrmals prognostiziert wurde, szeneintern stark angezweifelt. Stattdessen wurde bereits Ende der 1990er in vielen Regionen eine sukzessive Rückbildung angenommen,Klaus Farin: Die Gothics – Interview mit Claus Müller (Herausgeber des Orkus-Musikmagazins). 1999, ISBN 3-933773-09-1, S. 63. die dem Niedergang der Gothic- und Dark-Wave-Musik zugrunde liegt.Dave Thompson, Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock. 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 361.Peter Matzke / Tobias Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon – Gothic Rock. 2002, ISBN 3-89602-277-6, S. 185.Ralf Jesek: Interview mit der deutschen Band Dreadful Shadows – Mit Statements von Jens Riediger und Love Like Blood, Neurostyle-Musikmagazin, Ausgabe 3/96, S. 46, 1996Sven Friedrich: Gothic! Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher – Gothic Rock. 2000, ISBN 3-89602-332-2, S. 36. Die meisten Größenstatistiken beruhen auf der Grundlage von Festivalveranstaltungen und Zeitschriftenverkäufen, weshalb keine geeigneten Daten vorliegen. Denn nicht jedes Mitglied der Szene fährt zu den Festivals und nicht jeder Festivalbesucher ist zwangsläufig ein Goth.Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes – Szenengröße. 2004, ISBN 3-8334-1351-4, S. 40. So liegt beispielsweise die Besucherzahl des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig derzeit bei etwa 18.000,Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes – Die Szene heute. 2004, ISBN 3-8334-1351-4, S. 61. allerdings ist das Publikum in sich heterogen und umfasst neben Gothic auch Kulturen wie Punk, Metal, Visual Kei, Elektro, Cyber, Neofolk und Angehörige der Mittelalterszene. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass speziell die großen Veranstaltungen international besucht sind. Eine Größenschätzung des deutschen Publikumanteils ist aus diesem Grund nicht möglich.
Ebenso lassen sich anhand von CD-Verkäufen keine exakten Zahlen ableiten, denn „nicht alle Personen, die szenetypische Musik erwerben oder hören, würden sich dieser Szene als zugehörig ansehen, da hier doch mehr Attribute erforderlich sind als lediglich der Musikkonsum.“
Laut einer Studie des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit Nordrhein-Westfalen (MFJFG NRW) beläuft sich das Alter der Szenemitglieder auf 14 bis 40 Jahre – ein Großteil davon bewegt sich zwischen 16 und 24 Jahren.Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes – Altersstruktur. 2004, ISBN 3-8334-1351-4, S. 42. Die Geschlechterverteilung innerhalb der Szene ist sehr ausgewogen, der Frauenanteil liegt somit deutlich über dem vieler anderer Subkulturen.Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes – Geschlechterrelation und Berufe. 2004, ISBN 3-8334-1351-4, S. 43.Ronald Hitzler, Thomas Bucher, Arne Niederbacher: Leben in Szenen – Die Schwarze Szene. 2005, ISBN 3-531-14512-6, S. 81.Ingo Weidenkaff: Jugendkulturen in Thüringen – Die Gothics. 1999, ISBN 3-933773-25-3, S. 42.
Szenemerkmale