Als Kongogräuel werden die mit systematischer Grausamkeit betriebene Ausplünderung und Ausbeutung des sogenannten Kongo-Freistaats bezeichnet, der zwischen 1885 und 1908 eine Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II. war. Von der Société générale de Belgique und anderen Unternehmen geführte Konzessionsgesellschaften, deren Hauptaktionär der Freistaat und damit der König selbst waren, trieben damals die Kautschukgewinnung mittels Sklaverei und Zwangsarbeit voran. Dabei kam es massenhaft zu Geiselnahmen, Morden, Verstümmelungen und Vergewaltigungen sowie als direkte Konsequenz zu Hungersnöten, Krankheiten und einer sinkenden Geburtenrate. Die Bevölkerungszahl der belgischen Kongokolonie halbierte sich möglicherweise. Schätzungen schwanken zwischen 1,5 und 13 Millionen Opfern.Amandine Lauro et al.: Koloniaal Congo: een geschiedenis in vragen. Polis, 2020, Kapitel 7, S. 107–117.Matthew White verzeichnet auf Death Tolls (Statistiken zu Opferzahlen) im Abschnitt Congo Free State (1886–1908) verschiedene Schätzungen, deren Durchschnittswert bei 8 Millionen liegt.; Dieter H. Kollmer: Die belgische Kolonialherrschaft 1908 bis 1960, in: Bernhard Chiari, Dieter H. Kollmer (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte Demokratische Republik Kongo, 2. Auflage, Paderborn u. a. 2006, S. 45. (Peter Pater, Belgien 2004) beim Sender arte.

Weltweit publik gemacht wurden die Gräuel des belgischen Kolonialregimes durch eine internationale Kampagne des britischen Menschenrechtsaktivisten Edmund Dene Morel und einen offiziellen Bericht des britischen Konsuls Roger Casement. Die erste Menschenrechtskampagne des 20. Jahrhunderts führte dazu, dass die Privatkolonie des Königs vom belgischen Staat übernommen wurde, der die schlimmsten Missstände, wenn auch nicht alle, abstellte.

mini|Gebiete der Konzessionsgesellschaften im Kongo-Freistaat. Karte aus einem Werk von 1906 von E. D. Morel. mini|Ein Vater starrt auf die kleine Hand und den Fuß seiner fünfjährigen Tochter, die von „Wachen“ zur Eintreibung von Kautschuk getötet wurde – die bildkräftige Fotografie Nsala of Wala in the Nsongo District (Abir Concession) von Alice Seeley Harris.

Vorgeschichte König Leopold II. berief im September 1876 in Brüssel eine geographische Konferenz ein, um die Erforschung des Kongos voranzutreiben. Auf dieser Konferenz wurde außerdem die Gründung der Internationalen Afrika-Gesellschaft (IAG) beschlossen, die die humanitäre und wissenschaftliche Arbeit in Afrika koordinieren sollte. Im Jahre 1879 wurde der belgische Anteil an der IAG durch die Internationale Kongo Gesellschaft (IKG) ersetzt, welche die ökonomische Erschließung des Kongobeckens als Ziel hatte. Die Internationale Kongo-Gesellschaft war maßgeblich an der Erschließung des Kongos beteiligt. Mit einheimischen Herrschern wurden Verträge geschlossen, in welchen diese sich verpflichteten, ihr Land an die IKG abzutreten. Die IKG errichtete auf dem von ihnen erworbenen Land Handelsstationen, ließ Flüsse schiffbar machen und Straßen bauen. Auf der Kongo-Konferenz von 1884/85 in Berlin wurde das Kongobecken mitsamt seinem Hinterland der Internationalen Kongo-Gesellschaft zugesprochen. Da Leopold II. bereits vorher sämtliche Anteile der Gesellschaft aufgekauft hatte, war er deren alleiniger Eigentümer. Somit nahm die Kolonie eine Sonderrolle ein: Während die anderen Kolonien auf der Welt von einem Staat verwaltet und regiert wurden, war der sogenannte Kongo-Freistaat seit 1885 persönlicher Privatbesitz des Königs.

Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Kautschuk entstand der Kautschukboom. Im Kongo-Freistaat fanden sich beste Voraussetzungen für den Kautschukanbau. So schickte auch das deutsche „Kolonial-Wirtschaftliche Komitee“ den Botaniker Rudolf Schlechter im Jahr 1899 auf eine Kautschuk-Expedition u. a. in den Kongo, um die Samen der besten Pflanzen einzusammeln und Anzapfmethoden zu erproben. Es gab hier die größte natürliche Fläche an Bäumen mit Kautschuk-Ranken, auch bekannt als Lianen, überwiegend aus der Gattung Landolphia. Die gleichzeitig in Asien und in der Karibik angelegten Kautschukplantagen würden erst in 20 Jahren rentabel werden, so dass eine zeitlich begrenzte gewinnträchtige Monopolstellung gegeben war. Von nun an überzog ein staatlich eingerichtetes und organisiertes Zwangsarbeitssystem das Land. Bei dem Versuch, maximale Gewinne zu erzielen, machten sich die belgischen Unternehmen schwerer Übergriffe auf die kongolesische Bevölkerung schuldig.

Verhältnisse im Kongo-Freistaat Nach dem Erwerb des Kongos wurde dieser in 15 Distrikte mit jeweiligen Unterzonen eingeteilt. Diese wurden von im Kongo ansässigen Generalgouverneuren und einem Vizegouverneur kontrolliert, welche wiederum ihre Befehle aus Belgien bekamen. Um das riesige Gebiet zu kontrollieren, wurden an verschiedenen strategisch wichtigen Punkten (z. B. an Fernhandelsrouten) militärische sowie administrative Posten errichtet. Dies führte zu einer regionalen Unterscheidung der Präsenz der Kolonialherrschaft.Simon Hartmann: Die Institutionen des Leopoldianischen Systems, S. 50 f.

Da es aufgrund der schieren Größe des Gebietes nicht möglich war, dieses durch europäische Truppen und Beamte zu organisieren bzw. zu kontrollieren, warb Leopold II. verschiedene ansässige Warlords, Führer sowie afrikanische Söldner an. Den Höhepunkt fanden diese Anwerbungen in der Gründung der Force Publique. Dies war eine bewaffnete Söldnertruppe mit rund 19.000 afrikanischen Soldaten, welche von europäischen Offizieren geführt wurden. Ab 1896 wurden Gerichtshöfe (ein Hauptgerichtshof in Boma sowie acht Untergerichtshöfe) gegründet. Nicht zuletzt sollten diese Gerichte eine rechtliche Legitimation der Handlungen der Kolonialadministration bieten. Allerdings wurden auch Konzessionen an weitere Privatfirmen vergeben. In den diesen zugesprochenen Gebieten besaßen diese Unternehmen nicht nur ein Handelsmonopol, sondern übten de facto auch die Gerichtsbarkeit aus. Die dem König nahestehenden Handelsgemeinschaften durften sogar eigenständige Truppen ausheben. Beispiele für solche Unternehmen waren die Abir Congo Company, die Compagnie du Katanga oder die Compagnie des Grands Lacs.Simon Hartmann: Die Institutionen des Leopoldianischen Systems, S. 51 ff. Außerdem schlug König Leopold ein riesiges Gebiet von 250.000 km2 als Krondomäne seinem privaten Besitz zu.

Seit 1891 wurden dann verschiedene Dekrete erlassen, welche z. B. dem belgischen König alle noch nicht kultivierten Gebiete direkt zusprachen, Importzölle erhöhten oder auch Pro-Kopf-Steuern etablierten. Diese mussten in Naturalien wie Elfenbein oder Kautschuk abgeleistet werden, was faktisch bedeutete, dass jeder Kongolese eine bestimmte Menge an Naturalien an die Kolonialherrschaft abzugeben hatte. Da jedoch seit 1892 die Jagd auf Elefanten den Kongolesen verboten worden war, bedeutete dies einen indirekten Zwang zur Kautschukernte.Simon Hartmann: Die Institutionen des Leopoldianischen Systems, S. 49 ff.

Es entstanden riesige Kautschukplantagen, die die traditionelle Wirtschaftsform zerstörten und die Bevölkerung abhängig von Nahrungsmittellieferungen durch die belgischen Unternehmen machte. Um die Arbeiter zu zwingen, so viel Kautschuk wie möglich zu sammeln, wählten die belgischen Kolonialherren die Geiselhaft als Zwangsinstrument. Ein einfaches Aneinanderketten der Arbeiter war nicht immer praktikabel, weil sie bei der Arbeit auf die Bäume klettern mussten.

Gräueltaten an der Bevölkerung Die Gewalttaten gegen die ansässige Bevölkerung waren mannigfaltig. Anlässe für diese gewalttätigen Ausbrüche der Verwaltungsorgane gab es dabei vielfältige. So konnte es von kleinsten Verstößen wie nicht vollständig erreichten Ertragsquoten bis hin zu Aufständen für jegliche vermeintliche Auflehnung oder Nichtbefolgung der Befehle der Machthaber zu brutalen Bestrafungen kommen.

Jedem Dorf wurden Lieferquoten und -fristen auferlegt, entweder in zwei oder in vier Wochen, je nach Entfernung des Dorfes von der nächsten Sammelstelle. Als Gewähr nahm die Force publique die Frauen als Geiseln. Dabei rivalisierten die Soldaten um die attraktivsten Gefangenen, um sie zu vergewaltigen.Sabine Hirschauer: The Securitization of Rape. Women, War and Sexual Violence. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2014, ISBN 978-1-349-48909-1, S. 70. Viele Frauen starben an den Misshandlungen und Entbehrungen in der Geiselhaft. Kamen ihre Männer zu spät oder lieferten nicht genügend Kautschuk ab, wurden die Frauen umgebracht. Weigerte sich ein Dorf zu kooperieren, oder gab es dort einen Aufstand, wurde es zerstört, und zum Teil alle Bewohner, Frauen, Männer und Kinder, erschossen.

Die geforderte Kautschukmenge war so hoch, dass sie eigentlich nur durch unablässige Arbeit bei Tag und Nacht gewonnen werden konnte. Wer die geforderte Menge nicht erreichte, galt als faul und wurde hart bestraft. Oft hackten die Männer die gesamte Kautschukranke ab, was mehr einbrachte. Die Ranke jedoch starb ab, so dass die Männer mit der Zeit immer weiter in den Dschungel rücken mussten, um genügend ernten zu können. In Reaktion darauf wurde das Abhacken der Ranke verboten und mit dem Tode bestraft. Die durch die brutale Ausbeutung erzielten Gewinne waren enorm. So stiegen die Aktien einer der beteiligten Firmen, der Anglo-Belgian India Rubber Company (ABIR), von 4,5 Pfund binnen zwei Jahren auf 700, schließlich auf 1000 Pfund.Anton Zischka: Wissenschaft bricht Monopole. Der Forscherkampf um neue Rohstoffe und neuen Lebensraum. Goldmann, Leipzig 1936, S. 151.mini|Auspeitschung eines Kongolesen mit der Chicotte, der NilpferdpeitscheWiederholt kam es zu Aufständen und Rebellionen, die jedoch durch die Kolonialarmee des Freistaats, die Force Publique, brutal niedergeschlagen wurden. Neben den Erschießungen kamen auch andere grausame Bestrafungen zum Einsatz. So wurden Arbeiter dadurch bestraft, dass sie kopfüber an Bäumen aufgehängt und dem Tod überlassen wurden. Andere Arten des Malträtierens wie das Durchbohren von Beinen mit Pfeilen wurden z. B. als Strafe für Ehebruch durchgeführt. Häufig wurden die Opfer nach tödlichen Strafen zur Abschreckung öffentlich zur Schau gestellt. So wird über Léon Rom berichtet, der Menschenköpfe als Schmuck für seine Blumenbeete sammelte. Andere Berichte gehen auf Gerüchte über die Aufhängung von Genitalien in Dörfern von in Ungnade gefallenen Arbeitern zurück. Ein weiteres Beispiel der Abschreckung war Kannibalismus an Opfern: So wurde der Fall von Nsala (ein Kongolese, dessen Frau und Tochter verspeist wurden) bekannt. Ein weiteres häufig gebrauchtes Mittel war die Chicotte, die zur körperlichen Züchtigung genutzt wurde. Die Schläge mit dieser Peitsche aus getrockneter und gezwirbelter Flusspferdhaut hinterließen bleibende Narben. Wenige Schläge konnten hierbei zur Bewusstlosigkeit bzw. auch zum Tod führen.Dominic Johnson: Kongo: Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens. S. 23.

mini|Verstümmelte Kongolesen Ein anderes häufig angewandtes Zwangsinstrument war das Abhacken, die brutale Amputation der Hände. Die Force Publique bestand aus Schwarzen – nur die Offiziere waren Europäer. Damit die Soldaten mit ihrer Munition nicht auf die Jagd gingen oder sie etwa für einen Aufstand zurückbehielten, musste genau Rechenschaft für jede abgeschossene Patrone gegeben werden. Dies wurde durch die Formel „Für jede Kugel eine rechte Hand“ ‚gelöst‘: Für jede Kugel, die abgeschossen wurde, mussten die Infanteristen den von ihnen Getöteten die rechte Hand abtrennen und sie als Beweis vorlegen. Oftmals wurden Lebenden die Hände abgehackt, um verschossene Munition zu erklären. Die Hände wurden geräuchert, um sie länger haltbar zu machen, da es lange dauern konnte, bis ein weißer Vorgesetzter die Anzahl der Hände kontrollieren konnte. Teilweise wurden an Stelle von Händen auch Nasen eingefordert, um die Arbeitskraft der versklavten Bevölkerung nicht zu schwächen.Adam Hochschild: Schatten über dem Kongo., S. 235 f.