mini|Wladimir Gelfand, Deutschland, 1945 Wladimir Natanowitsch Gelfand (; wiss. Transliteration Vladimir Natanovič Gel’fand; * 1. März 1923 in Nowoarchangelsk, Ukrainische SSR; † 25. November 1983 in Dnepropetrowsk) war ein Offizier der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Er arbeitete nach dem Krieg bis zu seinem Tod als Berufsschullehrer.

Die Erlebnisse während seiner Militärzeit zeichnete Gelfand in einem Tagebuch auf, das in unbearbeiteter Form unter dem Titel Deutschland-Tagebuch 1945–1946: Aufzeichnungen eines Rotarmisten im Jahr 2005 in Deutschland erschien. Es ist das erste und einzige private Tagebuch eines Offiziers der Roten Armee, das in deutscher Sprache vorliegt.Die erstaunlichen Erinnerungen eines sowjetischen Leutnants an das besetzte Deutschland. Das Erste, KulturreportStefan Schmitz: In: Stern

Leben Wladimir Gelfand wurde in einer jüdischen Familie geboren, seine Mutter hieß Nadeschda Wladimirowna Gorodynskaja (1902–1982), sein Vater Natan Solomonowitsch Gelfand (1894–1974). Die jüdische Familie lebte sehr bescheiden. Wladimir Gelfands Mutter kam aus ärmlichen Verhältnissen, sie war eines von acht Kindern. Als junge Frau verdiente sie mit Privatunterricht etwas Geld. Wladimir Gelfands Vater hatte zunächst in einer Zementfabrik in Kamenskoje gearbeitet und nach der Oktoberrevolution berufsbildende Kurse besucht. Während der Vater parteilos blieb, gehörte die Mutter seit 1917, also schon in sehr jungen Jahren, zu den Bolschewiki. Parteifunktionen übte sie offenbar nicht aus, doch Wladimir hielt es in einem Lebenslauf für erwähnenswert, dass sie am Bürgerkrieg teilgenommen hatte. Sie wurde in den 1920ern aus der Partei ausgeschlossen. Dies zerstörte ihre Karriere, bewahrte sie jedoch vor zukünftigen Repressionen.

Wladimir Gelfands Eltern lebten also in einem ganz typischen Milieu des in den dreißiger Jahren zunehmend industrialisierten Südens der Sowjetunion: in dem der proletarisierten jüdischen Minderheit, die Anschluss an die kommunistische Bewegung gefunden hatte.

Auf der Suche nach einträglicher Arbeit und familiärer Unterstützung gelangte die junge Familie in die Region um Kislowodsk im Kaukasus. 1926 wohnte sie in Jessentuki, wo die Eltern des Vaters lebten, kehrte aber schon 1928 wieder ins ukrainische Industriegebiet zurück. Hier arbeitete der Vater in einem Metallbetrieb als Brigadier und wurde – den Angaben des Sohnes zufolge – als „Stoßarbeiter“ ausgezeichnet. Die Mutter war als Erzieherin in einem Betriebskindergarten beschäftigt, in dem auch Wladimir betreut wurde. Nach seiner Einschulung im Jahr 1932 übernahm sie eine Stelle in der Personalverwaltung eines großen Industriebetriebes. 1933 zog die Familie in die nahegelegene Industriemetropole Dnipropetrowsk.

Die Eltern trennten sich, als Wladimir noch zur Schule ging. An Kleidung und Nahrung konnten die Eltern nichts Besonderes bieten, doch sie förderten Wladimirs Bildung nach Kräften. Er war ein typischer Vertreter der „sowjetischen Oberprima“ der dreißiger Jahre: überzeugter Komsomolze, Wandzeitungsredakteur, glühender Agitator und Organisator von künstlerischen Rezitationswettbewerben. In einer Zeit, da der Wortkunst eine außerordentliche Bedeutung beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft und der Entwicklung des „neuen Menschen“ zugesprochen wurde, meinte auch er, den geistig anspruchsvollen, zugleich politischen „Beruf“ eines Schriftstellers ergreifen zu müssen. Dass das Land vom Großen Terror erschüttert wurde, registrierte der Schüler Gelfand kaum, denn es tangierte ihn und seine Familie nicht, und Schule wie Presse schienen die richtige Erklärung für den Kampf gegen „Verräter“ und „Klassenfeinde“ zu liefern.

Warum er 1940 oder 1941 von der Mittelschule in die Abiturklasse der Arbeiterfakultät für Industrie Dnipropetrowsk überwechselte, ist nicht ganz klar. An der neuen Ausbildungsstätte mit zusätzlicher Berufsausbildung absolvierte er „drei Kurse“.

Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion verhinderte Wladimirs Schulabschluss. Als im August 1941 Betriebe und öffentliche Einrichtungen der Heimatstadt evakuiert wurden, schlugen seine Mutter und er sich nach Jessentuki durch. Wladimir fand Unterkunft bei seiner Tante, die Mutter konnte nicht in seiner Nähe bleiben. Auch der Vater verließ die Ukraine.

Gelfand wurde in Jessentuki und dessen Umgebung am Anfang des Krieges bei einfachen Reparaturarbeiten eingesetzt. Im April 1942 meldete er sich an die Front, am 6. Mai 1942 wurde er einberufen. Die Grundausbildung erhielt der Neunzehnjährige in einer kleinen Artillerie-Einheit in der Nähe von Maikop im westlichen Kaukasus. Ihm wurde der Rang eines Sergeanten zugesprochen, er übernahm das Kommando über eine Granatwerferbesatzung. Als die Ölfelder bei Maikop im August 1942 direktes Ziel deutscher Angriffe wurden und die Wehrmacht in den Kaukasus vordrang, war Gelfand bereits nicht mehr dort. Er kämpfte seit Juni auf dem linken Flügel der Südwestfront bei Charkow, die den mächtigen Attacken des Gegners allerdings nicht gewachsen war.

Gelfand erlebte einen chaotischen Rückzug im Raum Rostow am Don. Mitte Juli 1942 wurde seine Einheit umzingelt und teilweise aufgerieben. Mit einer kleinen Gruppe gelang es ihm, aus dem Kessel auszubrechen und erneut Anschluss an die 62. Armee unter dem Kommando von Tschuikow, die für Stalingrad kämpfte, zu finden. Anfang August wies man Gelfand einer Eliteeinheit zu, der 15. Garde-Schützendivision, die nahe Stalingrad kämpfte. Eine Verwundung rettete Gelfand vor dem schlimmsten Gemetzel, er kam im Dezember 1942 in ein Lazarett in der Nähe von Saratow, östlich der Wolga. Im Februar 1943 wurde er gesundgeschrieben und in ein Reserve-Schützen-Regiment bei Rostow eingewiesen.

Im Sommer 1943 baute Vladimir Gelfand den Briefverkehr mit seiner Mutter erneut auf, die vorher nach Zentralasien evakuiert wurde. Von ihr erfuhr er, dass fast alle seine Verwandten väterlicherseits im besetzten Jessentuki bei Judenvernichtungsaktionen umgekommen waren. Faschisten brachten in Jessentuki die Großmutter von Wladimir, den Onkel, zwei seiner Tanten und zwei Cousinen um. Überlebt hatten nur der Vater und dessen Bruder, die vor dem Einmarsch der Nazis über Kaukasischen Gebirgen nach Derbent flüchteten.

Eine dreimonatige Schulung in Offizierskursen beendete Gelfand als Unterleutnant. Ende August 1943 wurde er in die 248. Schützendivision versetzt, wo er nach kurzem Aufenthalt in der Reserve das Kommando über einen Granatwerferzug übernahm. Die 248. Schützendivision hatte bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Zweimal völlig aufgerieben und wieder neu formiert, erhielt sie mit der dritten Aufstellung 1942 gut ausgebildete Kräfte aus verschiedenen Infanterie-Unteroffiziersschulen und Frontlazaretten. Die hochmotivierte Truppe machte sich innerhalb der Verbände der Südfront sehr verdient. Gelfand stieß zu ihr, als die Südukraine befreit wurde. Die Rote Armee schnitt die noch von den Deutschen besetzte Krim ab und attackierte die restlichen deutschen Verteidigungslinien. Gelfands Granatwerferzug wurde südlich von Melitopol eingesetzt. Die 248. Schützendivision wurde im Herbst 1943 in eine Garde-Armee der 3. Ukrainischen Front eingegliedert. Ende Januar 1944 erhielt Gelfand den Rang eines Leutnants. Seit November 1943 war er Vollmitglied der KPdSU(B).

Anfang 1944 war Gelfands Einheit in Kämpfe am südlichen Dnepr verwickelt. Gelfand durchlebte sie abwechselnd an der Kampflinie und in der Reserve. Anfang Mai 1944 überschritt seine Einheit den Dnister nahe Grigoriopol. Eine neue Offensive am Südabschnitt der Front führte er im August 1944 nach Bessarabien. Im Herbst 1944 befand sich seine Division im Raum östlich von Warschau. Sein Tagebuch füllte sich mit Notizen über Begegnungen mit der polnischen Zivilbevölkerung. Ende November 1944 war er bereits über zwei Monate außerhalb der Kampfhandlungen.

Seine Bummeleien erregten bei Vorgesetzten wiederholt Missfallen. Sogar dem Divisionskommandeur Nikolaj Galaj fiel er auf. Als Gelfand auch noch dessen Frontgeliebte anzuhimmeln begann und sie – auf freundschaftlichen Rat nichts gebend – in Briefen und Gedichten bedrängte, zog er Galajs persönlichen Grimm auf sich. Im Dezember 1944 musste er dem Militärstaatsanwalt sein unerlaubtes Entfernen von der Truppe erklären. Vor Jahresende kehrte Gelfand zu den Granatwerfern der 248. Division zurück.

Anfang 1945 bereitete sich die Rote Armee auf zwei gewaltige Angriffsoperationen vor, die Weichsel-Oder-Offensive und die Ostpreußen-Offensive. Einheiten mit insgesamt mehr als drei Millionen sowjetischer Soldaten wurden zu diesem Zweck neu formiert, ausgerüstet und in Stellung gebracht. Den erfolgreichen Offensiven sollte die Schlacht um Berlin folgen. Der Roten Armee stand ein noch immer mächtiger Feind entgegen, der an den Grenzen des eigenen Siedlungsraumes zu hartnäckigem Widerstand bereit war.

Gelfand wurde Anfang Januar 1945 in das 1052. Schützenregiment der 301. Schützendivision versetzt, das in Vorbereitung der Offensive Übungen absolvierte. Die 301. Division gehörte seit Oktober 1944 zur 5. Stoßarmee von Generaloberst Bersarin innerhalb der 1. Belorussischen Front unter Armeegeneral Schukow. Gelfand bekam im 3. Schützenbataillon wieder das Kommando über einen Granatwerferzug, und diesmal ging es wirklich an die vorderste Kampflinie. Vielleicht war es für ihn eine Art Strafversetzung zum Zweck der Bewährung, denn Gelfands alte Division (ebenfalls in der 5. Stoßarmee) besetzte den Aufmarschraum hinter der 301.

Am 14. Januar 1945 kam südlich von Warschau am Fluss Pilica nach 25-minütiger Artillerievorbereitung der Befehl zum Angriff in nordwestlicher Richtung. Das 1052. Schützenregiment stieß auf deutsche Infanterie und Panzer, dennoch kamen die sowjetischen Truppen in diesem Abschnitt nach einigen Tagen Stellungskampf unerwartet schnell voran. Binnen zwei Wochen erreichten sie die 1939 von der Wehrmacht überrollte Reichsgrenze.

Ende März 1945 wurde Gelfand in den Stab der 301. Division gerufen, um das „Tagebuch der Kampfhandlungen“ () zu führen. Im Vorfeld der Berliner Operation hatte man sich in Antonows Divisionsstab dafür einen neuen Schreiber ausgesucht – Wladimir Gelfand. So saß er also, während die 301. Schützendivision Mitte April bei Küstrin zum Angriff auf Berlin überging, zuerst in Küstrin, dann westlich der Stadt und schließlich in einem östlichen Vorort von Berlin und verfasste das offizielle Divisionstagebuch.

Die ersten Friedenswochen erlebte Gelfand als Stabsoffizier in diversen Einsätzen in und bei Berlin. Anfang Juli 1945 kam er in ein Reserve-Offiziersregiment nahe Rüdersdorf. Nachdem Bersarin Mitte Juni 1945 in Berlin bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, wurde die 5. Stoßarmee aus Berlin herausgeführt. Zugleich rüsteten die Truppen um. Auch für Gelfand musste ein neuer Einsatzort gefunden werden, und er hoffte auf interessante Einsatz- und Qualifizierungsmöglichkeiten. So bemühte er sich um eine Stelle als Politoffizier und malte sich aus, nach Sprachkursen in der Aufklärung eingesetzt zu werden, etwa bei Gefangenenverhören. Mit Aussicht auf eine Politoffiziers-Karriere – und nur so – schien ihm im August 1945 sogar ein Einsatz im Fernen Osten vorstellbar, nachdem die UdSSR Japan den Krieg erklärt hatte.