Das Schloss Biedenkopf (auch Landgrafenschloss Biedenkopf oder seltener Burg Biedenkopf) ist eine Burg in der mittelhessischen Stadt Biedenkopf und das Wahrzeichen der Stadt. Sie steht auf dem hohen, nach ihr benannten Schlossberg, einem Bergkegel oberhalb des alten Ortskerns.

Geographie Lage Das heutige Schloss befindet sich auf der Südseite des 386,2 m hohen Schlossbergs, der sich prominent in der Stadt Biedenkopf erhebt und vollständig von dieser umgeben ist. Er gilt als Nebengipfel des Großen Eschenbergs (), von dem der Schlossberg durch den Kottenbach und die in dessen Tal verlaufende Kottenbachstraße abgeschnitten ist. Die Höhendifferenz zwischen dem Berggipfel und der Biedenkopfer Unterstadt bzw. dem Lahntal liegt bei etwa 110 Metern. Die Oberstadt erstreckt sich entlang der Südflanke des Berges.

Anlage Das Schloss Biedenkopf ist die einzige als Steinbau unzerstörte Burg im Hessischen Hinterland. Der Bergfried ist auf der Stadtseite in die Ringmauer integriert. Dem Bergfried ist ein Zwinger vorgelagert. An die Ringmauer bzw. den Zwinger schließen sich Reste der Stadtbefestigung an. An der Ostseite der Burg befinden sich der Palas und ein quadratischer Wohnturm. Die gesamte Anlage hat einen Umfang von etwa 70 × 48 Meter. Eigentümer der Schlossanlage ist der Landkreis Marburg-Biedenkopf; die umgelagerten Außenflächen gehören der Stadt Biedenkopf. Jährlich zur Weihnachtszeit wird das Schloss beleuchtet und angestrahlt.

Nördlich der Burg wurden Ruinen einer etwa rechteckigen Burg gefunden, welche ein Vorgängerbau des heutigen Schlosses gewesen sein könnte (siehe Abschnitt „Ausgrabungsgelände“).

Erreichbarkeit Erreichbar ist das Schloss und der Gipfel des Schlossbergs im Wesentlichen über die Straße „Zum Schloß“, die „am Arnoldsgrund“ von der Kottenbachstraße abzweigt, die zum Ortskern führt. Am oberen Ende der Straße, das sich direkt unterhalb des Schlosses an seiner Westseite befindet, gibt es einen größeren Parkplatz mit einem Wendeplatz. Neben dieser Straße gibt es einen kleineren Fußweg mit Treppen, der das Schlossareal mit der Obergasse in der Oberstadt und dem Schenkbarschen Haus entlang der alten Stadtmauer verbindet. Eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr gibt es bisher nicht; ist aber – neben anderen Themen zur Erreichbarkeit, wie etwa Fahrradstellplätzen oder einem Erlebnispfad – Thema der Machbarkeitsstudie zur Zukunft des Schlossareals.

Naturräumliche Zuordnung Der Schlossberg gehört in der naturräumlichen Haupteinheitengruppe Westerwald (Nr. 32) und in der Haupteinheit Gladenbacher Bergland (320) zur Untereinheit Oberes Lahntal (320.2).

Geschichte mini|Burg und Stadt Biedenkopf nach einem Stich von Matthäus Merian 1655 mini|Sanierter Innenhof mit altem Fachwerk-Kassenhäuschen (2011) mini|Palas (2006)

Nach dendrochronologischen Untersuchungen wurde der nördliche Turm der Burg wahrscheinlich nach 1175 erbaut. Erstmals wurde eine Familie von Biedencap(h) im späten 12. Jahrhundert erwähnt. Der erste Vertreter der Familie, Harmouthdus von Biedencaph, war Ministeriale der Kölner Erzbischöfe. Die Familie stammte von der Familie von Hohenfels ab, die die Burg um 1158 errichtet haben soll. Die erste urkundliche Erwähnung der Anlage erfolgte 1254.

Um 1231 gelangte die Burg in den Besitz des Landgrafen Konrad von Thüringen, der die hessischen Besitzungen der Ludowinger verwaltete und eine Siedlung unterhalb der Burg anlegen ließ (die spätere Stadt Biedenkopf). Die Burg diente zur Zeit des thüringischen Landgrafen Heinrich Raspe zusammen mit den Burgen in Frankenberg und Gladenbach als westliche Grenzsicherung.

Nach 1296 „verlegte“ Landgraf Otto I. von Hessen die Burg nach „forne uff den Berg“; wahrscheinlich erbaute er eine Burg an der heutigen Stelle an der Südseite des Bergs, da die hintere wohl im Zuge von Streitigkeiten zwischen Landgraf Heinrich I. und seinen Söhnen Otto und Heinrich zerstört worden war. Der Umfang der Anlage reduzierte sich damit auf ein Drittel der bisherigen Größe. Der heutige Bergfried trägt deutlich die Merkmale der Bauweise der Staufenzeit und sollte demnach in dieser Zeit entstanden sein. Teile des Vorgängerbaus (der ersten Burganlage aus dem 12. Jhd.) sind heute noch vorhanden und auf dem Ausgrabungsgelände zu besichtigen.

1311 vererbte Landgraf Otto seinen Besitz an Landgraf Heinrich II., der einer Sage nach als „Eiserner Heinrich“ durch das Gemäuer geistern soll. Das Schloss wurde 1360 bis 1365 unter Heinrich II. deutlich ausgebaut: zwei Wohntürme, das innere Schlosstor und die vorgesetzten Zwingeranlagen sowie das Palas sind wohl hier entstanden. Nach Bauuntersuchungen wurde der Palas in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (1455–1460 und 1480–1483) umgebaut, wohl mit der Absicht es als Witwensitz für Anna von Katzenelnbogen (Ehefrau von Landgraf Heinrich III.) auszubauen. Ob diese das Schloss jemals bezog ist allerdings nicht bekannt.

Im 16. Jahrhundert verlor die Burg zunehmend ihre Bedeutung, was auch mit der Verpfändung von Schloss, Stadt und Amt an die Wittgensteiner Grafen zusammenhängt, die das Schloss baulich vernachlässigten. Unter Landgraf Philipp I. von Hessen wurden die Gebäude gründlich instand gesetzt und eine Nutzung als Wohnung für den Amtmann vorgesehen. Zwischen 1579 und 1842 diente der Palas als herrschaftlicher Getreidespeicher, in dem die bäuerlichen Abgaben gelagert wurden. So blieb er baulich erhalten. Spätestens im Jahr 1604 war die Burg eine Ruine, nachdem die oberhessische Linie der Landgrafen ausgestorben waren und das Schloss, das zeitweise als Jagdschloss gedient hatte, Konkurrenz durch das Jagdschloss Katzenbach erhalten hatte. Der nordwestliche Wohnturm wurde 1617 abgetragen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Schloss mehrfach besetzt und schwer beschädigt.

In den Jahren 1843–1847 wurde das Schloss unter Großherzog Ludwig II. von Hessen-Darmstadt und dem Kreisbaumeister Sonnemann wieder instand gesetzt und im Geist des Historismus umgebaut. Dabei wurden beispielsweise Bergfried und Ringmauer renoviert und Zinnen hinzugefügt. Diese Baumaßnahme wird oft fälschlich dem Baumeister Georg Moller zugeschrieben.Michael Losse: Die Lahn – Burgen und Schlösser. S. 67. Nach der Abtretung des Hinterlandes an Preußen 1866 veranlasste man unter anderem die Fensterverglasung des Palas; auch wurde das Schloss erstmals als Ausflugsziel entdeckt. Die Trägerschaft des Schlosses ging dabei vom Großherzogtum Hessen zum Königreich (später Freistaat) Preußen über.

Von 1886 bis 1891 wurden Renovierungsarbeiten am Palas ausgeführt. Bereits zwischen 1901 und 1905 hatte das Schloss eine hohe Bedeutung für den Fremdenverkehr, insbesondere für Reisende aus dem Rhein-Main- und Ruhrgebiet sowie auch für einige internationale Gäste. Im Jahr 1908 wurde durch den Geschichtsverein des Kreises Biedenkopf ein Heimatmuseum im Schloss eingerichtet, nachdem sich bereits 1904 eine öffentlich zugängliche Sammlung auf dem Schloss befand (siehe Abschnitt „Gründung und Anfangsjahre“ im Artikel „Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf“). 1937 wurde das Schloss, das sich bis dahin im Besitz des Freistaats Preußen befand, vom Kreis Biedenkopf für den symbolischen Kaufpreis von 500 Reichsmark erworben.Möntnich, Hans-Günther und Hinz, K. J. Günter: „Geschichte und Geschichten unserer Stadt“; 1254–2004, 2-bändiges Festbuch zum Jubiläum 750 Jahre Stadt Biedenkopf, Band 1, S. 28. Bis in die 1940er Jahre war sowohl der Schlosshof als auch die Umgebung sehr stark mit Bäumen bewachsen. 1949 gründete sich der Schloßverein Biedenkopf e. V. der bei der Verwaltung, Erhaltung und Ausgestaltung des Schlossareals, insbesondere des Heimatmuseums, unterstützte.

1950 erfolgte der Einbau einer Gaststätte, genannt „Eiserner Heinrich“ nach Landgraf Heinrich II., mit Erker in der Schlossmauer, die 1955 um eine Freiluftterrasse auf der Schlossmauer erweitert wurde. 1960 wurde für etwa 130.000 D-Mark ein Neubau in Form eines großflächigen Obergeschosses über der bisherigen östlichen Schlossmauer und der Freiluftterrasse samt einer „Schlosswartwohnung“ (Querbau hinter dem Palas) und Personalräumen (kleines Geschoss über der „Schlossterrasse“) hinzugefügt.Georg Dehio (Begr.), Ernst Gall (Hrsg.): Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Deutscher Kunstverlag, München 2008, S. 108.

Im Rahmen der Hessischen Gebietsreform und der Auflösung der Kreises Biedenkopf ging die Trägerschaft 1974 zum neuen Landkreis Marburg-Biedenkopf über (später zugeordnet zum Eigenbetrieb Jugend- und Kulturförderung).

Von 1988 bis 1993 war das Schloss wegen Baufälligkeit (der Dachstuhl drohte einzustürzen) für die Öffentlichkeit gesperrt. Für die darauf folgende aufwändige denkmalgerechte Sanierung wurde der Landkreis Marburg-Biedenkopf 1993 mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet. In den Folgejahren wurden weitere Teile der Burganlage repariert und saniert, 2007/2008 die Schlossmauer In: marburg-biedenkopf.de, 3. Juli 2008. und 2010 der Innenhof mit Wiederherstellung des ursprünglichen Pflasters.Sascha Valentin: In: Hinterländer Anzeiger online. 25. August 2010.

Im Jahr 2016 wurde die Kasse, die sich bis dahin in einem kleinen Fachwerkhäuschen (Baujahr 1913) im oberen Schlosshof befand, in einen Raum im hinteren Quergebäude mit direktem Zugang zum Museum verlagert und dessen Eingangsbereich komplett erneuert. 2017 wurde das ehemalige Kassenhäuschen, in dem sich zuletzt auch Toiletten befanden, schließlich abgerissen; einerseits um dort mehr Platz für Veranstaltungen zu haben, andererseits weil es aus denkmalpflegerisches Sicht in der Schlossanlage ein Fremdkörper darstellte. 2022 wurde das Häuschen am Stefansborn als Unterstand für Wanderer durch den Schlossverein wiedererrichtet, nachdem es zwischenzeitlich an verschiedenen Orten temporär untergebracht war.

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf hat angesichts des umfangreicheren Leerstandes im Schloss (auch bedingt durch die Schließung des Restaurants; siehe Abschnitt „Gastronomie“) im Frühjahr 2022 eine Machbarkeitsstudie für ein künftiges Nutzungskonzept des gesamten Areals in Auftrag gegeben. Es ging dabei insbesondere um ein Gastronomiekonzept für das bisherige Restaurant „Schlossterrasse“, die ehemalige Gaststätte „Eiserner Heinrich“ (heute Veranstaltungsraum), und den Biergarten, eine Stärkung des Hinterlandmuseums und eine touristische Erschließung des Ausgrabungsgeländes. Kernpunkte waren dabei auch eine möglicherweise herzustellende Barrierefreiheit, eine Nutzung der ehemaligen Hausmeisterwohnung für das Hinterlandmuseum, die Errichtung sanitärer Anlagen und die Erreichbarkeit des Schlosses mit verschiedenen Verkehrsmitteln.

Bürgermeinungen wurden dabei über einen Bürgerbeteiligungsprozess mit einer Bürgerbefragung und einem öffentlichen Ortstermin ermittelt. Der Einladung zur Ortsbegehung am 26. September 2022 folgten 45 Bürger. An der Befragung, die zwischen dem 31. Oktober und 13. November 2022 online und über Fragebögen stattfand, nahmen 730 Bürger teil.

Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie „Mehr Leben auf dem Landgrafenschloss“ wurden am 25. Mai 2023 im Biedenkopfer Rathaus vorgestellt. Aus der Studie soll nun ein Gesamtkonzept erarbeitet werden, in dem die unterschiedlichen Vorstellungen zusammengeführt werden sollen. Die Projekte müssten dabei, je nach Priorität, schrittweise realisiert werden und durch den Landkreis mithilfe von Fördermitteln finanziert werden. Die Verbindung zwischen Stadt und Schloss solle beispielsweise durch Infopunkte oder ein großes Bronzemodell von Schloss und Oberstadt auf dem Marktplatz gestärkt werden. Der Fußweg auf den Schlossberg solle neu gestaltet und mit Infotafeln und weithin sichtbarer Beleuchtung versehen werden. Für den Hang unterhalb des Biergartens wurde die Errichtung eines Abenteuerspielplatzes mit Klettermöglichkeiten vorgeschlagen.