Albertosaurus („Alberta-Echse“, abgeleitet vom Fundort Alberta und σαῦρος/sauros) ist eine Gattung theropoder Dinosaurier aus der Familie der Tyrannosauridae, die vor ca. 72 bis 69 Millionen Jahren in der oberen Kreide im Gebiet der heutigen kanadischen Provinz Alberta lebte.
Meistens wird die Gattung als monotypisch betrachtet, mit dem Typus Albertosaurus sarcophagus als einziger Art. Zusammen mit dem nahe verwandten Gorgosaurus bildet Albertosaurus die Unterfamilie Albertosaurinae. Einige Paläontologen betrachten Gorgosaurus libratus als kongenerisch mit Albertosaurus sarcophagus. Damit würde die Gattung Albertosaurus zwei Arten enthalten und die räumliche Verbreitung sowie die zeitliche Spanne ihres Auftretens wäre wesentlich größer.
Wie alle Tyrannosauriden war auch Albertosaurus ein bipeder Fleischfresser mit sehr kleinen, zweifingrigen Armen und einem großen Kopf mit dutzenden großen, scharfen Zähnen. Sämtliche Fossilien von Albertosaurus sarcophagus stammen aus der Horseshoe-Canyon-Formation; in dem aus dieser Gesteinseinheit überlieferten Ökosystem stand Albertosaurus als ein Spitzenprädator an der Spitze der Nahrungskette.
Bisher wurden die Fossilien von mehr als 30 Individuen gefunden, wodurch die Gattung besser erforscht ist als die meisten anderen Tyrannosauriden. Die Entdeckung von 22 Individuen in einer einzigen Fundstelle gibt Hinweise auf ein mögliches Rudelleben und erlaubt Studien über die Entwicklungsbiologie und die Populationsbiologie – derartige Rückschlüsse sind bei weniger gut bekannten Dinosauriern kaum möglich.
Merkmale mini|links|Lebendrekonstruktion von Albertosaurus sarcophagus Albertosaurus war kleiner als die gigantischen Tyrannosauriden Tarbosaurus und Tyrannosaurus, aber etwa so groß wie Daspletosaurus und Gorgosaurus. Adulte Tiere waren in der Regel bis zu neun Meter lang,Dale A. Russell: Tyrannosaurs from the late cretaceous of Western Canada (= Publications in Palaeontology. Bd. 1, ). National Museum of Natural Sciences (Canada), Ottawa 1970, Digitalisat.Thomas R. Holtz Jr.: Tyrannosauroidea. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 111–136. einige Fossilien lassen jedoch den Schluss zu, dass manche Exemplare über 10 Meter Länge erreicht haben könnten.Gregory M. Erickson, Philip J. Currie, Brian D. Inouye, Alice A. Winn: Tyrannosaur Life Tables: An Example of Nonavian Dinosaur Population Biology. In: Science. Bd. 313, Nr. 5784, 2006, S. 213–217, , PMID 16840697. Verschiedene unabhängige Gewichtsschätzungen, die auf unterschiedlichen Methoden beruhen, geben ein Gewicht zwischen 1,3Gregory M. Erickson, Peter J. Makovicky, Philip J. Currie, Mark A. Norell, Scott A. Yerby, Christopher A. Brochu: Gigantism and comparative life-history parameters of tyrannosaurid dinosaurs. In: Nature. Bd. 430, Nr. 7001, 2004, S. 772–775, . und 1,7Per Christiansen, Richard A. Fariña: Mass prediction in theropod dinosaurs. In: Historical Biology. Bd. 16, Nr. 2/4, 2004, , S. 85–92, . Tonnen an.
mini|Unvollständige Kiefer von Albertosaurus im Royal Ontario Museum Der massive Schädel saß wie bei allen Tyrannosauriden auf einem kurzen, „S“-förmig gebogenen Hals und war bei den größten Individuen etwa einen Meter lang.Philip J. Currie: Allometric growth in tyrannosaurids (Dinosauria: Theropoda) from the Upper Cretaceous of North America and Asia. In: Canadian Journal of Earth Sciences. Bd. 4, Nr. 4, 2003, , S. 651–665, . Die langen Kiefer beherbergten mehr als 60 bananenförmige Zähne, mehr als bei größeren Vertretern der gleichen Familie. Anders als bei anderen Theropoden waren die Zähne der Tyrannosauridae heterodont, sie waren also je nach Position im Gebiss unterschiedlich aufgebaut. Bei Albertosaurus waren die Zähne des Zwischenkieferbeins (Prämaxillare) im vorderen Bereich des Oberkiefers wesentlich kleiner als die restlichen Zähne, standen dichter beisammen und waren im Querschnitt „D“-förmig. Über den Augen saßen kurze knöcherne Kämme, die eventuell zur Brautwerbung leuchtend bunt gefärbt waren.Peter Dodson, Britt Brooks, Kenneth Carpenter, Catherine A. Forster, David D. Gillette, Mark A. Norell, George Olshevsky, J. Michael Parrish, David B. Weishampel: Albertosaurus. In: Peter Dodson: The Age of Dinosaurs. Publications International, Lincolnwood IL 2003, ISBN 0-7853-0443-6, S. 106–107.
Systematik Albertosaurus ist Mitglied der Familie Tyrannosauridae und der Unterfamilie Albertosaurinae. Sein engster Verwandter ist der geologisch etwas ältere Gorgosaurus libratus, der manchmal auch als Albertosaurus libratus dem Albertosaurus zugeschrieben wird (siehe unten).Philip J. Currie, Jørn H. Hurum, Karol Sabath: Skull structure and evolution in tyrannosaurid dinosaurs. In: Acta Palaeontologica Polonica. Bd. 48, Nr. 2, 2003, S. 227–234, (PDF; 137 kB). Diese beiden Spezies sind die einzigen beschriebenen Albertosaurinen, obwohl eventuell weitere noch unbeschriebene Spezies existieren.Philip J. Currie: Cranial anatomy of tyrannosaurids from the Late Cretaceous of Alberta. In: Acta Palaeontologica Polonica. Bd. 48, Nr. 2, 2003, , S. 191–226, (PDF; 1,8 MB). Thomas Holtz (2004) hielt Appalachiosaurus für einen Albertosaurinen, in einer späteren Veröffentlichung platziert er die Gattung jedoch knapp außerhalb der Tyrannosauridae, was bei anderen Autoren auf Zustimmung stieß.Thomas D. Carr, Thomas E. Williamson, David R. Schwimmer: A new genus and species of tyrannosauroid from the Late Cretaceous (middle Campanian) Demopolis Formation of Alabama. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 25, Nr. 1, 2005, , S. 119–143, .
Die andere große Unterfamilie der Tyrannosauridae ist die Tyrannosaurinae, die Daspletosaurus, Tarbosaurus und Tyrannosaurus mit einschließt. Im Vergleich mit den robusten Tyrannosaurinen hatten Albertosaurinen einen schlankeren Bau mit proportional kleineren Schädeln und längeren Unterschenkel-, Fuß- und Zehenknochen.
Entdeckungsgeschichte und Benennung Albertosaurus wurde von Henry Fairfield Osborn in einer sehr kurzen Notiz am Ende seiner Beschreibung des Tyrannosaurus rex im Jahr 1905 benannt. Der Gattungsname („Alberta-Echse“) ehrt Alberta, während das Artepitheth sarcophagus „Fleischfresser“ bedeutet und dieselbe Etymologie wie der gleichnamige Sarkophag hat; eine Kombination aus den altgriechischen Wörtern σάρξ/sarx („Fleisch“) und φαγεῖν/phagein („essen“).Henry Fairfield Osborn: Tyrannosaurus and other Cretaceous carnivorous dinosaurs. In: Bulletin of the American Museum of Natural History. Bd. 21, Article 14, 1905, , S. 259–265, Digitalisat. Heute sind über 30 Funde der Wissenschaft bekannt, die alle Altersstufen abdecken.
Frühe Entdeckungen mini|Der Red Deer River nahe Drumheller, Alberta. Fast drei Viertel aller Albertosaurus-Überreste wurden entlang dieses Flusses entdeckt. Das Typmaterial ist ein teilweiser Schädel, der im Jahr 1884 in einem Aufschluss der Horseshoe-Canyon-Formation entlang des Red Deer Rivers in Alberta entdeckt wurde. Diesen sowie einen weiteren Fund, einen kleineren Schädel mit einigen weiteren Knochen des Skeletts, entdeckten Expeditionen der Geological Survey of Canada, die der berühmte Geologe Joseph Tyrrell leitete. Edward Drinker Cope schrieb die beiden Schädel im Jahr 1892 der bereits existierenden Spezies Laelaps incrassatus zu,Edward D. Cope: On the Skull of the Dinosaurian Lælaps incrassatus Cope. In: Proceedings of the American Philosophical Society held at Philadelphia for promoting useful Knowledge. Bd. 30, Nr. 138, 1892, , S. 240–245, Digitalisat. obwohl der Name Laelaps bereits an eine Milbe vergeben war und deswegen geändert werden musste (Prioritätsregel). So nannte Othniel Charles Marsh Laelaps im Jahr 1877 in Dryptosaurus um; Cope jedoch erkannte diesen neuen, von seinem Erzrivalen vergebenen Namen nicht an. Lawrence Lambe schrieb Laelaps incrassatus dem Dryptosaurus incrassatus zu, als er die Funde im Jahr 1904 detailliert beschrieb.Lawrence M. Lambe: On Dryptosaurus incrassatus (Cope), from the Edmonton series of the north west territory (= Contributions to Canadian Palaeontology. Bd. 3 (Quarto), Tl. 3, ). Government Printing Bureau, Ottawa 1904. Wenig später bemerkte Osborn, dass der Typ von Dryptosaurus incrassatus auf einem typischen, nicht weiter zuzuordnenden Tyrannosauriden-Zahn basierte, weshalb er beide Schädel aus Alberta nicht zuverlässig dieser Gattung zuschreiben konnte. Die Schädel unterscheiden sich zudem beträchtlich von den Überresten von Dryptosaurus aquilunguis, der Typusart von Dryptosaurus, weswegen Osborn den neuen Namen Albertosaurus sarcophagus im Jahr 1905 aufstellte. Er beschrieb die Überreste nur grob und verwies auf die vollständige Beschreibung von Lambe aus dem Vorjahr. Beide Funde (CMN 5600 und 5601) befinden sich heute im Canadian Museum of Nature in Ottawa.
Dry-Island-Bonebed Im Jahr 1910 entdeckte der berühmte Paläontologe Barnum Brown ein Bonebed (Knochenlager) in einem Steinbruch entlang des Red Deer Rivers, das die Überreste einer großen Gruppe von Albertosaurus beherbergte. Wegen der großen Anzahl der Knochen und der wenigen Zeit, die Browns Team zur Verfügung stand, sammelten sie nicht jeden Knochen, sondern versuchten lediglich von jedem identifizierbaren Individuum mindestens einen Knochen zu bergen. Unter diesen, sich heute im American Museum of Natural History in New York befindenden Knochen sind sieben Sätze rechter Mittelfußknochen (Metatarsalia) sowie zwei isolierte Zehenknochen, die von der Größe her zu keinem der Mittelfußknochen passen. Dies lässt auf die Anwesenheit von mindestens neun Individuen schließen. Das Royal Tyrrell Museum of Palaeontology entdeckte das Knochenlager im Jahr 1997 wieder und setzte die Feldarbeit in diesem Fundort fort, der sich nun innerhalb des Dry Island Buffalo Jump-Provinzparks befindet.Philip J. Currie: Possible evidence of gregarious behavior in tyrannosaurids. In: Gaia. Revista de Geociências. Bd. 15, 2000, , S. 271–277. Ausgrabungen von den Jahren 1997 bis 2005 legten die Überreste von 13 weiteren Individuen aus verschiedenen Altersstufen frei, einschließlich eines winzigen, zwei Jahre alten Tieres und eines sehr alten, schätzungsweise über zehn Meter langen Tieres. Keines dieser Individuen ist von kompletten Skeletten bekannt, die meisten sind durch Überreste in beiden Museen vertreten.
Gorgosaurus libratus Im Jahr 1913 entdeckte der Paläontologe Charles Hazelius Sternberg einen weiteren Tyrannosauriden aus der etwas älteren Dinosaurier-Park-Formation in Alberta. Lawrence Lambe benannte diesen Dinosaurier im Jahr 1914 als Gorgosaurus libratus.Lawrence M. Lambe: On a new Genus and Species of Carnivorous Dinosaur from the Belly River Formation of Alberta, with a Description of the Skull of Stephanosaurus Marginatus from the same Horizon. In: The Ottawa Naturalist. Bd. 28, Nr. 1, 1914, , S. 13–20, Digitalisat. Weitere Funde wurden später in Alberta und Montana entdeckt. Dale Russell untersuchte die beiden Gattungen in einer Veröffentlichung im Jahr 1970, fand jedoch nur wenige Unterschiede und beschrieb Gorgosaurus als ein juveniles Synonym mit Albertosaurus neu. Da Albertosaurus der zuerst vergebene Name war (Prioritätsregel), benannte Russell Gorgosaurus libratus in Albertosaurus libratus um. Diese neue Art erweitert das zeitliche Vorkommen von Albertosaurus um mehrere Millionen Jahre nach hinten und das räumliche Vorkommen um hunderte von Kilometern südwärts.