Der Einakter Die Juden ist Gotthold Ephraim Lessings zweites Lustspiel. Er verfasste es 1749 in Berlin. Darin thematisiert er religiöse Toleranz und Humanität. Es gilt als eines der frühsten projüdischen deutschen Dramen, das zudem 30 Jahre vor seinem bekannteren Drama Nathan der Weise entstand.
Entstehungshintergrund Lessing selbst schreibt über die Entstehungshintergründe seines Frühwerks:
Im Zentrum des Stücks stehen die Themen Antisemitismus und religiöse Toleranz.Wilhelm Große: Nachwort. In: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-15-007679-8, S. 77f. Vor Lessing gab es in der deutschen Literatur keine positive und realistische Darstellung eines Juden. Einzig Gellert beschreibt im Roman Leben der schwedischen Gräfin von G*** eine vorbildliche jüdische Hauptfigur. Im Gegensatz zu Gellert, dessen Stück im fernen Sibirien spielt, versetzt Lessing den Juden jedoch nach Deutschland. Der allgemeine Antisemitismus in der Literatur sowie der Titel, der in der Komödientradition die lächerliche Figur ankündigte, ließen das Publikum eine Ständesatire erwarten. Diese Irreführung setzt Lessing bewusst ein, um das vorurteilsbehaftete Publikum zum Nachdenken anzuregen. Darin liegt der provokative Charakter des Stückes, das den weitverbreiteten Antisemitismus aufzeigt und kritisiert.
Soziokultureller Hintergrund Lessing hat sich beim Verfassen des Werks an der Situation der Juden im Sachsen und Preußen des 17. und 18. Jahrhunderts orientiert. Die Städte dieser zwei Staaten wollten möglichst judenfrei bleiben. Geduldet wurden nur wohlhabende Juden. Der Große Kurfürst erkannte, dass die reichen Juden der staatlichen Wirtschaft förderlich sein könnten, und erließ 1671 ein Generalgeleit, in dem er den Juden das Aufenthaltsrecht und die Handelsfreiheit gewährte. Sein Nachfolger, Friedrich I., hielt am Generalgeleit fest, verlangte aber mehr Steuern von den Juden.
Als Friedrich Wilhelm I. 1713 an die Macht kam, verschlechterte sich die Situation der jüdischen Minderheit: Sie durften von da an nur mit einem „Attest über tadellose Führung“Wilhelm Große: Nachwort, in: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-15-007679-8, S. 80. und einem bestätigten Vermögen von mindestens 10.000 Talern bleiben. Zudem wurde die Anzahl Juden beschränkt, und es durfte nur ein Kind pro Familie gegen Bezahlung eines jährlichen „Schutzgeldes“ heiraten. 1730 schränkte der König die Handelsmöglichkeiten der Juden ein. Weil sich die christlichen Handelsleute bedroht fühlten, durften die Juden von da an nur noch mit „Trödelkram und sonstigen Kleinigkeiten“ handeln.
Im Jahr 1750, ein Jahr nach der Veröffentlichung von Lessings Werk Die Juden, trat das von Friedrich II. beschlossene Revidierte General-Privilegium und Reglement vor die JudenschaftWilhelm Große: Nachwort. In: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-15-007679-8, S. 81. in Kraft. Dadurch wurden die bürgerlichen Rechte fast aller Juden eingeschränkt. Sie durften keine Staatsämter ausüben, Mischehen wurden verboten, und der Erwerb von Land wurde Sonderregelungen unterstellt. Juden wurden in „ordentliche“ und „außerordentliche“ Schutzjuden eingeteilt, wobei die ersten das erbliche Wohnrecht besaßen, den zweiten aber nur ein „unübertragbares Wohnrecht“ gewährt wurde. Dieser Gruppe wurde die Eheschließung untersagt. Allen Juden wurde das Wohnen ausschließlich in Ghettos gestattet.
Inhalt Der Gutsverwalter (Vogt) Martin Krumm hat seinen Gutsherren, den Baron, mit Hilfe eines Kumpanen überfallen. Beide gaben sich zur Tarnung als Juden aus. Der Überfall wurde allerdings durch das Einschreiten eines Reisenden vereitelt. Das Stück setzt mit einem Gespräch der beiden leer ausgegangenen Täter ein.
Krumm formuliert den Plan, sich für den missglückten Überfall an dem Retter, der aus Dankbarkeit des Herren auf dem Gut übernachtet hat, durch das Stehlen seiner Uhr zu revanchieren, entwendet dem Reisenden dann aber seine Tabaksdose. Der Bestohlene bemerkt zunächst nichts und ist gewillt, schnellstmöglich abzureisen, um die Dankbarkeit des Gutsherren nicht weiter unnötig in Anspruch zu nehmen. Auf Bitten des Barons und seiner Tochter hin lässt er sich aber erweichen und bleibt noch einen Tag länger.
Die Tochter und der Reisende hegen ein tieferes Interesse füreinander. Der gute Eindruck, den der Reisende macht, ist Anlass für den Vater, seiner Bediensteten Lisette den Auftrag zu erteilen, mehr über Stand, Besitz und Leben des Reisenden in Erfahrung zu bringen. Sie soll zu diesem Zweck dessen Bediensteten Christoph aushorchen.
Krumm hat zuvor Lisette mehr oder minder aus Zuneigung das Beutegut, die silberne Tabaksdose, geschenkt. Mit der Aussicht auf den Besitz derselben bringt Lisette Christoph, der seinen Herren erst vor kurzem kennengelernt hat und kaum etwas über ihn weiß, dazu, eine fiktive Geschichte zur Herkunft seines Herrn zu erzählen. Aufgrund der Verwirrung, die daraus resultiert und der verlorengegangenen Tabaksdose, die sich nun im Besitz Christophs befindet, kommt im Verlauf der Ereignisse die Wahrheit über Krumm, den Gutsverwalter, ans Licht. Ein weiteres Mal rettet der Reisende den Gutsherren somit vor Schaden.
Aus Dankbarkeit und Wertschätzung befürwortet der Baron die Verbindung zwischen seiner Tochter und dem Reisenden, bis man erfährt, dass der Reisende Jude ist. Das edelmütige Betragen des jüdischen Reisenden hat dazu geführt, dass er bewiesenermaßen darum bitten kann, in Zukunft weniger vorurteilsbelastet über Mitglieder seiner Religionsgemeinschaft zu denken.
Figuren Der Reisende Der Reisende ist die Hauptfigur im Stück. Er verhält sich sozial, ist intelligent und vernünftig und steht damit im Kontrast zu den übrigen Figuren des Stücks. Am Anfang rettet er den Baron heldenhaft vor einem Überfall und wird deshalb dankbar von ihm aufgenommen. Auch im späteren Verlauf wird ersichtlich, dass der Reisende ein vorbildlicher, nahezu idealer Mensch ist. Erst am Schluss des Stücks erfahren die Beteiligten zu ihrer Überraschung, dass er Jude ist. Juden müssen im Stück oft mit Vorurteilen kämpfen, doch der Reisende beweist mit seinem vorbildlichen Verhalten, dass diese Vorurteile unbegründet sind.
Martin Krumm Martin Krumm mit seinem sprechenden Namen ist der Gutsvogt des Barons und betreibt daneben heimlich das Diebeshandwerk. Sein Komplize Michel Stich und er überfallen als Juden verkleidet die Kutsche, in der sich der Baron und der Reisende mit seinem Bediensteten befinden. Der Überfall missglückt. Im anschließenden Gespräch mit dem Reisenden gibt er vor, sich bei diesem zu bedanken, verrät sich dabei aber mehrfach fast selber. Die Schuld für den Überfall gibt er dabei den Juden, gegen die er Vorurteile hegt. Während er angeblich vorzeigt, wie verbrecherisch sich die Juden verhalten, entwendet er dem Reisenden seine Schnupftabaksdose. So entspricht er dem typischen Klischee des Verbrechers, der habgierig und ein bisschen ungeschickt ist. Von Anfang an geht er deshalb davon aus, dass er, wie sein Vater und Großvater schon, am Galgen sterben wird.
Michel Stich Michel Stich ist ein Dieb und der Komplize von Martin Krumm. Über seine Person ist fast nichts bekannt, da er nur im ersten Auftritt vorkommt. Allerdings hat er ähnliche Charakterzüge wie Martin Krumm: habgierig und dumm. Im Gegensatz zu seinem Kollegen glaubt er nicht an den Tod am Galgen.
Der Baron Der Baron ist ein wohlhabender Vertreter des Adels. Getrieben von Dankbarkeit für seine Rettung bietet er dem Reisenden eine Unterkunft an. Sein Gut liegt auf dem Land, und er hat, nebst wenigen Bekannten, keine Freunde. Der Baron selbst ist ein Kriegsveteran, auf Juden ist er aufgrund früherer Erfahrungen nicht gut zu sprechen. Da er es als unhöflich betrachtet, seinen Gast auszufragen, setzt er Lisette auf Christoph an, um mehr über ihn zu erfahren. Er glaubt, dem Reisenden für die Rettung etwas schuldig zu sein, und bietet ihm Reichtümer an, die der andere ablehnt. Dann will er seine Tochter mit ihm verheiraten, was jedoch nicht zustande kommt, als er erfährt, dass der Reisende ein Jude ist.
Christoph Er ist der einfache Bedienstete des Reisenden, der ihn vier Wochen vor den Geschehnissen des Stückes in Hamburg aufgriff. Seitdem reist er mit seinem Herrn gemeinsam, ohne dass er dessen Namen und Stand kennt. Oft zeigt er sich ihm gegenüber respektlos und stört sich nicht daran, wenn dieser ihn wegen seiner etwas unverschämten Art zurechtweist. Trotzdem merkt man, dass auch er Vorurteile gegenüber Juden und Frauen hat. Christoph sagt von sich selber, dass er ehrlich und geschwätzig sei. Er trinkt äußerst gerne Bier und Wein, dabei ist ihm die Tageszeit gleich. Er macht am Anfang des Stückes Lisette eine Liebeserklärung und erhält als Zeichen der Zuneigung die Tabaksdose von ihr.
Lisette Sie ist eine Bedienstete des Barons. Sie bekommt von ihm den Auftrag, durch Christoph mehr über den Reisenden herauszufinden. Sie lässt sich gerne von verschiedenen Verehrern umschmeicheln und spielt auch etwas mit ihnen, wie z. B. mit Martin Krumm oder Christoph. Sie stellt in der Handlung die Verbindungsperson zwischen den beiden dar, was sich schlussendlich als bedeutsamer Zusammenhang erweist.
Ein junges Fräulein Das junge Fräulein besitzt jugendliches Ungestüm, wobei sie manchmal ein wenig die Etikette vernachlässigt. Sie fühlt sich von Anfang an vom Reisenden angezogen, und ihr Ausspruch, sie versuche, aller Welt zu gefallen, lässt auf einen etwas eitlen Charakter schließen. Vollkommen überzeugt von sich spricht sie, trotz des Verbots ihres Vaters, mit Männern. Ihre selbstbewusste Art tritt öfters zu Tage, und sie hält auch ihre Meinung nicht zurück. Eine gewisse Naivität manifestiert sich, als Lisette dem Fräulein vorschlägt, ihr einige Lebensjahre zu geben und so das Fräulein älter und sich selbst jünger zu machen. Das Fräulein hat als einzige keine Vorurteile bezüglich der Juden, was jedoch eher auf Unwissenheit denn auf Weltoffenheit zurückzuführen ist.
Form und Sprache Form Das Lustspiel ist ein Einakter, der in 23 Auftritte unterteilt ist. Die Einheiten der Zeit, des Ortes und der Handlung werden eingehalten. Die Titelgebung, die sich an die „frühaufklärerische Verlachkomödie“ anlehnt, ließ das zeitgenössische Publikum eine Ständesatire über die Juden erwarten. In Wahrheit verhöhnt das Lustspiel nicht den jüdischen Protagonisten, sondern die vorurteilsbehafteten Leser und Zuschauer, die eine solche Verhöhnung erwarten.Wilhelm Große: Nachwort. In: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-15-007679-8, S. 76. Davon abgesehen nimmt das Stück zahlreiche Elemente der Typenkomödie auf: die ungesitteten Diener (Lisette und Christoph), die Intrigen (Tabaksdose) und ein glückliches Ende mit der Heirat. In diesem Fall ist es die Dienerheirat von Lisette und Christoph und nicht die erwartete Vermählung ihrer Herren, des Reisenden und des jungen Fräuleins. Diese wird durch das herrschende Verbot der Mischehe vereitelt.
Sprache Das Lustspiel ist in Prosa verfasst. Die Wortwahl in der Figurenrede spiegelt den Bildungsstand der jeweiligen Figur wider. Während sich die beiden Räuber und der Diener Christoph sehr volkstümlich und mitunter derb ausdrücken, verfügt der Reisende über eine gewählte Sprache, die in keiner Weise auf seine religiöse Herkunft verweist (Jiddisch). Allgemein sind die Sätze kurz gehalten. Ein wichtiges Stilmittel neben der Ellipse und der Aposiopese ist dabei die Antilabe. Besonders wirkungsvoll kommt diese zum Einsatz, als der Reisende im 22. Auftritt seine Religionszugehörigkeit verrät:Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-15-007679-8, S. 43f.
Der Reisende: […] Ich bin – – Der Baron: Vielleicht schon verheiratet? Der Reisende: Nein – – Der Baron: Nun? was? Der Reisende: Ich bin ein Jude. Der Baron. Ein Jude? grausamer Zufall! Christoph: Ein Jude? Lisette: Ein Jude? Das Fräulein: Ei, was tut das?