mini|Maigret, dargestellt auf einer Skulptur von Pieter d’Hont, die 1966 in Delfzijl errichtet wurde Jules Maigret ist eine literarische Figur des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er ist die Hauptfigur in 75 Romanen und 28 Erzählungen, die Simenon in einem Zeitraum von über 40 Jahren verfasste. Die Kriminalromane werden auch als Maigret-Romane bezeichnet, in Abgrenzung zu Simenons Non-Maigret-Romanen, die andere Hauptfiguren haben und oft nicht dem Genre der Kriminalliteratur zuzurechnen sind. Anders als beim klassischen Whodunit liegt der Fokus in den Maigret-Romanen weniger auf der Ermittlung des Täters als auf dem psychologischen Motiv hinter der Tat.

Maigret ist ein Kommissar der Pariser Kriminalpolizei mittleren Alters mit stämmiger Figur, der gerne isst, trinkt und Pfeife raucht. Typisch für ihn sind seine unerschütterliche Ruhe, sein Einfühlungsvermögen bei der Aufklärung eines Verbrechens und sein Verständnis für die Täter, das ihn nicht über deren Taten urteilen lässt. Zahlreiche Schauspieler verkörperten die Figur in Filmen und Fernsehserien. Erdacht hat Simenon seinen Protagonisten nach eigenen Angaben 1929 in einem Café im niederländischen Delfzijl.

Entstehungsgeschichte

In den 1920er Jahren war Georges Simenon ein äußerst produktiver Autor von Groschenromanen und Kurzgeschichten aus verschiedenen Genres der Trivialliteratur, die er unter einer Vielzahl von Pseudonymen publizierte. Bevorzugt schrieb er an Bord zweier Boote, mit denen er 1928 die Flüsse und Kanäle Frankreichs und im Folgejahr die Atlantikküste über Belgien, die Niederlande bis zur Ostsee bereiste. Auf diesen Reisen entwickelte Simenon zum ersten Mal die Figur Maigret, die ihn berühmt machen sollte.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. Das Leben des Georges Simenon. Knaus, Berlin 1995, ISBN 3-8135-2208-3, S. 180–181. mini|Gedenkplakette in Delfzijl, die an die Erfindung Maigrets sowie den Roman Maigret und das Verbrechen in Holland erinnert Simenon beschrieb später, dass sein Boot, die Ostrogoth, im Winter 1929/1930 im Hafen von Delfzijl, einer Stadt der nördlichen Niederlande, vor Anker lag. Er selbst saß an einem sonnigen Vormittag in einem Café und hatte etwas getrunken: „Jedenfalls sah ich nach einer Stunde, ein wenig schläfrig, allmählich die mächtige, unbewegliche Statur eines Mannes sich abzeichnen, der mir einen rechten Kommissar abzugeben schien.“ Simenon stattete die Figur mit verschiedenen Requisiten aus: „eine Pfeife, eine Melone auf dem Kopf, einen dicken Überzieher mit Samtkragen. Und weil es in meinem verlassenen Boot so feucht-kalt war, genehmigte ich ihm für sein Büro einen alten Kanonenofen.“ Bereits am nächsten Tag habe Simenon das erste Kapitel des ersten Maigret-Romans Pietr-le-Letton geschrieben, der wenige Tage später fertiggestellt war.Georges Simenon über die Geburt der Figur des Kommissar Maigret. In: Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 1. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23801-3, S. 191–192.

Im Widerspruch zu diesen Aussagen entschlüsselte die Simenon-Forschung, dass Pietr-le-Letton zwar der zuerst geschriebene der heute bekannten 75 Maigret-Romane war, dass die Figur Maigret allerdings bereits in vier zuvor entstandenen und unter Pseudonym veröffentlichten Romanen einen unterschiedlich langen Auftritt hatte, so in L’amant sans nom als namenloser, massiger, Pfeife rauchender Detektiv N. 49 und in Train de nuit erstmals als ruhiger und die Verbrecher verstehender Kommissar mit dem Namen Maigret. In La femme rousse stand Maigret noch ganz im Schatten seines Assistenten Torrence, und erst in La maison d’inquiétude avancierte er erstmals zur Hauptfigur. Entgegen Simenons Erinnerung war es Train de nuitPatrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war, S. 182. oder La maison d’inquiétude,Daniel Kampa: Nachwort. In: Georges Simenon: Maigret im Haus der Unruhe. Kampa, Zürich 2019, ISBN 978-3-311-70054-8, ohne Seiten. der in Delfzijl entstand, allerdings bereits im September 1929, wohingegen Pietr-le-Letton vermutlich erst im Frühjahr/Sommer 1930 in Paris fertiggestellt wurde. Pietr-le-Letton bildete auch nicht den Auftakt der erfolgreichen Serie, denn Simenons Verlag Fayard ließ den Autor einige Bände vorab fertigstellen und eröffnete die Maigret-Reihe im Februar 1931 mit zwei später geschriebenen Büchern: Monsieur Gallet, décédé und Le Pendu de Saint-Pholien.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war, S. 182–185.

Die Maigret-Romane waren die ersten Werke, die Simenon nicht unter Pseudonym, sondern unter seinem Realnamen veröffentlichte. Trotz ihres großen Erfolgs ließ Simenon die Reihe 1934 nach neunzehn Romanen auslaufen. Im abschließenden Band mit dem schlichten Titel Maigret (deutsch: Maigret und sein Neffe) befand sich der Kommissar bereits im Ruhestand. Simenon, der nach eigenen Worten die Maigrets als „halbliterarische Romane“, als „Sicherheitsnetz“ auf dem Sprung zu wirklicher Literatur betrachtete, wandte sich von 1934 an ausschließlich den Non-Maigret-Romanen zu, mit denen er sich als ernsthafter Literat einen Namen machen wollte.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war, S. 202. Doch bereits vier Jahre später erschienen die ersten Maigret-Erzählungen in verschiedenen Zeitungen. 1942 kehrte Simenon endgültig in Form eines Sammelbandes unter dem Titel Maigret revient (Maigret kehrt zurück) mit Romanen zu seiner populärsten Schöpfung zurück. Von da an entstanden die Maigret- und Non-Maigret-Romane in ständigem Wechsel, bis sich Simenon 1972 endgültig von den fiktionalen Werken zurückzog. Sein letzter Roman war noch einmal ein Maigret-Roman: Maigret et Monsieur Charles.

Oft wird die Maigret-Reihe nach ihrer Entstehungszeit in verschiedene Perioden untergliedert. Stanley G. Eskin unterscheidet nach den drei Verlagen, in denen Simenon publizierte, den „Fayard-Maigret“ der ersten 19 Romane, den „Gallimard-Maigret“ der Jahre während des Zweiten Weltkriegs sowie den „Presses-de-la-Cité-Maigret“ nach Simenons Übersiedlung nach Amerika.Stanley G. Eskin: Simenon. Eine Biographie, S. 383. Josef Quack trennt die letzte Phase noch einmal in zwei Perioden, in deren erster der Detektivroman noch eng mit dem psychologischen Roman verknüpft ist, während die Romane der letzten Periode mit ihren allgemeinen Fragen nach Schuld und Verbrechen kaum noch den Prinzipien eines Kriminalromans gehorchen.Josef Quack: Die Grenzen des Menschlichen. Über Georges Simenon, Rex Stout, Friedrich Glauser, Graham Greene, S. 23.

Über die Jahre hinweg schlichen sich in die Maigret-Reihe eine ganze Reihe von Unstimmigkeiten ein, die bis zu unterschiedlichen Vornamen und Geburtsdaten des Protagonisten reichten.Profiliert auf der Seite maigret.de. Laut Simenons Biograf Fenton Bresler waren die Romane zuweilen „schlampig konzipiert“. So wird bereits im ersten Roman der Serie Pietr-le-Letton Maigrets Gehilfe Torrence getötet, was Simenon nicht daran hinderte, ihn in den Folgeromanen wieder an Maigrets Seite zu gesellen. Simenon gab später zu, dass er schlicht vergessen hatte, dass Torrence bereits gestorben war.Fenton Bresler: Georges Simenon. Auf der Suche nach dem „nackten“ Menschen. Ernst Kabel, Hamburg 1985, ISBN 3-921909-93-7, S. 126–127. In Maigrets Memoiren nimmt Simenon seine Fehler selbstironisch aufs Korn und lässt Maigret berichten: „Auf einem Regalbrett meiner Bibliothek stehen Simenons Bücher. Ich habe darin alles, was nicht stimmt, geduldig mit Blaustift angestrichen […]. Was mich vielleicht am meisten irritiert hat, ist seine Unart, Daten zu verwechseln“.Georges Simenon: Maigrets Memoiren. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 35. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23835-8, S. 161.

Fiktive Biografie Geburt und Jugend

Maigret heißt mit Vornamen Jules. In späteren Ausschmückungen – oder wie Stanley G. Eskin anmerkt „aus auktorialer Vergeßlichkeit“ – wurden weitere Vornamen hinzugefügt.Stanley G. Eskin: Simenon. Eine Biographie, S. 391. So lautet sein vollständiger Name in Maigrets erste Untersuchung Jules Amédée François Maigret,Georges Simenon: Maigrets erste Untersuchung. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 30. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23830-3, S. 145. in Maigret und sein Revolver dagegen Jules-Joseph Anthelme Maigret.Georges Simenon: Maigret und sein Revolver. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 40. Diogenes, Zürich 2009, ISBN 978-3-257-23840-2, S. 12. Maigrets Geburtsdatum lässt sich aus drei Romanen unterschiedlich bestimmen. In Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet ist er am 27. Juni 1930 45 Jahre alt,Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 2. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23802-0, S. 7, 36. Maigrets erste Untersuchung datiert den jungen Polizisten am 15. April 1913 auf 26 Jahre.Georges Simenon: Maigrets erste Untersuchung. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 30. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23830-3, S. 8, 13. Zu einem völlig anderen Geburtsjahr führt schließlich der Roman Maigret und der einsame Mann, der im August 1965 spielt und in dem Maigret „bald fünfundfünfzig wurde“.Georges Simenon: Maigret und der einsame Mann. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 73. Diogenes, Zürich 2009, ISBN 978-3-257-23873-0, S. 50. Die widersprüchlichen Angaben über Maigrets Alter im Verlauf der Serie haben verschiedene Maigret-Forscher in Chronologien zu glätten versucht.Maigret Biography from the work of Jacques Baudou.David F. Drake: The Chronology of Maigret’s Life and Career.Jean Forest’s Chronology of the ages of Maigret and Simenon.

mini|Ortskern von Paray-le-Frésil, dem realen Vorbild von Maigrets Geburtsort Saint-Fiacre Maigret wurde im Verwalterhaus des Schlosses Saint-Fiacre nahe der Stadt Moulins im Département Allier geboren. Sein Vater Évariste Maigret war dreißig Jahre lang der Verwalter des Schlosses. In Maigret und die Affäre Saint-Fiacre kehrt Maigret an seinen Geburtsort zurück und muss den Niedergang des gräflichen Anwesens miterleben.Georges Simenon: Maigret und die Affäre Saint-Fiacre. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 13. Diogenes, Zürich 2009, ISBN 978-3-257-23873-0, S. 9, 40. Als reales Vorbild der fiktiven Ortschaft Saint-Fiacre diente Simenon Paray-le-Frésil, das er 1931 als Privatsekretär des Marquis d’Estutt de Tracy kennengelernt hatte.Lucille F. Becker: Georges Simenon. Haus, London 2006, ISBN 1-904950-34-5, S. 28. Maigret besuchte das Lycée Banville in Moulins.Georges Simenon: Maigret und sein Jugendfreund. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 69. Diogenes, Zürich 2009, ISBN 978-3-257-23869-3, S. 6. Seine Mutter starb an Komplikationen bei der Geburt ihres zweiten Kindes, als Maigret acht Jahre alt war. Der Junge lebte danach bei seiner Tante in Nantes, wo er zwei Jahre Medizin studierte. Als sein Vater mit 44 Jahren an Brustfellentzündung starb, brach Maigret das Studium ab und ging nach Paris, um Geld zu verdienen.Georges Simenon: Maigrets Memoiren. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 35. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23835-8, Kapitel 3. Davon abweichend ist in Maigret und Pietr der Lette von einem Medizinstudium an der Sorbonne im Pariser Quartier Latin die Rede.Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 1. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23801-3, S. 111.

Polizeikarriere

mini|Quai des Orfèvres, von der Seine aus gesehen