Alfons Kassel (* 1902 in Frankfurt-Sachsenhausen; † 26. März 1975) war ein deutscher Bankier.
Vom Banklehrling zum Privatbankier Alfons Kassel wurde 1902 in Frankfurt-Sachsenhausen geboren und machte in Frankfurt das Abitur. Danach absolvierte er eine Banklehre bei der Deutschen Effecten- & Wechsel-Bank in Frankfurt. Im Alter von 23 Jahren schickte ihn sein Arbeitgeber nach Berlin, um dort deren Börsenabteilung aufzubauen. Die nächsten 20 Lebensjahre von Alfons Kassel werden in einer Veröffentlichung der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main (Goethe-Universität) 2007 so zusammengefasst:
Alfons Kassel wollte über die 1930er und 1940er Jahre nicht reden, und die Goethe-Universität, die sich zu den „forschungsstärksten Universitäten der Rhein-Main-Region“ zählt,„KOOPERATIONEN LEBEN“ – Jahrbuch 2016, S. 3 sah auch keinen Grund, nachzufragen. Stattdessen kolportiert sie die Legende von »seinem Gespür für profitable Werte« (so ein in dem Artikel Spurensuche zitierter Bankierskollege), mit dem Alfons Kassel 1948 nach Frankfurt zurückkam und hier ein neues Bankunternehmen gründete, das er bis zu seinem Tod 1975 leitete. Er gilt als einer der letzten Einzelbankiers in Deutschland. Nach seinem Tod wurde das Unternehmen abgewickelt, die Kunden übernahm das Frankfurter Bankhaus Metzler. Kassels Ehefrau Gertrud verwaltete anschließend das Vermögen ihres Mannes.
Gertrud Kassel Gertrud Kassel, geborene Siewert (* 1914 – † Februar 2007), stammte aus Pommern und absolvierte eine Lehre als Textilhändlerin. Als 20-Jährige kam sie nach Berlin und wurde dort Assistentin eines Direktors der Privatbank Merck Finck. Auf Empfehlung von Berliner Bankfreunden sei sie später von Alfons Kassel als Assistentin eingestellt worden. Die auf diese Weise begründete auch private Verbindung führte 1960 zur Ehe der beiden. Das Paar war kinderlos.
Als Alfred Kassel 1975 starb, „hinterließ er ein Vermögen von vier Millionen Mark – angelegt in Aktien“. 1985, als die Übertragung des Vermögens in eine Stiftung zur Diskussion anstand, war „von fast zehn Millionen Mark“ die Rede. Als Gertrud Kassel 2007 starb, flossen „33 Millionen Euro“ in die Stiftung für die Goethe-Universität. Das spricht dafür, dass Gertrud Kassel kein geringeres »Gespür für profitable Werte« als ihr Mann hatte. In den öffentlichen Lobpreisungen steht sie jedoch stets nur an zweiter Stelle.
Die Alfons- und Gertrud-Kassel-Stiftung Bereits 1985 entschied Gertrud Kassel nach einem Gespräch mit dem oben schon zitierten Ekkehardt Sättele, dem seit 1964 mit Alfons Kassel zusammenarbeitenden Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, sich dessen Vorschlag anzuschließen und ihr Vermögen später in Form einer Stiftung der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt zu überlassen. Ihre einzige Bedingung sei es gewesen, über dieses Vorhaben absolutes Stillschweigen zu bewahren. Sättele, der laut Forschung Frankfurt „nicht nur Vermögens und Steuerberater“, „sondern bald zum vertrauten Freund [wurde], der sich um Gertrud Kassel kümmerte und in den letzten Jahren auch die Rund-um-die-Uhr-Pflege der Hochbetagten organisierte“ arrangierte daraufhin ein Treffen mit dem Physiker Walter Greiner und dem damaligen Präsidenten der Goethe-Universität, Klaus Ring. Nach diesem Treffen, so Sättele, „schlug ich Frau Kassel eine Stiftung für die Frankfurter Universität vor. Frau Kassel war begeistert, denn Alfons Kassels Interesse galt neben der Praxis des Kapitalmarktes auch immer den neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen. Somit ist diese Stiftung also ganz in seinem Sinne. Und sie ermöglicht die Erhaltung des über die Jahre hinweg liebevoll gepflegten Vermögens.“Rede von Ekkehardt Sättele anlässlich der Pressekonferenz der Goethe-Universität Frankfurt am 16. Juli 2007 aus Anlass der Gründung der Alfons und Gertrud Kassel-Stiftung
Worüber an diesem Abend verhandelt wurde, war ein Wertpapier-Depot „von fast zehn Millionen Mark, erinnert sich Ring“, das von Sättele und Gertrud Kassel zwanzig Jahre lang weiter verwaltet wurde. „Innerhalb der Universität war das Geheimnis der Kassel-Stiftung zeitweise so gut gehütet, dass der seit 2000 amtierende Präsident Rudolf Steinberg erst im Zusammenhang mit der Gründung des Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) über Greiner davon erfuhr.“
Im Februar 2007 starb Gertrud Kassel. Damit konnte ihr Vermögen gemäß ihrem Testament für eine Stiftung freigegeben werden. Auf einer Pressekonferenz am 16. Juli 2007 „informierten die drei Stiftungsvorstände Sättele, Steinberg und von Metzler über die selbstständige »Alfons- und Gertrud-Kassel-Stiftung«, die mit einem Kapital in Höhe von 33 Millionen Euro ausgestattet ist“. Doch für die Goethe-Universität kam es noch besser: Die Hessische Landesregierung hatte den Hochschulen des Landes zugesagt, sie würden für jeden von privater Seite eingeworbenen Euro je einen weiteren Euro vom Land erhalten, weshalb das Manager Magazin am Tag nach der Pressekonferenz titelte: „66 Millionen für Goethes Studis“. Ekkehardt Sättele trägt seit 2012 den Titel „Ehrensenator“ der Goethe-Universität.Pioniere der Stiftungsuniversität. 1. Stiftertag ehrt Persönlichkeiten, die das Profil der Goethe-Universität als Stiftungsuniversität und darüber hinaus in den letzten Jahren entscheidend mitgeprägt haben Am 18. Oktober 2017 Beginn die Goethe-Universität ihren 1. Stiftertag. Die Universitätspräsidentin Birgitta Wolff sagte aus diesem Anlass: „Die Kassel-Stiftung stand 2007 an der Wiege zur Neugründung der Frankfurter Stiftungsuniversität. Ihre bundesweit beachtete Vorstellung im Sommer 2007 war auch für die noch bevorstehende Gründung der Frankfurter Stiftungsuniversität ein enorm starkes Signal. Die Goethe-Universität bedankt sich für die großartige Unterstützung vieler ihrer wichtigsten Anliegen durch die Kassel-Stiftung in den letzten zehn Jahren.“
Das Wiedergutmachungsverfahren Frank & Neuthal 1912 wurde in Berlin die Firma Frank & Neuthal, Filzfabrik gegründet, die ihren Sitz in Hollmannstr. 18, hatte. 1938 wurde diese Firma von dem Mann übernommen, dem sein späterer Steuerberater und Wirtschaftsprüfer bescheinigte: „Sein Mut wurde durch sein Handelsgeschick und sein Gespür für profitable Werte langfristig mit Erfolg belohnt. Alfons Kassel galt als flotter Denker und Rechner und wurde vor allem auch als kritischer Gesprächspartner sehr geschätzt.“
Die Firma firmierte zunächst unter dem alten Namen, aber mit dem Zusatz „Inh. Alfons Kassel“, weiter. Alfons Kassel hat, wie oben schon zitiert, „über diese Zeit und auch über Kriegserlebnisse“ nie gesprochen, und die Goethe-Universität hat sich angesichts der größten Einzelspende in ihrer Geschichte auch nie gefragt, was Alfons Kassel vor und während des Zweiten Weltkriegs in Berlin gemacht haben könnte. Die Wiedergutmachungsakten im Landesarchiv Berlin hätten darüber Auskunft geben können.
Gegenstand des WiedergutmachungsverfahrensAlle nachfolgenden Ausführungen und Zitate beruhen auf den Wiedergutmachungsakten im Landesarchiv Berlin. war der Kaufvertrag vom 11. August 1938, durch den die Firma Frank & Neuthal an Alfons Kassel verkauft wurde. Die Antragsteller, allesamt in Israel lebende Kinder der beiden Firmengründer, gingen von einem erzwungenen Verkauf aus, ihre Prozessbevollmächtigte, die Investa AG für Anlage und Verwaltung,Die Gesellschaft wurde 1928 in Berlin W8, Jägerstr. 63 gegründet. Zweck waren Anlagen und Verwaltungen aller Art, insbesondere in und von Grundstücken und Hypotheken. 1950 durchlief die Gesellschaft die Berliner Wertpapierbereinigung. Heute ist die Investa AG für Anlage und Verwaltung eine Tochtergesellschaft der Dr. Seifert - Wilmersdorfer Hochbau - AG. spricht in einem Schreiben vom 13. März 1950 von einer arisierten Firma und bezüglich des Vertrags von einem „Arisierungsvertrag“.Im Paragrafen 4 des Vertrags heißt es: „Der Käufer verpflichtet sich zur Übernahme der gesamten arischen Gefolgschaftsmitglieder des verkauften Unternehmens.“ Ansonsten handelt es sich um einen üblichen Kaufvertrag ohne weitere Auffälligkeiten.
In einer ersten Erwiderung vom 29. März 1950 bestreitet Kassel die Vorwürfe und bezeichnet den Kauf als eine doppelte Hilfe und insbesondere als einen Gefallen für die vorherigen Eigentümer:a) für die Firmeninhaber, denen er für ein völlig heruntergewirtschaftetes Unternehmen 20.000 RM gezahlt habe, zusätzlich für den Warenbestand ca. 12.000 RM. Darüber hinaus habe er 10.000 RM schwarz und in bar gezahlt.Ob dieses Schwarzgeld tatsächlich auch gezahlt worden ist, konnte im Verlauf des Verfahrens nicht geklärt werden, ebenso nicht, ob Kassel der vertraglichen Verpflichtung nachgekommen sei, noch ausstehende Kundenforderungen aus der Zeit vor dem Firmenübergang nach deren Eingang an die Vorbesitzer weiterzuleiten.b) für einen jüdischen Bekannten, der nicht mehr als Börsenmakler arbeiten durfte. Ihn habe er nach der Übernahme noch bis 1943 als Geschäftsführer beschäftigen können.
In einem Schreiben vom 2. April 1952 machte Rechtsanwalt Peyser für die Antragsteller Forderungen in Höhe von 34.000 DM geltend, die er auf Berechnungen aus Geschäftszahlen vor der Übernahme stützte. Fakt war zu diesem Zeitpunkt, dass die Firma nur noch als Firmenmantel existierte, da durch Kriegseinwirkungen die Fabrikeinrichtung zerstört und in der Folge die Lagervorräte verschwunden waren.
Das Verfahren wurde durch notwendige oder taktisch begründete Verfahrensunterbrechungen in die Länge gezogen. Problematisch war auch, dass öfters erst Rücksprache mit den Antragstellern in Israel genommen werden musste. Nachdem aber die Forderungen auf dem Tisch lagen, schaltete auch Kassel, der sich bislang immer selber geäußert hatte, einen Rechtsanwalt ein, Hans Friedeberg, für den später offenbar der in der gleichen Kanzlei (Konstanzer Str. 3, Berlin) tätige Karl Leonhard das Mandat wahrnahm. Abgesehen davon, dass Friedeberg in seinem Schreiben vom 16. September 1952 erneut die von Kassel übernommene Firma als heruntergewirtschaftetes und verwahrlostes Unternehmen darstellte, erklärte er weiter, dass es sich bei der Übernahme in Wahrheit um „eine treuhänderische Übertragung eines Unternehmens“ gehandelt habe:
An anderer Stelle im Schriftsatz von RA Friedeberg heißt es, der Antragsgegner Kassel sei jederzeit bereit gewesen, die Firma an die Vorbesitzer, „wenn die Veräußerer es wünschten, insbesondere mit Beendigung des Hitler-Systems, an sie zurückzugeben. Der Antragsgegner hat sich ihnen gegenüber von vornherein nicht als Ariseur betrachtet, sondern von vornherein berücksichtigt, dass das Geschäft zurückzugeben ist.“ Eine Seite weiter wird dann der Vorwurf der Arisierung umgekehrt und gegen die Antragsteller gerichtet: „Wenn die Antragsteller von einem Jahresgewinn von 20.000 RM pro Inhaber sprechen, so ist dies unverständlich. Dem Antragsgegner ist bekannt, dass der Antragsteller Frank, bevor er das Geschäft verkaufte, eine Reihe sogenannter Arisierungen vermittelt hat, deren Provision möglicherweise in die Firma Frank & Neuthal eingeflossen ist, ohne mit deren Tätigkeitsgebiet etwas zu tun zu haben. Das kann aber unmöglich unter dem Gesichtspunkt der Entschädigung betrachtet werden.“