mini|Kreuze in Lomas del Poleo Planta Alta (Ciudad Juárez, Mexiko) an dem Ort, an dem 1996 acht Leichen von Frauen gefunden wurden, die Opfer von Femiziden wurden

Als Femizid bezeichnet man die Tötung von Frauen oder Mädchen als extreme Form geschlechtsbezogener Gewalt, die im Kontext patriarchaler Geschlechterdifferenzen verübt wird. Der von Feministinnen geprägte Begriff fand ab den 1990er Jahren zunächst in den USA Verbreitung. Mehrere wissenschaftliche Disziplinen, darunter die Soziologie, die Epidemiologie und die öffentliche Gesundheitspflege, entwickelten Ansätze, um Tötungsdelikte an Frauen im Hinblick auf Kontexte, Täterprofile, Risiko- und Schutzfaktoren zu analysieren. Die einzelnen Disziplinen entwickelten jeweils eigene Definitionen für das Vorliegen eines Femizids. Im deutschen Recht ist Femizid kein eigener Straftatbestand, sondern wird unter die Tatbestände Mord oder Totschlag subsumiert.

Man unterscheidet Femizide nach Tötung durch einen Intimpartner (Intim-Femizide), Mord im Namen einer „Ehre“, Mitgift-bezogenem und nicht-intimem Femizid. Weltweit wurden im Jahr 2017 zwar fünfmal soviele Männer ermordet wie Frauen, jedoch waren bei den Morden durch einen Intimpartner oder die Familie fast zwei Drittel der Opfer Frauen. Im Jahr 2017 fielen weltweit 1,3 von 100.000 Frauen in der Bevölkerung einem intimen oder familiären Femizid zum Opfer.

Ab den 2000er Jahren verwendeten lateinamerikanische Aktivisten und Feministinnen das Konzept in abgewandelter Form („Feminicidio“), um die Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika anzuprangern. Sie fassten den Feminicidio als Staatsversagen auf. Ab 2009 griffen die Vereinten Nationen das Konzept auf, da – wie die UN-Sonderberichterstatterin zu Gewalt gegen Frauen Rashida Manjoo konstatierte – die Gewalt gegen Frauen alarmierende Ausmaße erreicht hatte. Im Jahr 2015 etablierte Manjoos Nachfolgerin Dubravka Šimonović die Femicide Watch. Sie rief alle Länder auf, regelmäßig zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November statistische Berichte zum Femizid und zu dessen Strafverfolgung vorzulegen.

Geschichte und Definitionen mini|alt=|Mord im Haus, 1890, von Jakub Schikaneder. Schikaneder malte diese Geschichte eines Frauenmordes in den unteren Gesellschaftsschichten auf eine mehr als zwei Meter hohe und drei Meter breite Leinwand. Damit stellte er das Bild und sein Motiv von der Wichtigkeit her mit Historienbildern gleich. Diese Werke werden allgemein aufgrund ihrer unterstellten Bedeutung für die Gesellschaft großformatig ausgeführt.

In Anlehnung an („Frau“) und („töten“) wurde der englischsprachige Begriff femicide zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in England erstmals geprägt. Ein Rechtslexikon von 1848 definierte den Begriff als „die Tötung einer Frau“ („the killing of a woman“). Der Neologismus blieb bis in die 1970er Jahre weitgehend ungenutzt. Dann prägten Feministinnen den Begriff unabhängig von der alten Verwendung neu und gaben ihm eine politische, feministische Bedeutung. 1976 gebrauchte die Soziologin Diana E. H. Russell den Begriff erstmals öffentlich beim Internationalen Tribunal zu Gewalt gegen Frauen in Brüssel. Zu diesem Zeitpunkt verwendete sie ihn, wie sie später schrieb, implizit im Sinne von „von Männern verübte Hasstötungen von Frauen“ (im Original „hate killing of females perpetrated by males“).

Ab Anfang der 1990er Jahre fand der Begriff Verbreitung. 1990 veröffentlichten Jane Caputi und Diana Russell den Artikel „Femicide: Speaking the Unspeakable“ in der feministischen Zeitschrift Ms., in dem sie den Amoklauf an der Polytechnischen Hochschule Montréal im Jahr 1989, bei dem der Täter gezielt Studentinnen getötet hatte, als Femizid analysierten. 1992 gaben Jill Radford und Diana Russell eine Aufsatzsammlung mit Beiträgen heraus, die von häuslichem Femizid in den USA über rassistische tödliche Gewalt gegen afrikanisch-amerikanische Frauen und Serienmorden an Frauen bis hin zu Hexenjagden in der Vergangenheit reichten. In der Einleitung charakterisierte Jill Radford den Begriff femicide kurz als „die misogyne Tötung von Frauen durch Männer“ (im Original „the misogynist killing of women by men“) und bezog ihn explizit auf sexuelle Gewalt. Im gleichen Jahr veröffentlichte Karen Stout den ersten wissenschaftlichen Artikel, der die Tötung von Frauen durch ihre Partner als Femizid behandelte. Sie empfahl für die Analyse einen „ökologischen Rahmen“ (im Original „ecological framework“), der die verschiedenen Prozessebenen (Mikro-, Meso- und Makroebene) integrierte, was in der wissenschaftlichen Forschung zum Femizid aufgegriffen wurde.

Sprachwissenschaftlich wäre die Wortbildung „Feminizid“ korrekt gewesen, allerdings kann das bereits in der Antike nachgewiesene („Totschlag, Mord“, zu , Gen. , „Mensch“) als Analogie gedient haben.

Ansätze zur Analyse von Femizid Die Veröffentlichungen im Jahr 1992 wirkten bahnbrechend. Nach diesem Jahr etablierte sich der Begriff Femizid sowohl als politisches Konzept als auch für die wissenschaftliche Forschung dazu. In den folgenden Jahren verwendeten Forscherinnen und Forscher fünf grundsätzlich verschiedene Ansätze, um den Femizid zu analysieren: den feministischen Ansatz, den soziologischen Ansatz, den kriminologischen Ansatz, den Menschenrechts-Ansatz und den dekolonialen Ansatz. Jeder Ansatz führte zu einer eigenen Definition des Begriffs Femizid.

Feministischer Ansatz In diesem Ansatz untersuchten Feministinnen die Gesellschaft als Patriarchat, in der Männer dominieren, was zur Diskriminierung von Frauen bis hin zu ihrer Tötung führt. Im Patriarchat sei die Diskriminierung von Frauen kulturell sanktioniert und in alle gesellschaftlichen Institutionen eingebettet. Als Fakten wurden Fälle von Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung und Femizid, aber auch die ungleiche Verteilung der Beschäftigungsquote, Lohn- und Statusunterschiede zwischen den Geschlechtern und vieles mehr angeführt. Zu den wichtigen Vertreterinnen dieses Ansatzes gehören Diana Russell und Roberta Harmes, die 2001 eine weitere wichtige Aufsatzsammlung zur Femizid-Thematik vorlegten, Femicide in global perspective, in der sie die Definition des Begriffs femicide verfeinerten zur „Tötung von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind“ (im Original „the killing of females by males because they are female“). Russell und Harmes wählten diese Definition, um alle Ausprägungen des männlichen Sexismus abzudecken. Russell bezeichnet die Tötungen von Frauen durch Frauen, weil sie Frauen sind, als „Female-on-female murders“ und grenzt diese bewusst vom Begriff Femizid ab.

Wissenschaftlerinnen kritisierten am feministischen Ansatz zum einen, dass Unterschiede und Veränderungen der Geschlechterverhältnisse ausgeblendet werden. Zum anderen mache der Ansatz jede Frau unterschiedslos zu einem potenziellen Opfer und verhindere eine differenzierte Analyse, aus der Gegenmaßnahmen abgeleitet werden könnten. Die Allgemeinheit der Hypothese erschwere es, das Ausmaß zu quantifizieren.

Soziologischer Ansatz Der soziologische Ansatz fokussiert auf die Untersuchung der Umstände des Tötens von Frauen. Für diese Forschungsrichtung war 1998 eine Sonderausgabe der Zeitschrift Homicide Studies ein Wendepunkt, in der Jacquelyn Campbell und Carol Runyan Femizid neu definierten als „alle Tötungen von Frauen, ungeachtet des Motivs oder des Täterstatus“ (im Original „all killings of women, regardless of motive or perpetrator status“). Im Zentrum dieser empirischen Forschung steht die Identifizierung von Kontexten, Falltypen, Täterprofilen und Mordfällen, bei denen die Geschlechterverhältnisse eine wichtige Rolle spielen, aber nicht die einzige Erklärung sind. Es sollen unterschiedliche Fälle und Kontexte identifiziert werden, um herauszufinden, wie der gewaltsame Tod von Frauen wirksam verhindert werden kann. Der Ansatz hebt hervor, dass die sozialen Umstände von Frauen und Männern sich unterscheiden und Frauen und Männer von unterschiedlichen Tätertypen ermordet werden. Gerade die Tatsache, dass Frauen überwiegend von ihren Intimpartnern oder in einem familiären Umfeld getötet werden, was bei Männern überwiegend nicht zutrifft, macht Femizid in dieser Sichtweise zu einem sozialen Phänomen.

Kriminologischer Ansatz Der kriminologische Ansatz behandelt Femizid als eine Untergruppe der Tötungsdelikte. Dieser Ansatz wird seit Anfang der 2000er Jahre verfolgt, vor allem in Zusammenarbeit mit den Disziplinen Epidemiologie und öffentliche Gesundheitspflege. Hier ist eine klare und trennscharfe Definition und Anwendung des Begriffs Femizid sekundär. Die Autorinnen und Autoren dieser Disziplin verwenden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen oftmals die Begriffe Femizid und Tötung von Frauen synonym. Manche schränken dies auf „Tötung einer erwachsenen Frau“ ein, andere berücksichtigen nur die Tötung einer Frau durch ihren aktuellen oder ehemaligen Intimpartner. Noch andere verwenden eigene, spezifischere Begriffe wie „tödliche Gewalt in der Partnerschaft“ (im Original „lethal intimate partner violence“). Zum Teil wird der Begriff vermieden, aber inhaltlich äquivalent verwendet, wie zum Beispiel vom Handbook of European Homicide Research von 2012, das „Tötungsdelikte an Frauen“ (im Original „female homicide“) analysiert. Die Studien dieses Ansatzes untersuchen detailliert Tötungen von Frauen in Bezug auf Alter, Ethnie, Staatsbürgerschaft der Opfer und Grad der gesellschaftlichen Gleichstellung. Ungeachtet der unterschiedlichen Terminologie gibt es bei den Forscherinnen und Forschern dieser Richtung den Konsens, dass nicht weniger als 50 % der Femizide von Intimpartnern durch eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt charakterisiert sind. Die stärksten Prädiktoren für das tödliche Risiko bestehen auf individueller Ebene. Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter verringerten tendenziell das Risiko, doch könnte es zu Gegenreaktionen kommen, wenn Frauen beginnen, den gleichen Status wie Männer zu erreichen.

Die fortschreitende Aufweichung und Verallgemeinerung der Femizid-Definition beim soziologischen und kriminologischen Ansatz wurde kritisiert, da das Konzept auf diese Weise seiner politischen Bedeutung beraubt werde.

Menschenrechts-Ansatz Der Menschenrechts-Ansatz entwickelte sich ab 1993, nachdem die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen beschlossen hatte. Die Erkenntnis, dass Femizide weltweit zunahmen und ungestraft blieben, veranlasste den Academic Council of the United Nations System (ACUNS) in Wien, regelmäßig Symposien zum Thema Femizid durchzuführen. Das Ziel der Symposien war, die Mitgliedsstaaten zu bewegen, institutionelle Initiativen zur Verbesserung der Femizid-Prävention und des rechtlichen Schutzes für Überlebende der Gewalt zu ergreifen. ACUNS beschreibt Femizid als weitreichendes Phänomen, das Mord, Folter, Ehrenmord, Mitgift-bezogene Tötungen, Kindstötungen, geschlechtsbezogene pränatale Selektion, Genitalverstümmelungen und Menschenhandel umfasst.

Dekolonialer Ansatz