mini|Propagandaplakat antisemitischer Gegenrevolutionäre der sogenannten Weißen Bewegung aus dem Jahr 1919: Leo Trotzki, Gründer und Oberbefehlshaber der Roten Armee, als roter Teufel auf der Kreml-Mauer; unten sind chinesische Rotarmisten bei der Durchführung von Massenerschießungen dargestellt. Die Bildüberschrift lautet: „Friede und Freiheit im Sowjetland“.Ute Caumanns: Der Teufel in Rot. Trockij und die Ikonographie des „jüdischen Bolschewismus“ im polnisch-sowjetischen Krieg, 1919/20. In: Zeitenblicke 10, Nr. 2 (2011), Zugriff am 18. November 2018.
Jüdischer Bolschewismus, Judeo-Bolschewismus oder Judäo-Bolschewismus ist ein von antisemitischen Antikommunisten häufig benutztes polemisches Schlagwort. Es wurde zuerst nach 1917 von gegen die Oktoberrevolution opponierenden Kreisen in Russland – vor allem im Kontext des bis 1920/21 andauernden dortigen Bürgerkriegs – verbreitet und war in der Nachwirkung des Ersten Weltkriegs auch im restlichen Europa und in Nordamerika in der entsprechenden Propaganda angewendet worden.
Die abwertend konnotierte Begriffskombination sollte den Eindruck einer pauschalen Identitätsgemeinschaft von Juden mit Kommunisten und insbesondere den Bolschewiki entstehen lassen. Große Bekanntheit erlangte sie vor allem durch Reden und Schriften in Deutschland während der Diktatur des Nationalsozialismus ab 1933 – insbesondere von Adolf Hitler und Heinrich Himmler – sowie durch Befehle der Generalität der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, speziell zu dem als Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion geplanten und 1941 begonnenen Deutsch-Sowjetischen Krieg („Unternehmen Barbarossa“).
Hintergrund Die Verschwörungstheorie schien bis zu einem gewissen Grad plausibel, da es unter den Anführern der Bolschewiki viele Juden bzw. Menschen jüdischer Herkunft gab, so etwa Trotzki (eigentlich Lew Dawidowitsch Bronstein), Lew Borissowitsch Kamenew (eigentlich Leo Rosenfeld) oder Grigori Jakowlewitsch Sokolnikow (eigentlich Hirsch Jankelewitsch Brillant).Brendan Fay: The Nazi Conspiracy Theory: German Fantasies and Jewish Power in the Third Reich. In: Library & Information History 35, Heft 2 (2019), S. 75–97, hier S. 86. Von 1919 bis 1921 lag der jüdische Anteil unter den Mitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) konstant bei ungefähr einem Viertel. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug dagegen etwa 4 %.Yuri Slezkine: Das jüdische Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Aufl., Göttingen 2007, S. 121, 179. In Wahrheit unterstützte nur eine Minderheit der russischen Juden die Bolschewiki. Die Wahlen des Jahres 1917 zeigen, dass sie mehrheitlich für zionistische oder demokratische sozialistische Parteien stimmten wie die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre. Der amerikanische Historiker Richard Pipes formuliert: „Während nicht wenige Kommunisten Juden waren, waren nur wenige Juden Kommunisten.“Richard Pipes: A Concise History of the Russian Revolution. Knopf, New York 1995, S. 265. Der Historiker Arno J. Mayer schätzt, dass Juden Mitte der 1930er Jahre in der sowjetischen Bürokratie und im Parteiapparat der KPdSU leicht überproportioniert waren; in der Roten Armee waren vier Prozent der Offiziere und acht Prozent der Politkommissare jüdischer Herkunft.Arno J. Mayer: Der Krieg als Kreuzzug: Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die „Endlösung“. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 110.
Der deutsche Historiker Gerd Koenen betont, dass es „einen ‚jüdischen Bolschewismus‘ als sozialkulturelles Phänomen […] natürlich gegeben“ habe. Dabei bezieht er sich auf den amerikanischen Historiker Yuri Slezkine, der von einem „großen Bündnis zwischen jüdischer Revolution und Kommunismus“ schreibt. 1917 seien Juden bei den Bolschewiki mit 5 % zwar weniger vertreten gewesen als bei den anderen sozialistischen Parteien, doch sei diese Zahl während des Bürgerkriegs nach oben geschnellt, nicht zuletzt wegen der klaren Positionierung der Partei gegen jeden Antisemitismus. Bereits 1918 hatte der Rat der Volkskommissare der RSFSR ein Dekret über die Ausrottung der antisemitischen Bewegung erlassen, das alle Agitatoren und Teilnehmer an Pogromen außerhalb des Gesetzes stellte. Erst nach Parteisäuberungen 1922 ging ihr Anteil wieder auf 5 % zurück. In absoluten Zahlen habe es nie mehr als 60.000 jüdische Kommunisten in Sowjetrussland gegeben, bei einem Parteikader von einer Million und einer Gesamtbevölkerung von 140 Millionen. Zudem hätten sich die kommunistischen Juden nicht mehr als Juden verstanden, sondern mit ihrem Parteieintritt gerade ihre Emanzipation vom eigenen Judentum angestrebt. Gleichwohl seien die sowjetischen Geheimdienste und die Intelligenzija lange jüdisch geprägt gewesen. Diese seien gegen andere Juden vorgegangen, etwa gegen jüdische Profiteure der NEP, gegen die Schtetl-Kultur und die jüdische Religion im Zuge der Zwangskollektivierung in der Sowjetunion ab 1929 sowie gegen jüdische Altbolschewiki in der Großen Säuberung der 1930er Jahre. Erst mit den antisemitischen Kampagnen der späten Stalin-Zeit habe das besondere Verhältnis zwischen sowjetischen Juden und ihrem Staat ein Ende gefunden.Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. C.H. Beck, München 2017, S. 842–847, die Zitate S. 844 und 847.
Vorgeschichte im revolutionären Russland Dennoch setzten zahlreiche Gegner der Bolschewiki die Begriffe Jude und Bolschewik tendenziell gleich: Nach dem Juliaufstand 1917 veröffentlichte die Provisorische Regierung unter Alexander Fjodorowitsch Kerenski eine Liste mit Verhafteten, die großenteils deutsch oder jüdisch klingende Namen trugen: Dadurch sollte der Eindruck erweckt werden, die ganze Partei der Bolschewiki bestehe nur aus deutschen Juden. Es wurde auch gestreut, dass Lenin selbst in Wahrheit ein Jude mit Namen Zederblum wäre. Diese Legende war weit verbreitet, auch wenn sie sich letztlich nicht durchsetzen konnte.Björn Laser: Kulturbolschewismus! Zur Diskurssemantik der „totalen Krise“ 1929–1933. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, S. 71. Nachdem die Bolschewiki in der Oktoberrevolution die Macht ergriffen hatten, wurde der Widerstand gegen sie zunehmend antisemitisch überformt. Dabei knüpften die Gegner an antijüdische Feindbilder der spätzaristischen Zeit an, wie sie in den Protokollen der Weisen von Zion ausgemalt wurden. In diesen Vorstellungen wurde eine kollektive Identität „der“ Juden konstruiert, in deren Interesse und von denen gesteuert die Bolschewiki handeln würden, um die christliche Zivilisation Russlands zu zerstören. Dabei würden sie sich eines Zangenangriffs bedienen, denn der westliche Kapitalismus, der dem sowjetischen Experiment in Wahrheit feindlich gegenüberstand, habe dasselbe Ziel und sei gleichfalls vom „Weltjudentum“ gesteuert.Agnieszka Pufelska: Bolschewismus. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Theorien, Ideologien. De Gruyter Saur, Berlin / New York 2010, ISBN 978-3-11-023379-7, S. 47 f.
Im Russischen Bürgerkrieg war die Idee, hinter den Sowjets würden in Wahrheit Juden stecken, unter den Anhängern der Weißen weit verbreitet. Sie warfen den Juden vor, die Ermordung der Zarenfamilie veranlasst zu haben und letztlich die Weltherrschaft anzustreben. Das war Motivation für zahlreiche Pogrome dieser Zeit, bei denen über 100.000 Juden ermordet wurden – wie der amerikanische Politologe Daniel Pipes schreibt, „wahrscheinlich die größte an Juden verübte Mordaktion vor dem Holocaust der Nazis“.Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen. Gerling Akademie Verlag, München 1998, S. 150. Als die unterlegenen Gegner der Bolschewiki nach West- und Mitteleuropa ins Exil gingen, brachten sie ihr Feindbild von den „jüdischen Bolschewiken“ und vom „Judäo-Bolschewismus“ mit.Ulrich Herbeck: Das Feindbild vom „jüdischen Bolschewiken“. Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution. Metropol, Berlin 2009, ISBN 978-3-940938-49-7, S. 438. Einer der wichtigsten Publizisten in diesem Prozess war der Deutsch-Balte Alfred Rosenberg, der später als Chefideologe der NSDAP hervortrat.
Zwischenkriegszeit Angelsächsische Länder Die These, der Bolschewismus sei wesenhaft eine Erfindung oder ein Werkzeug der Juden, war zu Beginn der 1920er Jahre auch in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verbreitet. Der amerikanische Botschafter in Russland David Rowland Francis meldete im Januar 1918 nach Washington, die meisten Führer der Bolschewiki seien Juden.David Rowland Francis Russia From the American Embassy. New York: C. Scribner’s & Sons, 1921, S. 214. Auch der amerikanische Präsident Woodrow Wilson äußerte diesen Verdacht im Mai 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz.Johannes Rogalla von Bieberstein: Jüdischer Bolschewismus. Mythos und Realität. Mit einem Vorwort von Ernst Nolte. Edition Antaios, Dresden 2002, S. 16. Antisemiten in den Vereinigten Staaten und Großbritannien griffen das Thema auf und verschafften ihm erhebliche Publizität. Die britische Verschwörungstheoretikerin Nesta Webster reihte in ihrem 1920 erschienenen Buch The French Terror and Russian Bolshevism erstmals die angeblich jüdischen Bolschewiki in die Riege atheistischer Verschwörer von den Freimaurern über die Illuminaten bis zu den Jakobinern ein, denen sie bis dahin die Schuld an der Französischen Revolution gegeben hatte; in späteren Büchern baute sie ihre Theorie einer jüdischen Weltverschwörung noch aus, wobei sie betonte, dass sie sich dabei nicht auf die Protokolle der Weisen von Zion stützte, sondern auf die Erkenntnis, dass Judentum und Kommunismus ein und dasselbe seien.Richard S. Levy: Antisemitism. A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution. ABC-Clio, Santa Barbara 2005, Band 2, S. 390. Da die Protokolle erstmals bereits 1902 erschienen waren, kam der Bolschewismus in der dort imaginierten Liste jüdischer Verbrechen nicht vor. 1922 veröffentlichte der Verlag der Britons, einer antisemitischen Gruppierung in Großbritannien, die Schrift The Jewish Bolshevism, die die jüdische Abkunft beziehungsweise die jüdischen Beziehungen der führenden Politiker der Sowjetunion nachzuweisen suchte. Das Vorwort stammte von Alfred Rosenberg.Gisela C. Lebzelter: Political Anti-Semitism in England, 1918–1939. University of Oxford, 1977, S. 64. Ihr Vorsitzender Henry Hamilton Beamish erklärte bündig, Bolschewismus und Judaismus seien identisch.Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen. Gerling Akademie Verlag, München 1998, S. 150 f.
Der amerikanische Autounternehmer Henry Ford verbreitete in seiner 1920 bis 1924 erschienenen Artikelserie Der internationale Jude die Verschwörungstheorien der Protokolle der Weisen von Zion, auf die er sich explizit berief. Außerdem behauptete er, der russische Bolschewismus und seine Ableger in den amerikanischen Gewerkschaften seien in ihrem Wesenskern jüdisch. Er spekulierte zum Beispiel über die Ähnlichkeit zwischen dem Davidstern und dem roten Stern der Sowjets oder versuchte nachzuweisen, in der russischen Revolution sei das jüdische Kapital von der Enteignung ausgenommen worden.Henry Ford, The International Jew, Filiquarian 2007 (Reprint), S. 288 f und 204 f. Sowohl Heinrich Himmler als auch Baldur von Schirach bezeugten, die Schrift habe großen Einfluss auf sie ausgeübt.