Als Urchristentum oder Frühchristentum wird die Anfangszeit des Christentums von der Kreuzigung des Jesus von Nazaret (um 30 n. Chr.) bis zur Trennung der Christen vom Judentum (um 100) oder bis zu den jüngsten Schriften (um 130) des Neuen Testaments (NT) bezeichnet. Christen fassen jene Anfangszeit oft als das ursprüngliche oder wahre Christentum auf und stellen die Schriften des NT der späteren Kirchengeschichte normativ gegenüber, oft verbunden mit einem Wahrheitsanspruch gegenüber anderen christlichen Richtungen.
Bezeichnung Der Ausdruck „Urchristentum“ erschien erstmals um 1770 in deutschsprachiger Literatur der Aufklärung. Er beinhaltet ein Geschichtsbild, wonach das Ursprüngliche von späteren Verfremdungen frei gewesen sei und daher als normatives Ideal dem folgenden Christentum gegenüberstehe. Trotzdem akzeptierte die Forschung die Bezeichnung für die Entstehungsepoche des Christentums. Um die normative Nebenbedeutung zu vermeiden, bevorzugen manche Historiker den Ausdruck „Frühchristentum“.Friedrich Wilhelm Horn: Das Urchristentum. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament. Göttingen 2020, S. 388f.
Im NT kommen diese Bezeichnungen nicht vor. Jesus von Nazaret und seine Anhänger in der Jesusbewegung waren Juden, die das Judentum erneuern, aber keine neue Religion gründen wollten. Auch fast alle Autoren der später im NT vereinten Texte waren Juden, die sich wie die ersten Jesusanhänger als Teil des Judentums sahen. Diese wurden erstmals in der römischen Provinzhauptstadt Antiochia Christianoi oder Christiani („Christianer“, „Christen“, „Anhänger des Christus“) genannt (). Damit bezeichneten Römer diese jüdische Gruppe nach ihrem vermuteten Anführer, um sie von anderen Juden zu unterscheiden. Denn Jesu Anhänger bezeugten ihn mit dem griechischen Hoheitstitel Christós (latinisiert Christus) als den im Judentum erwarteten „Gesalbten“ (hebräisch maschiach, latinisiert Messias). Römer missverstanden den Titel als Eigennamen dieser Person, analog zum geläufigen römischen Vornamen Chrestus.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. München 2021, S. 90–93
Das deutsche Wort „Christentum“ übersetzt das griechische Substantiv Christianismos, das ab etwa 110 in den Ignatiusbriefen und weiteren frühchristlichen Schriften auftaucht. Es war dort explizit Gegenbegriff zum Ioudaismos und beinhaltete dessen Ablehnung im Sinne der Substitutionstheologie, setzte also die Trennung der Christen vom Judentum voraus.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, München 2021, S. 317–332, besonders S. 327ff. Die Bezeichnungen „Ur-“ oder „Frühchristentum“ enthalten also eigentlich eine antijüdische Konnotation. Demgemäß stellten viele Kirchenhistoriker den Glauben der Jesusanhänger früher als Kontrast zum Judentum dar, fassten Jesus ahistorisch als Religionsstifter auf und behaupteten irreführend: „Jesus war der erste Christ“.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, München 2021, S. 17 Dies verfehlte das Selbstverständnis Jesu und seiner Nachfolger. Die aktuelle Forschung ordnet die messianische Jesusbewegung als in sich vielfältigen Teil des ebenfalls vielfältigen damaligen Reformjudentums ein.Hubert Frankemölle: Frühjudentum und Urchristentum: Vorgeschichte - Verlauf - Auswirkungen (4. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr.). Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-019528-8, S. 27–41 (Einleitung)
Quellen Fast alles Wissen über die frühen Christen stammt aus ihren Texten, die von Missions- und Verkündigungsabsichten geprägt sind. Dazu zählen die 27 später ins NT aufgenommenen sowie die außerkanonischen frühchristlichen Schriften, darunter Apostolische Väter, Apokryphen und Pseudoepigraphen. Die Apostelgeschichte des Lukas (Apg) ist die einzige frühchristliche Schrift mit dem Anspruch eines Geschichtsberichts. Sie ist Hauptquelle zur Jerusalemer Urgemeinde, zum Apostelkonzil (48 oder 49) und zu den Missionsreisen des Paulus (34–60). Die Paulusbriefe enthalten dazu ebenfalls wichtige Hinweise, gerade auch wo sie der Apg widersprechen. Eine sekundäre Quelle ist die Historia ecclesiastica des Eusebius von Caesarea (um 324). Nichtchristliche Autoren wie Flavius Josephus, Sueton, Tacitus und Plinius der Jüngere überlieferten nur wenige, meist auf Einzelereignisse bezogene Informationen zum Urchristentum. Für ganze Phasen und Regionen dazu fehlen Quellen, etwa für die Jerusalemer Urgemeinde seit dem Apostelkonzil bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 und für das Urchristentum in Nordafrika.Friedrich Wilhelm Horn: Das Urchristentum. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament, Göttingen 2020, S. 389f.
Das NT wurde erst durch die Kanonbildung im zweiten Jahrhundert zur Urkunde des Christentums. Es beansprucht und behielt bis heute normativen Charakter für die meisten christlichen Kirchen und Konfessionen. Jedoch sind von keiner NT-Schrift außer den echten Paulusbriefen Autor und Umstände der Abfassung zweifelsfrei bekannt. Die historischen Daten lassen sich meist nur indirekt aus diesen Schriften erschließen.
Zeitrahmen und Zeittafel Weil das Urchristentum erst nach Jesu Tod entstand, werden Leben und Lehre des Jesus von Nazaret noch nicht dazu gezählt.Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums. Göttingen 1989, S. 1 Jedoch beginnen die meisten Darstellungen dieser Epoche mit Jesu Auftreten, da sich alle urchristlichen Texte darauf beziehen und viele seiner ersten Nachfolger tragende Vertreter des Urchristentums wurden.
Das Urchristentum fällt in die Römische Kaiserzeit. Das NT nennt nur ein Fixdatum: Laut trat Johannes der Täufer im 15. Regierungsjahr des Tiberius, also etwa ab dem Jahr 28 öffentlich auf. Weitere Datierungen ergeben sich aus im NT genannten Namen damaliger römischer und jüdischer Regenten, deren Amtszeiten aus anderen Quellen bekannt sind. Ausgangspunkt ist Jesu Hinrichtung unter Pontius Pilatus, der von 26 bis 36 römischer Statthalter in Judäa war. Laut den synoptischen Evangelien starb Jesus am Hauptfesttag eines Pessach vor einem Sabbat, also an einem Freitag bzw. einem 15. Nisan im jüdischen Kalender. Laut dem Evangelium nach Johannes (Joh) starb er am Vorabend des Pessach, das damals auf einen Sabbat fiel, also an einem 14. Nisan. Nach ungefähren Kalenderberechnungen war der 15. Nisan in den Jahren 31 und 34, der 14. Nisan 30 und 33 ein Freitag.Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums. Göttingen 1989, S. 19 Weil viele Historiker die Angaben des Joh für glaubwürdiger halten,Michael Theobald: Das Herrenmahl im Neuen Testament, in: Theologische Quartalsschrift 183/2003, S. 261 Jesus frühestens ab 28 und höchstens drei Jahre öffentlich auftrat und Paulus im Jahr 32 oder 33 Christ wurde,Udo Schnelle: Paulus: Leben und Denken. De Gruyter, Berlin 2003, ISBN 978-3-11-015164-0, S. 34 gilt das Jahr 30 als wahrscheinliches Todesjahr Jesu.Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-52198-4, S. 152ff.
Von da aus datiert man nach Angaben der Paulusbriefe, der Apg und späterer Gemeindebriefe mit Hilfe außerchristlicher Quellen weitere frühchristliche Ereignisse:Zeittafel nach Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 517ff.
14–37: Kaiser Tiberius Regionale Regenten Ereignisse Gemeinden Schriften 4–39: Herodes Antipas 26–36: Pontius Pilatus 36–37: Marcellus 30: Kreuzigung Jesu; Gründung der Urgemeinde 32: Hinrichtung des Stephanus 33: Berufung des Paulus 35/36: Jerusalembesuch des Paulus ab 36: Paulusmission in Syrien und Kilikien 32/33: Jerusalem, Samaria, Antiochia, Damaskus ab 30: Credoformeln, Passionserzählung37–41: Kaiser Caligula; 41–54: Kaiser Claudius 37–41: Marullus 41–44: Herodes Agrippa I. 44–46: Cuspius Fadus 46–48: Tiberius Alexander 48–52: Ventidius Cumanus ~42: Jakobus der Ältere hingerichtet 49: Christen aus Rom ausgewiesen; Apostelkonzil ab 42: Paulus in Antiochia 48: Paulus und Barnabas in Zypern und Kleinasien ~45: Christen in Rom 50: Paulus in Philippi, Thessaloniki, Beroia 51/52: Paulus in Korinth 52: Paulus in Caesarea und Antiochia 52–54: Paulus in Ephesus ~40: Logienquelle, Anteile des Thomasevangeliums 51: 1 Thess 52–54: 1 Kor; Gal; 2 Kor; Phil; Phlm54–68: Kaiser Nero 52–58: Marcus Antonius Felix 58–62: Porcius Festus 62–64: Lucceius Albinus 64–66: Gessius Florus 56: Kollektenreise 56–58: Paulus in Jerusalem und Caesarea inhaftiert 58/59: Paulus nach Rom überstellt 59–61: Paulus in Rom inhaftiert~61: Paulus stirbt in Rom 62: Jakobus (Bruder Jesu) in Jerusalem hingerichtet 64: Christen in Rom verfolgt; Tod des Petrus ab 66: Jüdischer Krieg; evtl. Flucht der Urgemeinde nach Pella 55: Paulus in Korinth 55: Röm69–79: Kaiser Vespasian 70: Zerstörung Jerusalems ~70: Kol 72–75: Mk79–81: Kaiser Titus; 81–96: Kaiser Domitian 80–90: Lk, Mt, Eph ~90: Apg 90–100: Joh; 1 Clem96–98: Kaiser Nerva; 98–117: Kaiser Trajan 111/112: Prozesse gegen Christen in Pontus und Bithynien 115–117: Jüdische Aufstände in Ägypten ~100: Didache ~100–110: 1–3 Joh 112–115: 1 Petr
Die um 90 verfasste Apg umfasst rund 60 Jahre von der Gründung der Jerusalemer Urgemeinde bis zur Ausbreitung des Urchristentums bis nach Rom. Ihr folgend unterscheidet man das Apostolische Zeitalter der unmittelbaren Auferstehungszeugen (Apostel) bis zum Tod des Paulus (30–61) von der nachapostolischen Zeit, in der die Briefe der Paulusschüler, Pastoralbriefe und Katholische Briefe verfasst wurden (~60–120). Diese Zeit wurde oft unscharf „Frühkatholizismus“ genannt, weil damals die ersten Kirchenämter entstanden.
Das Ende des Urchristentums wird verschieden festgelegt, je nachdem, welche Glaubensinhalte man dafür als wesentlich einstuft. Manche Kirchenhistoriker zählen nur die bis zur Trennung vom Judentum (um 100) entstandenen, die meisten jedoch alle 27 NT-Schriften dazu. Die letzte davon, die Offenbarung des Johannes, hielt anders als einige der frühkatholischen Briefe in akuter römischer Bedrohung die unlösbare Verbindung der Jesusbewegung zum erwählten Gottesvolk Israel fest.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, München 2021, S. 229–244
Im Jahr 136 schlugen die Römer den jüdischen Bar-Kochba-Aufstand nieder, zerstörten Jerusalem erneut, vertrieben die Juden inklusive der restlichen Urchristen aus der Stadt und verboten ihnen streng die Rückkehr.Hubert Frankemölle: Frühjudentum und Urchristentum, Stuttgart 2006, S. 264 Spätestens damit endete die Zeit des Urchristentums. Danach erkannten die Römer die nun außerhalb der Region Palästina ansässigen Christen als eigene, vom Judentum verschiedene Religionsgruppe.Karl Martin Fischer: Das Urchristentum, Band 1/1. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1985, S. 130
Entstehung der Jerusalemer Urgemeinde
Jesu erste Nachfolger aus Galiläa hatten sich von ihm laut eine Befreiung Israels von der römischen Fremdherrschaft erhofft. Bei seiner Festnahme waren laut alle männlichen Jünger geflohen. Seine Kreuzigung enttäuschte ihre Hoffnung vollends, so dass sie nach Galiläa zurückkehrten. Doch kurz darauf versammelten sie sich erneut in Jerusalem (). Der Anstoß dafür war laut frühen Bekenntnissätzen, dass Jesus einigen von ihnen zwei Tage nach seinem Tod lebend „erschien“ (: „Kephas, dann den Zwölfen“; : „Simon“, den zwei Emmausjüngern und den Elf; : Frauen am leeren Grab; : Maria Magdalena). Sie deuteten diese Seherfahrung mit der in der hebräischen Bibel verankerten Hoffnung auf die Auferstehung der Gerechten als Gottesurteil: JHWH, der Gott Israels, habe den gekreuzigten Jesus „auferweckt“ (; ) und damit gemäß biblischen Verheißungen zum Messias erhöht (). Weil alle frühen Anhänger Jesu Juden waren, konnten sie ihre Seherfahrung und den Sinn des Todes Jesu nur in biblischen Kategorien verstehen und weitergeben. Weil sie die Ankunft des Messias in der „Stadt Davids“ erwarteten, begannen sie dort, dem „Haus Israel“ die Auferstehung Jesu Christi zu verkünden.Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand, Gütersloh 2021, S. 42 und 45–50