mini|David Ricardo

David Ricardo (* 18. April 1772 in London; † 11. September 1823 in Gatcombe Park) war ein britischer Wirtschaftswissenschaftler und ein führender Vertreter der klassischen Nationalökonomie.

Leben mini|Ausgabe der gesammelten Schriften, 1852

David Ricardo wurde am 18. April 1772 als drittes von 17 Kindern in eine sephardische jüdische Familie geboren.Michael Hüther (Hrsg.): Klassiker der Ökonomie - Von Adam Smith bis Amartya Sen, Bonn 2006, S. 62f Diese stammte ursprünglich aus Portugal und war erst kurz zuvor aus den Niederlanden nach London immigriert.Josef Bordat: David Ricardo – Eine erste Orientierung zu Leben und Werk Ricardos Vater war als Börsenmakler tätig und galt als einer der reichsten Männer seiner Zeit. Dieser führte seinen Sohn im Alter von 14 Jahren in seinen Beruf ein, nahm ihn mit zur Londoner Börse und ließ ihn dort arbeiten.

Im Alter von 21 Jahren brach er jedoch aus religiösen Gründen mit seinem Vater, wurde Unitarier und heiratete die Quäkerin Priscilla Anne Wilkinson. Ricardos Vater enterbte seinen Sohn und brach den Kontakt ab.Vera Linß: Die wichtigsten Wirtschaftsdenker, Wiesbaden 2007, S. 35 Ricardo erhielt von Freunden ein Darlehen und eröffnete bald ein eigenes Maklerbüro. Durch dessen Erfolg kam er bereits wenige Jahre später zu Reichtum, was ihm bald erlaubte, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen.

Neben seinen Geschäften befasste sich Ricardo mit Mathematik und Naturwissenschaften. Nach der Lektüre des Werkes The Wealth of Nations von Adam Smith (1723–1790) befasste er sich ab 1799 intensiv mit der Ökonomie. Zunächst fertigte er nur Studien an; 1809 veröffentlichte er erstmals kritische Zeitungsbeiträge. Ab 1814 beschäftigte er sich ausschließlich mit seinen Studien. Intellektuell geprägt wurde Ricardo unter anderem von James Mill (Vater des Philosophen John Stuart Mill), der sein politischer und redaktioneller Berater wurde. Weitere Freunde waren der utilitaristische Philosoph Jeremy Bentham und Thomas Malthus, der für seine Theorie bekannt ist, dass die Bevölkerung tendenziell schneller wächst als das Nahrungsmittelangebot – eine Idee, die Ricardo akzeptierte. Den Zeitgenossen zufolge war Ricardo im Umgang ein „freundlicher, nie rechthaberischer, überlegter und etwas zurückhaltender Mensch“.

Zum Teil als Ergebnis des Gedankenaustausches mit seinen Freunden, besonders mit Mill, entstanden die Hauptwerke Ricardos, Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock, with remarks on Mr. Malthus' last two publications (1815), On the Principles of Political Economy and Taxation (1817) und On the Protection to agriculture (1822). Ricardo meinte, nur 25 Personen in England seien imstande, seine Principles of Political Economy and Taxation überhaupt zu verstehen. Doch die erste Auflage von 750 Exemplaren war bald vergriffen, 1819 erschien die zweite, 1821 die stark überarbeitete dritte.Heinz D. Kurz: Nichts ist praktischer als gute Theorie. Vor 200 Jahren schrieb David Ricardo seine berühmten „Principles of Political Economy and Taxation“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 2017, S. 18. In seinem Essay über den Einfluss eines niedrigen Getreidepreises auf den Kapitalprofit (1815) empfahl Ricardo die freie Korneinfuhr. Im 1820 verfassten Essay on the Funding System forderte er Steuererhöhungen statt Anleihen. Ab 1819 vertrat Ricardo als Abgeordneter den irischen Wahlkreis Portarlington im britischen Unterhaus. Dort setzte er sich für den Freihandel und die Abschaffung der Getreidezölle ein.

David Ricardo starb am 11. September 1823 in Gatcombe Park an den Folgen einer Mittelohrentzündung.Vera Linß: Die wichtigsten Wirtschaftsdenker, Wiesbaden 2007, S. 38f Er hinterließ ein Vermögen von 35 Millionen Pfund.https://www.siegfriedhagl.com/wirtschaft-und-soziales/der-globalisierungsschwindel/ Wirtschaft und Soziales - Der Globalisierungsschwindel

Familie David Ricardo wurde Vater von acht Kindern, darunter drei Söhnen. Seine Söhne Oswald Ricardo (MP für Worcester) und David Ricardo der Jüngere (MP für Stroud) wurden Mitglieder des Parlamentes. Der dritte, Mortimer Ricardo diente als Offizier bei den Life Guards und war Deputy Lieutenant für Oxfordshire."RICARDO, David (1772–1823), of Gatcombe Park, Minchinhampton, Glos. and 56 Upper Brook Street, Grosvenor Square, Mdx.". History of Parliament Online.

Ökonomische Theorie Hauptproblem und Methode David Ricardo veröffentlichte 1817 Principles of Political Economy and Taxation. Er schrieb, das Hauptproblem der Politischen Ökonomie „besteht in dem Auffinden jener Gesetze, welche diese Verteilung bestimmen. So sehr die Wissenschaft auch durch Schriften von Turgot, Stuart, Smith, Say, Sismondi und andere bereichert wurde, so geben sie doch eine wenig befriedigende Erklärung der natürlichen Bewegung von Rente, Profit und Lohn.“David Ricardo: Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Gerhard Bondi, Akademie-Verlag, Berlin 1959, S. 3. Karl Marx sagt, damit mache Ricardo „endlich bewußt den Gegensatz der Klasseninteressen, des Arbeitslohns und des Profits, des Profits und der Grundrente“Karl Marx: Das Kapital, Band 1, in Marx-Engels-Werke (MEW), Band 23, Berlin 1972, S. 20. , „rücksichtslos und wissenschaftlich ehrlich.“Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 26.2, Berlin 1967, S. 111. Der amerikanische Ökonom Henry Charles Carey bezeichnet aus dem gleichen Grund das System des Herrn Ricardo als „ein System der Zwietracht… es läuft hinaus auf die Erzeugung der Feindschaft zwischen Klassen und Nationen… Seine Schrift ist das wahre Handbuch des Demagogen, der die Macht anstrebt vermittelst der Landteilung, des Kriegs und der Plünderung.“Henry Charles Carey: The Past, the Present and the Future, Philadelphia 1848, S. 74f, zit. aus Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, Marx-Engels-Werke Band 26.2, Berlin 1967, S. 163. „Ricardo, dem es darum zu tun war, die moderne Produktion in ihrer bestimmten sozialen Gliederung aufzufassen, und der der Ökonom der Produktion par excellence ist, erklärt eben deshalb nicht die Produktion, sondern die Distribution für das eigentliche Thema der modernen Ökonomie.“Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 13, Berlin 1961, S. 628. Die konsequent esoterische Methode Ricardos besteht darin, bei der Analyse aller ökonomischen Kategorien von der Bestimmung des Werts der Waren durch die Arbeitszeit auszugehen. „Der Ausgangspunkt der Physiologie des bürgerlichen Systems – des Begreifens seines innren Zusammenhangs… - ist die Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit. Davon geht Ricardo aus und zwingt nun die Wissenschaft, ihren bisherigen Schlendrian zu verlassen und sich Rechenschaft darüber abzulegen, wieweit die übrigen… Kategorien… Formen dieser Grundlage, dem Ausgangspunkt entsprechen oder widersprechen… Dies ist also die große historische Bedeutung Ricardos für die Wissenschaft.“Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 26.2, Berlin 1967, S. 163 Ricardo leitet alle ökonomischen Kategorien von der Theorie des Arbeitswert ab, „selbst diejenigen, welche im ersten Augenblick ihr zu widersprechen scheinen, wie die Rente, die Akkumulation der Kapitalien und das Verhältnis der Löhne zu den Profiten. Gerade das ist es, was seine Lehre zu einem wissenschaftlichen System macht…“Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 4, Berlin 1977, S. 82. Ein Grundzug seiner Methode ist der Ahistorismus. Warenproduktion und kapitalistische Produktionsweise sind für ihn ewige Kategorien, die nur einer logisch-theoretischen, keiner historischen Erklärung bedürfen. Am Beispiel der Ricardoschen Erklärung des Tauschwerts macht sich Marx darüber lustig: „Auch Ricardo ist nicht ohne seine Robinsonade. Den Urfischer und den Urjäger läßt er sofort als Warenbesitzer Fisch und Wild austauschen, im Verhältnis der in diesen Tauschwerten vergegenständlichten Arbeitszeit. Bei dieser Gelegenheit verfällt er in den Anachronismus, daß Urfischer und Urjäger zur Berechnung ihrer Arbeitsinstrumente die 1817 auf der Londoner Börse gangbaren Annuitätentabellen zu Rate ziehen.“Karl Marx: Das Kapital, Band 1, in Marx-Engels-Werke (MEW), Band 23, Berlin 1972, S. 90, Fn. 29. Ricardo sieht die Probleme nur in ihrer quantitativen Seite, nicht in ihrer qualitativen, für Gerhard Bondi „eine grundlegende Schwäche seiner theoretischen Analyse… Die einzelnen Kategorien werden von ihm unter dem Gesichtspunkt bestimmter Mengenrelationen betrachtet, nicht aber dem ihrer qualitativen Substanz.“Gerhard Bondi: David Ricardo, in: David Ricardo, Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung, übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Gerhard Bondi, Akademie-Verlag, Berlin 1959, S.XXIV. Kritisiert wurde Ricardo auch für seine Methode der Abstraktion. So schreibt John Kells Ingram, Ricardo bewege sich „in einer Welt von Abstraktionen“, gehe von willkürlichen Voraussetzungen aus, leite auf deduktive Weise Folgerungen ab, die teilweise nicht der Wirklichkeit entsprächen. Die Natur habe Ricardo „mehr zum Mathematiker zweiten Ranges als zum Sozialphilosophen bestimmt.“John K. Ingram: Geschichte der Volkswirtschaftslehre, Tübingen 1890, zit. aus Gerhard Bondi: David Ricardo, in: David Ricardo, Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung, übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Gerhard Bondi, Akademie-Verlag, Berlin 1959, S. XXXI f. Gerhard Bondi betont dagegen die Notwendigkeit der Abstraktion. „Indem Ricardo von allen Begleiterscheinungen der kapitalistischen Produktionsweise abstrahiert, die für deren innere Zusammenhänge unwesentlich sind, gelingt es ihm, charakteristische Grundmerkmale der bürgerlichen Gesellschaft bloßzulegen.“Gerhard Bondi: David Ricardo, in: David Ricardo, Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung, übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Gerhard Bondi, Akademie-Verlag, Berlin 1959, S. XXX f. Äußerlich beschreibende Darstellungen reichten nicht.

Mit dem Begriff Ricardian Vice (dt. „ein für Ricardo typischer Fehler“) hat Joseph A. Schumpeter Ricardos Methode scharf kritisiert:Joseph A. Schumpeter: History of Economic Analysis. Ed. Elizabeth Boody Schumpeter. London. Allen and Unwin, 1954. (dt.: Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Zwei Teilbände. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1965.) Ricardo gehe häufig von unrealistischen Annahmen aus. Zudem behandele er Variablen als Konstante, die dem ökonomischen Argument nach keine Konstante sein dürften. Heinz D. Kurz hingegen weist Schumpeters Kritik als ungerechtfertigt zurück, da Ricardos Methode damit fehlinterpretiert werde.Heinz D. Kurz: Ricardian Vice. International Encyclopedia of the Social Sciences, 2. Aufl.

Ricardos Bestimmung des Wertes durch Arbeitszeit