Abubakari II. (eigentlich Abū Bakr) ist der Name eines quellenmäßig nicht greifbaren mansā (Königs) des Mali-Reiches in Westafrika. Er soll um 1310 regiert und dann abgedankt haben, um eine Expedition über den Atlantik anzuführen. Sein Bruder oder Sohn soll der in der afrikanischen Geschichte bekannte Mansa Musa gewesen sein, der durch seine Pilgerfahrt nach Mekka im Jahre 1324 berühmt wurde. Die Existenz Abubakaris II. wird von den führenden Historikern, die auf Afrika spezialisiert sind, bestritten. Dagegen ist er für US-amerikanische „Afrozentristen“ zum Kristallisationspunkt eines neuen Geschichtsbildes geworden. Nach ihrer Ansicht hat er fast 200 Jahre vor Christoph Kolumbus Amerika erreicht und dort die afrikanische Kultur oder – nach alternativer Lesart – den Islam unter den Ureinwohnern verbreitet.

Die arabischen Quellen zu Abubakari II. al-Umarī Die am meisten zitierte Quelle über den angeblichen mansā Abubakari findet sich in der Chronik des nach Ägypten übergesiedelten Syrers Shihāb al-Dīn al-Umarī (1300/01–1349). Er konnte etwa 25 Jahre nach Mansa Musas Besuch Personen befragen, die mit dem Herrscher von Mali gesprochen hatten. Der Gouverneur von Kairo, Ibn Amīr Hājib, hatte Mansa Musa gefragt, wie er zum König von Mali geworden sei. Darauf erzählte der Herrscher:

Wir stammen aus einer Familie, in der die Herrscherwürde erblich ist. Nun dachte mein Vorgänger in der Herrschaft, es sei nicht unmöglich, sich vom Vorhandensein eines Gegenufers im Meer al-Muhit (Atlantischer Ozean) zu überzeugen. Besessen von diesem Gedanken und beseelt von dem Wunsche, seine Richtigkeit nachzuweisen, ließ er einige hundert Fahrzeuge ausrüsten, bemannte sie und gab ihnen ebenso viele andere mit, die mit Gold, Mund- und Wasservorräten in solcher Fülle ausgestattet waren, dass sie einem mehrjährigen Bedürfnis der Mannschaft zu genügen vermochten. Bei der Ausfahrt richtete er an die Kommandanten folgende Ansprache: „Kommt nicht eher zurück, ehe ihr nicht die äußerste Grenze des Ozeans erreicht habt oder ehe eure Lebensmittel und eure Wasservorräte erschöpft sind. Sie fuhren ab und blieben lange abwesend; es verging eine geraume Zeit, ohne dass jemand zurückkehrte. Endlich fand sich ein einzelnes Fahrzeug wieder ein. Wir befragten den Führer dieses Fahrzeugs, was geschehen sei. Er antwortete: „Fürst, wir sind lange gefahren bis zu einem Augenblick, da wir auf offener See eine heftige Strömung, wie einen Fluss, antrafen. Ich fuhr hinter der anderen Flotte her. Alle Fahrzeuge vor mir setzten ihre Fahrt fort, aber sobald eines von ihnen an diese Stelle kam, verschwanden sie, ohne dass wir erfahren konnten, was aus ihm geworden ist. Ich selbst wollte mich nicht in das Abenteuer dieses Strudels stürzen und kehrte deshalb um.“ Der Sultan wollte dem Bericht keinen Glauben schenken und missbilligte das Verhalten. Er ließ darauf 2000 Schiffe ( … ausrüsten, von denen die Hälfte für ihn gedacht war und die Männer in seiner … ) Begleitung, die anderen für den Transport der Vorräte und des Trinkwasser bestimmt war. Er vertraute mir die Regierung an und fuhr mit seinen Begleitern auf dem Meer al-Muhit ab. Wir haben ihn und die andern bei dieser Gelegenheit zum letzten Mal gesehen. Ich blieb unbeschränkter Herrscher des Reiches.Übersetzung aus dem Französischen bei Richard Hennig, Terrae Incognitae, Bd. 3, S. 128 f. (Der Teil in Klammern fehlt in Hennigs Übersetzung und ist von mir nachübersetzt. – Peter Kremer) Eine neuere Übersetzung direkt aus dem arabischen Original findet sich bei Levtzion u. Hopkins, Corpus of Early Arabic Sources, S. 268 f. Sie auch Cuoq, Recueil des sources arabes, S. 274 f. Auffällig ist, dass diese aus zweiter oder dritter Hand überlieferte Anekdote keinen Namen nennt und auch nicht erklärt, in welchem Verwandtschaftsverhältnis dieser Herrscher zu Mansa Musa gestanden haben soll. Ebenso wenig erfährt man Einzelheiten über den Hafen oder die Region, von wo aus die Flotten in See stachen. Andererseits erscheinen die Zahlen bezüglich der Schiffe sehr unwahrscheinlich, sofern sie nicht eher metaphorisch im Sinne von „sehr, sehr viele“ zu verstehen sind. Festzuhalten bleibt, dass von der Suche nach einer fernen Welt am anderen Ende des Ozeans keine Rede istLevtzion u. Hopkins, Corpus of Early Arab Sources, S. 268, übersetzen statt „eines Gegenufers“ auf der Grundlage des arabischen Originals “my predecessor did not believe that it was impossible the furthest limit of the Atlantic Ocean”. Der französische Orientalist J. Cuoq (Recueil des sources arabes, S. 274) übersetzt: «Celui qui était avant moi, ne croyait pas que l’océan Atlantique était impossible à franchir.» In beiden Übersetzungen ist von einer Gegenküste nicht die Rede, obwohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Gedanke daran in den Formulierungen mitschwingt. und alle Einzelheiten, die von amerikanischen und afrikanischen Historikern und Schriftstellern genannt werden, sich nicht aus dieser kurzen Darstellung herleiten lassen.Es kann zudem nicht ausgeschlossen werden, dass Mansa Musa seine ägyptischen Gesprächspartner absichtlich mit aberwitzigen Geschichten aufzog. So erwiderte er dem mamelukischen Oberbefehlshaber Fakhr ad-Dīn auf dessen Frage, woher das viele Gold komme, mit der unsinnigen Erklärung, das Edelmetall wachse im Sudan in Form von kleinen Ringen oder wie Karotten aus der Erde. Siehe Levtzion u. Hopkins, Corpus of Early Arabic Sources, S. 250.

Ibn Chaldūn In seiner Weltgeschichte, die sich sehr ausführlich mit den muslimischen Völkern Nord- und Westafrikas befasst, schreibt der tunesische Historiker und Philosoph Ibn Chaldūn (1332–1406) über die Vorgänger von Mansa Musa seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert: „The ruler after this Sākūra was Qū, grandson of the sultan Mārī Jāta (d. i. Sundjata), then after him his son Muhammad b. Qū. After him their kingship passed from the line of Marī Jāta to that of his brother Abu Bakr in the person of Mansā Mūsā b. Abu Bakr.“Übersetzt nach der Ausgabe von N. Levtzion u. Hopkins, Corpus of Early Arabic Sources, S. 334. Eine weitere wissenschaftlich zuverlässige Übertragung des arabischen Originaltextes findet sich bei Cuoq, Recueil des sources arabes, S. 274 f. Der als Herrscher genannte Sākūra war ein Usurpator, der von etwa 1285 bis ca. 1300 regierte und ermordet wurde. Danach traten wieder die direkten Nachkommen des Reichsgründers die Herrschaft an. Aus der Textstelle geht eindeutig hervor, dass Abu Bakr nicht selber Herrscher über Mali gewesen ist. Vielmehr ging die Krone von Sundjatas Enkel auf einen Verwandten über, der zwar aus dem Königsclan der Keita stammte, aber den Reichsgründer nicht zu seinen direkten Vorfahren zählte, sondern dessen Bruder Abu Bakr. Dieser wurde irrtümlich als mansā und als unmittelbarer Vorgänger von Mansa Musa identifiziert, weil dieser ausgesagt haben soll, dass die Herrschaft in Mali vom Vater auf den Sohn übergehe.Siehe dazu auch Madina Ly Tall, „The Decline of the Mali Empire“, UNESCO Bd. 4, S. 174.

Mande-Überlieferungen Bereits Charles Monteil (1871–1949) verwies 1929 darauf, dass Abubakari II. – im Gegensatz zu Abubakari I. (Mande-Name: Bata Mande Bory) – in keiner mündlichen Überlieferung Erwähnung findet. Die Auswertung der traditionellen Gesänge und Epen der Mande hat bis zum heutigen Tag keine wesentlich anderen Ergebnisse erbracht. Der aus Guinea stammende Historiker Djibril Tamsir Niane glaubt, aus den Epen der „Traditionalisten“ seiner Heimat Hinweise auf einen Herrscher herauslesen zu können, von dem er annimmt, er könne vielleicht mit Abubakari II. identifiziert werden.Mit dem Begriff „Traditionalisten“ bezeichnet er die Vertreter der Mande-Kultur, die in Epen und Liedern das vormuslimische Erbe bzw. die außerhalb des islamischen Einflussbereiches entstandenen Überlieferungen pflegen und beispielsweise nicht die islamischen, sondern die traditionellen Herrschernamen benutzen, was die Identifizierung der genannten Könige stark erschwert. Siehe dazu Niane, Recherches, S. 7 ff., 15 ff. u. 26–33. Vgl. dazu auch Ly-Tall, L’Empire, S. 129–141. Der amerikanische Historiker Ivan Van Sertima, der Hauptvertreter der Theorie von der vorkolumbischen Entdeckung Amerikas durch die Schwarzafrikaner, behauptete 1976, für seine Rekonstruktion der Fahrt Abubakiris einheimische Überlieferungen genutzt zu haben, gibt aber – wie auch in anderem Zusammenhang – keine konkreten Quellen an. Zuletzt hat sich der malische Schriftsteller und Dramatiker Gaoussou Diawara mit Abubakari befasst und zuerst ein Theaterstück (1992) und 1999 eine Biografie des Herrschers verfasst.Joan Baxter: Africa’s “greatest explorer”. In: BBC news Er verweist auf den Umstand, dass die malischen Griots den Herrscher komplett ignoriert haben, weil er ihrer Ansicht ein Schandfleck für die Geschichte ihres Volkes gewesen sei.Dass die traditionellen Sänger einen unbedeutenden oder verabscheuungswürdigen Herrscher auf diese Weise im Nachhinein abstraften, wird von der Fachwissenschaft bestätigt. Siehe Thomas Hale im Vorwort zu Nouhou Malio, The Epic of Askia Mohammed. Bloomington, Ind. 1996, S. xi. Die epischen Gesänge, in deren Mittelpunkt Abubakari steht, sind neueren Datums und in erster Linie durch die von Diawara verfasste Biografie inspiriert, wenngleich sie sich formal an die klassischen Vorbilder der „griot“-Tradition halten.Gaoussou Diawara machte sich verdient um die Wiederbelebung der traditionellen epischen Kunst in Mali und eine Reihe junger Dichter dazu angeleitet, im Stil der „griots“ Lieder mit teilweise neuen Inhalten zu schaffen. Ein Preislied auf Abubakarai stammt von Sadio Diabaté, einem „griot“ unserer Tage Audio (RAM; 0 kB)

Maurice Delafosse