mini|Graf Heinrich von Brühl, Gemälde von Louis de Silvestre mini|Graf Heinrich von Brühl, Kupferstich von Jean-Joseph Balechou nach Louis de Silvestre Heinrich von Brühl, seit 1737 Graf von Brühl (* 13. August 1700 in Weißenfels; † 28. Oktober 1763 in Dresden) war ein sächsischer Staatsmann.

Bedeutung und maßgeblichen Einfluss erlangte er zunächst als Geheimrat, dann als Minister und schließlich als kurfürstlich-sächsischer und königlich-polnischer Premierminister (1746–1751) unter August dem Starken († 1733) und dessen Nachfolger Friedrich August II. († 1763). Name und Bekanntheit verbinden sich heutzutage vor allem mit der Brühlschen Terrasse in Dresden.

Zeitgenossen kritisierten an ihm eine extravagante Lebensführung und ungeheure Verschwendung und führten einen wirtschaftlichen Niedergang des Kurfürstentums Sachsen auf seine Person zurück. Die neuere Forschung macht hierfür auch andere Ursachen aus, so z. B. den Siebenjährigen Krieg mit Preußen.

Herkunft Heinrich von Brühl wurde am 13. August 1700 in Weißenfels geboren.Vgl. Vogel 2003, S. 16f.Vgl. Koch 2010, S. 45f. Seine Eltern waren der Hofmarschall Hans Moritz von Brühl (1665–1727) und dessen Ehefrau Erdmuthe Sophie von der Heyde (* 9. November 1669; † 24. März 1702). Sein Vater stand im Dienst des Herzogs von Sachsen-Weißenfels. Auch seine Brüder erlangten hohe Ämter: Hans Moritz (1693–1755), Statthalter der Ballei Thüringen, General der Kavallerie Johann Adolph (1695–1742), königlich-polnischer und kurfürstlich-sächsischer Stallmeister und Kammerherr Friedrich Wilhelm (1699–1760), königlich-polnischer und kurfürstlich-sächsischer Geheimer Rat, Landeshauptmann in Thüringen

Titel Reichsgraf von Brühl (seit 27. Mai 1737, zuvor Freiherr) war Standesherr auf Forst, Pförten und Seifersdorf, Starost der Zips, von Volinow, Lizinek und Biasezno, Vogt zu Bromberg und Besitzer zahlreicher Rittergüter. Des Weiteren war er kurfürstlich-sächsischer und königlich-polnischer Geheimer Kabinetts- und Konferenzminister, Polnischer Kronfeldzeugmeister, Sächsischer Wirklicher Geheimer Rat, General der Infanterie, Oberkammerherr, Oberkämmerer, Kammerpräsident, Obersteuerdirektor, Generalakzisedirektor, Oberrechnungsdeputationsdirektor, Bergdirektor, Kammerdirektor der Stifte Merseburg und Naumburg, Oberinspektor der Porzellanmanufaktur, Dompropst zu Budissin (Bautzen), Domherr zu Meißen, Generalkommissar der Baltischen Seehäfen, Chef und Oberkommandant der Parforcejagd, Oberst eines leichten Reiter- und eines Infanterieregiments, Kommandeur der sächsischen Reiterei in Polen, Ritter des Polnischen Weißen und des Preußischen Schwarzen Adlerordens sowie des Russischen St.-Andreasordens.Karl Friedrich Vitzthum von Eckstädt: Die Geheimnisse des sächsischen Cabinets. Ende 1745 bis Ende 1756. Cotta, Stuttgart 1866, S. 77f.; Christian August Pescheck (Hrsg.): Lausizische Monatsschrift oder Beyträge zur natürlichen ökonomischen und politischen Geschichte der Ober- und Niederlausitz und der damit grenzenden Landschaften. Band 3. Schöps, Zittau 1792, S. 275.

Karriere Heinrich von Brühl wurde mit acht Jahren Page am Hof des Herzogtums Sachsen-Weißenfels.Vgl. Vogel 2003, S. 31. Er wurde zunächst von Hauslehrern unterrichtet und besuchte später das Gymnasium illustre Augusteum in Weißenfels.Vgl. Mayer 1766, S. 16. Als er 14 Jahre alt war, nahm ihn die Herzogin-Witwe Friederike Elisabeth von Sachsen-Eisenach für vier Jahre mit nach Leipzig.Vgl. Koch 2010, S. 45. Mit 19 kam er in der Funktion eines Silberpagen an den kursächsischen Hof zu Dresden. Dort wurde der Kurfürst Friedrich August I., in Personalunion als August II. König von Polen, genannt „August der Starke“, rasch auf Heinrich von Brühl aufmerksam. Der Page fiel bei Hofe durch seine soziale Intelligenz und seine sprachliche Kompetenz auf. Ein Zeitgenosse schrieb später, dass Brühl

Schon bald stieg Brühl zum vielleicht engsten Vertrauten des Königs auf. August arbeitete ihn systematisch in die Innen- und Außenpolitik sowie in die Reichsangelegenheiten ein.Vgl. Vogel 2003, S. 137. Im Jahr 1730 war Brühl maßgeblich an der Organisation des Zeithainer Lustlagers beteiligt. Im Rahmen des vierwöchigen Festes präsentierte das Kurfürstentum Sachsen den Herrscherhäusern des Reiches seine Armee. König Friedrich Wilhelm I. in Preußen, der in Begleitung seines Sohnes, des späteren Königs Friedrich II., anwesend war, verlieh Brühl den Schwarzen Adlerorden. Für seine Verdienste wurde er mit 31 Jahren einer der jüngsten Geheimräte und Minister.

In der Folge beschleunigte sich Brühls Karriere. Als der amtierende Finanzminister Graf Hoym wegen Insubordination entlassen wurde, übernahm Brühl dessen Funktion. Als später auch der Außenminister Fleury sein Amt verlor, wurde Brühl auch dessen Nachfolger. August der Starke überhäufte Brühl geradezu mit Ämtern und Aufgaben. Von der regelmäßigen Teilnahme an Dienstsitzungen wurde Brühl vom Monarchen ausdrücklich entbunden. August wollte Brühl auch auf Reisen stets um sich haben. Er beanspruchte seine Dienste zum Teil rund um die Uhr.Vgl. Vogel 2003, S. 182–217. Brühl setzte die Wünsche des absolutistisch denkenden Königs auch gegen Widerstände durch und erwies sich dem Herrscher gegenüber als vollkommen loyal. Dieses Verhalten trug ihm Hass, Ablehnung und üble Nachrede der oppositionellen Stände (Adel und Bürgertum) in Sachsen und Polen ein.Vgl. Vogel 2003, S. 5.

Nach dem Tod Augusts des Starken 1733 war Brühl maßgeblich an der polnischen Königswahl beteiligt; er beschaffte die Gelder und leitete zusammen mit Alexander Sulkowski die Außenpolitik (vgl. Polnischer Thronfolgekrieg). Das Vortragsrecht beim Kurfürsten Friedrich August II. (in Polen August III.) wurde im November 1733 auf Brühl und Sulkowski beschränkt.

Es war eigentlich nur die Frage, ob Brühl oder Sulkowski die Arbeit des willensschwachen und trägen Kurfürsten übernehmen würde. Im Jahr 1738 entschied sich der Kurfürst-König zugunsten Brühls, auch dem Wunsch seines verstorbenen Vaters folgend.Vgl. Vogel 2003, S. 6. In diesem Jahr konzentrierte Brühl auf Wunsch des Königs alle Departements auf sich, darunter auch solche, zu denen er, wie es immer wieder hieß, keinerlei Fähigkeiten oder Begabung besaß. Das Militärwesen war ihm fremd, von Wirtschaft und ihrer Förderung verstand er angeblich nichts. Außerdem galt er als gerissener Intrigant.

Der ungarische Historiker Aladar von Boroviczeny stellt in seiner Biografie allerdings fest: .Boroviczeny 1930, S. 6. Boroviczeny führt das vor allem auf Verleumdungen zurück, die Preußenkönig Friedrich II. über Brühl in die Welt gesetzt habe. Dessen „glühender Haß“ auf Brühl habe sich daraus gespeist, dass Brühl Frankreich und Österreich miteinander versöhnt und damit die politischen Pläne Friedrichs II. durchkreuzt habe.Boroviczeny 1930, S. 6f. Nie bestritten wurde, dass Brühl ein erfolgreicher Diplomat und erprobter Organisator war. Sein größter diplomatischer Erfolg war die Mitarbeit am gerade erwähnten sogenannten Umsturz der Bündnisse, bei dem die bisherigen Erzfeinde Frankreich und Österreich Bündnispartner wurden. Seine Ernennung zum Premierminister am 8. Dezember 1746 war nur eine Formfrage.

Ab 1749 residierte Brühl mit seinem Hofstaat häufig auf seinem 1740 erworbenen Schloss Pförten in der Niederlausitz und empfing dort den Kurfürsten und andere Gäste. Bei solchen Gelegenheiten kam sein berühmtes Schwanenservice aus Meißner Porzellan zum Einsatz. Ferner besaß er eine Vielzahl anderer Schlösser und Güter, die er nach und nach erworben hatte (siehe unten: Bauten und Besitzungen).

In seinem Auftrag entstanden zahlreiche Sammlungen, die im Brühlschen Palais und den Gebäuden im Brühlschen Garten in Dresden ausgestellt waren. Für seine umfangreiche Gemäldegalerie wurde 1742 bis 1744 nach Johann Christoph Knöffels Entwurf die Brühlsche Galerie errichtet. Es ist ein besonders frühes Beispiel eines eigenständigen Galeriegebäudes in Europa. Des Weiteren befand sich im Brühlschen Garten ein Bibliotheksgebäude, in dem neben der äußerst umfangreichen Bibliothek auch seine Sammlung an mathematischen und physikalischen Instrumenten Platz fand. Ein Naturalienkabinett war in einem Vorraum des kleinen Theaters (nach 1755) aufgestellt. Für den Aufbau der Sammlungen war vor allem der Sekretär Brühls, Carl Heinrich von Heineken, verantwortlich. Nach dem Tod des Grafen Brühl wurde ein Großteil der Sammlungen verkauft; so wurde 1768 die Gemäldesammlung (von Dmitri Alexejewitsch Golizyn) für die Zarin Katharina II. erworben. 600 flämische, holländische und französische Gemälde aus der Sammlung von Brühl bildeten so den Grundstock für die mittel- und westeuropäische Kunst in der Eremitage in Sankt Petersburg.

Als Premierminister Bereits 1748 zeichnete sich die finanzielle Katastrophe ab. Die von Brühl zur Deckung der laufenden Ausgaben bereitgestellten Summen reichten nicht einmal für die Zinsen früherer Schulden. Der Wert staatlicher Schuldverschreibungen sank auf ein Drittel des Nennwertes. Brühl tauschte gerichtlich verwaltete Vermögenswerte in solche Schuldverschreibungen um. Das betraf unter anderem die hinterlegten Wertpapiere vieler Gewerbetreibender, die daraufhin ihre Kreditwürdigkeit verloren. Zudem ließ er die ausstehenden Gehälter der Beamten und Offiziere damit begleichen.

Die Ständevertretung (d. h. der Landtag) protestierte mit einer Sonderkommission gegen Brühls Finanzpolitik, musste sie aber dulden (1749/50). Um die damit verbundene öffentliche Kampagne gegen Brühl zu entwaffnen, wurden einige Leute, unter anderem der schottische Finanzfachmann A. M. de Bishopfield, verhaftet. Der Umstand, dass Brühl der Kommission keine Prüfung der Steuerrechnungen seiner Amtszeit ermöglichte, wurde vom Kurprinzen Friedrich Christian als Verschleierungstaktik (hinsichtlich Brühls Manipulationen mit Steuerschuldscheinen bzw. ihrem Kurs) interpretiert. Der Konflikt führte 1751 zum Ausscheiden des Kommissionsleiters Graf Bünau aus dem Staatsdienst.

Der Kurprinz wurde von Graf Hennicke, dem seit 1734 engsten Mitarbeiter Brühls in Finanzgeschäften, 1751/52 in mehreren Unterredungen vom „ungeheuren Chaos unserer Kassen und inneren Angelegenheiten“ unterrichtet bzw. überzeugt, das von Brühl „alle Augenblicke angeordnete Durcheinander“ künftig zu verhindern.

Aufgrund der schwierigen Finanzlage erfolgten die Zahlungen an die Beamten und Offiziere unregelmäßig und mit langer Verzögerung. 1751 schuldete die Kriegskasse den Offizieren den Sold von anderthalb bis zwei Jahren. Die Gelder für den Hof, die Oper und Bauten flossen dagegen unvermindert. Weiterhin wurde nach 1748 die Armee von 32.000 auf 17.000 Mann verringert, zu wenig, um damit noch einen Faktor in der Außenpolitik darzustellen. Dann wurden staatliche Hoheitsrechte verpachtet, so 1750 und besonders 1754/55 die Generalkonsumakzise (eine Verbrauchssteuer; sie entsprach etwa der heutigen Mehrwertsteuer), die vom Einspruch der Ständevertretung unabhängige Einnahmequelle des Landesherren. Im Gegenzug für ein Darlehen über 3,5 Millionen Taler verpfändete Sachsen 1751 die Einnahmen aus zwei Grafschaften an Hannover bzw. England. Analog dazu wurden die Steuern erhöht. 1753 erfolgten z. B. Steuererhöhungen für alle Hauseigentümer, außer dem Adel.

Nach Angaben des Kabinettssekretärs Ferber (1765) betrug das Defizit der Geheimen Kammer, der Akzise und der Kriegskasse schon vor Beginn des Siebenjährigen Krieges 15 Millionen Taler, das der Steuer 30 Millionen Taler. Die 1733 übernommenen Schulden hatten nur knapp 5 Millionen Taler betragen.Horst Schlechte: Das geheime politische Tagebuch des Kurprinzen Friedrich Christian. 1751–1757 (= Schriftenreihe des Staatsarchivs Dresden. Bd. 13). Böhlau, Weimar 1992, ISBN 3-7400-0105-4, S. 34. Auch zur Frühjahrsmesse 1756 war es unmöglich, die Zinszahlungen an die Steuergläubiger aufzubringen. Kurz gesagt war Sachsen fast bankrott.