mini|Die drei belgischen Ostkantone: Eupen (gelber Bereich oben), St. Vith (gelber Bereich unten) und Malmedy (grüner Bereich) mini|Wilhelm von Humboldt (Nr. 19) und Karl August von Hardenberg (Nr. 21) – beide am rechten Bildrand – greifen beim Wiener Kongress für Preußen nach dem Westen – das heutige Ostbelgien eingeschlossen
Als Ostbelgien oder Ostkantone (in den 1920er Jahren waren der Begriff Neubelgien und später noch Eupen-Malmedy geläufig) werden die zu Belgien gehörenden drei Kantone mit den Städten Eupen, MalmedyMalmedy - Zwischen Kathedrale, Kloster und dem Hohen Venn. Tourismusagentur Ostbelgien VoG, abgerufen am 6. August 2026. und Sankt Vith bezeichnet. In einem engeren Sinn bezieht sich der Name nur auf die deutschsprachigen Wahlkantone Eupen und Sankt Vith, die die Deutschsprachige Gemeinschaft bilden.
mini|Lage der Plattdeutschen Gemeinden (Platdietse streek, orange) im Osten Belgiens Infolge des Ersten Weltkriegs wurde 1920 mit Inkrafttreten des Vertrags von Versailles das mehrheitlich deutschsprachige Gebiet Eupen-Malmedy offiziell unter belgische Verwaltung gestellt. Nach einer umstrittenen Volksbefragung im Jahr 1920 wurde Ostbelgien 1925 belgisches Staatsgebiet. Die Gemeinde Bleyberg wurde 1919 in Plombières umbenannt und gehört wie Baelen sowie Welkenraedt zu den drei Plattdeutschen Gemeinden mit „ruhenden“ Fazilitäten, die nicht zur deutschsprachigen Gemeinschaft, sondern zur Französischen Gemeinschaft Belgiens gehören.
Als Ostbelgien bezeichnetes Gebiet Im heutigen Sprachgebrauch werden mit Ostbelgien – im engeren Sinn – oft nur die neun belgischen Gemeinden bezeichnet, in denen die Bevölkerung mehrheitlich deutschsprachig ist und die zur Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (DG) gehören. Hintergrund ist ein Beschluss der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft von 2016, das Gebiet der DG nun, wenn auch inoffiziell, als Ostbelgien zu bezeichnen.„Ostbelgien“ anstelle von „DG“, Belgisches Rundfunk- und Fernsehzentrum der Deutschsprachigen Gemeinschaft (BRF), 20. September 2016.Pia Ratzesberger: Warum es einen Streit um "Ostbelgien" gibt. Süddeutsche Zeitung, 26. Mai 2017.
In einem weiteren Sinn werden über diese neun Gemeinden hinaus auch Malmedy und Weismes (französisch Waimes), deren Bevölkerungsmehrheit französischsprachig ist und die daher Teil der Französischen Gemeinschaft Belgiens sind, zu Ostbelgien gezählt. Sie haben mit den neun Gemeinden der DG gemein, dass sie von 1815 (Wiener Kongress) bis 1919 (Versailler Vertrag) zu Preußen und damit von 1871 an zum Deutschen Kaiserreich gehörten. Preußen fasste die Gemeinden in zwei Landkreisen zusammen, dem Kreis Eupen und dem Kreis Malmedy; hieraus erklärt sich die alte deutsche Bezeichnung der Region als Eupen-Malmedy.Bevor Ostbelgien für rund hundert Jahre an Preußen fiel, hatte es seit dem Mittelalter überwiegend zu den Herzogtümern Luxemburg und Limburg gehört. Siehe „The canton of Eupen was part of the Duchy of Limburg until […] 1794.“ (Ency. Am. V , 662, s. v. Eupen), sowie
Von den Begriffen Ostbelgien (Ostkantone, französisch cantons de l’est) und insbesondere von dem Begriff Deutschsprachige Gemeinschaft ist die – allgemeinere – Bezeichnung deutschsprachige Belgier abzuheben, deren Siedlungsgebiet über die Gemeinden der Ostkantone hinausgeht und das Montzener Land einschließt, das jedoch bereits seit der Staatsgründung Belgiens im Jahr 1830 zu diesem gehört. Ostbelgien zählt (wie auch das Montzener Land) zu den Fazilitäten-Gemeinden, in denen die sprachlichen Minderheiten sprachliche Sonderrechte beanspruchen können.In den Begriff deutschsprachige Belgier wird die kleine Gruppe der Germanophonen des südlich gelegenen Areler Landes in der Provinz Luxemburg meist nicht einbezogen; ihre Mundart wird heute in der Regel dem Luxemburgischen zugeordnet. Die Gemeinden des Areler Landes zählen nicht zu den Fazilitäten-Gemeinden.
Anders als in den neun überwiegend deutschsprachigen und den beiden überwiegend französischsprachigen Gemeinden der Ostkantone, in denen die Rechte der sprachlichen Minderheit konsequent angewandt werden, spricht man in Bezug auf das Montzener Land von ruhenden Fazilitäten, da dort Regelungen zugunsten der sprachlichen Minderheit zwar möglich, aber nicht systematisch (oder gar nicht) umgesetzt sind.
Schließlich ist zu erwähnen, dass nicht alle Gebiete im deutsch-belgisch-luxemburgischen Grenzgebiet, die 1815 an Preußen fielen, im Jahr 1919 aus diesem wieder ausgegliedert wurden.
Der vorliegende Artikel behandelt Ostbelgien im Sinne der neun DG-Gemeinden und der beiden frankophon geprägten Gemeinden Malmedy und Weismes. Das Gebiet umfasst den 20 bis 50 km breiten Grenzstreifen zu DeutschlandNur im Hohen Venn zwischen Eupen und Malmedy ist das Gebiet erheblich schmaler. mit einer Fläche von 1036 km², der am 1. Juli 1925 – nach einer fünfjährigen Übergangszeit als Gouvernement Eupen-Malmedy – in den belgischen Staatsverband eingegliedert wurde. Es handelt sich um folgende Kantone: Kanton Eupen (Stadt Eupen, Gemeinden Kelmis, Lontzen, Raeren) Kanton Sankt Vith (Stadt Sankt Vith, Gemeinden Amel, Büllingen, Burg-Reuland, Bütgenbach) Kanton Malmedy (Stadt Malmedy, Gemeinde Weismes)
Geschichte Ostbelgiens Kelten, Römer und Franken Keltische Besiedelung Die Besiedlung des ostbelgischen Gebietes ist seit fast 10.000 Jahren nachzuweisen, u. a. durch Feuerstein-Artefakte aus der Mittelsteinzeit und Waffenfunde der Jungsteinzeit. Auf eine keltische Besiedlung ab etwa 200 v. Chr. deuten Orts- und Flussnamen wie Amel (als Siedlung Amblava bereits 57 v. u. Z. unter römischen Einfluss), Braunlauf, Warche, Our (dazu der Ortsname Ouren) und Rur.
Das heutige Belgien und angrenzende Gebiete als römische Provinzen mini|Römische Provinzen unter Trajan (117 n. Chr.) – das Gebiet zwischen dem heutigen luxemburgisch-belgisch-deutschen sowie dem heutigen niederländisch-belgisch-deutschen Dreiländereck gehörte zur römischen Provinz Germania inferior; das Gebiet südlich davon zur Provinz Belgica.
Von seiner Grenzlage war die Geschichte des Gebietes schon vor der Zeitenwende geprägt. In der Römerzeit verlief die Grenze zwischen den Römerstädten Köln und Tongern durch diese Region bzw. vielmehr etwas nördlich und östlich der Region. Seit der Spätantike festigte sich hier die Grenze zwischen dem germanischen und dem romanischen Sprachraum. Ab 300 verbreitete sich – unter römischemIm Jahr 590 verließ zum ersten Mal ein irischer Mönch die Britischen Inseln, um auf dem Festland zu missionieren. Kolumban der Jüngere (* 540; † 615) war der erste, der im merowingischen (Merowinger: älteste Königsgeschlecht der Franken vom 5. bis 8. Jh.) Gebiet auftauchte. Er gründete im Frankenreich ein Kloster namens Annegray. und iroschottischemUm 500 trat der Frankenkönig Chlodwig I. (* 466; † 511 bei Paris) – wohl unter dem Einfluss seiner Frau Chrodechild (* um 474 in Lyon; † 544 in Tours) zum katholischen Christentum über. In Lyon war im Jahr 177 – zu römischer Zeit – die christliche Märtyrerin Blandina (* um 150) getötet worden. Einfluss – das Christentum.
Frankenreich mini|links|Gallien im Jahr 481, im Norden das Frankenreich
Die fränkische Landnahme, die an Ortsnamen auf -ingen, -ier und -heim erkennbar ist, begann um 450. Für weitere Rodungen und Ortsgründungen zwischen 600 und 800 sind Endungen auf -weiler, -hausen, -dorf, -bach, -berg oder -born typisch. Der Einfluss der Franken wuchs weiter, als diese 534 die ebenfalls germanischen Burgunden im Süden unterwarfen.
mini|Besiedlung im 7. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Staates Luxemburg und Umgebung.
Um 648 schenkte der fränkische König Sigibert III. Mönchen aus Aquitanien ein Waldgebiet der Ardennen als Basis für die Abteigründungen Malmedy und Stavelot (Stablo) an der Grenze zwischen romanischem und germanischem Sprachgebiet. Sie wurden den Bistümern Lüttich (Stablo) bzw. Köln (Malmedy) unterstellt (siehe zur weiteren Geschichte unten).
Im 8. Jahrhundert entstanden zahlreiche Siedlungen um die fränkischen Königshöfe Amel, Büllingen (erste urkundliche Erwähnung 850), Manderfeld (Ersterwähnung: 854), Neundorf (Ersterwähnung: 888), Thommen (Ersterwähnung: 816) und Walhorn (gegründet: 859), die zu Zentren im Bannkreis Aachens, der Karolinger-Hauptstadt, wurden. Deren Reich zerfiel um 900 – ein Vorgang, der von Plünderungen durch Normannen (881–891) und Ungarn beschleunigt wurde.
Bei der Teilung des bis dahin stark expandierten Frankenreiches gehörte das hier interessierende Gebiet zunächst zum Mittelreich Lotharingen, fiel dann aber durch die Verträge von Meersen und Ribemont an das ostfränkische Reich, aus dem sich später das Heilige Römische Reich entwickelte.
Von der Anfangszeit des Heiligen Römischen Reiches (ab 10. Jh.) bis zum Wiener Kongress (1815)
mini|100px|links|Nieder- und Oberlothringen um 1000 mini|Die Karte zeigt, um 1250, das Limburg (rosa), das Hochstift Lüttich und Reichsabtei Stablo-Malmedy in lila und die Grafschaft Luxemburg in orange.
Als sich aus dem Ostfrankenreich das Heilige Römische Reich entwickelte, zählte zu dessen Territorien auch das hier behandelte Gebiet, und zwar als Teil des Herzogtums Niederlothringen. Niederlothringen erstreckte sich überwiegend auf heute belgisches und südniederländisches Gebiet bis hin zum Niederrhein und nördlichen Mittelrhein (siehe Karte links). Zunächst nicht zu Niederlothringen zählten die Grafschaft Luxemburg, das Moselland von Trier bis Koblenz und die Südeifel um Prüm (zu Letzterem siehe Abtei Prüm). Später, wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, wurden diese Gebiete von Ober- an Niederlothringen übertragen. Danach zerfiel das Herzogtum Niederlothringen in mehrere Herzogtümer, darunter das Herzogtum Brabant mit dem hier interessierenden Gebiet (siehe unten).
Die Herrschaft Luxemburgs, Triers und Limburgs sowie der Aufstieg Brabants ab 1288 Parallel zur gerade beschriebenen Entwicklung bildeten sich in etwa in der nördlichen Mitte des Herzogtums Niederlothringen ab 1020 die Grafschaft Limburg (siehe Karte rechts), die schließlich selbst zum Herzogtum aufstieg, wozu im äußersten Südosten Eupen gehörte; westlich von Limburg – aber mit größerer Nord-Süd-Ausdehnung und später entstanden (14. Jahrhundert) – das Hochstift Lüttich, an dessen östlicher Grenze das Kloster Malmedy lag, das ab einem bestimmten Zeitpunkt – zusammen mit dem Kloster Stablo – als Reichsabtei Stablo-Malmedy selbständig in Erscheinung trat.Kaiser Heinrich IV. stellte um 1080 Malmedy unter die Vorherrschaft des Klosters Stablo (Stavelot).mini|Das Hohe Venn erstreckt sich von Gebieten westlichen von Malmedy bis zu Gebieten östlich der heutigen deutschen Grenze (hier rot umrandet) Zum Territorium der Reichsabtei gehörten auch Teile des Hohen Venns, das sich allerdings ohnehin auch auf Gebiete westlich von Malmedy erstreckt, so dass dies also kein Argument gegen die These vom damals vorwiegend limburgischen und luxemburgischen (d. h. später: brabantischen) Einfluss in Ostbelgien ist.; die – zunächst Burg, dann Grafschaft, dann Herzogtum – Luxemburg (ab 963/1083).
Die in der Region allmählich zunehmende Bevölkerung rodete und baute neue Dörfer; die Ortschaft Sankt Vith wurde erstmals 1130 erwähnt. Auch Krewinkel, Mackenbach, Neundorf, Ouren und Weweler wuchsen.
Reichsabtei Stablo-Malmedy als Teil des Niederländisch-Westfälischen Reichskreises ab 1500 mini|links|Luxemburg um 1350: Die Karte ist auf Niederländische beschriftet: „Aken“ = „Aachen“; „Keulen“ = „Köln“. Der Fluss, der durch die Stadt Luxemburg fließt, ist die Alzette, dessen östliche Verlängerung die Sauer, deren von Nord kommender Zufluss die Our. Die Gebiete südlich von Aachen gehörten damals – mit Ausnahme von Malmedy – zu Limburg bzw. Luxemburg. mini|Die Reichskreise um 1560: der Niederrheinisch-Westfälische Kreis in braun, der Burgundische Kreis in beige.