mini|hochkant=1.2|Verbreitung des Ostfriesischen Platts Ostfriesisches Nieder-Gertrud Reershemius: Niederdeutsch in Ostfriesland. Zwischen Sprachkontakt, Sprachveränderung und Sprachwechsel. Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-515-08571-7, S. 14, , abgerufen am 5. August 2022. oder PlattdeutschHelga Ostendorf: Ostfriesland verstehen. epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-5761-8, S. 40, , abgerufen am 5. August 2022. (Eigenbezeichnungen: OostfreeskWörterbuch der Ostfriesischen Landschaft: ostfriesisch/oostfreesk), auch ostfriesisches Platt genannt, ist die niederdeutsche Volkssprache in Ostfriesland. Ostfriesland gehört zu den Regionen, in denen das Niederdeutsche noch eine relativ starke Stellung hat. Unter dem Einfluss des Hochdeutschen ist jedoch auch hier ein Rückgang der Sprachkompetenz bei den jüngeren Sprechern zu verzeichnen.Gertrud Reershemius: Niederdeutsch in Ostfriesland. Zwischen Sprachkontakt, Sprachveränderung und Sprachwechsel. Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-515-08571-7. Die Bezeichnung Ostfriesisch bezieht sich im allgemeinen Sprachgebrauch heute meist auf das ostfriesische Niederdeutsch und nur noch selten auf die im eigentlichen Ostfriesland ausgestorbene ostlauwerfriesischen Sprache, die nur noch im oldenburgischen Saterland (saterfriesische Sprache) von rund 2000 Menschen gesprochen wird.

Klassifikation Das ostfriesische Platt gehört zum nördlichen Niederdeutschen, einem Zweig des Niederdeutschen. Es ist jedoch kein direkt auf das Altsächsische zurückgehender Dialekt, sondern entstand erst ab etwa 1400 auf friesischem Substrat. Es ist also wie das Schleswigsche und fast das gesamte Ostniederdeutsche ein „Kolonialdialekt“. Das ostfriesische Platt wird innerhalb des Niedersächsischen in der Regel dem Nordniedersächsischen zugeordnet. Nur selten wird es von diesem getrennt behandelt.

Für die mittelniederdeutsche Zeit ist eine Dialektgliederung nur anhand der überlieferten geschriebenen Sprache möglich. Agathe Lasch ordnet 1914 das ostfriesische Mittelniederdeutsch mit dem Oldenburgischen als ostfriesisch-oldenburgische Schriftsprache ein.Agathe Lasch: Mittelniederdeutsche Grammatik. Halle 1914. Robert Peters hingegen fasst 1984 das Groningisch-Ostfriesische zu einem mittelniederdeutschen Schriftdialekt zusammen.Robert Peters: Überlegungen zu einer Karte des mittelniederdeutschen Sprachraums. In: Niederdeutsches Wort. 24, 1984, S. 51–59.

Insbesondere die ältere niederländische Literatur kennt den Terminus friso-saksisch („Friesisch-Sächsisch“) für niederdeutsche Dialekte auf friesischem Substrat, worunter das ostfriesische Platt klassifiziert wurde.Zum Beispiel: Johan Winkler: Algemeen Nederduitsch en Friesch dialecticon. Den Haag 1874. Dabei wurden insbesondere die westlichen ostfriesischen Dialekte häufig mit den Groninger Dialekten zum Gronings-Oostfries zusammengefasst.Auch Ethnologue kennt noch Gronings-Oostfries: http://www.ethnologue.com/show_language.asp?code=gos

Angrenzende Dialekte Dem ostfriesischen Platt stehen die umliegenden niedersächsischen Dialekte nahe: im Osten geht das Ostfriesische in das Jeverländer und nordoldenburgische Platt über, im Westen ist es trotz des in jüngerer Zeit zunehmenden Einflusses der unterschiedlichen Dachsprachen dem Groninger Platt noch sehr ähnlich. Mit den meisten der Groninger und Nordoldenburger Ortsdialekte hat es auch das friesische Substrat gemein.

Im Süden und Südosten werden die verwandten Dialekte des Emsländischen, Hümmlinger und Südoldenburger Platts gesprochen. Diese haben kein friesisches Substrat. Zudem hat die starke Konfessionsgrenze zwischen dem protestantischen Ostfriesland und dem katholischen Ems- und Oldenburger Münsterland lange Zeit den Kontakt der Dialekte gebremst.Vgl. z. B. zum im Saterland verwendeten Niederdeutschen: Dieter Stellmacher: Das Saterland und das Saterländische. Oldenburg 1998.

Geschichte Die ursprüngliche Sprache zwischen Lauwers und Weser war die friesische Sprache. Die altfriesische Sprache wurde in Ostfriesland ab etwa 1400 allmählich durch das Mittelniederdeutsche verdrängt, beeinflusste die neue Sprache aber auch. Das in Ostfriesland in Gebrauch kommende Mittelniederdeutsch wies zudem nicht nur friesisches Substrat, sondern auch einen konservativen niederdeutschen Sonderwortschatz auf, der sich in anderen Dialekten nicht erhalten hatte.Lars-Erik Ahlsson: Studien zum ostfriesischen Mittelniederdeutsch. Uppsala 1964. Die Unterschiede zu den umliegenden niederdeutschen Dialekten beruhen zum Teil bis heute auf diesen beiden Sonderentwicklungen. Auch Spuren der Unterscheidung von ems- und weserfriesischer Variante des Altostfriesischen finden sich bis heute im ostfriesischen Platt. Das Mittelniederdeutsch, das in Ostfriesland Einzug hielt, war eine westlich geprägte Mundart, daher finden sich bis heute auch westfälische Einflüsse in der Sprache wieder.

Im Laufe der Zeit kamen Einflüsse aus der niederländischen Sprache und damit auch dem Französischen hinzu, die in der Zugehörigkeit Ostfrieslands zum napoleonischen Königreich Holland gipfelten. Niederländisch war insbesondere im calvinistischen Südwesten Ostfrieslands weit verbreitet und als Kirchensprache bis ins 19. Jahrhundert in Gebrauch. Verstärkt wurde diese Wechselbeziehung durch rege Zu- und Abwanderung von und nach den Niederlanden.

Dialekte Das ostfriesische Platt kennt zahlreiche Ortsdialekte, die vor allem durch eine veränderte Aussprache und im Vokabular voneinander abweichen. Dabei finden sich zwei Hauptgruppen. Die kleinere Gruppe wird Harlingerländer Platt genannt und umfasst die östlichen Mundarten, die in etwa im heutigen Landkreis Wittmund gesprochen werden. Diese Dialekte stehen bereits den angrenzenden nordniedersächsischen Mundarten näher und gehen fließend in das Jeverländer und Nordoldenburger Platt über. Die westlichen Dialekte setzen sich dagegen stärker vom Oldenburgischen ab. Diese Dialekte, vor allem das Rheiderländer Platt und das Borkumer Platt, stehen bereits dem Groninger Platt sehr nahe.

Ein nach außen auffälliger Unterschied zwischen dem Harlinger Platt und dem übrigen Ostfriesischen ist die Vokabel für sprechen/reden: die Harlingerländer schnacken wie die meisten anderen Dialektsprecher zwischen Oldenburg und Schleswig. Die übrigen Ostfriesen proten (vgl. niederländisch praten). Die Sprachgrenze dieser beiden Gruppen entspricht in etwa jener der emsfriesischen und weserfriesischen Dialekte der alten ostfriesischen Sprache.

In einer Arbeit des Sprachwissenschaftlers Marron Curtis Fort zu den niedersächsischen und saterfriesischen Dialekten zwischen Lauwers und Weser werden innerhalb Ostfrieslands Sprachproben zu den unterschiedlichen Dialekten folgender Orte untersucht: Insel Borkum, Bunde im Rheiderland, Aurich, Insel Baltrum, Wittmund im Harlingerland und Rhauderfehn.Marron C. Fort: Niederdeutsch und Friesisch zwischen Lauwerzee und Weser. (PDF; 115 kB). In: Hans-Joachim Wätjen (Hrsg.): Zwischen Schreiben und Lesen : Perspektiven für Bibliotheken, Wissenschaft und Kultur ; Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Havekost. Oldenburg 1995. Dies mag als Auswahl der Dialektvielfalt gelten.

Ein ganz eigenes gruppentypisches Idiom innerhalb des Ostfriesischen Platts bildete in der Vergangenheit die mittlerweile verloren gegangene Verkehrssprache der (vielfach jüdischen) Viehhändler, in der sich ein eigenwilliges Platt teilweise mit jiddischen und anderen sprachlichen Elementen mischte.Gertrud Reershemius: Der jüdische Ethnolekt im 20. Jahrhundert im Verhältnis zur Fachsprache der Schlachter und Viehhändler. In: Gertrud Reershemius: Die Sprache der Auricher Juden: Zur Rekonstruktion westjiddischer Sprachreste in Ostfriesland (= Jüdische Kultur. Studien zur Geistesgeschichte, Religion und Literatur. Band 16). Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05617-5, S. 111 ff.

Merkmale Ostfriesisches Platt unterscheidet sich in einer Reihe von Merkmalen vom übrigen Nordniedersächsischen, wie es östlich von Bremen bis nach Schleswig-Holstein gesprochen wird. Ähnlich wie in der niederländischen Sprache oder in den alemannischen Dialekten wird häufig vom Diminutiv (der Verkleinerungsform) Gebrauch gemacht. Das Diminutiv-Suffix ist -je und -tje oder -ke, beispielsweise Footjes = Füßchen, Kluntje = Stück Kandiszucker für den Tee, Lüüntje = Spatz, Sperling (Passer domesticus), Tüütje = Hühnchen. Im Groninger Platt gibt es dieselben Wörter: Voutjes (vout), Klontje (klont). Luntje (lunt). Tuutje (tuut).

Das Diminutiv findet sich auch häufig bei ostfriesischen Vornamen, insbesondere weiblichen, die dann zu eigenständigen Namen geworden sind.

Wichtige Unterschiede zu den benachbarten niederdeutschen Mundarten finden sich zudem in der Grammatik: So hat Ostfriesisch den Einheitsplural auf -en (sonst meist -et) und kennt die konsequente Durchführung der ingwäonischen (nordseegermanischen) Metathese der germanischen Pronomen: hör für ihr (sonst auch niederdeutsch eer) und hüm oder hum für ihm/ihn (sonst auch niederdeutsch eem, trotz niederdeutsch he für dritte Person Singular männlich).

Phonetik und Phonologie Das Phoneminventar der niederdeutschen Sprache Ostfrieslands ist nicht generell zu beschreiben, da insbesondere die Realisierung der Vokale in den verschiedenen Ortsdialekten erheblich voneinander abweichen kann. Die folgende Beschreibung mag als Beispiel dienen, das nicht absolut, aber in weiten Teilen Gültigkeit hat.In Anlehnung an die Untersuchung Gertrud Reershemius: Niederdeutsch in Ostfriesland. Zwischen Sprachkontakt, Sprachveränderung und Sprachwechsel. Stuttgart 2004, in der die Ortsmundart von Campen in der Krummhörn im Mittelpunkt steht.

Vokale Monophthonge Neben den unten aufgeführten Vokalen existiert noch der Langvokal [], der allerdings nur im Diphthong [] vorkommt. Der Konsonant /r/ wird im Silbenauslaut häufig zu .

Kurzvokale: Phonem Laut Beispiel Bemerkung /i/ ik (ich) /e/ helpen (helfen) /ä/ recht (richtig) /a/ Gatt (Loch) /ü/ Süster (Schwester) /ö/ för (für) /ə/ Acker (Feld) Im Gegensatz zum Standarddeutschen wird die Nebensilbe -er nicht als [ɐ], sondern als [ə] realisiert. /u/ vull (voll) /å/ Salt (Salz)

Langvokale: Phonem Laut Beispiel /ii/ [:] riek (reich) /ee/ [:, ] Peeren (Birnen) /ää/ [:] Deer (Tier) /aa/ [:] Tahn (Zahn) /üü/ [] Füür (Feuer) /uu/ [:] ut (aus) /åå/ [:] maken (machen)

Diphthonge und Triphthonge Das Niederdeutsch Ostfrieslands ist reich an Diphthongen und weist in vielen Ortsdialekten auch Triphthonge auf.

Phonem Laut Beispiel Bemerkung /ei/ [] see (sagte) /eäi/ [] neei (neu) /öəi/ [] mööi (müde) /äi/ [] neet (nicht) /ai/ [] teihn (zehn) /aai/ [] Ei (Ei) /ui/ [] luntjen (anzünden) /ooi/ [] nooit (nie) /öu/ [] Droom (Traum) /au/ [] School (Schule) „School“ in der Krummhörn realisiert als [ʃgaʊl], im Rheiderland z. B. als [ʃgeaʊl]. /aau/ [] haun (schlagen) /ou/ [] Boom (Baum) /iə/ [] dicht (geschlossen) /üə/ [] Sünn (Sonne) /öə/ [] Bröör (Bruder) /uə/ [] Tung (Zunge) /åə/ [] koll (kalt) /eä/ [] seggen (sagen) /äü/ [] föhlt (fühlt)/oi/[ɔɪ]Moin (Moin)

Konsonanten Stimmhafte Plosive werden im Auslaut in der Regel verhärtet. Beim Wegfall eines Vokals im Auslaut kann die Stimmhaftigkeit des Konsonanten allerdings beibehalten werden, zum Beispiel: De dode Mann. / De dood Mann.

Plosive: Phonem Laut Beispiel /p/ Pogg (Frosch) /t/ Tiek (Käfer) /k/ Kööken (Küche) /b/ Been (Bein) /d/ Diek (Deich) /g/ geel (gelb)

Frikative: Phonem Laut Beispiel Bemerkung /f/ Vögel (Vogel) /w/ Water (Wasser) /s/ was (war) /z/ Sess (sechs) /ch/ Tüüg (Zeug) Der „Ich-Laut“ erscheint in der Regel nach kurzem und [] /ch/ hoog (hoch) Der „Ach-Laut“ erscheint auch an anderen Positionen als im Standarddeutschen, z. B. nach in Lücht (dt. Licht). /sch/ Schoh (Schuhe) /h/ heten (heißen)

Sonstige Konsonanten: