Lindau () ist ein in Südniedersachsen liegender Flecken mit rund 1700 Einwohnern. Er gehört der Gemeinde Katlenburg-Lindau an und liegt – als einziger Ort im Landkreis Northeim – im Untereichsfeld. Bis 1972 gehörte die bis dahin selbständige Gemeinde Lindau dem ehemaligen Landkreis Duderstadt an.

Zu den besonderen historischen Bauten des Ortes zählt das Mushaus Lindau, das Teil einer mittelalterlichen Burg war.

Geografie Lage Lindau liegt ungefähr 10 km südöstlich von Northeim an der Bundesstraße B 247. Die Ortslage erstreckt sich über die Flussauen von Rhume und Oder auf einer Höhenlage von ca. 145 m ü. NHN. Kleinere Erhebungen sind im Südwesten der Schornberg (218 m) und im Westen der Lindauer Wald (208 m).

Nachbarorte

Geschichte

Frühgeschichte Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts wurden einige Funde gemacht, die auf eine frühere Besiedlung Lindaus hinweisen. So fand sich im Jahre 1938 auf dem Lindauer Schulhof eine Pfeilspitze aus prähistorischer Zeit. Spätere Forschungen ergaben jedoch, dass die ca. 8000 Jahre alte Spitze aus den USA stammen muss. Wie sie nach Lindau kam, ist nie geklärt worden.

An den Hängen des Lindauer Klingenberges ließen sich Faustkeile und weitere Kleingeräte aus der Alters- und Mittelsteinzeit finden. Klingen aus Feuerstein fanden sich am Klingenberg sowie am Hang Am Brande und im Bereich der Mordmühle. Diese Funde weisen auf eine menschliche Anwesenheit vor ungefähr 10.000 Jahren.

Gefundene Keramikfragmente stammen wohl aus der vorrömischen Eisenzeit (800 v. Chr. bis Christi Geburt).

Mittelalter Lindau wurde 1184 erstmals mit Werenherus de Lindaw urkundlich erwähnt. In unmittelbarer Nähe des heutigen Lindaus werden mit Meginwardeshusen und Tappenhusen zwei heute nicht mehr existente Dörfer (Wüstungen) vermutet.

mini|Auf diesem Feld hat sich vermutlich die alte Burg befunden Die neue Lindauer Burg, von der heute einzig das Mushaus noch besteht, wurde im 14. Jahrhundert errichtet. Doch schon vorher besaß Lindau eine Burg, die sich an einer Senke östlich der Rhumebrücke am Ortsausgang nach Gillersheim befunden haben könnte. Dort wird eine Wasserburg vermutet, die im 12. und 13. Jahrhundert bestand. Der genaue Standpunkt der alten Lindauer Burg ist umstritten. Gegenüber dem Gelände erinnert der Flurname „Burgwall“ an die Burg.

Reformation bis zum Siebenjährigen Krieg Während der Reformation hatte Lindau dem Kurfürsten und Erzbischof von Mainz unterstanden und die Bevölkerung war katholischen Glaubens. Nach der Reformation änderte sich dies unter dem Einfluss des Hardenberg’schen Adelsgeschlechtes vorübergehend, so dass im Jahre 1558 die Mehrzahl der Bevölkerung protestantisch war. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts herrschte in Lindau der Protestantismus vor. Erst als repressive Maßnahmen gegen die noch verbliebenen Protestanten eingeführt worden waren, kehrte der Ort allmählich zum Katholizismus zurück.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurden unter der Führung des Herzogs Christian (genannt: „der Tolle“) von Braunschweig weite Teile des Eichsfeldes vernichtet. Am 25. April 1626 wurde Lindau zerstört, selbst die Kirche war verwüstet worden, so dass sie sich nur noch notdürftig wiederherrichten ließ und 1758 abgetragen und durch die heutige St. Peter und Paul ersetzt wurde. Einzig das Mushaus hatte die Vernichtung überstanden.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) blieb Lindau eine erneute Zerstörung erspart.

Kurmainzische Herrschaft (1434/1523–1802) Zusammen mit dem Eichsfeld hatte sich Lindau seit 1523 vollständig unter der Herrschaft des Mainzer Erzbistums befunden. Da Hardenberg’scher Adel lange Zeit einen sehr hohen Einfluss in Lindau gehabt hatte, setzte das Erzbistum keine Angehörigen der Hardenberger mehr als Amtmänner ein. Der politische Einfluss konnte somit zurückgedrängt werden.

Preußische Herrschaft (1802–1806) Die Teilnahme des Mainzer Kurfürsten an den Kriegen zur Niederschlagung der Französischen Revolution überstand der Kurstaat nicht. Somit wurde das gesamte Eichsfeld im Jahre 1802, im Vorgriff auf die Regelungen des Reichsdeputationshauptschlusses vom Februar 1803, von Preußen in Besitz genommen. Die erste Epoche preußische Herrschaft war nur von kurzer Dauer sein, da Preußen wurde im Oktober 1806 in der Schlacht bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen wurde. Das Eichsfeld geriet danach in französischen Besitz.

Königreich Westphalen (1807–1813) mini|Die deutschen Gebiete mitsamt dem Königreich Westphalen mini|Kreuz auf dem Friedhof 1807 wurde vom französischen Kaiser Napoléon I. das Königreich Westphalen gegründet. Als König setzte Napoléon seinen jüngeren Bruder, Jérôme Bonaparte, ein. Das von ihm regierte Königreich umfasste unter anderem das Eichsfeld. Es wurde dem Departement des Harzes zugeteilt und Lindau als einziger Ort des Eichsfeldes dem Distrikt Osterode. Innerhalb dieses Distriktes bildete Lindau mit Wulften, Berka, Hattorf und Dorste den Kanton Lindau. Die neue Verwaltung war eine für damalige Verhältnisse äußert moderne und effiziente Einrichtung.

Die napoleonischen Kriege, an denen das Königreich Westphalen teilnahm, ließen es ausbluten und brachten auch für Lindau Hungersnöte. Im Frühjahr 1813 gelang es einem preußischen Freikorps die westfälischen Truppen aus dem Eichsfeld zu vertreiben, dem sich die Eichsfelder anschlossen.

Es folgte eine zweite, jedoch kurze Epoche unter preußischer Herrschaft. Lindau musste, wie die übrigen preußischen Gebiete, große Mengen an Sachgütern und Naturalien abliefern und hatte, wie der Rest des Eichsfeldes, die Pflicht ein großes Soldatenkontingent zu stellen. Erst mit dem Wiener Kongress verbesserte sich die Lage in Lindau.

Wiener Kongress bis Erster Weltkrieg (1815–1918) 29 Ortschaften des Untereichsfeldes kamen zum Königreich Hannover, auch Lindau, das im Zuge von Verwaltungsreformen an Bedeutung verlor. Das alte Amt Lindau wurde nicht wiederhergestellt, stattdessen ein Amt Gieboldehausen-Lindau, welches Gieboldehausen zum Verwaltungssitz hatte. Im Jahre 1832 erfolgte schließlich die Zusammenlegung des Amtes Katlenburg mit dem ehemaligen Amt Lindau zum neuen Amt Catlenburg-Lindau.

Bei der Märzrevolution des Jahres 1848 zogen in Lindau junge Leute mit schwarz-rot-goldenen Fahnen durch die Ortschaft, um Gleichheit und Freiheit zu fordern.

Eine Justizreform im Königreich Hannover führte dazu, dass Lindau 1852 ein Amtsgericht bekam, das 1859 in der zweiten hannoverschen Verwaltungsreform wieder aufgelöst wurde. Das funktionslos gewordene Lindauer Amtshaus wurde 1872 für 10.000 Taler vom Lindauer Industriellen August Greve als Wohnsitz erworben.

mini|hochkant|Mariendenkmal für die Feuerkatastrophe von 1911

In erneuter Verwaltungsreform kam Lindau zum neugeschaffenen Landkreis Duderstadt mit Duderstadt als Verwaltungssitz. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlor die Stadt gegenüber dem wirtschaftlich florierenden Northeim an Bedeutung.

Am Nachmittag des 15. April 1911 – ein Karsamstag – kam es in Lindau zum größten und verheerendsten Brand im Ort. Als Reaktion auf diesen Brand gründeten Lindauer Bürger noch im selben Jahr die Freiwillige Feuerwehr Lindau. Im 19. Jahrhundert nahm die wirtschaftliche Bedeutung Lindaus durch die Ansiedlung der Jutespinnerei Greve (1872) und durch die Herstellung von Brauereipech zu.

Weimarer Republik (1918–1933) mini|Die Grevesche Jutespinnerei war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Seit dem 17. Jahrhundert bestand Lindau wieder überwiegend aus Katholiken. Einer Volkszählung aus dem Jahre 1934 zufolge gab es 1487 Einwohner, von denen 85,5 % katholischen Glaubens und lediglich 14,5 % evangelisch waren. Jüdische Einwohner gab es zu dieser Zeit in Lindau nicht mehr. 1920 errang die Zentrumspartei 69,8 % der abgegebenen Stimmen bei der Reichstagswahl. Während die SPD bei den Reichstagswahlen von 1920 10 % der abgegebenen Stimmen bekommen hatte, schaffte es die deutlich sozialistischere USPD auf 11,4 %.

Der Einfluss der Nationalsozialisten war in Lindau anfangs gering mit 0,3 % im Jahr 1928. 1932 schaffte es die NSDAP auf 21,9 % und wurde damit hinter dem Zentrum zweitstärkste Kraft in Lindau.

Erste Jahre des Nationalsozialismus (1933–1939) Zunächst blieb die Lindauer Bevölkerung gegenüber den neuen Machthabern skeptisch. Nach dem Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan fühlten sich jedoch viele Katholiken, die dem Nationalsozialismus vorher immer skeptisch gegenüberstanden, ermutigt, der NSDAP beizutreten. Zudem gründete sich in Lindau die NS-Frauenschaft. Nach und nach wurde der Nationalsozialismus auch unter Katholiken salonfähig.

Im Mai 1933 wurde Heinrich Leinemann vom Oberpräsidenten in Hannover zum ersten nationalsozialistischen Bürgermeister ernannt.

mini|Marktplatz mit St. Peter und Paul im Hintergrund Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen führten in Lindau dazu, dass neue Straßen u. Ä. gebaut und mehr Menschen beschäftigt wurden. Unter anderem wurde 1938 der Marktplatz gepflastert, der als Bühne für viele politische Kundgebungen benutzt wurde.

Die Wirtschaft florierte, die Bindfadenfabrik Greve z. B. bekam von der Wehrmacht viele Aufträge. Der Aufschwung lässt sich nachträglich mit den Vorbereitungen für den Zweiten Weltkrieg erklären.

Zweiter Weltkrieg (1939–1945) Bei Flugzeugabstürzen über Lindau kamen z. B. 1945 eine Gruppe von kanadischen Luftwaffensoldaten ums Leben. Während des Krieges kamen viele Kriegsgefangene nach Lindau. Es waren unter anderem Franzosen und Polen, die zum Teil in der Landwirtschaft eingesetzt wurden.

Im Zweiten Weltkrieg fielen 111 Soldaten aus Lindau oder sie gelten als vermisst. Die Zahl ist fast doppelt so hoch wie die der gefallenen Lindauer Soldaten im Ersten Weltkrieg.

Nachkriegszeit (1945–1949) mini|hochkant|Ehemalige Gemeindeverwaltung Nach der Befreiung des Ortes durch amerikanischen Soldaten rückten im Juni 1945 ungefähr 200 britische Soldaten in Lindau ein und blieben bis 1946. Zwischen den britische Besatzungssoldaten und der Lindauer Bevölkerung bestanden, nachdem das Fraternisierungsverbot aufgehoben war, gute Beziehungen.

Problematisch für den Ort war die hohe Anzahl von Flüchtlingen aus den deutschen Großstädten und der Mangel an Nahrung, Unterkunft und Beschäftigung. Die Zahl der Flüchtlinge wuchs stetig an, so dass die Einwohnerzahl schließlich sogar auf 2400 stieg.

Seit 1949 Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam Lindau nördlich der Bundesstraße ein Neubaugebiet und die Infrastruktur wurde verbessert.

Im Jahre 1957 erhielt der Ort eine Mehrzweckhalle, die an der Schützenallee gebaut wurde und 2006 umfangreich renoviert wurde. Wenige Meter davor wurde 1965 eine neue, größere Volksschule errichtet, die heute als Haupt- und Realschule dient. Auch ein neuer, moderner Kindergarten war 1969 erbaut worden. Er befindet sich bis heute in katholischer Hand. In dieser Zeit bekam Lindau auch einen eigenen Sportplatz, der damals 62.000 DM gekostet hatte. Ein neues Feuerwehrhaus wurde 1971 gebaut sowie Straßen asphaltiert und mit moderner Beleuchtung ausgestattet.

Seit 1966 unterhält Lindau eine Partnerschaft mit dem süddeutschen Ort Binau. Seit 1975 existiert in Binau eine „Lindauer Straße“ und seit 1978 in Lindau eine „Binauer Straße“.

mini|Klingenberg-Quelle

Im Zuge der niedersächsischen Gebiets- und Verwaltungsreform wurde der Landkreis Duderstadt aufgelöst und Lindau 1. Januar 1973 als einziger Ort dem Landkreis Northeim angegliedert.

Den Status einer Gemeinde verlor Lindau am 1. März 1974. Zusammen mit sechs weiteren Ortschaften wurde die Gemeinde Katlenburg-Lindau gegründet. Über den neuen Namen der Gemeinde war lange gestritten worden, auch darüber, ob man nicht vielleicht mit Wulften oder Bilshausen zusammenarbeiten sollte. Beim Namen setzte sich der heute noch bestehende Name gegen das von Lindau bevorzugte Lindau-Katlenburg durch. Katlenburg wurde Verwaltungssitz.