En Gedi oder Ein Gedi () ist eine Oase im Südbezirk Israels (Regionalverwaltung Tamar). Sie liegt am Westufer des Toten Meeres südlich der Grenze zum Westjordanland. Die Oase ist seit der Kupfersteinzeit besiedelt. Heute befinden sich dort ein Kibbuz, ein israelischer Nationalpark und mehrere archäologische Stätten.

Name Die Oase trägt einen bereits in der Bibel vorkommenden Namen mit der Bedeutung „Böckchenquelle“. Er wird im Masoretischen Text vokalisiert. Die antike griechische Namensform lautet in der Septuaginta , bei Flavius Josephus , im Onomastikon des Eusebius von Caesarea und lebt weiter im arabischen Namen der Oase: .Gesenius. 18. Auflage. 2013, S. 416. Vgl. Edward H. Palmer: The Survey of Western Palestine. Arabic and English Name Lists. London 1881, S. 416. (Digitalisat)

Der historische Siedlungshügel (Tell) hingegen heißt arabisch Tell el Jurn „Troghügel“;Edward H. Palmer: The Survey of Western Palestine. Arabic and English Name Lists. London 1881, S. 418. (Digitalisat) davon abgeleitet ist der neuhebräische Name תל גורן Tel Goren „Dreschplatz-Hügel.“

Topographie Die Oase befindet sich etwa in der Mitte des Westufers des Toten Meeres. Sie wird im Norden vom Wadi Sdeir (neuhebräisch: Nachal David) begrenzt, wo eine der Hauptquellen von En Gedi entspringt. Die zweite Hauptquelle der Oase entspringt südlich einer Felskuppe (Mizpeh En Gedi), die sich 200 m über dem Toten Meer erhebt (–180 m bis –150 m ü. NN).

En Gedi liegt an der Nationalstraße , der zentralen Nord-Süd-Verbindung Israels. Im Januar 2015 musste ein Straßenabschnitt bei En Gedi wegen Senklöchern dauerhaft gesperrt werden; der Verkehr wurde provisorisch über Kibbuzgelände geführt, bis der 2 km lange Bypass im Juli 2015 fertiggestellt war.Sharon Udasin: “Damage to Ein Gedi Nature Reserve feared due to Road 90 roadworks.” In: The Jerusalem Post. 26. Januar 2015. “New road opens to bypass Road 90 sinkholes near Ein Gedi”. In: The Jerusalem Post. 8. Juli 2015.

Klima

Flora und Fauna Das 1972 ausgewiesene En-Gedi-Naturschutzgebiet umfasst 14 Quadratkilometer Fläche und beherbergt einige größere Säugetiere, wie Echtgazellen, Nubische Steinböcke und Klippschliefer. Im Naturschutzgebiet werden verschiedene Vogelarten angetroffen, darunter der Tristramstar, der Graudrossling (Argya squamiceps), der Smaragdspint und verschiedene Geierarten. Unter den Zugvögeln sind der Grauschnäpper und der Braunliest.

Die Flora von En Gedi ist vielfältig, da hier Pflanzen verschiedener Regionen zusammentreffen:Israel Nature and Parks Authority: En Gedi Nature Reserve, Brochure and Site Map (Download)

Tropische (sudanische) Flora: Maerua crassifolia, Cordia sinensis, Oxystelma esculentum Saharo-arabische Wüstenflora: Zygophyllum dumosum, Anabasis articulata, Ochradenus baccatus, Gymnocarpus decander, Asteriscus graveolens Mediterrane Flora: Urginea maritima, Cheilanthes vellea, Cheilanthes fragrans, Adiantum, Phagnalon rupestre, Vitex agnus-castus, Phragmites australis, Arundo donax Irano-turanische Steppenflora: Salix acmophylla. Epipactis veratrifolia, Echinops polyceras, Populus euphratica

Während die umgebende Wüstenlandschaft fast vegetationslos ist, bietet die Oase durch ihren Wasserreichtum die Voraussetzung für eine üppige Flora und viele Tierarten. Das Kerngebiet der Oase sind die beiden tief eingeschnittenen Täler des Nachal Arugot und des Nachal David, in denen das Wasser der umliegenden Gebiete an die Oberfläche tritt. Touristen besuchen meist den mehrere Meter hohen Schulamit-Wasserfall im Nachal David.

Archäologie Chalkolithisches Heiligtum Das von Yohanan Aharoni 1956 bei einem Survey entdeckte und von einem Team unter Leitung von Benjamin Mazar und David Ussishkin 1962 ausgegrabene Heiligtum gehört der Ghassulien-Kultur an (etwa 3150 v. Chr.). Etwa 160 m nordnordöstlich der Quelle von En Gedi und etwa 30 m gegenüber dieser erhöht auf einer Felsterrasse, scheint das Heiligtum ohne Wohnbebauung in seiner Nachbarschaft isoliert gestanden zu haben. Eine steinerne Umfassungsmauer umschloss ein Areal von etwa 25 × 20 m. Die steinernen Fundamente setzten direkt auf dem Felsen auf. Das aufgehende Mauerwerk bestand aus Lehmziegeln, die Dächer aus Palmwedeln und Zweigen.David Ussishkin: The Chalcolithic Temple in Ein Gedi: Fifty Yeards after Its Discovery. In: Near Eastern Archaeology. 77/1 (2014), S. 15–26, hier S. 16. Der Hauptzugang zum Innenhof erfolgte von Süden durch einen Torbau. Im Nordosten gab es einen Nebeneingang. Das Hauptgebäude auf schmalrechteckigem Grundriss (Außenmaße: 19,7 × 5,5 m) lag an der Nordseite des Innenhofs. und wurde durch eine Tür in der Mitte der Breitseite betreten. Der Eintretende stand dann einem halbkreisförmigen Altar direkt gegenüber, auf dem noch Reste von Asche, Tierknochen sowie eine Stierskulptur aus Lehm gefunden wurden. An der Rückseite des halbkreisförmigen Altars stand ein Steinpodest, auf dem sich vermutlich einst das Kultsymbol befand. „Wahrscheinlich war es eine Hausgottheit aus Basalt, wie sie charakteristisch ist für Stätten des Ghassulien im Golan,“ so David Ussishkin.David Ussishkin: The Chalcolithic Temple in Ein Gedi: Fifty Yeards after Its Discovery. In: Near Eastern Archaeology. 77/1 (2014), S. 15–26, hier S. 20. An der Ostseite des Innenhofs befand sich ein Nebengebäude. In der Mitte des Innenhofs fand man eine kreisrunde, aus Steinplatten gelegte Struktur. In ihrem Inneren gab es eine Vertiefung von 40 cm bei einem Durchmesser von 90 cm. Hier kann ein (kleiner) heiliger Baum gestanden haben.

Seit der Ausgrabung wurde ein Bezug zwischen dem chalkolithischen Heiligtum von En Gedi (in dem keinerlei Kultgeräte gefunden wurden) und den 442 kultischen Bronzeobjekten diskutiert, die in einer Höhle im Nachal Mischmar deponiert worden waren. David Ussishkin schlägt vor, dass die Priester den Tempel planmäßig aufgaben und die Kultobjekte in der nahegelegenen Höhle deponierten, mit der Absicht, künftig zurückzukehren und den Kult wieder aufzunehmen.David Ussishkin: The Chalcolithic Temple in Ein Gedi: Fifty Yeards after Its Discovery. In: Near Eastern Archaeology. 77/1 (2014), S. 15–26, hier S. 23.

Tel Goren (Tell el-Jurn) Der Siedlungshügel Tel Goren hat eine Länge von 140 m und eine Breite von 25 m (insgesamt 3500 Quadratmeter).Othmar Keel, Max Küchler: Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land. Band 2: Der Süden. Benziger, Zürich und Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, S. 428. Er befindet sich etwa 900 m westlich der Einmündung des Nachal Arugot ins Tote Meer, hat eine Höhe von –336 m ü. NN. bzw. mehr als 60 m über dem Toten Meer. Insgesamt fünf Grabungskampagnen der Hebräischen Universität Jerusalem und der Israel Exploration Society fanden auf dem Tell zwischen 1961 und 1965 statt. Das Team unter Leitung von Benjamin Mazar, Trude Dothan und Immanuel Dunayevsky stellte folgende Straten fest:Benjamin Mazar: Kapitel Tel Goren des Art. En-Gedi. In: Michael Avi-Yonah (Hrsg.): Encyclopedia of archeological excavations in the Holy Land. Band 2. Israel Exploration Society, Jerusalem 1976, S. 372–377, hier S. 373.

V Späte Eisenzeit II (um 630–587 v. Chr.) IV Perserzeit (5./4. Jahrhundert v. Chr.) III Hellenistische Zeit (Hasmonäerreich, vor allem Regierungszeit von Johannes Hyrkanus und Alexander Jannäus) II Frührömische Zeit (vor allem 0–50 n. Chr.) I Römische Kaiserzeit bis byzantinische Zeit (2.–6. Jahrhundert n. Chr.)

Am Nordhang des Tell wurden Gebäude aus der Zeit des Königreichs Juda (Stratum V) freigelegt, die der Parfumherstellung dienten. En Gedi war in dieser Zeit ein königliches Gut zur Verarbeitung des in den Oasen am Toten Meer kultivierten Balsams (wahrscheinlich Commiphora opobalsamum).Benjamin Mazar, Immanuel Dunayevsky: En-Gedi, Third Season of Excavations: Preliminary Report. In: Israel Exploration Journal 1/3 (1964), S. 121–130, hier S. 123. Aus persischer Zeit (Stratum IV) stammt ein großes Haus, ebenfalls am Nordhang, das ungefähr 625 Quadratmeter bedeckte und 23 Räume besaß. Auch hier gab es eine Parfumwerkstatt.Othmar Keel, Max Küchler: Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land. Band 2: Der Süden. Benziger, Zürich und Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, S. 429f. Benjamin Mazar, Immanuel Dunayevsky: En-Gedi, Third Season of Excavations: Preliminary Report. In: Israel Exploration Journal. 1/3 (1964), S. 121–130, hier S. 124f.

Von der Zitadelle, die in hellenistischer und frührömischer Zeit auf dem Tel Goren stand, ist ein Turm am Westende des Tell relativ am besten erkennbar, er hat eine Grundfläche von 7 × 14 m.Othmar Keel, Max Küchler: Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land. Band 2: Der Süden. Benziger, Zürich und Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, S. 428f.

Spätantike Synagoge Der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich seit der frührömischen Zeit vom Hügel in die Ebene.

In seinem Onomastikon bezeichnete Eusebius von Caesarea En Gedi im 4. Jahrhundert als ein „großes Dorf der Juden“. Der Bevölkerungsanstieg führte dazu, dass die landwirtschaftlich nutzbare Fläche maximal ausgeweitet wurde. Aus dieser Zeit stammen die Terrassen bei Mezad Arugot (400 m südwestlich vom Tel Goren).Yosef Porath: Survey of Ancient Agricultural Systems at the ‘En Gedi Oasis. In: ‘Atiqot. Band 50, 2005, S. 237–239 (englisch).

Die spätantike Synagoge von En Gedi befindet sich auf halbem Wege zwischen dem Tel Goren und dem Nachal David. Sie wurde von 1970 bis 1973 in drei Kampagnen von Dan Barag im Auftrag der Hebräischen Universität Jerusalem ausgegraben. Die dabei freigelegte Synagoge des 5./6. Jahrhunderts (über mehreren Vorgängerbauten) hat eine Grundfläche von 15 × 12 m und eine Nische für den Toraschrein in der Nordwand, d. h. in Richtung nach Jerusalem. Ebenfalls an der Nordseite befindet sich der Sitz des Synagogenvorstehers, der hier noch in ursprünglicher Position erhalten ist und dokumentiert, dass der Vorsteher mit dem Rücken zum Heiligtum der Gemeinde gegenüber saß.Lee I. Levine: The Ancient Synagogue: The First Thousand Years. Yale University Press, New Haven / London 2005, S. 349f. Die Mosaiken zeigen geometrische Muster und Vogelmotive, im westlichen Seitenschiff gibt es zwei hebräische und zwei aramäische Inschriften: abgesehen von Stifterinschriften eine Aufzählung der Nachkommen Adams bis zu Noach und seinen Söhnen sowie eine Aufzählung der Tierkreiszeichen und der Monate des jüdischen Kalenders. Ungewöhnlich ist, dass eine Inschrift des Mosaikfußbodens ein sozial unerwünschtes Verhalten beschreibt:

Es gibt verschiedene Vorschläge, was mit dem „Geheimnis der Stadt“ gemeint ist; es kann politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Art sein. Diese Frage lässt sich aber nicht mehr klären.Lee I. Levine: The Ancient Synagogue: The First Thousand Years. Yale University Press, New Haven / London 2005, S. 386.

Die Synagoge wurde durch einen Brand zerstört. In der Nische der Nordwand fanden die Ausgräber eine 20 cm hohe bronzene Menora, mehrere verkohlte hebräische Schriftrollen aus dem 4. Jahrhundert, einen Becher, Münzen sowie Glas- und Keramikscherben.D. Barag, Y. Porat, E. Netzer: En-Gedi. In: Revue Biblique. Band 79, 1972, S. 581–583, hier S. 583. Ab 2014 lief die Untersuchung der Schriftrollen mittels Computertomographie und einer daran anschließenden Lageanalyse der Fragmente. So konnte ein Teil der Schrift dank der verwendeten metallischen Tinte entziffert werden.Verbrannt und doch nicht verloren. In: NZZ, 21. September 2016. Es handelt sich um die ersten Verse des Buchs Levitikus (). Nächst den Schriftrollen vom Toten Meer ist dies das älteste bekannte Fragment einer Tora-Rolle und das älteste überhaupt, das im Kontext einer Synagoge gefunden wurde.Israel Antiquities Authority: The Most Ancient Hebrew Scroll since the Dead Sea Scrolls has been Deciphered

Literarische Erwähnungen Hebräische Bibel