mini|Federico García Lorca (1932) rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image
Federico García Lorca (mit vollem Namen Federico del Sagrado Corazón de Jesús García Lorca; * 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936 in Víznar nahe Granada) war ein spanischer Lyriker und Dramatiker. Er gehört zu den führenden Gestalten der Generación del 27, zu der Dichter wie Vicente Aleixandre, Dámaso Alonso, Rafael Alberti, Pedro Salinas, Jorge Guillén oder Gerardo Diego zählen. Zusammen mit Ramón del Valle-Inclán erneuerte er das spanische Theater, das in spätromantischen Formeln und in einem flachen Naturalismus erstarrt war.
Leben Kindheit und Jugend in Granada (1898–1919) mini|Geburtshaus von García Lorca in Fuente Vaqueros
Federico García Lorca wuchs im ländlichen Fuente Vaqueros auf, in der fruchtbaren Vega de Granada. Sein Vater Federico García Rodriguez (Enkel von Antonio García Vargas), der nach dem Tod seiner ersten Frau ein großes Vermögen geerbt und vermehrt hatte,Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8. war ein wohlhabender adliger Landwirt, patriarchalisch, aber liberal gesinnt.Ian Gibson: Federico García Lorca I. De Fuentevaqueros a Nueva York. Grijalbo, Barcelona 1985. Seine Mutter (aus der Familie Lorca) war eine an Musik und Literatur interessierte Dorfschullehrerin. Zu den Spielgenossen seiner Kindheit gehörten sein jüngerer Bruder Francisco, seine kleinen Schwestern Concha und Isabel und die zahlreichen Kinder der in Fuente Vaqueros lebenden Verwandten. 1909 zog die Familie in die Provinzhauptstadt Granada, wo der Vater ein ansehnliches Haus mit Garten im Stadtzentrum mietete. Während seiner Schulzeit erhielt Federico Musikunterricht und er begeisterte sich so für die Musik (insbesondere für die spanische und andalusische Folklore sowie den Flamenco), dass er nach seinem Schulabschluss ein Musikstudium erwog. Der Vater war aber für ein Jurastudium an der Universität in Granada und so immatrikulierte sich der Siebzehnjährige nicht nur in der juristischen, sondern auch in der philosophischen Fakultät. Als Student verkehrte Federico vornehmlich in den künstlerischen und literarischen Kreisen der Provinzhauptstadt und machte seine ersten Schreibversuche. Die dichterischen Vorbilder dieser Lehrjahre waren Rubén Darío,José Luis Cano, García Lorca. Biografía ilustrada, Destino, Barcelona 1962, S. 24. der Schöpfer des Modernismo und die Wegbereiter der spanischen Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts, die Andalusier Antonio Machado und Juan Ramón Jiménez.Literaturlexikon 20. Jahrhundert, Rowohlt, Reinbek 1971, S. 286. Ihr Einfluss schlug sich im ersten Gedichtband des jungen Federico nieder, der 1918 unter dem Titel Impresiones y paisajes erschien und dessen Druck vom Vater finanziert wurde.
In der Madrider Residencia de Estudiantes (1919–1929) mini|Residencia de Estudiantes in Madrid
Mit diesem Erstlingswerk unter dem Arm machte sich Garcia Lorca im Frühjahr 1919 nach Madrid auf, um dort dem Wunsch seines Vaters entsprechend an der Universität das Studium abzuschließen, aber auch mit dem Vorsatz, sich in der Hauptstadt am künstlerischen und intellektuellen Leben zu beteiligen. Er zog in die Residencia de Estudiantes ein, eine 1910 nach dem Vorbild der Kollegien von Oxford und Cambridge nach liberalen und weltoffenen Grundsätzen gegründeten Institution. Dort fand er nicht nur die ideale Atmosphäre zum Studieren und Schreiben, sondern auch zum freundschaftlichen und intellektuellen Austausch. In der Residencia wurde er bald zum Mittelpunkt eines weiten Freundeskreises, zu dem der junge Katalane Salvador Dalí, der an der Madrider Kunstakademie San Fernando Malerei studierte, und der angehende Filmemacher Luis Buñuel zählten. Zwischen Lorca und Dalí entstand eine enge Freundschaft, die durch künstlerische Affinität und durch Besuche Lorcas in Dalís Elternhaus in Cadaqués gefestigt wurde. mini|hochkant|Salvador Dalí und Federico García Lorca in Barcelona 1925
Bald fand Lorca, der 1921 seinen zweiten Gedichtband Libro de poemas publizierte, auch den Anschluss an das Madrider Theaterleben. Trotz eines ersten Misserfolgs mit dem modernistischen Stück El maleficio de la mariposa, das 1920 nur vier Vorführungen im Teatro Eslava erlebte,Francisco García Lorca: Federico y su mundo. Alianza, Madrid 1980, ISBN 84-206-3058-6, S. 262–266. entstand 1922 die Tragicomedia de don Cristóbal y la señá Rosita, eine Farce im Stil des französischen Puppentheaters, die zwar nicht auf die Bühne gelangte, aber als Fingerübung zu dem späteren Werk La zapatera prodigiosa (1930) betrachtet wird. In diesen intensiven Jahren bis 1925 entstanden auch die Gedichte, die 1927 unter dem Titel Canciones erschienen, das modernistische Drama Mariana Pineda, das ebenfalls 1927 aufgeführt wurde, und vor allem die ersten Entwürfe zum Gedichtband Romancero gitano, der 1928 im Verlag der von Ortega y Gasset herausgegebenen Revista de Occidente erschien und Lorca schlagartig berühmt machte.Antonina Rodrigo: Lorca-Dalí. Una amistad traicionada. Planeta, Barcelona 1981, ISBN 84-320-5669-3, S. 210. In den Gedichten des Romancero, in denen das traditionelle Volkslied – romance – mit neuen Inhalten versehen und formell erweitert wird, gipfelt die erste Schaffensperiode des Dichters. Auf persönlicher Ebene fiel der Erfolg des Romancero mit dem Ende der Freundschaft mit Dalí zusammen, der im Frühjahr 1929 nach Paris zog, um mit Buñuel an dem Film Un chien andalou zu arbeiten.
Reise nach New York und Kuba (1929–1930) Der Bruch mit Dalí, der auch künstlerisch motiviert war, und der außerordentliche Publikumserfolg des Romancero trugen zu einer schweren Krise bei, der Lorca durch eine weite und lange Reise nach den USA und Kuba zu entrinnen versuchte.Angel del Río: Vida y obras de García Lorca. Estudios literarios, Zaragoza, 1952, S. 36. Im Juni 1929 reiste er in Begleitung eines Freundes der Familie, Fernando de los Ríos, über Paris und London nach New York. Dort richtete er sich in einem Studentenheim der University of Columbia ein und belegte einige Englischkurse, die er aber nicht regelmäßig besuchte. Er zog es vor, die riesige Metropole zu durchwandern und sich von ihr beeindrucken zu lassen, wie er in seinen Briefen nach Hause berichtete. Im Sommer verbrachte er mehrere Wochen bei amerikanischen Freunden in Eden Mills, Vermont, wo er an seinen New Yorker Eindrücken, den späteren Gedichten des Zyklus Poeta en Nueva York, arbeitete,Federico García Lorca escribe a su familia desde Nueva York y La Habana, 1929–1930. In Poesía, Nr. 23–24, Madrid 1985. und kehrte dann wieder nach New York und in sein Studentenzimmer in Columbia zurück. In einem Brief an die Eltern schrieb er: „Habe etwas fürs Theater angefangen, das interessant werden kann. Man muss an das Theater der Zukunft denken, was es jetzt in Spanien gibt, ist tot. Entweder wird das Theater radikal verändert oder es stirbt aus. Es gibt keine andere Lösung.“ Er bezog sich damit auf sein surrealistisches Drama Así que pasen cinco años. Am 29. Oktober erlebte er den historischen Börsenkrach an der Wall Street, den er in Poeta en Nueva York thematisierte.
Im Frühling 1930 reiste Lorca nach Kuba, wo er eingeladen von der Institución Hispano-Cubana de Cultura drei Monate verbrachte. In Havanna wurde er stürmisch empfangen und als Autor des Romancero gitano gefeiert. An seine Familie schrieb er: „Vergesst nicht, dass in Amerika ein Dichter mehr ist als ein Fürst in Europa.“ Im Teatro Principal de la Comedia in Havanna, einer 1803 aus dem ursprünglich 1775 errichteten kleinen Theaterbau hervorgegangenen Spielstätte (scherzhaft „Kolosseum“ genannt), hielt er mehrere Vorträge über spanische Kinderlieder (Canciones de cuna españolas), über den barocken Dichter Luis de Góngora und über den andalusischen cante jondo.Ian Gibson: Federico García Lorca II. De Nueva York a Fuente Grande 1929–1936. Grijaldo, Barcelona 1987. In Kuba arbeitete er auch an zwei Theaterstücken (Así que pasen cinco años und El Público) sowie an der Oda a Walt Whitman, die stilistisch zum New Yorker Gedichtszyklus gehören.
Lorca war homosexuell, haderte jedoch damit und verbarg seine sexuelle Orientierung vor seiner Familie. In dieser Zeit, insbesondere in Kuba, begann er seine Homosexualität offener auszuleben.Karen Genschow: Federico García Lorca. Suhrkamp, Berlin 2011, S. 25, S. 39.
Im Frühjahr 1930 schickte sich Lorca zur Rückkehr nach Spanien an, wo nach dem Sturz der Diktatur des Generals Primo de Rivera am 18. Januar 1930 eine brisante politische Situation herrschte. „Ich lese jeden Tag mit großem Interesse die Berichte über die Lage in Spanien. Das ist ja ein Vulkan“, schrieb er noch im Frühjahr an die Familie.Christopher Maurer: Federico García Lorca. Epistolario. Band II, Alianza, Madrid 1983, S. 138.
Die Jahre des Erfolgs (1931–1935) mini|Huerta de San Vicente, García Lorcas Sommerhaus in Granada Als Lorca am 1. Juli 1930 in Granada eintraf, hatte sich die politische Lage im Land sehr verändert. Die Monarchie Alfons XIII., unter dessen Zeichen die Kindheit und Jugend des Dichters gestanden hatten, wankte. Den Kommunalwahlen am 12. April des folgenden Jahres 1931, die den republikanischen Parteien eine große Mehrheit einbrachten, folgte am 14. April die Abdankung des Königs und die Ausrufung der Republik.Atlas Histórico Mundial (II). Istmo, Madrid 1971. Von Haus aus liberal gesinnt, durch seinen Aufenthalt in der Residencia de Estudiantes für freiheitliche Ideen und soziale Gerechtigkeit eingenommen, begrüßte Lorca wie viele Spanier auch die Republik und trat für ihre demokratischen Ziele ein.
Er übernahm sogleich die Führung der von Madrider Studenten Ende 1931 gegründeten Wanderbühne La Barraca, die das Theater in die Dörfer bringen sollte. Als Regisseur, Schauspieler, Bühnenbildner, Musiker oder Bühnenarbeiter reiste er mit der Barraca durchs Land und führte auf improvisierten Bühnen einem so erstaunten wie aufmerksamen Publikum die Werke von Cervantes, Lope de Vega, Tirso de Molina und Calderón vor. Im Sommer 1932 schloss er das eigene Stück Bodas de sangre (Bluthochzeit) ab, an dem er seit dem Sommer 1931 gearbeitet hatte. Die Premiere fand am 8. März 1933 im Madrider Teatro Beatriz statt und war sowohl ein gesellschaftliches Ereignis als auch ein großer Erfolg für den Autor. Im Aufwind dieses Erfolges reiste Lorca im September 1933 nach Argentinien und Uruguay. In Buenos Aires, wo er überschwänglich empfangen wurde, traf er Victoria Ocampo, die Herausgeberin der literarischen Zeitschrift Sur, und den chilenischen Dichter Pablo Neruda, der ein guter Freund wurde. Am 25. Oktober fand in Buenos Aires die amerikanische Premiere von Bodas de sangre statt. Die Schauspielerin Lola Membrives, die in diesem Stück die Rolle der Mutter spielte, und ihr Ensemble führten anschließend La zapatera prodigiosa (am 1. Dezember 1933) und Mariana Pineda (am 12. Januar 1934) auf. Er wohnte im Hotel Castelar.