mini|Henryk M. Broder (2013) Henryk Marcin Broder (Eigenbezeichnung Henryk Modest Broder; * 20. August 1946 in Katowice, Polen) ist ein deutscher Publizist und Buchautor.

Broder schrieb nach der Schulzeit für Konkret, die Frankfurter Rundschau70 Jahre „Welt“ Broder, Aust & Co. – Generation Glück gehabt, Die Welt 2. April 2016 und die St. Pauli-Nachrichten. Interview mit Henryk M. Broder.Die „St. Pauli Nachrichten“. Die Welt, abgerufen am 10. Januar 2020 Von 1995 bis 2010 verfasste er hauptsächlich Kolumnen und Polemiken für den Spiegel und den Berliner Tagesspiegel. Seit 2011 ist er für Die Welt, Welt am Sonntag und Welt Online tätig. Seine Werke Hurra, wir kapitulieren! und Das ist ja irre! Mein deutsches Tagebuch wurden Bestseller. Broder ist Gründer, Mitbetreiber und Autor des Blogs Die Achse des Guten.

Werdegang Herkunft und Studium Henryk Broder entstammt einer jüdischen Handwerkerfamilie aus dem oberschlesischen Industriegebiet;Iris Ockenfels: Broder hört nicht auf zu staunen. In: Die Welt, 29. April 2007. seine Eltern, Kalman (Kalma) Broder und Felicja Broder, geborene Frey, waren Überlebende von Konzentrationslagern. Die Mutter war laut Broder 1945 ins KZ Auschwitz deportiert worden, entkam jedoch mit drei anderen jüdischen Frauen auf einem Todesmarsch. Der aus Galizien stammende Vater, der Russisch, Jiddisch und Deutsch sprach, war ein Überlebender des KZ Buchenwald.Henryk M. Broder: Europa ohne Weichspüler. In: Kleine Zeitung, 4. Oktober 2013.vgl. Henryk M. Broder in der Rolle des Europakritikers. RP Online, 10. Oktober 2013. In den Medien hieß es, Broders 1937 geborene ältere Schwester, Janina, sei dem Holocaust zum Opfer gefallen. Broder dementierte dies 2023 in einem Interview. Seine Schwester habe „bei einer katholischen Familie in Krakau unter der Bettdecke überlebt“.

Broder wurde 1946 in Katowice geboren. 1957 verließen seine Eltern mit ihm die Volksrepublik Polen und kamen über Wien 1958 in die Bundesrepublik Deutschland. Broder sprach anfangs kein Deutsch, er lebte in Köln, wo er im Herbst 1966 sein Abitur am mathematisch-naturwissenschaftlichen Hansagymnasium erwarb. Die Zeit an dieser Schule beschrieb er später mit den Worten:

Anschließend studierte Broder Rechtswissenschaft, Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Statistik an der Universität zu Köln, beendete das Studium jedoch ohne Abschluss.Eintrag zu Broder im Munzinger-Archiv, Anfang kostenlos einsehbar

Beginn der journalistischen Tätigkeit Am Hansagymnasium Köln hatte Broder in der Oberstufe die Schülerzeitung Hansekogge redigiert und lernte bei einem Treffen von Schülerzeitungsredakteuren Stefan Aust kennen., NDR, 13. Juni 2019 Nach dem Abitur begann er neben dem Studium für den Westdeutschen Rundfunk zu arbeiten und war u. a. Pressesprecher der Internationalen Essener Songtage 1968. 1969 gründete er mit dem Pop-Impresario Rolf-Ulrich Kaiser, dem Grafiker Reinhard Hippen und dem Schriftsteller und Journalisten Fred Viebahn, den er seit ihrer gemeinsamen Schulzeit im Kölner „Politischen Arbeitskreis Oberschulen“ kannte, die antiautoritäre radikal-liberale Zeitschrift po-po-po (Pop-Politik-Pornographie), die nach wenigen Ausgaben eingestellt wurde, 1970 gefolgt von einem weiteren kurzlebigen Journal im Zeitungsformat, bubu / eiapopeyea, für das nur noch Broder und Viebahn verantwortlich zeichneten.http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/carl_schurz_henryk_und_ich_drei_rheinlaender_in_washington_dc Gleichzeitig begann Broder in Hamburg als Autor der St. Pauli-Nachrichten zu arbeiten. Das von dem Fotografen Günter Zint 1968 begründete, wöchentlich erscheinende Erotikblatt erzielte 1970 mit einer Kombination aus Kontaktanzeigen, Erotik und linker politischer Agitation Auflagen von ca. 800.000 Exemplaren pro Ausgabe. Dabei lernte Broder unter anderem den Journalisten Günter Wallraff kennen. Broders erstes Buch, Wer hat Angst vor Pornografie, erschien 1970 beim Melzer Verlag.

Auseinandersetzung mit der deutschen Linken und Umzug nach Israel Broder war auch Mitarbeiter der Musikzeitschrift song und in den 1970er Jahren bei Pardon und Spontan, die oft explizit erotische Aufmacher mit einer linken Grundhaltung verknüpften. Im selben Zeitraum begann seine Auseinandersetzung mit antisemitischen Tendenzen in politisch links stehenden Kreisen. Von 1979 bis 1980 gab er mit dem Autor und Deutsche-Welle-Redakteur Peter Finkelgruen die Zeitschrift Freie Jüdische Stimme heraus.

1981 verlegte Broder seinen Wohnsitz nach IsraelHenryk M. Broder: „Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern“ und Warum ich gehe. In: Die Zeit, 27. Februar 1981. und arbeitete unter anderem als Autor der Jerusalem Post. Als Grund für seinen Weggang aus Deutschland nannte er im Jahr 1993 unter anderem einen Artikel der Journalistin Ingrid Strobl in Emma, in dem das Existenzrecht Israels bestritten wurde. Er habe sich mit „linken Antisemiten à la Schwarzer und Paczensky“ nicht mehr auseinandersetzen wollen. Daraufhin klagte der Journalist Gert von Paczensky vor Gericht, und Broder verpflichtete sich, die Formulierung „linker Antisemit à la Paczensky“ nicht mehr zu verwenden. Broder zufolge soll Alice Schwarzer eine Mitarbeiterin für untragbar erklärt haben, weil sie „die Geliebte eines militanten Juden“ gewesen sei.Malte Lehming: Alice Schwarzer und die Toleranz. In: Der Tagesspiegel, 23. September 2010. Eine 1984 von Wolfgang Pohrt vorgeschlagene, in Zusammenarbeit mit Eike Geisel und Christian Schultz-Gerstein zu erstellende Anthologie über das Verhältnis der deutschen Linken zum Antisemitismus kam nicht zustande. Broder nahm auch Anstoß an der von Alice Schwarzer initiierten PorNO-Kampagne, die der Presse vorwarf, Frauen sexistisch und als Objekte darzustellen. Dabei unterstellte er Schwarzer unter anderem einen autoritären Charakter.

Die Auslieferung von Broders Buch Der ewige Antisemit wurde im Zusammenhang mit Aussagen zum Skandal um das Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod von Rainer Werner Fassbinder zeitweise gestoppt, nachdem der Intendant des Frankfurter Schauspiels, Günther Rühle, gegen Antisemitismusvorwürfe Broders eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte.

Angelehnt an den Buchtitel und die Thematik entstand im Jahr 2017 die Filmdokumentation Der ewige Antisemit, die Broder mit dem Regisseur und Filmproduzenten Joachim Schroeder realisierte.

Rückkehr nach Deutschland 1993 engagierte Manfred Bissinger Broder bei der Hamburger Zeitung Die Woche.Stephan Weichert, Christian Zabel (Hrsg.): Verlag Halem (4. Mai 2007), ISBN 3-938258-29-2. Anschließend begann Broder 1995 für das Magazin Der Spiegel und Spiegel Online zu schreiben.

Er publizierte auch in den Wochenzeitungen Die Zeit, Profil und Weltwoche sowie in der Süddeutschen Zeitung. In den 1980er Jahren moderierte er mit Elke Heidenreich und anderen die SFB-Talkshow Leute im Café Kranzler in Berlin. Er ist Mitherausgeber des Jüdischen Kalenders, einer jährlich im Taschenbuchformat erscheinenden Text- und Zitatensammlung zur neueren und neuesten jüdischen Geschichte und Kultur. Seine Tätigkeit für Die Weltwoche stellte er aufgrund der prorussischen Haltung ihres Verlegers, Roger Köppel, zum russischen Überfall auf die Ukraine 2022 ein.

Broder lebt in Berlin-Charlottenburg und ist mit Hilde Recher-Broder verheiratet, einer Augsburger Verlegerin. Gemeinsam haben sie eine erwachsene Tochter.

Tätigkeiten und Themen Broder schrieb mehrere Bücher über jüdische Kultur, das deutsch-jüdische Verhältnis und Judenfeindlichkeit und Antiamerikanismus in der deutschen Gesellschaft. Er stellte die sehr gegensätzliche, oft drastisch geführte öffentliche Debatte und Auseinandersetzung in IsraelHenryk M. Broder: Die Irren von Zion. dtv, 1999, ISBN 3-423-30738-2. der – seiner Ansicht nach – polemische Töne kaum gewohnten deutschen Öffentlichkeit gegenüber.

Broder trug zusammen mit Dan Diner, Wolfgang Pohrt und Eike Geisel in den 1970er Jahren die Kritik am Antizionismus in die politische Linke,Jörg Später: »Kein Frieden um Israel«. Zur Rezeptionsgeschichte des Nahostkonfliktes durch die deutsche Linke. In: BUKO-Ratschlag Israel, Palästina und die deutsche Linke. 26.–28.03.2004. Reader. S. 23 (PDF; 412 kB) was zum Entstehen der sogenannten AntideutschenBenjamin Weinthal: . In: Haʾaretz. 8. Juli 2007.Bernard Schmid: . In: trend onlinezeitung. 09/06. beitrug. Bekannt wurde 1991 ein Interview Broders mit Hans-Christian Ströbele in Jerusalem, der im selben Jahr eine Israel-Delegation der Grünen leitete. Thesen Ströbeles zur militärischen Unterstützung Israels bzw. zu einer israelischen Verantwortung für die Angriffe Saddam Husseins riefen nach Veröffentlichung in der Jerusalem Post (in Deutschland in der Süddeutschen Zeitung und der taz) erhebliche Proteste in Israel hervor, worauf Ströbele seinen Israel-Besuch vorzeitig abbrach und sein Vorstandssprecheramt bei den Grünen verlor.

Broders Bruch mit der deutschen Linken, der öffentliche Umgang mit dem Islamismus und die deutsche Vergangenheitsbewältigung sind neben dem Nahostkonflikt und Israel Broders zentrale Themen. In Bezug auf die Bundesrepublik nannte er die Übernahme ehemaliger Nazis und NS-Mitläufer in Ämter den „schwersten Geburtsfehler der Bundesrepublik“, eine bis heute nicht abgearbeitete Hypothek.Politik der Versöhnung, Weltwoche 45.09, Seite 20 Von Anfang an unterstützte er den Irakkrieg und den Sturz Saddam Husseins.Henryk M. Broder: Die närrische Logik des „deutschen Weges“ In: Der Standard. 22. September 2002. Er wirft den Europäern vor, gegenüber Diktatur, Islamismus und Terrorismus Appeasement-Politik zu betreiben. Vorübergehend beschäftigte er sich mit der deutschen Wiedervereinigung und publizierte einige kulturpolitische Arbeiten, so beim Jüdischen Kalender oder über das Berliner Scheunenviertel. Zusammen mit Eike Geisel hatte er 1992 mit Veröffentlichungen und einem Dokumentarfilm über den Jüdischen Kulturbund auf ein bislang unbeachtetes Kapitel der Kulturpolitik in der NS-Zeit aufmerksam gemacht.

Abseits seiner üblichen thematischen Schwerpunkte verfasste Broder 2005 bei Spiegel Online ein Reisetagebuch mit Einzelbeiträgen über Kunst, Kultur, Alltagswelt und Landschaften Islands.Die Beiträge, die ursprünglich zu einem Island-Tagebuch zusammengefasst waren, wurden später in eine thematisch breitere Zusammenstellung Broders Reisen bei Spiegel Online eingereiht. Broder schätzt Island angeblich vor allem wegen der faktischen Abwesenheit von drei „Problemvölkern“: „keine Juden, keine Araber und nur ganz wenige Deutsche“.. 2. Mai 2005 (Internet Archive)

Broder betreibt zusammen mit Dirk Maxeiner und anderen das nach eigenen Angaben liberale und prowestliche, aber auch als antiislamisch wahrgenommeneJörg Lau: . In: blog.zeit.de vom 24. Januar 2012. publizistische Netzwerk Die Achse des Guten, in dessen Weblog er das Tagesgeschehen kommentiert.Sabine Pamperrien: . In: netzeitung.de. 14. März 2007.Liste der Beiträge Henryk M. Broders bei der Achse des Guten.

Am 21. Oktober 2009 teilte er seinen Entschluss zur Kandidatur für das Amt des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland mit, dessen Zustand er als „erbärmlich“ bezeichnete. Unter anderem wollte er sich dafür einsetzen, die Strafbarkeit der Holocaustleugnung abzuschaffen. Nach zehn Tagen zog er die Kandidatur zurück.

Für die 14-teilige TV-Serie Entweder Broder – Die Deutschland-Safari, die vom Hessischen, dem Bayerischen und dem Saarländischen Rundfunk für das Fernsehprogramm Das Erste produziert wurde, unternahm Broder im Herbst 2010 mit dem deutsch-ägyptischen Autor und Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad eine mehr als 30.000 km lange Autoreise durch Deutschland.