Walther Rathenau (* 29. September 1867 in Berlin; † 24. Juni 1922 ebenda) war ein deutscher Industrieller, Schriftsteller und liberaler Politiker (DDP). Während des Ersten Weltkrieges beteiligte er sich an der Organisation der Kriegswirtschaft und setzte sich für einen „Siegfrieden“ ein. Nach dem Krieg kam er schließlich zur linksliberalen DDP und wurde im Februar 1922 Reichsaußenminister. Zahlreiche publizistische Angriffe gegen ihn warfen ihm vor, dass er sich an der „Erfüllungspolitik“ beteilige: Die Zusammenarbeit mit den Siegermächten liefere Deutschland an diese aus. Rathenau wurde im Juni 1922 von Rechtsradikalen ermordet, was für die Regierung der Anlass war, ein Gesetz zum Schutz der Republik auf den Weg zu bringen. mini|Walther Rathenau

Rathenau war ein jüdischer Deutscher, der nationalistisch dachte und zahlreiche größere und kleinere Schriften zum Nationalstaat, zur gelenkten Wirtschaft, zum Krieg und zur Revolution veröffentlichte.

Leben Kindheit und Jugend mini|hochkant|Rathenau im Jahr 1891 als Vizewachtmeister im Garde-Kürassier-Regiment

Walther Rathenau wurde als ältester Sohn des Industriellen Emil Rathenau, des späteren Gründers der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG), und seiner Ehefrau Mathilde (geborene Nachmann) in Berlin geboren. Er wuchs dort zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern Erich (1871–1903) und Edith (1883–1952) auf und besuchte das Königliche Wilhelms-Gymnasium. Von 1886 bis 1889 studierte er in Straßburg und Berlin Physik, Philosophie und Chemie bis zur Promotion (Die Absorption des Lichts in Metallen). 1889/90 studierte er Maschinenbau an der Technischen Hochschule München.

Von Oktober 1890 bis zum September 1891 diente Rathenau als Einjährig-Freiwilliger beim preußischen Garde-Kürassier-Regiment. Der Wunsch, in dem exklusiven Regiment, dessen Offizierskorps fast ausnahmslos aus Aristokraten bestand, Reserveoffizier zu werden, scheiterte. Zwar wurde er, wie auch bei anderen Reserveoffizier-Anwärtern üblich, nach einigen Monaten zum Vizewachtmeister befördert, aufgrund seines Judentums jedoch nicht zur Reserveoffizier-Aspiranten-Prüfung zugelassen. Er lehnte es ab, eine Beförderung zum Offizier mit einem Übertritt zum Christentum zu erkaufen.Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880–1937. Band 7 (1919–1923), hrsg. von Roland Kamzelak, Ulrich Ott, Cotta Verlag, Stuttgart 2004, S. 60.Gerhard Hecker: Walther Rathenau und sein Verhältnis zu Militär und Krieg (= Wehrwissenschaftliche Forschungen: Abteilung Militärgeschichtliche Studien. Band 30). Militärgeschichtliches Forschungsamt, Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1983, ISBN 978-3-7646-1836-0, S. 41.

Aufgrund des herrschenden Antisemitismus wurden Juden u. a. nicht zur Offiziersprüfung zugelassen oder von den Offizieren ihres Regiments nicht kooptiert. In Preußen gelang zwischen 1885 und 1914 keinem einzigen jüdischen Anwärter der Aufstieg zum Reserveoffizier. Den meisten ungetauften Juden blieb bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs eine Karriere im höheren Staatsdienst, in der Justiz oder an den Universitäten verschlossen.Barbara Strenge: Juden im preußischen Justizdienst 1812–1918. Der Zugang zu den juristischen Berufen als Indikator der gesellschaftlichen Emanzipation (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin. Band 81; zugl. Berlin, Humboldt-Universität, Dissertation, 1993). München [u. a.] 1996, ISBN 3-598-23225-X, S. 319 f.

Damit erlitt Rathenau das gleiche Schicksal wie viele andere seiner jüdischen Zeitgenossen. Die Beförderung zum Reserveleutnant war ihnen verweigert worden, wie beispielsweise auch dem Chemiker Fritz Haber zwei Jahre zuvor, dessen spätere Arbeiten zur Salpeter- und Munitionsherstellung Rathenau noch loben sollte.Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber 1868–1934. Eine Biographie. Beck, München 1998, ISBN 3-406-43548-3, S. 45–47; Jörg Hentzschel-Fröhlings: Walther Rathenau als Politiker der Weimarer Republik (= Historische Studien. Band 490). Matthiesen, Husum 2007, ISBN 978-3-7868-1490-0, S. 40. Haber konvertierte wenig später zum Protestantismus.Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber 1868–1934. Eine Biographie. Beck, München 1998, ISBN 3-406-43548-3, S. 58.

Rückblickend schrieb Rathenau über seine Jugendzeit:

Die traumatisch erlebte Kluft zwischen Zugehörigkeit zur Elite und gleichzeitiger Diskriminierung begleitete ihn und bestimmte sein Handeln und Denken sein Leben lang.Martin Sabrow: Die verdrängte Verschwörung. Der Rathenau-Mord und die deutsche Gegenrevolution. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1999, ISBN 3-596-14302-0, S. 13 f.

Seine Biographin Shulamit Volkov schreibt:

Industrieller mini|Haus Rathenau, Wohn- und Arbeitsstätte von Walther Rathenau in Bitterfeld von 1893 bis 1907

Nach gescheiterten Versuchen, dem Berufsbereich des Vaters durch die Hinwendung zur Kunst oder einer Offiziers- und Diplomatenkarriere zu entgehen, fügte sich Rathenau und ging Anfang Januar 1892 zur Aluminium-Industrie-Aktien-Gesellschaft (AIAG) nach Neuhausen in der Schweiz, um praktische Erfahrungen auf dem Gebiet der technischen Elektrochemie zu sammeln. In seiner zweijährigen Tätigkeit als technischer Beamter entwickelte er in Neuhausen gemeinsam mit Martin Kiliani (1858–1895) ein Verfahren und eine Diaphragma-Elektrolysezelle zur Herstellung von Natronlauge und Chlor aus Kochsalz. Mit seinen damit gewonnenen Erkenntnissen und nach einer Studienreise durch das mitteldeutsche Braunkohlengebiet schlug Walther Rathenau Anfang 1893 seinem Vater vor, eine industrielle Großanlage zur Herstellung von Waschsoda in Bitterfeld zu errichten. Es sei kostengünstiger, wenig Salz zur Kohle als viel Kohle zum Salz zu transportieren. Daraufhin gründete die AEG am 28. Juni 1893 die Tochtergesellschaft „Elektrochemische Werke Berlin G.m.b.H.“ (ECW) und erwarb in der Nähe des Dorfes Greppin bei Bitterfeld ein Grundstück für den Bau einer Elektrolyse-Fabrik. Die Fabrik war das erste Industrieunternehmen, das für eine elektrochemische Produktion Braunkohle unmittelbar vor Ort nutzte. Damit wurde Walther Rathenau zum Begründer der Mitteldeutschen Chemieregion. Als alleiniger Geschäftsführer der Firma übernahm Walther Rathenau den Aufbau der Fabrik in Bitterfeld und den der 1896 gegründeten Firma „Elektrochemische Werke Rheinfelden G.m.b.H.“ in Rheinfelden. Walther Rathenau sah seine Aufgabe vor allem darin, die noch unvollkommene Elektrochemie zu einer Technik der industriellen Massenproduktion weiterzuentwickeln. Entsprechend dieser Strategie erweiterte sich das Produktionsprogramm in Bitterfeld kontinuierlich. Der Ätzkaliherstellung folgten die Chlorkalk- (1895), die Natrium- (1896), die Magnesium- (1897), die Calcium- (1898), die Oxalsäure- (1898), die Chrom- (1898), die Ferrosilicium-Produktion (1900) und die Herstellung synthetischer Edelsteine (1906). Für die Herstellung von Acetylen/Ethin als Ausgangsstoff für das Gasglühlicht wurde Calciumcarbid benötigt, das nur in geringen Mengen vorhanden war. Für die industrielle Herstellung von Calciumcarbid entwickelte Walther Rathenau einen speziellen elektrischen Schmelzofen, in dem im Lichtbogen Branntkalk (CaO) und Koks zu Calciumcarbid umgesetzt wurden. Die ECW war im Frühjahr 1895 der erste deutsche Hersteller, der mit dem sogenannten Rathenau-Ofen Calciumcarbid im großtechnischen Betrieb herstellte. Durch Lizenzvergabe des Rathenau’schen Elektrolyse-Verfahrens wurden unter Leitung von Walther Rathenau weitere Elektrolyse-Werke in Polen (Ząbkowice) und in Frankreich (Bozel) gebaut, und in Norwegen (Sarpsborg und Odda), Finnland (Imatra) und Österreich (Matrei) wurden Karbid-Fabriken nach dem Rathenau-Verfahren errichtet. Seinen Wohnsitz verlegte Walther Rathenau 1899 von Bitterfeld nach Berlin, mit der Leitung der Elektrolyse-Werke in Bitterfeld und Rheinfelden beauftragte er die beiden Direktoren Fritz Rothe (1867–1958) und Arnold Wiens (1862–1950). 1907 schied Walther Rathenau aus dem Vorstand der ECW aus.

Um 1894 wurde er Mitglied des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und des Berliner Bezirksvereins des VDI. in Verbindung mit Seit 1899 war er in leitenden Positionen für die AEG tätig, zunächst im Vorstand, 1902–1907 als Geschäftsinhaber in der nahestehenden Berliner Handels-Gesellschaft (BHG), seit 1904 vom Aufsichtsrat der AEG aus, dessen Vorsitzender er 1912 wurde. Zugleich vereinigte er seit 1904 nach und nach mehr als 80 Aufsichtsratsposten auf sich. Seine führende Stellung in der deutschen Wirtschaft wurde auch durch seine Aufnahme in die Gesellschaft der Freunde deutlich. In der kritischen Rezessionszeit der deutschen Elektroindustrie setzte er sich erfolgreich für Konkurrenzverminderung durch Kartelle, Syndikate und Fusionen ein. Die erfolgreich von ihm betriebene Kartellpolitik ließ ihn ab 1914 als den geeigneten Mann für die Organisation der deutschen Kriegsrohstoffversorgung erscheinen. Er wurde engster Berater seines Vaters, aber dessen Nachfolger wurde 1915 Felix Deutsch, während Rathenau Sondervollmachten und den Titel „Präsident der AEG“ erhielt.

mini|hochkant|Porträt Rathenaus von Hermann Burte, um 1912

Da die AEG stark an der deutschen Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg beteiligt war, war Rathenau als ihr Aufsichtsratsvorsitzender auch in die Kriegsplanungen der Reichsregierung eingebunden. Am 16. September 1916 nahm er an einer Konferenz im preußischen Kriegsministerium teil, auf der Carl Duisberg und andere führende Industrielle angesichts des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels die Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland forderten. Rathenau unterstützte ihre Forderung in einem Brief an den OHL-General Erich Ludendorff, in dem er sich für scharfe Maßnahmen gegen die belgische Zivilbevölkerung aussprach. Die Deportationen wurden dann tatsächlich durchgeführt. Der Publizist Maximilian Harden, der sich mit seinem langjährigen Freund Walther Rathenau bereits 1913 zerstritten hatte, griff diesen später aufgrund seiner Verwicklung in die Deportationen scharf an. In Belgien wurde sogar überlegt, Rathenaus Auslieferung zu verlangen.Jens Thiel „Menschenbassin Belgien“. Anwerbung, Deportation und Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Essen 2007, S. 118–122.

Schriftsteller Die ausgedehnte berufliche Tätigkeit bildete nur einen Teil von Rathenaus Aktivitäten. Während er praktisch zur Fortführung des väterlichen Großunternehmens beitrug, wollte er theoretisch als Schriftsteller die moderne Welt des Kapitalismus und Materialismus kulturkritisch durchdringen und verbessern. Hier förderte ihn Maximilian Harden, in dessen Wochenzeitschrift Die Zukunft seine ersten Aufsätze erschienen, als erster 1897 Höre, Israel!, in dem er sich als Jude („Von vornherein will ich bekennen, daß ich Jude bin“, stellt er eingangs klar) in teils polemischem Ton an nicht assimilierte Juden wandte. Er forderte die deutschen Juden auf, als ein „deutscher Stamm“ (ähnlich den Schwaben oder Sachsen) in der deutschen Nation aufzugehen.Michael Brenner: Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. Von Theodor Herzl bis heute. C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68822-5, S. 26.