mini|Bergarbeiter der SDAG Wismut, 1957 mini|hochkant=2|Standorte der Wismut mini|Wismut Königstein – Tiefbohrung einer Flutungs-Messstelle zur Kontrolle der vier Wasserhorizonte Die Wismut AG oder ab 1954 SDAG Wismut (Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut) war ein Bergbauunternehmen auf dem Territorium der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR. Zwischen 1946 und 1990 wurde auf dem Gebiet durch die Wismut die weltweit viertgrößte Menge an Uran (nach der UdSSR, den USA und Kanada) produziert. Das an Standorten in Sachsen und Thüringen geförderte und aufbereitete Uran war die Rohstoffbasis der sowjetischen Atomindustrie. Das Nachfolgeunternehmen Wismut GmbH (mit Hauptsitz in Chemnitz) ist als Bundesunternehmen mit der Sanierung und Rekultivierung der Hinterlassenschaften des Wismut-Bergbaus betraut.

Geschichte im Überblick Beginn von Erkundung und Abbau mini|Typisches kobalt- und uranführendes Erz aus dem Erzgebirge Die Geschichte des Urans ist mit keiner anderen Region der Welt so eng verknüpft wie mit dem sächsisch-böhmischen Erzgebirge. Der Bergbau im Erzgebirge setzte ab dem 12. Jahrhundert mit Silber und Zinn ein; es folgte die Gewinnung weiterer Mineralien. Vor allem in den Silber-Kobalt-Bergwerken im Westerzgebirge war schon seit dem 16. Jahrhundert ein schwarzes, schweres, nutzloses Mineral bekannt, das verschiedentlich dem Eisen oder Zink zugeordnet wurde. Es entstand der Name „Pechblende“ für dieses Mineral. Als Typlokalität für die Pechblende (bzw. Uraninit) wird Joachimsthal (Jáchymov) im böhmischen Teil des Erzgebirges angegeben.F. Veselovsky, P. Ondrus, A. Gabsová, J. Hlousek, P. Vlasimsky, I. V. Chernyshew: Who was who in Jáchymov mineralogy II. In: Journal of the Czech Geological Society. 48/3–4 2003, S. 193–205.

Der Berliner Chemiker Martin Heinrich Klaproth bearbeitete 1789 Material aus der Johanngeorgenstädter Grube Georg Wagsfort und entdeckte darin das Element Uran. Im 19. Jahrhundert wurde Uran in einigen erzgebirgischen Gruben als Nebenprodukt für die Farbenherstellung gewonnen. In Joachimsthal erreichte dies industrielle Ausmaße (bis 1898 wurden 1600 Tonnen Uranfarben u. a. für die Herstellung von Uranglas erzeugt); es war der erste Uranbergbau (Uran als Hauptprodukt) weltweit. Bis 1898 waren wissenschaftlich 21 Uranminerale bekannt, davon wurden 14 im Erzgebirge zum ersten Mal beschrieben.Franz Kirchheimer: Das Uran und seine Geschichte. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1963.

Das Erzgebirge war eine fast monopolartige Quelle für Uran in der wissenschaftlichen Forschung jener Zeit: Marie und Pierre Curie nutzten große Mengen von Aufbereitungsrückständen aus Joachimsthal für ihre Entdeckung des Poloniums und des Radiums.verschiedene Autoren: Uranbergbau im Erzgebirge und Kalter Krieg. Ausgewählte Beiträge des RADIZ-Workshops vom 10. und 11. Oktober 1997 in Schlema, RADIZ-Information 16/98, RADIZ e. V., Schlema. Dies hatte große Auswirkungen: Zum einen begann man in Joachimsthal mit der Gewinnung von Radium parallel zur Farbenproduktion; zum zweiten nutzte man stark radioaktive Wässer aus den Gruben zum Aufbau eines bis heute andauernden Kurbetriebes. Vor allem Letzteres weckte Begehrlichkeiten in Sachsen. Der Freiberger Professor Carl Schiffner betrieb zwischen 1906 und 1911 ein intensives Erkundungsprogramm auf radioaktive Quellen und Mineralvorkommen im Erzgebirge. Er fand mit der Hindenburgquelle die stärkste Quelle in Oberschlema im Marx-Semler-Stolln. In Oberschlema wurde ab 1918 ein Kurzentrum errichtet.

Die detaillierten Untersuchungen von Schiffner waren hochwertiges Ausgangsmaterial für die sowjetischen Experten in der Sowjetischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg. Einen direkten Uranbergbau gab es in Sachsen vor dem Zweiten Weltkrieg durch das in Köln ansässige Stahlwerk Mark in Johanngeorgenstadt. Ziel war die Urangewinnung zur Herstellung von Uranstahl für Rüstungszwecke. Auch im Schneeberger Revier wurde die Suche nach Uranerzen ab 1910 mit Fördermitteln bezuschusst. Der Versuch, eine Urangrube in Niederschlag zu eröffnen, blieb in den 1920er und 1930er Jahren allerdings erfolglos. Ab 1938 verlagerte sich der Uranbergbau nach dem okkupierten St. Joachimsthal.

Bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen sowjetische Experten in die SBZ, um den Stand der deutschen Atomforschung zu untersuchen. Das Auffinden von mehr als 100 t Uranoxid in Neustadt-Glewe war ein großer Sprung für das sowjetische Atombombenprojekt. Gleichzeitig begannen Untersuchungen im Erzgebirge, um natürliche Uranvorkommen zu finden. Im wieder tschechoslowakischen Joachimsthal lief die Produktion, nun für die Sowjetunion, ohne Unterbrechung weiter. Anlaufstelle in Sachsen war zuerst Freiberg mit dem Bergarchiv und der Bergakademie. Obwohl viele Uranvorkommen in Sachsen bekannt waren, gab es keine entsprechenden wirtschaftlichen Betrachtungen zur Größe der Vorkommen. Die Professoren Schumacher und Aeckerlein. In: tu-freiberg.de, abgerufen am 29. November 2010. an der Bergakademie erstellten im Auftrag der Sowjetunion eine Analyse der Uranressourcen des Erzgebirges und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis von gerade einmal achtzig bis neunzig Tonnen Uran für Johanngeorgenstadt als Ort mit dem höchsten zu erwartenden Potenzial.

Am 14. September 1945 bildete die 9. Verwaltung des Ministeriums des Innern der UdSSR die Geologische Gruppe (). Die ihr unterstellte Sächsische Erzsuchgruppe () suchte die Uranlagerstätten im Erzgebirge. Die Untersuchungsarbeiten der Sächsischen Erzsuchgruppe begannen im September 1945 und dauerten bis zum 16. März 1946. Die Untersuchung wurde anschließend durch die mit der Anordnung Nr. 720-294 des Ministerrats der UdSSR vom 4. April 1946 rückwirkend zum 1. April 1946 gebildete Sächsische Gewinnungs- und Erkundungsgruppe () weitergeführt. Bergbauanlagen wurden dazu teilweise von der 1944 gegründeten Sachsenerz Bergwerks AG übernommen. Das Abschlussgutachten vom 16. März 1946 schätzte für Johanngeorgenstadt 22,2 t und für Schneeberg 10 t Uran und empfahl die unverzügliche Aufnahme der Uranförderung in beiden Revieren. Mit dem Ministerratsbeschluss Nr. 9372 vom 29. Juli 1946 wurde die Sächsische Gewinnungs- und Erkundungsgruppe in die Sächsische Bergbauverwaltung des Ministeriums des Innern der UdSSR, den Vorläufer der späteren Generaldirektion der Wismut AG, mit der Feldpostnummer 27304 der Roten Armee umbenannt. Der Name des Minerals Wismut diente nun als Tarnbezeichnung des Unternehmens.Die Uransuche und -förderung wurde als Wismut- und Kobaltförderung getarnt Sie setzte die begonnenen Arbeiten fort und erweiterte sie auf die Standorte Annaberg und Marienberg. Während 1946 schon 15,7 t Uran gefördert wurden, stieg das Ausbringen 1947 bereits auf 145 t Uran an und die Wismut wurde zum wichtigsten Uranproduzenten im Machtbereich der UdSSR. + Uranproduktion im sowjetischen Einflussbereichzwischen 1945 und 1950 in Tonnen Jahr UdSSR SBZ/DDR ČSR Bulgarien Polen 1945 14,6 1946 50,0 18,0 18,0 26,6 1947 129,3 145,0 49,1 7,6 2,3 1948 182,5 327,0 103,2 18,2 9,3 1949 278,6 829,0 147,3 30,3 43,3 1950 416,9 1308,0 281,4 70,9 63,6 gesamt 1071,9 2627,0 599,0 153,6 118,5

Wismut AG (1947–1953) mini|Wismut-Unternehmens­sitz in Chemnitz, Jagdschänkenstraße, seit 1990 mini|Wismut-Unternehmens­sitz in Chemnitz bis 1990 (heute: Regionaldirektion Chemnitz der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See (auf gegenüberliegender Straßenseite)) Am 26. Mai 1947 wies der Chef der SMAD, Marschall Sokolowski, mit dem Befehl 0155 den Chef der SMA Sachsen (Sowjetische Militäradministration Sachsen) Generalmajor Dubrowski an, den Befehl 128 der SMAD vom 26. Mai 1947 in einen für das Land Sachsen gültigen Befehl umzusetzen. Inhalt des Befehls war die Übergabe deutscher Bergbaubetriebe in sowjetisches Eigentum und die Anrechnung auf das Reparationskonto der UdSSR. General Dubrowski kam dieser Anordnung am 30. Mai 1947 mit dem Befehl 113 der SMA nach.Rudolf Boch, Rainer Karlsch: In: Uranbergbau im Kalten Krieg. Band 2, S. 82. Die Wismut AG erhielt daraufhin die Bergbauverwaltungen Schneeberg, Johanngeorgenstadt, Annaberg-Buchholz, Marienberg, Lauter und die Erzaufbereitung in Pechtelsgrün als Grundausstattung. Die am 4. Juni in Moskau gegründete deutsche Zweiggesellschaft hatte ihren Sitz in Aue, wo sie am 2. Juli 1947 im Handelsregister eingetragen wurde. Der Eintrag lautete: (Auszug).Chronik der Wismut. CD-ROM. Wismut GmbH, 1999. Ihr erster Generaldirektor wurde Generalmajor Michail Mitrofanowitsch Malzew. Dieser hatte schon im September 1946 die Leitung der Sächsischen Bergbauverwaltung übernommen. 1948 wurde der Sitz der Gesellschaft nach Chemnitz-Siegmar in das Rathaus in der Rathausstraße 5 verlegt.Boris P. Laschkow: Auf Uransuche hinter der Elbe. Witzschdorf 2013, ISBN 978-3-937496-60-3. 1952 wurde der Firmensitz in das an der Jagdschänkenstraße 29 neuerbaute Verwaltungsgebäude verlegt. Auch die Nachfolgegesellschaften SDAG Wismut und Wismut GmbH behielten diesen Sitz bei. Die Wismut AG unterstand zuerst direkt der sowjetischen Verteidigungsindustrie, später dem sowjetischen Ministerium für mittleren Maschinenbau.

mini|links|hochkant|Werbeaufruf für die Arbeit im Uranbergbau der AG „Wismut“ (vermutlich Ende der 1940er Jahre) Auf die positiven Resultate der Erkundung im Jahr 1946 und die darauf einsetzenden Gewinnungsarbeiten folgte ein hoher Bedarf an deutschen Arbeitskräften, die – nach der zu dieser Zeit gängigen Praxis – durch Arbeitsverpflichtungen (Alliierter Kontrollratsbefehl Nr. 3 vom 17. Januar 1946) sowie intensive Werbemaßnahmen dem Bergbau zugeführt wurden. So wurden von Oktober 1946 bis Dezember 1947 43.590 Arbeitskräfte zur Arbeit für die Wismut AG gezwungen, davon 31.626 aus dem Land Sachsen. Politische oder Kriegsgefangene waren von dieser Maßnahme – anders als im frühen tschechoslowakischen Uranbergbau – nicht betroffen. Heftige Auseinandersetzungen zwischen der sächsischen Bergbauverwaltung, dem MWD, der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und der für das sowjetische Atombombenprojekt zuständigen Hauptverwaltung beim Ministerrat der UdSSR führten sehr zeitig zu Korrekturen der Zwangspraktiken, die daraufhin eingeschränkt und bald darauf ganz abgeschafft wurden. Auf der anderen Seite erfolgte Anfang der 1950er eine Verschärfung der Objektbewachung sowie der Überwachung der Belegschaft, in deren Folge hunderte Bergleute wegen kleinerer Vergehen mit drakonischen Strafen belegt wurden. Darüber hinaus wurden mindestens 70 Wismut-Mitarbeiter allein in den Jahren 1951 bis 1953 als vermeintliche Spione in die Sowjetunion verschleppt und dort hingerichtet.Pressemitteilung der TU Chemnitz, 1. September 2009.

Abgesichert von Truppen des sowjetischen MWD kam die Produktion gut voran und erreichte 1950 erstmals mehr als eintausend Tonnen Uran pro Jahr. Bis zum Ende dieses Jahres hatte die Wismut und der ihr vorangegangene Bergbau rund 2500 t Uran an die Sowjetunion geliefert, gegenüber einer sowjetischen Eigenproduktion von etwa 1000 t Uran sowie weiteren rund 850 t aus der Tschechoslowakei, Bulgarien und Polen. Etwa ab Mitte 1949 dehnte sich das Arbeitsgebiet der Wismut auch nach Thüringen aus, in dessen südlichen und östlichen Teilen Uranerze gefunden wurden. Neben den eigentlichen Bergbau- und Aufbereitungsanlagen übernahm oder gründete die Wismut auch Maschinenbau-, Instandhaltungs- und Versorgungsbetriebe. Einzelne Schächte und Betriebe wurden zu sogenannten „Objekten“ zusammengefasst, von denen 1953 im Süden der DDR 22 bestanden. Am 22. August 1953 unterzeichneten die UdSSR und die DDR ein Abkommen, in dem die beiden Regierungen die Liquidierung des deutschen Zweigs der Wismut AG und die Neugründung der „Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut“ beschlossen. Die Gesamtproduktion der Wismut AG bis zu ihrer Liquidierung am 31. Dezember 1953 lag bei rund 10.000 t Uran.

SDAG Wismut (1954–1991)